Olga Benario-Prestes

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Olga Benario-Prestes (1928)
Olga Benario-Prestes (letzte Reihe) mit einer Gruppe des KJVD (1926/27), Aufnahme aus dem Bundesarchiv
Olga Benario-Prestes während ihrer Verhaftung in Brasilien (1936)
Brief an Luis Carlos Prestes vom 15. September 1938, aus dem Zentralen Parteiarchiv des Instituts für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED
Stolperstein, Innstraße 24, in Berlin-Neukölln
Olga Benario-Prestes auf einer Briefmarke der DDR (1959)

Olga Benario (* 12. Februar 1908 in München; † 23. April 1942 in der „Euthanasie“-Anstalt in Bernburg) war eine deutsche Kommunistin. Benario-Prestes hat sich als Namensform durchgesetzt, jedoch ohne auf den ersten Blick eine rechtliche Grundlage zu haben. Diese ergibt sich aus der Tatsache, dass sie in Moskau den Brasilianer Luís Carlos Prestes geheiratet hatte (siehe: Morais, 1989) und nach damaligem brasilianischen Recht eine Frau nach ihrer Heirat den Familiennamen ihrer Mutter aufgab, den Familiennamen ihres Vaters an dessen Stelle setzte und den väterlichen Familiennamen ihres Ehemannes daranhängte, allerdings ohne Bindestrich. So wäre ihr Ledigenname nach brasilianischem Recht Olga Gutmann Benário gewesen, er wurde durch ihre Moskauer Eheschließung zu Olga Benário Prestes. Lediglich der Bindestrich ist deutsche Hinzufügung.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weimarer Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Olga Benario war jüngstes Kind einer jüdisch-sozialdemokratischen Anwaltsfamilie. Ihr Bruder Otto Benario war sieben Jahre älter. Ihr Vater Leo Benario war renommierter Anwalt mit Kanzlei in München, der auch Mittellose in Rechtsstreitigkeiten unterstützte. Die Mutter Eugenie Benario, eine geborene Guttmann, stammte aus der wohlhabenden jüdischen Gesellschaft.

Da Olga Benario politisch und gesellschaftlich sehr interessiert war, gab der Vater ihr Anwaltsakten über verurteilte Linke zu lesen. Damit wurde der Grundstein für ihre politische Weltanschauung gelegt. 1925 folgte sie ihrem späteren Lebensgefährten Otto Braun von München nach Berlin, wo sie für den KJVD in Berlin-Neukölln und für die KPD arbeitete. Sie war Stenotypistin in der sowjetischen Handelsmission. Als sie und Braun wegen Hochverrats verhaftet wurden, erwirkte ihr Vater die Freilassung seiner Tochter.

Braun wurde von Oberreichsanwalt Paul Vogt des Hochverrats und der Spionage angeklagt und inhaftiert. Nach KPD-Angaben führte Olga Benario seine, vom KPD-Nachrichtendienst organisierte, bewaffnete Befreiungsaktion an. Am 11. April 1928 um 8:50 Uhr wurde Braun aus dem Kriminalgericht Moabit von sieben KJVD-Genossen aus Berlin-Neukölln befreit. Benario wurde mit Hilfe des geheimen Apparats der KPD in die Tschechoslowakei geschleust. Von dort gelangte sie, mit Otto Braun, nach Moskau.

Sowjetunion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Moskau erhielt Benario eine militärische Ausbildung. Sie lernte Waffenkunde und Reiten, später auch Fallschirmspringen und Fliegen. 1931 trennte sie sich von Otto Braun und reiste zu einer Mission als „Eva Krüger“ nach Paris. Verhaftet und wieder freigelassen, ging sie über Belgien nach England, wo man sie erneut verhaftete. Der MI5 übermittelte ihre Fingerabdrücke an die Münchener Polizei, die durch Abgleich ihre Identität feststellte.

