Ohrmuschel

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Menschliches Ohr

Die Ohrmuschel (Auricula auris) ist ein Teil des Außenohrs bei Säugetieren. Während sie beim Menschen ein nahezu funktionsloses Überbleibsel ist[1], kann sie bei den meisten Säugetieren aktiv bewegt und zur Schallortung eingesetzt werden. Die Ohrmuschel ist von einem elastischen Knorpel gestützt und von äußerer Haut überzogen. Der äußere Rand wird von der Ohrleiste (Helix) gebildet. Die Ohrhöhlung (Concha auriculae und Cavum conchae) bildet den Zugang zum äußeren Gehörgang. Beim Menschen hat die Ohrmuschel ein Anhängsel, das Ohrläppchen (lat. Lobulus auriculae). Die Ohrmuschel dient vor allem zur Schallortung.

Anatomie der Ohrmuschel des Menschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ohrmuscheln des Menschen sind individuell geformt. Die Ohrmuschelform wird vererbt und kann für Vaterschaftsnachweise herangezogen werden.[1] Die Beweglichkeit der Ohrmuscheln wird durch die Ohrmuskulatur vermittelt, lässt aber beim Menschen allenfalls ein Wackeln zu und ist ohne funktionelle Bedeutung. Die Ohrmuschel besteht aus elastischem Knorpel, Knorpelhaut (Perichondrium) und Haut. Die Ohrmuschel ist durch Bindegewebe am Periost des Schläfenbeins und seinem Warzenfortsatz (Processus mastoideus) befestigt. Es ist teilweise bandartig verstärkt (Ligamentum auriculae anterius, posterius und superius). Die Blutversorgung erfolgt durch die Arteriae auriculares anteriores und den Ramus auricularis der Arteria auricularis posterior. Der Blutabfluss wird durch die gleichnamigen Venen und die Venae temporales superficiales realisiert. Der Lymphabfluss erfolgt über die Lnn. retroauriculares und die Lnn. parotidei.[2]

Die einzelnen Bestandteile der Ohrmuschel

Die Ohrmuschel weist auf der Vorder- und Rückseite mehrere Erhebungen und Vertiefungen auf. Einer Erhebung auf der einen Seite entspricht eine entsprechende Vertiefung auf der anderen Seite. Der äußere Rand wird als Ohrleiste (Helix) bezeichnet. Sie weist manchmal eine Verdickung auf, die als Darwin-Ohrhöcker bezeichnet wird. Ihr gegenüber liegt die wulstige Gegenleiste (Anthelix), die sich im oberen Drittel des Ohres in einen oberen und unteren Schenkel (Crus superius anthelicis und Crus inferius anthelicis) verzweigt. Die beiden Schenkel umgrenzen eine dreieckige Vertiefung (Fossa triangularis). Zwischen Helix und Anthelix liegt eine als Scapha bezeichnete Rinne. Die Ohrhöhlung (Concha auriculae) der Vorderseite führt über den Gehörgangseingangstrichter (Cavum conchae) zum äußeren Gehörgang. Der den Eingang zum Gehörgang überlappende Höcker wird als „Ziegenbock“ (Tragus) bezeichnet. Das Ohrläppchen (lat. Lobulus auriculae) ist der weiche Teil der unteren Ohrmuschel, der nicht vom Ohrknorpel gestützt wird.[1]

Die wichtigste Vertiefung auf der Ohrmuschelrückseite ist der von oben nach unten und über fast die gesamte Länge des Ohres verlaufende retroauriculäre Sulcus (Fossa anthelicis). Diese Vertiefung entspricht der Rückseite der Anhelix und kann manchmal recht ausgeprägt sein.

Der Schall wird an den Reliefkanten der Ohrmuschel gebrochen und dadurch – abhängig von seinen Frequenzanteilen – verschieden gedämpft. Die Ohrmuschel bewirkt, dass der Schall, der von hinten kommt, etwas gedämmt wird. Dadurch kann das Gehirn Informationen über die räumliche Herkunft einer Schallquelle gewinnen, insbesondere ob ein Geräusch von vorne oder hinten kommt. Die Form, Größe und Stellung der Ohrmuscheln sind auch für den optischen Gesamteindruck des Gesichtes von Bedeutung.

