Ober-Bessingen

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Ober-Bessingen
Stadt Lich
Koordinaten: 50° 32′ 19″ N, 8° 54′ 10″ O
Höhe: 186 m ü. NHN
Fläche: 4,2 km²[1]
Einwohner: 560 (Jan. 2017)
Bevölkerungsdichte: 133 Einwohner/km²
Eingemeindung: 31. Dezember 1970
Postleitzahl: 35423
Vorwahl: 06404
Ober-Bessingen im Winter
Ober-Bessingen im Winter
Blick auf Ober-Bessingen

Ober-Bessingen ist einer von neun Stadtteilen der Stadt Lich im mittelhessischen Landkreis Gießen und ist rund 7 km östlich der Kernstadt an der Wetter gelegen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Hässels gelegene Hügelgräber legen eine Siedlung schon in der Bronzezeit nahe. Die älteste urkundliche Erwähnung Ober-Bessingens stammt aus dem Jahr 1260; in ihr gestatten die Lehnsherren Reinhard und Adelheid von Hanau den Verkauf eines Gutshofes an das Zisterzienserkloster Haina. Später ging es in den Besitz des Hauses Solms-Lich über, die Vogtei wurde zu einem gelegentlichen Spielball bei Erbauseinandersetzungen. Aus der Flurbezeichnung Schloßgärten kann das Vorhandensein einer kleinen Burg bzw. eines Schlösschens vermutet werden, es könnte sich dabei um den in Urkunden erwähnten Münzenbergischen Hof gehandelt haben.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde Ober-Bessingen mit Kontributionen und Abgaben gepresst, Vieh wurde beschlagnahmt. Weiteres Leid brachte das Pestjahr 1635. 1675 kam es zu einem verheerenden Brand, dem 63 Häuser zum Opfer fielen, darunter auch das Torhaus. Nach den Schrecken der Napoleonischen Kriege erfolgte ab 1815 eine Ablösung von den landesherrlichen Lasten. Außer der Landwirtschaft gab vielen Höfen in den Wintermonaten die Leineweberei ein zusätzliches Einkommen; bis 1877 gab es zudem im Ort eine Papiermühle, lange Zeit auch Basaltsteinbrüche.

1907 ging die Wasserleitung in Betrieb, 1921 erfolgte die Elektrifizierung, seit 1973 ist Ober-Bessingen kanalisiert. Durch einen großen Zuzug von Flüchtlingen vor allem aus dem Sudetenland erhöhte sich nach 1945 die Einwohnerzahl von Ober-Bessingen beachtlich.

Im Zuge der Gebietsreform in Hessen wurde die Gemeinde Ober-Bessingen am 31. Dezember 1970 auf freiwilliger Basis in die Stadt Lich eingegliedert.[2]

Schulgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dorfgemeinschaftshaus

Am 7. Februar 1703 gestattete Moritz von Solms dem Ort eine eigene Schule. Das bis 1971 genutzte Schulhaus stammt von 1881, es konnte mittlerweile als Dorfgemeinschaftshaus umgebaut und 1985 eingeweiht werden, da ab der Eingemeindung nach Lich auch die Beschulung der Kinder in den Licher Schulen erfolgte. Im Jahr 2002 wurde das Dorfgemeinschaftshaus um eine Bühne erweitert.

Territorialgeschichte und Verwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgende Liste zeigt die Territorien bzw. Verwaltungseinheiten denen Ober-Bessingen unterstand im Überblick:[3]

Gerichte seit 1803[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das „Hofgericht Gießen“ als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Ober-Bessingen ab 1806 das „Patrimonialgericht der Fürsten Solms-Hohensolms-Lich“ in Lich zuständig. Das Hofgericht war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Die zweite Instanz für die Patrimonialgerichte waren die standesherrlichen Justizkanzleien. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt.

