Objektstufe

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Als Deutung auf der Objektstufe oder kurz als objektale Deutung hat C. G. Jung ein Verfahren bezeichnet, das Phantasien oder Träume auf real existierende Personen oder Verhältnisse bezieht. Damit wollte er die von ihm selbst vertretene finale Auffassung der Symboldeutung auf der Subjektstufe der von Freud und von der Psychoanalyse vornehmlich gebrauchten kausalen Sichtweise gegenüberstellen. Diese objektale Auffassung schien ihm eher auf physiologische Sachverhalte zuzutreffen, wie etwa auf Sexualvorgänge und die damit ggf. zusammenhängenden Traumwünsche.[1]

Analytische und synthetische Sichtweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als analytische oder kausal-reduktive Deutung bezeichnet Jung eine Deutung, in der die Traumausdrücke als mit realen Objekten identisch gesetzt werden können. Ihr gegenüber steht die synthetische oder von Jung als konstruktiv bezeichnete Deutung auf der Subjektstufe, die jedes Traumstück dem Träumer nicht als reale äußere, sondern als eigene innere Wirklichkeit bzw. als subjektiven Inhalt zuschreibt.[2][3] Bei bevorzugter Akzeptanz der Deutung auf der Objektstufe wurde die Trennung von Objekt (realen Mitmenschen) und Imago noch nicht vollzogen. Jung ist der Auffassung, dass hierbei Charaktere anzutreffen sind, bei denen ein aktives Handeln dominiert, andernfalls – im Falle bevorzugter Annahme von Deutungen auf der Subjektstufe – die Neigung zum Erleiden.[2] Die reduktionistische Methode der Psychoanalyse ist ebenso wie die ontogenetische Betrachtung retrospektiv; die synthetische Methode ist prospektiv.[4]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eugen Drewermann (* 1940) hat das objektale Deutungsverfahren dem subjektalen gegenübergestellt und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass das Unbewusste vermittels des objektalen Deutungsverfahrens Freuds als Produkt der Verdrängung bzw. der Zensur des Über-Ichs erscheine, so etwa bei der Symboldeutung des Traumes. Damit beschränke sich die Symbolsprache des Unbewussten auf eine analytisch-auflösende Funktion im Gegensatz zu der selbst von Freud betonten Sichtweise, nach der die Symbolsprache ein „allgemeiner Besitz der Menschheit“ darstelle, vgl. a. Kap. Analytische und synthetische Sichtweise. Dies stehe im Gegensatz zu der reduktionistischen Sichtweise Freuds, wie sie in der objektalen Deutungsmethode zum Ausdruck komme. Zwar habe sich die objektale Deutung bei der Auflösung der neurotischen Symbolsprache (neurotische Symptome) in einer analytisch-destruktiven Hinsicht bewährt. Sie könne jedoch nicht umfassend auf Phänomene der Mythologie und der Religion angewandt werden. Die psychoanalytische Methode werde dieser Thematik nicht gerecht. Die Freudsche Religionskritik nähere sich hier der marxistischen Sichtweise als Zeichen eines entfremdeten Bewusstseins und stelle nach dieser Methodik nur wieder ein neues Symptom einer in sich widersprüchlichen Gesellschaftsstruktur dar, vgl. a. Sozialpsychologie. Aus der Sicht von C. G. Jung widersprechen sich die objektalen und subjektalen Verfahren nicht, sie ergänzen sich und geben Auskunft auf verschiedenartige Fragen.[5] Das objektale Deutungsverfahren habe sich in der ersten Lebenshälfte bewährt, das subjektale in der zweiten.[6]

Nach Jolande Jacobi (1890–1973) unterscheiden sich beide Deutungsverfahren dadurch, dass die subjektale Deutung auf eine Ganzheit der Psyche hingerichtet sei. Diesem Prinzip entspreche u. a. auch die psychologische Technik der Amplifikation bei der Traumdeutung. Die inneren Bilder bedürfen der symbolischen Deutung und Ergänzung. Dem Unbewussten komme damit nicht nur die Rolle eines Auffangsystems für die verdrängten Inhalte des Bewusstseins zu. Es stelle auch eine Instanz für schöpferische Qualitäten dar. Während das objektale Verfahren die Frage untersuche, woher die unbewussten Materialien stammen, gebe das subjektale Verfahren Hinweise auf die Zielrichtung an und vertrete damit teleologische Gesichtspunkte. Dieser subjektalen Auffassung haben sich namhafte Vertreter der Individualpsychologie angeschlossen.[4]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Carl Gustav Jung: Psychologische Typen. Gesammelte Werke. Paperback, Sonderausgabe, Band 6. Walter-Verlag, Düsseldorf 1995, ISBN 3-530-40081-5, S. 485, § 778.
  2. a b Carl Gustav Jung: Zwei Schriften über Analytische Psychologie. Gesammelte Werke. Paperback, Sonderausgabe, Band 7. Walter-Verlag, Düsseldorf 1995, ISBN 3-530-40082-3; (a) S. 92, § 130 - zu Stw. „Definition beider Methoden“; (b) S. 282 f., § 452 - zu Stw. „Charaktere der Kollektivpsyche
  3. Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Hrsg. von Wilhelm Weischedel. 1. Auflage. Suhrkamp stw, Frankfurt/M. 1995, ISBN 3-518-09327-4, Band 1; text- und seitenidentisch mit Band III der Werkausgabe; B 10 - zu Kap. Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urteile
  4. a b Jolande Jacobi: Die Psychologie von C.G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk. Mit einem Geleitwort von C.G. Jung. Fischer Taschenbuch, Frankfurt März 1987, ISBN 3-596-26365-4; (a) S. 72 - zu Stw.: „Reduktion“ und S. 42, 51 – zu Stw. „Ontogenese“; (b) S. 70 f., 103 – zu Stw. „Reduktion“.
  5. Eugen Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese 1. Die Wahrheit der Formen. Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende. dtv Sachbuch 30376, München 1993, ISBN 3-423-30376-X, © Walter-Verlag, Olten 1984, ISBN 3-530-16852-1; S. 156 ff., 200 f., 211 f., 214
  6. Eugen Drewermann: Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. dtv Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1992, ISBN 3-423-35056-3, S. 8