Vergleichende Anatomie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ohrmuschel einer Katze mit dem Tragus und Antitragus (Tasche zum Richtungshören)

Die Ohrmuschel ist bei den Säugetieren vielgestaltig. Sie ist durch die Ohrmuskulatur beweglich, so dass sie zur Schallortung ohne Kopfbewegung eingesetzt werden kann. Darüber hinaus spielen Bewegungen der Ohrmuschel auch eine Rolle bei der sozialen Kommunikation („Ohrspiel“). Die Haut ist gut durchblutet und trägt bei Tieren warmer Klimate auch zur Wärmeabgabe bei. Daher ist bei diesen Tieren die Ohrmuschel häufig relativ groß, während sie bei Tieren der kälteren Klimazonen sehr klein ist. Der elastische Ohrknorpel (Cartilago auriculae) bestimmt Form und Steifheit der Ohrmuschel.[3]

Die konkave Seite der Ohrmuschel wird als Tütenhöhle (Scapha), die Außenseite als Ohrrücken (Dorsum auriculae) bezeichnet. Der freie Rand wird Helix genannt. Die Tütenhöhle führt in den Ohrmuscheltrichter (Cavum conchae) und dieser wiederum in den vertikalen Teil des äußeren Gehörgangs. In Übertragung der Bezeichnungen aus der Anatomie des menschlichen Ohrs wird der nach vorn und innen gelegene Rand des Eingangs des Cavum conchae als Tragus bezeichnet, die gegenüberliegenden Wulste vorn-seitlich als Antitragus.[3]

Entwicklungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ohrmuschel entwickelt sich aus dem Gewebe um die erste Kiemenfurche. Dabei bilden die ersten drei mesenchymalen Höcker des ersten Kiemenbogens und der vierte bis sechste mesenchymale Höcker des zweiten Kiemenbogens die eigentliche Ohrmuschel, während Concha und äußerer Gehörgang aus der ersten Kiemenfurche entstehen. Um die siebte Schwangerschaftswoche bildet sich ein Großteil des Mesenchyms des ersten Kiemenbogens wieder zurück, so dass etwa 85 % der endgültigen Ohrmuschel aus dem zweiten Kiemenbogen stammt.[4]

Krankheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt zahlreiche Missbildungen der Ohrmuschel, die bis zum völligen Fehlen derselben (Anotie) reichen. Bei Missbildungen vom Grad I sind alle grundlegenden Strukturen vorhanden. Ist die Antelix zu schwach oder gar nicht ausgebildet, bedingt dies ein Abstehen der Ohrmuschel (Apostasis otum). Darüber hinaus gehören Ohrvergrößerungen (Makrotie) und Tassendeformitäten in diese Gruppe. Missbildungen vom Grad II umfassen Tassenohren und Miniohren. Hier ist der operative Aufwand zur Korrektur bereits höher, weil zusätzliches Knorpel- und Hautgewebe zur korrektur benötigt wird. Bei Missbildungen vom Grad III fehlen die Struktuen der normalen Ohrmuschel vollständig. Sie sind häufig auch mit Fehlbildungen des äußeren Gehörgangs oder des Mittelohrs vergesellschaftet.[5]

Beim Othämatom kommt es zu einer Blutung zwischen Ohrknorpel und äußerer Haut.[6]

Ohrmuscheln und Kunstkopf-Stereophonie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Kunstkopfaufnahmetechnik (binaurale Tonaufnahme) werden in einen nachgebildeten Kopf mit Ohrmuscheln an die Stelle des Gehörgangs (nicht des Trommelfells) Mikrofone eingebaut, um so dem Hörer ein möglichst originalgetreues Klangerlebnis über Kopfhörer zu bescheren. Bei größeren Unterschieden zwischen den Ohrmuscheln des Kunstkopfes und den eigenen Ohrmuscheln gibt es Probleme in der Richtungslokalisation der Kunstkopfdarbietung. Besonders die Vorne-Richtungen erscheinen schräg nach oben bis zu 30° angehoben (Elevation) oder sind allein hinten zu lokalisieren. Beim Hören mit Kopfhörern sind die eigenen Ohrmuscheln „abgeschaltet“.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c  Herbert Lippert: Anatomie am Lebenden. Springer, Berlin 2013, ISBN 9783662006610, S. 230.
  2.  Walther Graumann, Dieter Sasse: CompactLehrbuch Anatomie. 4, Schattauer, 2005, ISBN 9783794520640, S. 98.
  3. a b  Uwe Gille: Ohr, Auris. In: Franz-Viktor Salomon (Hrsg.): Anatomie für die Tiermedizin. 2. Auflage. Enke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8304-1075-1, S. 612–621.
  4.  Hilko Weerda: Chirurgie der Ohrmuschel: Verletzungen, Defekte, Anomalien. Thieme, Stuttgart 2004, ISBN 9783131301819, S. 105.
  5.  Hans-Peter Zenner: Praktische Therapie von HNO-Krankheiten: Operationsprinzipien, konservative Therapie, Chemo- und Radiochemotherapie, Arzneimitteltherapie, physikalische Therapie, Rehabilitation, psychosoziale Nachsorge. Schattauer, 2008, ISBN 9783794522644, S. 83–84.
  6. H. Weerda: Oto-Rhino-Laryngologie in Klinik und Praxis. Band 1, Thieme 1994, S. 511–512.