Brasilien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende 1934 wurde Olga Benario in Moskau mit dem brasilianischen Hauptmann Luiz Carlos Prestes bekannt. Er hatte Mitte der 1920er Jahre als Anführer einen zweijährigen Protestmarsch einer Militäreinheit gegen die brasilianische Oligarchie und die damalige Regierung Bernardes geleitet und war dadurch weit über Brasilien hinaus als "Ritter der Hoffnung" (o cavaleiro da esperança) bekannt geworden. Seit Anfang der 1930er Jahre lebte er im Exil in Moskau. Im Auftrag der Komintern wurde Benario als Prestes' Leibwächterin zusammen mit ihm nach Brasilien gesandt, wo Prestes die Leitung eines sich vorbereitenden Aufstandes der Aliança Nacional Libertadora (ANL) gegen die autokratische Regierung von Getúlio Vargas übernehmen sollte. Auf der Reise tarnten sie sich als „portugiesisches Ehepaar in den Flitterwochen“. In der Folge wurde aus der Beziehung eine tiefe Liebe.[1] In Rio de Janeiro traf sie Elise "Sabo" Saborowski und deren Ehemann Arthur Ewert, einen ehemaligen Reichstagsabgeordneten, sowie weitere aus der Sowjetunion angereiste Berufsrevolutionäre.

Der Aufstand vom 27. November 1935 schlug fehl, da die Unterstützung der Bevölkerung überschätzt wurde und die Regierungstruppen, offenbar durch Verrat, informiert waren. Benario und Prestes tauchten unter und eine Verfolgungswelle gegen Linke setzte ein; es gab zahlreiche Tote, Tausende kamen in Gefängnisse. Elza Fernandes (1915–1936), die Ehefrau des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Brasiliens, Antonio Maciel Bonfim, wurde als Verräterin verdächtigt, da sie mehrmals verhaftet und wieder freigelassen und dann immer jemand festgenommen worden war. Die Kommunisten beschlossen mit Einwilligung von Prestes, die „Verräterin“ zu beseitigen, und ermordeten sie durch Strangulation.

Nach dem Ehepaar Ewert wurden im Frühjahr 1936 auch Prestes und Benario verhaftet. Im Herbst wurde die schwangere Olga Benario zusammen mit der deutschen Mitverschwörerin Sabo Saborowski auf Anweisung von Vargas nach Deutschland ausgeliefert - was das für die Jüdin und Kommunistin bedeutete, wird klar gewesen sein. Die beiden Frauen wurden von Filinto Müller, Polizeichef von Rio de Janeiro, am 21. September 1936 zur Auslieferung auf das deutsche Schiff La Coruña gebracht. Das widersprach brasilianischem Gesetz, wonach eine Frau, die ein Kind von einem Brasilianer erwartete, nicht ausgewiesen werden durfte.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgeliefert und eingesperrt, brachte sie am 27. November 1936 ihre Tochter Anita Leocádia Prestes im Frauengefängnis Barnimstraße in Berlin zur Welt. Bis zum Januar 1938 blieb das Kind bei der Mutter. Da Luís Carlos Prestes die Vaterschaft erklärte, übergab die Gestapo ihre Tochter im Jahr 1938 der Großmutter Leocadia Prestes.

Olga Benario wurde im Februar 1938 in das KZ Lichtenburg gebracht, wo sie Elisabeth Saborowski-Ewert wiedersah. 1939 wurde sie in das KZ Ravensbrück verlegt und dort von der Häftlingslagerleitung zur Blockältesten im Judenblock bestimmt.[2] Prestes’ Mutter erwirkte Papiere zur Ausreise Benarios nach Mexiko, die aber wegen des Kriegsbeginns von London aus nicht mehr zugestellt werden konnten und zurückgesandt wurden.

