Olof Palme

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Olof Palme 1974 Unterschrift Olof Palmes
Palme 1957

Sven Olof Joachim Palme?/i [ˈuːlɔf ˈpalˌmɛ] (* 30. Januar 1927 in Stockholm; † 28. Februar 1986 ebenda) war ein schwedischer sozialdemokratischer Politiker und zweimaliger Ministerpräsident Schwedens (1969–1976 und 1982–1986).

Familie und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Olof Palme entstammte einer großbürgerlichen und konservativen Familie. Sein Großvater war der Generaldirektor Sven Palme, sein Großonkel der Bankvorstand Henrik Palme. Die Familie seines Vaters, des Generaldirektors Gunnar Palme, stammte aus den Niederlanden; seine Mutter war die deutsch-baltische Elisabeth von Knieriem. Der Historiker Sven Ulric Palme war sein Cousin. In den Jahren 1949 bis 1952 war er mit Jelena Rennerová aus der Tschechoslowakei verheiratet. Am 9. Juni 1956 heiratete Palme die Psychologin Lisbet Beck-Friis; sie hatten drei Söhne.

Während seiner Studienjahre in Stockholm trat er dem Sozialdemokratischen Studentenverein bei, 1952/53 war er Vorsitzender der Schwedischen Hochschülerschaft.

Politische Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1953 wurde er Sekretär des 25 Jahre älteren Ministerpräsidenten Tage Erlander, mit dem sich rasch eine enge Zusammenarbeit entwickelte. 1963 wurde Palme Staatsrat, 1965 Verkehrs- sowie 1967 Bildungsminister und im Oktober 1969 – nach dem Rücktritt Tage Erlanders – Parteivorsitzender und Ministerpräsident.

Palme wirkte an der Umsetzung der Idee von der „starken Gesellschaft“ mit, die Erlanders Reformpolitik der 1950er und 1960er Jahre prägte. Er brachte maßgebliche familienpolitische Reformen auf den Weg, darunter zur Gleichstellung im Berufsleben, zur Kinderbetreuung und zur steuerlichen Gleichstellung der Ehepartner. Nach seinem Amtsantritt als Regierungschef 1969 versuchte Palme, die Politik Erlanders fortzuführen, begegnete aber Problemen. Zum einen erschwerten die Verfassungsreform und die neue parlamentarische Situation nach der Wahl von 1973 eine stabile Zusammenarbeit über die Blockgrenzen hinweg; zum anderen überschatteten wirtschaftliche Probleme, vor allem nach der Ölkrise 1973, die soziale Reformarbeit. Die gewerkschaftliche Forderung nach Einführung von Arbeitnehmerfonds verschärfte die Gegensätze zu den bürgerlichen Parteien.

Die Atomkraftdebatte, in der Palme 1973 den Bau von 24 Atomkraftwerken bis 1990 forderte,[1] entzweite die eigene Partei und brachte neue politische Faktoren ins Spiel (die Umweltpolitik und die grüne Bewegung). Palme trug dazu bei, dass sein alter Schulfreund und Tennispartner Bert Bolin, der ihm bis dahin als Mittelsmann zwischen Politik und Wissenschaft gedient hatte, zum ersten Vorsitzenden des UN-Weltklimarates IPCC wurde. Kritiker sind der Auffassung, dass Palme mit der Förderung von Bolin und dessen These von der Globalen Erwärmung durch Treibhausgase wie z. B. CO2 die Nutzung der Atomkraft populär machen wollte.[2]

Wie kein anderer prägte Palme das Bild Schwedens im Ausland durch seine engagierte Außenpolitik: durch seine harte Kritik am Vietnamkrieg, als UNO-Vermittler im Iran-Irak-Krieg und durch seine internationalen Abrüstungsinitiativen, wie zum Beispiel im Rahmen der Palme-Kommission. Er hatte enge persönliche Beziehungen zu europäischen Politikern wie Willy Brandt und Bruno Kreisky.

Bei der Wahl zum Schwedischen Reichstag 1976 erzielte seine Sozialdemokratische Partei 42,7 Prozent der Stimmen, das schlechteste Ergebnis seit der Wahl 1932. Die bürgerlichen Parteien erreichten gemeinsam eine Mehrheit und regierten das Land zwei Legislaturperioden lang, bis Palme nach der Wahl 1982, bei der die Sozialdemokraten 45,6 Prozent der Stimmen erzielten, an die Macht zurückkehrte. Er blieb Regierungschef bis zu seinem Tod.

Das Attentat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rosen für Olof Palme am Tatort, 3. März 1986
Gedenktafel am Tatort

Am Abend des 28. Februar 1986 wurde Palme (damals 59 Jahre alt) vor dem Tapetengeschäft Dekorima an der Ecke Sveavägen/Tunnelgatan in der Innenstadt von Stockholm ermordet.[3] Er war mit seiner Frau Lisbet ohne Polizeischutz auf dem Heimweg von einem Kinobesuch (im Kino Grand, wo er sich die schwedische Filmkomödie Bröderna Mozart [dt. „Die Gebrüder Mozart“] von Suzanne Osten angesehen hatte), als er aus nächster Nähe angeschossen wurde. Obwohl er sehr schnell in ein Krankenhaus gebracht wurde, starb Palme dort und wurde kurz nach Mitternacht für tot erklärt. Seine Frau erlitt leichte Verletzungen. Am Tatort erinnert eine Gedenktafel an den Mord.