Mit der Gründung des Großherzogtum Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821–1822 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Land- bzw. Stadtgerichte übergingen. Ab 1822 ließen die Fürsten Solms-Hohensolms-Lich ihre Rechte am Gericht durch das Großherzogtum Hessen in ihrem Namen ausüben. „Landgericht Lich“ war daher die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht das für Ober-Bessingen zuständig war. Auch auf sein Recht auf die zweite Instanz, die durch die Justizkanzlei in Hungen ausgeübt wurde verzichtete der Fürst 1823.[7] Erst infolge der Märzrevolution 1848 wurden mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren“ vom 15. April 1848 die standesherrlichen Sonderrechte endgültig aufgehoben.[8]

Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes mit Wirkung vom 1. Oktober 1879, infolgedessen die bisherigen großherzoglich hessischen Landgerichte durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt wurden, während die neu geschaffenen Landgerichte nun als Obergerichte fungierten, kam es zur Umbenennung in „Amtsgericht Lich“ und Zuteilung zum Bezirk des Landgerichts Gießen.[9] Am 1. Juni 1934 wurde das Amtsgericht Lich aufgelöst und Ober-Bessingen dem Amtsgericht Gießen zugeteilt.[10] In der Bundesrepublik Deutschland sind die übergeordneten Instanzen das Landgericht Gießen, das Oberlandesgericht Frankfurt am Main sowie der Bundesgerichtshof als letzte Instanz.

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belegte Einwohnerzahlen sind:[1]

  • 1830: 405 evangelische Einwohner
  • 1885: 403 Einwohner
  • 1910: 355 Einwohner
  • 1925: 385 Einwohner
  • 1933: 391 Einwohner
  • 1939: 366 Einwohner
  • 1950: 540 Einwohner
  • 1961: 459 (397 evangelische, 62 römisch-katholische) Einwohner. Erwerbspersonen: 132 Land- und Forstwirtsch., 92 Prod. Gewerbe, 12 Handel, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, 19 Dienstleistungen und Sonstiges.
  • 1970: 475 Einwohner[11]
  • 1988: 482 Einwohner[12]
  • 2010: 597 Einwohner[13]
  • 2015: 563 Einwohner[14]
  • 2017: 560 Einwohner[15]
Ober-Bessingen: Einwohnerzahlen von 1834 bis 1967
Jahr  Einwohner
1834
  
414
1840
  
430
1846
  
441
1852
  
441
1858
  
434
1864
  
426
1871
  
395
1875
  
403
1885
  
403
1895
  
387
1905
  
349
1910
  
355
1925
  
385
1939
  
366
1946
  
547
1950
  
540
1956
  
476
1961
  
459
1967
  
469
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.

Im Jahr 1961 wurden die folgenden Erwerbspersonen gezählt: 132 in Land- und Forstwirtschaft; 92 im produzierenden Gewerbe; 12 in Handel, Verkehr und Nachrichtenübermittlung; 19 im Dienstleistungsbereich oder sonstigen Gewerbe.[1]

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die „Pforte“
Evangelische Kirche

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Ober-Bessinger Pforte wurde als Torhaus errichtet und bildete ursprünglich das Ende der Hauptstraße. Nach den Aufzeichnungen des Bürgermeisters Rühl hat bereits im Jahr 1593 an gleicher Stelle eine Pforte gestanden, welche jedoch bei der Brandkatastrophe 1675 niederbrannte. Das heutige Torhaus, dessen Torweg durch die beiden Untergeschosse hindurch führt, stammt aus dem Jahr 1782. Auf dem schiefergedeckten Walmdach sitzt ein zweigeschossiges Türmchen mit einer Uhr. Bis in das Jahr 1990 hinein war das dritte Geschoss bewohnt. Über die Jahrhunderte fungierte die Pforte als Rathaus, Schule und Spritzenhaus. Seit dem 11. April 2017 wird die Pforte von Grund auf renoviert[16], die Kosten werden auf 800.000 EUR geschätzt.[17] Nach Abschluss der Renovierungen soll die Pforte sowohl als Pilgerherberge für den Lutherweg 1521 als auch für ein Rot-Kreuz-Museum genutzt werden. Für Pflege und Instandhaltung des Gebäudes wurde 2016 der Verein "Pforte 1782 Ober-Bessingen" gegründet.[18]
  • Evangelische Kirche Ober-Bessingen“: Einschiffige gotische Kirche mit drei Kreuzgewölbejochen und Chor sowie einer zu Beginn des 16. Jahrhunderts angefügten Seitenkapelle mit Kreuzrippengewölbe.

