Ohrwurm

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Dieser Artikel behandelt das Phänomen eines besonders eingängigen Musikstücks. Zu anderen Bedeutungen siehe Ohrwurm (Begriffsklärung).

Ohrwurm ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein eingängiges und merkfähiges Musikstück, das dem Hörer für einen längeren Zeitraum in Erinnerung bleibt und einen hohen akustischen Wiedererkennungs- und Reproduktionswert besitzt. Der Duden definiert Ohrwurm als „Lied, Schlager, Hit, der sehr eingängig, einprägsam ist“, abgeleitet von den gleichnamigen Insekten, die nach volkstümlicher Vorstellung „gern in Ohren“ kriechen.[1]

Der Begriff soll bildlich ausdrücken, dass die Musik wie ein Wurm in den Gehörgang hineinkriecht und dort bleibt. Dieser Begriff wurde als Lehnwort earworm ins Englische übernommen. Weitere im Englischen gebräuchliche Begriffe sind sticky music (‚klebrige Musik‘) oder head music (‚Kopfmusik‘).[2]

Voraussetzungen[Bearbeiten]

Nicht nur Popmusik, sondern stilübergreifend auch Teile aus Opern- und Operettenstücken oder klassischer Musik können sich zum Ohrwurm entwickeln. Der Musikwissenschaftler und Musikpädagoge Hermann Rauhe sieht ein Motiv aus nur drei Tönen, das sich durch ständige Wiederholungen einprägt, als wesentliche Grundlage für die Entwicklung zum Ohrwurm.[3]

Das Prinzip der Wiederholung dürfe dann allerdings nicht überstrapaziert werden, weil dies kurzlebige Schnulzen zur Folge habe. Ein Evergreen, der Jahrzehnte überdauert hat, beinhalte nach zwei- oder dreimaliger Wiederholung dieses Motivs eine Überraschung. Diese könne aus einem besonders erregenden Tonsprung bestehen wie etwa der Sextsprung bei Tea for Two oder Strangers in the Night. In der Dosierung von Vertrautheits- und Überraschungseffekt liege Rauhe zufolge das Erfolgsgeheimnis. Wesentlich sei auch die Ausstrahlungskraft des Interpreten bei der Entwicklung zum Evergreen. Von ganz besonderer Bedeutung für den Ohrwurm sind die Hookline und das Riff. Die Hookline ist eine griffige und eingängige Text- und/oder Musikpassage innerhalb eines Musikstückes, die dessen Wiedererkennungswert enorm steigert und dessen Reproduzierbarkeit aus der Erinnerung ermöglicht. Das Riff, oft im Intro begonnen und während des Stücks häufig wiederholt, ist eine prägnante instrumentale Klangfigur, deren markante Tonfolge ebenfalls für einen hohen Wiedererkennungswert sorgt.

Markante Passagen[Bearbeiten]

Musikwissenschaftler Jan Hemming ist der Auffassung, dass ein Ohrwurm unbewusst und unwillkürlich aus der Erinnerung hervortrete, jedoch insbesondere subjektiver Natur sei und häufig von Hörer zu Hörer differiere.[4] Ohrwürmer seien eine emotionale Angelegenheit und würden vor allem bei Musikstücken auftreten, denen man entweder sehr positiv oder sehr negativ gegenüberstehe. Nicht ganze Titel würden zu Ohrwürmern, vielmehr bohrten sich markante Passagen ins Unbewusste, die die Aufmerksamkeitsschwelle und das Kurzzeitgedächtnis des Hörers keinesfalls überforderten. Wichtig sei auch die emotionale Einstellung: herrscht beim Hören eine starke Gefühlsregung vor, so grabe sich die Musik stärker ins Gedächtnis ein.[5]

Sofern ein Zuhörer mit einem bestimmten Titel gut vertraut ist, erhöht dies die Chancen des Musikstücks, zum Ohrwurm zu werden. In einer Versuchsreihe am Kasseler Institut für Musik zeigte sich, dass 60,5 % der Stücke, die sich bei den Probanden zum Ohrwurm entwickelten, den Betroffenen bereits bekannt waren. 24,4 % der Stücke, die sich zur musikalischen „Endlosschleife“ entwickelten, waren für die Probanden dagegen neu. Eine wichtige Rolle spiele offenbar der Text. So waren bei der Kasseler Testreihe drei der fünf eingängigsten Titel Lieder mit deutschen Texten, während reine Instrumentalstücke nur selten Ohrwurmstatus erreichten.[6]

James Kellaris, Professor an der University of Cincinnati, wies in seinen Studien nach, dass Menschen unterschiedliche Anfälligkeiten für das Ohrwurmphänomen besitzen, dass aber nahezu jeder einmal im Laufe der Zeit mit einem Ohrwurm zu tun hatte. Auch seien Frauen und Musiker eher dafür anfällig als andere Personen.[7]

Rezeption in der Popmusik[Bearbeiten]

Das Lied Ohrwurm von den Wise Guys (Weil ich in deinen Ohren steck, und ich geh hier nie mehr weg!, Ich bin zwar nicht grad virtuos, doch du wirst mich nie mehr los!, Ich bin ziemlich penetrant, sonst wär ich nicht so bekannt!; Juni 2004)[8] und The Chicken Song von Spitting Image (mit der Textzeile And though you hate this song, you’ll be humming it for weeks, April 1986; deutsch: Und obwohl du dieses Lied hasst, wirst du es wochenlang summen.),[9] beschreiben anschaulich das Phänomen des Ohrwurms, dessen Melodie so eingängig ist, dass man sie nicht mehr los wird, auch wenn sie nicht dem eigenen Geschmack entspricht.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ohrwurm, duden.de, abgerufen am 4. Januar 2012
  2. Wie werde ich bloß den Ohrwurm los?, Frankfurter Rundschau vom 13, Dezember 2011
  3. SPIEGEL SPECIAL 12/1995 vom 1. Dezember 1995, Anatomie des Ohrwurms, S. 21
  4. Thüringer Zeitung vom 18. Februar 2011, Lenas Song: Musikprofessor untersucht „Ohrwurm“-Phänomen
  5. Virtuos - Das Magazin der GEMA, April 2012, S. 52
  6. Scinexx Das Wissensmagazin vom 28. Mai 2010, Was macht einen Song zum Ohrwurm?
  7. BBC: Kellaris über den Ohrwurm
  8. Wiseguys, Songtexte
  9. Liedtext von The Chicken Song

Literatur[Bearbeiten]

  • Engmann, Birk; Reuter, Mike: Melodiewahrnehmung ohne äußeren Reiz. Halluzination oder Epilepsie? Nervenheilkunde 2009 28 4: 217-221. ISSN 0722-1541
  • Sacks, Oliver: Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn. Rowohlt. Reinbek. 2008.
  • Manfred Spitzer: Musik im Kopf: Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk, Schattauer, 2002. ISBN 3-7945-2427-6
  • Hemming, Jan: Zur Phänomenologie des 'Ohrwurms'. In: Wolfgang Auhagen, Bullerjahn, Claudia & Höge, Holger (Hrsg.): Musikpsychologie - Musikalisches Gedächtnis und musikalisches Lernen (S. 184-207). Göttingen 2009: Hogrefe (= Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie; 20).

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Ohrwurm – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen