Ofenkaulen

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Theodor Rings Eingang zu den Ofenkaulen im Siebengebirge. Dieser Eingang Nummer 31 wird auch Kalter Heinrich genannt. In den 80er Jahren wurden die Eingänge zubetoniert und nur Einflugschlitze für Fledermäuse gelassen, die in dem Stollensystem leben.[1]

Die Ofenkaulen sind ein Stollensystem im Siebengebirge, zwei Kilometer östlich von Königswinter, das durch den Abbau von Tuffstein für den Backofenbau in Königswinter entstanden ist.[2] Der Berg Ofenkaul an der Südseite des Mirbesbachtals gegenüber dem Nonnenstromberg ist danach benannt. Das Betreten des unter Naturschutz stehenden Höhlensystems ist wegen Einsturzgefahr verboten.[2][3][4]

Entstehung und Betrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bewetterung des P. Jos. Neffgen Stollens (Aero-Stahl-Stollen) mittels eines Wind- bzw. Wetterlochs.

Die Stollen entstanden ab dem späten Mittelalter durch den Abbau von Trachyttuff, der als Backofenstein für den Bau von Backöfen verwendet wurde; daher resultiert der Name Ofenkaule bzw. Ofenkuhle. Der dort abgebaute Trachyttuff verfügte über eine ausgesprochen hohe Qualität, so dass Ofenplatten von bis zu 2 m² gewonnen werden konnten. Mit der Entwicklung des Königswinterer Ofens, der über seitliche Feuerkammern verfügte, wurde der Backbetrieb wesentlich vereinfacht. Der Backraum blieb weitestgehend von Aschen frei und es konnte nun erstmals auch Steinkohle zum Anfeuern benutzt werden, die sonst aufgrund der großen Hitze das Tuffgewölbe beschädigt hätte.

Der Höhepunkt des Abbaus wurde im 19. Jahrhundert erreicht. Vor allem die ab 1871 bestehende Eisenbahnverbindung führte zu einer großen Verbreitung der Königswinterer Öfen. Das Absatzgebiet lag neben der näheren Umgebung v. a. am Niederrhein und in Westfalen und reichte bis nach Belgien und Nordfrankreich. Ende des 19. Jahrhunderts existierten rund dreißig meist familiär strukturierte Kleinbetriebe mit jeweils 5–10 Arbeitern.[3] Im Zuge des intensiven untertägigen Abbaus wurden die Ofenkaulen auf insgesamt sieben unterschiedlichen Sohlen ausgebeutet, die teils über tiefe Schächte miteinander verbunden sind. Insgesamt lassen sich heute rund 48000 m² Abbaufläche nachweisen.[2] Die Einführung moderner Elektro- und Gasöfen, sowie die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges führten zu einem schnellen Niedergang des Gewerbes. Die Entwicklung neuer Backofensysteme wurde, im Gegensatz zum Ofenbauzentrum in Bell/Eifel, verpasst. Um das Jahr 1960 gaben die letzten beiden Betriebe ihre Arbeit auf.[3]

Nutzung im Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Ende des Zweiten Weltkrieges mussten Zwangsarbeiter im ehemaligen P. Jos. Neffgen Stollen Einspritzpumpen für den Flugzeugmotor BMW 801 herstellen.[5][2] Es handelte sich um die unterirdische Verlagerung der Firma Aero-Stahl Fluggerätebau GmbH aus Köln-Porz, die unter dem Decknamen „Schlammpeitzger“ in dem Stollen agierte. So kam dieser Stollen in späteren Jahren zu seinem Spitznamen Aero-Stahl-Stollen.[6] Die Stollen wurden ab September 1944 von der Organisation Todt ausgebaut. Dafür wurden alte Schächte verschüttet, Böden betoniert, neue Pfeiler eingezogen und neue Belüftungsschächte eingezogen.[2] Die Produktion wurde aus Köln-Porz und Andrichau (Polen) nach Königswinter verlegt. Die rund 400 Zwangsarbeiter waren meist osteuropäischer Herkunft, es waren aber auch italienische, tschechoslowakische, niederländische, russische und belgische Kriegsgefangene vertreten. Sie waren in einem Barackenlager aus 10 Gebäuden unweit des Stollens untergebracht und mussten in zwölf Stunden Schichten die Stollen ausbauen, Maschinen bedienen und den Betrieb am Laufen halten. Mit nur 350 Gramm Brot pro Tag und der Arbeit in den nass-kalten, dunklen Höhlen waren die Arbeitsbedingungen katastrophal. Am 10. März 1945 wurde das Lager aufgelöst und die Zwangsarbeiter mit unbekanntem Ziel in den Wald geschickt.[5][2]

Verschütteter Eingang zu Schacht 44, der in den Stollen von Herrn Preukschat führt.[1]

In den letzten Kriegstagen (März 1945) suchten einige hundert Bürger von Königswinter, teilweise wird auch von bis zu 2000 berichtet[2], in den Ofenkaulen einen sicheren Zufluchtsort vor Bomben und Artelleriebeschuss.[3] Manche hausten für mehrere Wochen lang in dem Stollensystem, bis die Alliierten die Ofenkaulen schließlich am 16. März 1945 erreichten.[2][7] Unter den Zufluchtsuchenden befand sich auch der spätere US-Notenbank Chef H. Robert Heller. Mit 30–40 anderen Personen harrte er für zwei Wochen in einem Stollen aus.[8]