Benario wurde 1942 zusammen mit anderen jüdischen Häftlingen des KZ Ravensbrück im Rahmen der „Aktion 14f13“ in der Tötungsanstalt Bernburg vergast. Ihre Mutter starb 1943 im KZ Theresienstadt.[3] Die Gestapo fälschte den Totenschein und behauptete, dass sie an einer Herzinsuffizienz bei Darmverschlingung und Peritonitis verstorben sei.[4][5] Ihr Bruder Otto Benario wurde am 28. September 1944 im KZ Auschwitz ermordet.[6]

Weiteres[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gestapo war durch übereinstimmende detaillierte Berichte, die bis 1933 zurückreichen, von mehreren V-Leuten kommunistischer Herkunft über Arbeit und Aufenthalte von Olga Benario und über ihre persönlichen und Partei-Beziehungen zu verschiedenen Funktionären informiert.

Ob Olga Benario, wie sie gegenüber der Gestapo stets behauptete, mit Luis Carlos Prestes verheiratet gewesen war, erscheint zweifelhaft. Laut den 2016 in einer literarischen Bearbeitung durch Robert Cohen veröffentlichten Gestapodokumenten aus Moskauer Archiven[7] konnten weder Benario noch Prestes oder irgendwelche offiziellen Stellen in Moskau, Paris oder Brasilien die entsprechenden Dokumente beibringen. Die Ehe wurde wohl lediglich behauptet, um eine Abschiebung aus Brasilien zu verhindern und später zu ermöglichen, dass zumindest die Tochter Anita an die Mutter von Prestes übergeben werden konnte.

Die Tochter Anita Prestes, eine Historikerin, lebt in Brasilien.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der DDR wurden Schulen, Kindergärten und Straßen nach Olga Benario benannt. Zusammen mit Hilde Coppi und Liselotte Herrmann war sie Symbol für von den Nazis ermordete Mütter, die ihre Kinder im Frauengefängnis Barnimstraße zur Welt gebracht hatten.

An Olga Benario erinnern die Galerie Olga Benario[8] und ein Stolperstein vor ihrem Wohnhaus Innstr. 24 / Ecke Donaustraße in Berlin-Neukölln, der Jugendfilmclub Olga Benario in Frankfurt (Oder), eine Jugendherberge in Gräfenroda (Thüringen), eine Senioreneinrichtung in Schwedt, eine Kita in Sellin auf Rügen sowie Straßen unter anderem in Berlin-Prenzlauer Berg, Jena und Bernburg (Saale).

Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aus dem Jahr 2004 stammt der Dokumentarfilm Olga Benario – Ein Leben für die Revolution von Galip İyitanır, Benario wurde in den Spielszenen dabei von Margrit Sartorius dargestellt.
  • Ebenfalls 2004 kam der Spielfilm Olga nach der Biographie von Fernando Morais in die Kinos. Regie führte Jayme Monjardim, in der Titelrolle war Camila Morgado zu sehen.[9] Ein großer Publikumserfolg in Brasilien, wurde der Film von der Kritik als zu kitschig und zu sehr auf die Liebesgeschichte reduziert verrissen. Ab dem 31. August 2006 lief der Film in stark gekürzter Form auch in deutschen Kinos.
  • Weiterhin gibt es ein Tanzstück über sie von Catharina Gadelhas, das den Titel Olga trägt.[10]
  • Am 14. Oktober 2006 wurde die Oper Olga des brasilianischen Komponisten Jorge Antunes mit Libretto auf Portugiesisch von Gerson Valle am Theatro Municipal in São Paulo uraufgeführt. Die ursprüngliche Oper war schon seit 1997 fertig, allerdings fand sich aus politischen Gründen kein Theater bereit, sie aufzuführen.
  • Eine Dramatisierung für das Sprechtheater von Damaris Nübel unter dem Titel Auf Olga Benario! wurde am 13. November 2008 in der Münchener Schauburg uraufgeführt. Das Stück rekonstruiert Benarios Leben aus der Sicht ihrer Tochter Anita, deren Vater Luís Carlos Prestes und dessen Mutter.
  • Im Roman Exil der frechen Frauen von Robert Cohen (s. Literatur) ist Olga Benario eine der drei Hauptfiguren.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Robert Cohen (Germanist): Der Vorgang Benario. edition berolina, Berlin 2016. ISBN 978-3958410411
  • Olga Benario, Luiz Carlos Prestes: Die Unbeugsamen. Briefwechsel aus Gefängnis und KZ. Herausgegeben von Robert Cohen. Wallstein, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8353-1327-9.
  • Robert Cohen: Exil der frechen Frauen. Rotbuch, Berlin 2009. 3. Auflage 2013, ISBN 978-3-86789-057-1.
  • Fernando Morais: Olga. Volksblatt, 1989, ISBN 3-923243-50-2. Neuauflage: Rowohlt, 1992, ISBN 3-499-13030-0.
  • William Waack: Die vergessene Revolution – Olga Benario und die deutsche Revolte in Rio. Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-7466-8013-1.
  • Ruth Werner: Olga Benario – die Geschichte eines tapferen Lebens. Neues Leben, Berlin 1961.
    • Neuauflage: Olga Benario – Ein Leben für die Revolution, Zambon-Verlag, Frankfurt 2010, ISBN 978-3-88975-158-4
  • Bundesarchiv Berlin ZC 14103 A. 18.
  • Bernd Kaufmann u. a.: Der Nachrichtendienst der KPD 1919–1937. Dietz, Berlin 1993, ISBN 3-320-01817-5.
  • Michaela Karl: Olga Benario: Die Revolutionärin. In: Bayerische Amazonen – 12 Porträts. Pustet, Regensburg 2004, ISBN 3-7917-1868-1, S. 209–226.
  • Stephan Hermlin: Die erste Reihe. Neues Leben, Berlin 1951, 5. Auflage 1985, S. 64 ff.
  • Anna Seghers: Olga Benario-Prestes [1951]. In: Seghers: Über Kunstwerk und Wirklichkeit. Bd.III. Herausgegeben von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Bearbeitet und eingeleitet von Sigrid Bock. Berlin 1971, S. 158–61.
  • Luise Kraushaar u. a.: Deutsche Widerstandskämpfer 1933–1945. Biographien und Briefe. Band 1. Dietz, Berlin 1970, S. 105–108.
  • Hermann Weber, Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. Zweite, überarbeitete und stark erweiterte Auflage. Karl Dietz Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02130-6 (bundesstiftung-aufarbeitung.de).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Olga Benario-Prestes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Olga Benario, Luiz Carlos Prestes: Die Unbeugsamen. Briefwechsel aus Gefängnis und KZ. Herausgegeben von Robert Cohen. Wallstein, Göttingen 2013.
  2. Erika Runge: Sich der Wehrlosigkeit widersetzen (Gespräch mit Doris Maase). In: Kürbiskern, Heft 4, 1975, S. 147.
  3. Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933–1945). Bundesarchiv
  4. Akte Nr. 166. Dokumente aus der Gestapo [“O. Benario”]*: Auszug aus der Karteikarte über die kommunistis... germandocsinrussia.org. S. 66. Abgerufen am 10. April 2016.
  5. Akte Nr. 166. Dokumente aus der Gestapo [“O. Benario”]*: Auszug aus der Karteikarte über die kommunistis... germandocsinrussia.org. S. 65. Abgerufen am 10. April 2016.
  6. Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933–1945). Bundesarchiv
  7. Robert Cohen: Der Vorgang Benario. edition berolina, Berlin 2016.
  8. über Olga Benario Galerie Olga Benario
  9. Olga (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive) auf Kinomorgen.de
  10. Nicole Strecker: Aufrecht bis zum letzten Augenblick. (Memento vom 27. August 2008 im Internet Archive) In: Kölnische Rundschau, 16. Oktober 2001