Naturdenkmäler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Eichbaum“: Am Sedanstag 1913 wurde aus Anlass der hundertjährigen Wiederkehr der Völkerschlacht bei Leipzig ein Eichbaum gepflanzt, der heute noch steht. Seit dem 75. Geburtstag der Eiche im Jahr 1988 wird alljährlich am letzten Samstag im August ein Eichbaumfest gefeiert, dessen Erlös sozialen Einrichtungen zugutekommt. Seit 1999 veranstaltet die Eichbaumgruppe außerdem einen Seniorennachmittag für alle Einwohner Ober-Bessingens ab dem 65. Lebensjahr. Mit den Einnahmen des Eichbaumfests wurde in Ober-Bessingen bisher u.a. eine Weihnachtsbeleuchtung für die Pforte und ein Taufbecken für die evangelische Kirche finanziert.

Vereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Ober-Bessingen, Landkreis Gießen. Historisches Ortslexikon für Hessen. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). (Stand: 7. Oktober 2016)
  2. Gerstenmeier, K.-H. (1977): Hessen. Gemeinden und Landkreise nach der Gebietsreform. Eine Dokumentation. Melsungen. S. 303.
  3. Verwaltungsgeschichte Land Hessen bei M. Rademacher, Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990
  4. Wilhelm von der Nahmer: Handbuch des Rheinischen Particular-Rechts: Entwickelung der Territorial- und Verfassungsverhältnisse der deutschen Staaten an beiden Ufern des Rheins : vom ersten Beginnen der französischen Revolution bis in die neueste Zeit. Band 3. Sauerländer, Frankfurt am Main 1832, S. 22 (online bei Google Books).
  5. Neuste Länder und Völkerkunde. Ein geographisches Lesebuch für alle Stände. Kur-Hessen, Hessen-Darmstadt und die freien Städte. Band 22. Weimar 1821, S. 424 (online bei Google Books).
  6. Georg W. Wagner: Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen: Provinz Oberhessen. Band 3. Carl Wilhelm Leske, Darmstadt 1830, S. 135 (online bei Google Books).
  7. Theodor Hartleben (Hrsg.): Allgemeine deutsche Justiz-, Kameral- und Polizeifama, Teil 1. Band 2. Johann Andreas Kranzbühler, 1832, S. 271 (online bei Google Books).
  8. Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt 1848, S. 237-241
  9. Verordnung zur Ausführung des Deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes und des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetze vom 14. Mai 1879 (Hess. Reg.Blatt S. 197–211)
  10. Verordnung über die Umbildung von Amtsgerichtsbezirken vom 11. April 1934 (Hess. Reg.Bl. S. 63)
  11. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 364.
  12. Heimatbuch der Stadt Lich, Stadtverwaltung Lich
  13. Stadt Lich
  14. Steckbrief Lich. Abgerufen am 5. Oktober 2017.
  15. Steckbrief Lich. Abgerufen am 5. Oktober 2017.
  16. Gießener Anzeiger Verlags GmbH & Co KG: „Wir brauchen hier kein Schloss“. (giessener-anzeiger.de [abgerufen am 4. Oktober 2017]).
  17. www.alsfelder-allgemeine.de - Ihre Zeitung für Alsfeld und Umgebung: Alsfelder Allgemeine Zeitung | Ober-Bessinger Pforte bekommt eine neue Uhr. Abgerufen am 4. Oktober 2017.
  18. Gießener Anzeiger Verlags GmbH & Co KG: Fast jeder Zehnte im Ort ist bereits Mitglied. (giessener-anzeiger.de [abgerufen am 4. Oktober 2017]).
  19. Amtsgericht Gießen VR 4836. Abgerufen am 4. Oktober 2017.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]