Nach dem Krieg wurden die Produktionsstätten als Reparationsleistung zurückgebaut und manche Stollen gesprengt.[2]

Natur- und Denkmalschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ofenkaulen sind seit 1980 eingetragenes Bodendenkmal. Sie stehen außerdem als Teil des FFH-Schutzgebietes Siebengebirge unter Naturschutz und sind bereits seit 1969 massiv verschlossen.[9] Nur für Fledermäuse, die nach den FFH-Richtlinien zu den besonders geschützten Arten gehören, wurden Einflugschlitze gelassen.[2][3] Die Ofenkaulen gehören zu den wichtigsten Fledermauswinterquartieren im südlichen Nordrhein-Westfalen und nördlichen Rheinland-Pfalz.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei einem Raubüberfall am 14. Februar 1962 erschoss Dieter Freese den Filialleiter einer Sparkasse in Winningen an der Mosel. Ende Februar suchte Freese im Siebengebirge Unterschlupf, zunächst in Hövel bei Aegidienberg und später in den Königswinterer Ofenkaulen. Am 1. März versuchte ein Polizeibeamter den Flüchtigen dort zu stellen. Freese gelang es jedoch, den Polizisten zu entwaffnen, dessen Hund zu erschießen und zu fliehen.[10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • C. Boye et al.: Die Ofenkaulen im Siebengebirge als Fledermausquartier: Die aktuell vorkommenden Arten, Bestände und Gefährdungen. In: Decheniana 155. Bonn 2002.
  • J. Kling: Unterirdische Tuffsteinbrüche im Siebengebirge am Rhein. In: Studiegroep onderaardse Kalksteengroeven; Natuurhistorisch Genootschap in Limburg, Maastricht (Hrsg.): SOK-Mededelingen 33. 2000, S. 15–35.
  • J. Kling, R. Klodt, S. Scheuren, A. Schmidt, J. Sieger: Ein Zwangsarbeiterlager im Siebengebirge. In: Archäologie im Rheinland 2004. Stuttgart 2005, S. 194–195.
  • C. Meyer-Cords, R. Hutterer: Die Ofenkaulen im Siebengebirge als Fledermausquartier: Artnachweise und Forschungsaktivitäten von 1908 bis 1978. In: Decheniana 154. Bonn 2001, S. 125–143.
  • E. Scheuren: Backofenbau und „Ofenkaulen“ im Siebengebirge. In: Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises 2001. Siegburg 2000, S. 136–139.
  • Siebengebirgsmuseum der Stadt Königswinter (Hrsg.): Vor fünfzig Jahren. Kriegsende im Siebengebirge. Siegburg 1995.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ofenkaulen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Klaus Blömeke: Eingang Theodor Rings „Kalter Heinrich“. 26. Juni 2002, abgerufen am 27. Juli 2020.
  2. a b c d e f g h i j J. Kling: Die Ofenkaulen – Unterirdische Tuffsteinbrüche im Siebengebirge am Rhein. In: Studiegroep Onderaardse Kalksteengroeven, Natuurhistorisch Genootschap in Limburg (Hrsg.): SOK Mededelingen. Band 33. Limburg Juni 2000, S. 15–35 (ofenkaulen.de).
  3. a b c d e Elmar Scheuren: Backofenbau und Ofenkaulen im Siebengebirge. In: Rheinische Heimatpflege. Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz e. V., 1993, abgerufen am 27. Juli 2020.
  4. Carsten Schultz: Ofenkaulen: Tonnenschwere Platte aufgebockt. In: Rundschau Online. 18. Juni 2010, abgerufen am 27. Juli 2020.
  5. a b Fernando Ronchetti,: Vor 50 Jahren: Kriegsende im Siebengebirge. In: Vor 50 Jahren: Kriegsende im Siebengebirge. Rheinlandia Verlag, Siegburg 1995, ISBN 3-931509-00-1, S. 32–45 (klaus-bloemeke.de).
  6. Klaus Bloemeke: Eingang 38 (Aerostahl-Stollen). 28. Januar 2003, abgerufen am 27. Juli 2020.
  7. Klaus Bloemke: Die Ofenkaulen als Bunker. 28. Januar 2003, abgerufen am 27. Juli 2020.
  8. Heike Hamann: Zeitzeugenbericht: Kriegsende in Königswinter: Späterer US-Notenbank-Chef suchte Zuflucht in Ofenkaulen. In: General-Anzeiger. 2. Juli 2016, abgerufen am 28. Juli 2020.
  9. Eintrag von Christine Wohlfarth zu Steinbruch Ofenkaul in der Datenbank „KuLaDig“ des Landschaftsverbands Rheinland, abgerufen am 27. Juli 2020.
  10. Wolfgang Kaes: Dieter Freese: „Sonst niet' ich dich um!“ In: General-Anzeiger (Bonn). 6. Juni 2012, abgerufen am 27. Juli 2020.

Koordinaten: 50° 40′ 42,65″ N, 7° 13′ 12,59″ O