Offener Dialog

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Offener Dialog (englisch «Open Dialogue», OD) ist ein alternativer Behandlungsansatz in akuten psychotischen Krisen zur Behandlung von Psychosen. Die Therapeuten gehen bei diesem Ansatz davon aus, dass eine Psychose durch emotionalen bzw. psychischen Stress in besonderen Belastungssituationen hervorgerufen wird und unmittelbarer Beistand während oder kurz nach einer solchen Krise das Auftreten von psychotischen Symptomen verhindert bzw. stark abschwächt. Auf stationäre Behandlung soll weitestgehend verzichtet werden und neuroleptische Medikamente nur ausnahmsweise und in kleinen Dosen eingesetzt werden.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1968 entwickelte Yriö Alanen und sein Team an der Universitätsklinik Turku in Finnland eine intensive milieutherapeutische Behandlung. Das Team integrierte in den späten 1970er Jahren die Systemische Familientherapie in seine Behandlungen mit der individuellen psychodynamischen Psychotherapie und nannte sie Bedürfnisangepasste Therapie. Diese wurde als Modell im Finnish National Schizophrenia Project zur Verbesserung der Behandlung von schwer psychisch Erkrankten in den 1980er Jahren erprobt und ergebnisorientiert angepasst.

Aufgrund der Bedürfnisangepassten Therapie wurde anfangs der 1980er Jahre in Westlappland von Psychologen und Psychiatern um Jaakko Seikkula in der Gemeindepsychiatrie der sogenannte «Offene Dialog» als weiterführendes Modell der Intervention bei akut psychotischen Patienten entwickelt, das sich in verschiedenen Studien als erfolgreich erwies. Die Studien lieferten die Grundlage, wie auch in schwersten Krisen die psychiatrische Behandlung organisiert werden kann, indem die Ressourcen der Familien und anderer sozialer Netzwerke des Patienten aufgeboten werden. Der Offene Dialog wurde in mehreren Schritten umgesetzt: 1984 wurden anstelle der systemischen Familientherapie offene Treffen für Familienbehandlung eingeführt. 1987 wurde in der Klinik eine Krisenabteilung gegründet, um fallspezifische Teams zusammenzustellen. Ab 1990 organisierten alle psychiatrischen Ambulanzen mobile Kriseninterventionsteams.

Beim Offenen Dialog übernehmen Mobile Teams in Akutsituationen rasch die Behandlung und begleiten den Patienten bis zur Gesundung. Das Treffen findet möglichst beim Patienten zuhause statt, mit seinen Familienmitgliedern und seinem sozialen Netzwerk. Der Schwerpunkt der offenen Dialogsitzungen liegt darin, den erwachsenen Teil des Patienten zu stärken und die Situation zu beruhigen, anstatt regressives Verhalten zu begünstigen. Beim Offenen Dialog werden die Probleme als sozial bedingt angesehen, die in jedem Gespräch wieder neu erfasst werden.

Bei Beginn der offenen Behandlungstreffen werden die Familienmitglieder und anderen Teilnehmer vom Team nach den Angelegenheiten gefragt, die ihnen am wichtigsten sind. Der Ausgangspunkt für die Behandlungssitzung ist die Art und Weise, die Sprache, in der die Familie das Problem des Patienten beschreibt. Die ‚richtige‘ Diagnose entsteht erst in den gemeinsamen Sitzungen. Dieser von allen Beteiligten vorangetriebene dialogische Verstehensvorgang hin zu einem tiefen und konkreten Verständnis des Falles kann ein therapeutischer Prozess sein. Die Interventionen des Teams werden daran angepasst, wie die Familie die aktuelle Krise einschätzt und erlebt. Psychopharmaka werden möglichst gar nicht oder niedrig dosiert eingesetzt.[2] Seikkula sieht den Dialog oder Dialogismus als eine Lebensweise, die wir direkt nach der Geburt lernen:

Zuerst lernen wir zu atmen – einatmen und ausatmen – und unmittelbar danach lernen wir aktiver Teilnehmer in dialogischen Beziehungen zu werden, in denen wir auf die Äusserungen der Menschen um uns herum antworten und bei ihnen aktiv Antworten zu unseren Äusserungen anstossen.

Braten, 2007; Trevarthen, 2007

In der Nachuntersuchung nach fünf Jahren (Seikkula et al. 2006) wurde die Effektivität des Offenen Dialogs bei erstmaligen Psychosepatienten evaluiert: Nur nur 29 Prozent der OD-Patienten hatten einen oder mehrere Rückfälle, 82 Prozent hatten keine psychotischen Symptome mehr und der Beschäftigungsstatus (Studium, Arbeit, aktive Jobsuche) lag bei 86 Prozent.[3] Seit zirka 2008 ist der Ansatz des Offenen Dialogs zu einem Modell in vielen Ländern der Welt geworden.[4][5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jaakko Seikkula, Birgitta Alakare: "Offene Dialoge", in: Peter Lehmann,Peter Stastny (Hrsg.): "Statt Psychiatrie 2". Antipsychiatrieverlag, Berlin/Shrewsbury/Eugene (Oregon) 2007, S. 234–249. ISBN 978-3-925931-38-3 (E-Book 2018)
  • Jaakko Seikkula, Birgitta Alakare: "Open Dialogues", in: Peter Stastny, Peter Lehmann (Hrsg.): "Alternatives beyond psychiatry". Peter Lehmann Publishing, Berlin/Shrewsbury/Eugene (Oregon) 2007, pp. 223–239. ISBN 978-0-9545428-1-8 (U.K.), ISBN 978-0-9788399-1-8 (USA). E-Book 2018
  • Jaakko Seikkula, Birgitta Alakare, Jukka Aaltonen: "Offener Dialog in der Psychosebehandlung – Prinzipien und Forschungsergebnisse des West-Lapplandprojekts", in: Volkmar Aderhold, Yrjö Alanen, Gernot Hess, Petra Hohn (Hrsg.): "Psychotherapie der Psychosen – Integrative Behandlungsansätze aus Skandinavien". Psychosozial Verlag, Giessen 2003, S. 89–102. ISBN 978-3-89806-232-9

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Film von Daniel Mackler, 2011: "Offener Dialog" (mit deutschen Untertiteln)
  2. Jaakko Seikkula, Universität Jyväskylä Finnland: Dialogisch werden: Psychotherapie oder eine Lebensweise? In: The Australian and New Zealand Journal of Family Therapy, Volume 32, Number 3, 2011, pp. 179–193.
  3. Antipsychiatrie Verlag, Berlin 2007: Jaakko Seikkula, Birgitta Alakare: "Offene Dialoge" (Leserprobe)
  4. Sozialpsychiatrisches Kolloquium vom 24. Mai 2018 im Inselspital Bern
  5. Deutsches Ärzteblatt vom 21. Oktober 2015: Schizophrenie: Offener Dialog «navigiert» Patienten besser durch die Ersttherapie