Einem Passanten gelang es zunächst, den Attentäter zu verfolgen, er verlor ihn jedoch. Der nun folgende Polizeieinsatz startete schleppend. Der damalige Stockholmer Polizeichef Hans Holmér verwickelte sich in Widersprüche. Er gab beispielsweise an, zum Zeitpunkt des Attentats in einem Hotel in Borlänge genächtigt zu haben, obwohl er dort nie gewesen war. Holmérs Buch „Tod in Stockholm – Der Mordfall Olof Palme“ wurde vom Autor nach heftigen Anfeindungen zurückgezogen; unter anderem kam die Vermutung auf, der schwedische Geheimdienst Säpo sei von Rechtsextremisten unterwandert, habe die Ermittlungen verschleppt oder sei sogar selbst in das Attentat verwickelt. Auf letztere Vermutung weisen unter anderem Mitschnitte des Funkverkehrs in der Nacht des 28. Februar 1986 hin.

Die Suche nach dem Täter kam auch deshalb nur äußerst zögerlich in Gang, weil die Stockholmer Stadtpolizei und der Säpo sich zunächst lange um die Zuständigkeit stritten. Überdies ging die Polizei Hinweisen einer Zeugin nicht nach, die wenige Minuten vor den Schüssen auf den schwedischen Ministerpräsidenten einen Verdächtigen im Eingang eines Geschäfts am Sveavägen erkannt haben wollte. Sie war mit einer Freundin unterwegs, wollte sich nach der Uhrzeit erkundigen, erkannte in dem Mann ein Mitglied jenes Fitness-Studios, in dem sie selbst trainierte, und sprach ihn – weil sie wusste, dass er Finnisch sprach – auch auf Finnisch an. Daraufhin drehte sich der Mann nach Angaben der Zeugin um, verdeckte sein Gesicht, während aus einem Walkie-Talkie, das er mit sich führte, auf Finnisch die Anweisung zu vernehmen war, er solle sich unauffällig verhalten.[4] Laut dem schwedischen Journalisten Sven Anér handelt es sich dabei um den damaligen Polizeibeamten und späteren schwedischen Abgeordneten Anti Avsan. Avsan ist allerdings estnischer und nicht finnischer Herkunft.[5]

Olof Palmes Grab

Auf Nachlässigkeiten bei den Ermittlungen deutet auch hin, dass die beiden Projektile nicht von der Polizei, sondern von Passanten gefunden wurden.[6] Angebliche RAF-Mitglieder bekannten sich zu der Tat; sie sei aus Rache für das schwedische Verhalten bei der Geiselnahme von Stockholm (24. April 1975) verübt worden. Die Polizei hielt diese Aussagen für nicht glaubhaft.

Zunächst wurde auch die PKK verdächtigt. Eine Spur führte nach Südafrika. Das dortige Apartheid-Regime, gegen das sich Palme wiederholt und engagiert ausgesprochen hatte, wurde verdächtigt, die Ermordung Palmes in Auftrag gegeben zu haben. Genährt wurde diese These durch Geständnisse ehemaliger südafrikanischer Geheimagenten in den 1990er Jahren. Darüber hinaus gab die schwedische Polizei zu, dass sich zum Zeitpunkt des Attentats tatsächlich ein südafrikanischer Geheimagent in Stockholm aufhielt.[7] Auch Palmes entschiedene Gegnerschaft zum Vietnamkrieg der USA wurde als möglicher Hintergrund in Erwägung gezogen. In diesem Zusammenhang hatte der Ministerpräsident für Schlagzeilen gesorgt, indem er die US-Angriffe auf Nordvietnam mit NS-Verbrechen verglich.

Fast drei Jahre machte die Polizei bei der Suche nach Palmes Mörder keine entscheidenden Fortschritte. Ende 1988 präsentierten die Fahndungsbehörden der Öffentlichkeit einen Tatverdächtigen, der gut ins Bild zu passen schien: den vorbestraften und drogenabhängigen Christer Pettersson. Er war kurz nach dem Attentat vernommen worden. Jetzt aber hatte sich sein Alibi für die Tatnacht als falsch erwiesen. 1989 wurde Pettersson in zweiter Instanz mangels Beweisen wieder freigesprochen.

Der ungeklärte Mord geriet im September 2003 im Zusammenhang mit dem Attentat auf Anna Lindh wieder in die öffentliche Diskussion: Auch bei diesem Mord an einer prominenten Persönlichkeit der schwedischen Politik konnte der Täter zunächst nicht zweifelsfrei festgestellt werden, was zu massiver Kritik an der Arbeit der schwedischen Polizei führte und bei vielen Menschen Erinnerungen an den Mordfall Palme wachrief. Den Behörden gelang es aber im Mordfall Lindh verhältnismäßig schnell, den Täter Mijailo Mijailović zu fassen; dieser wurde später zu lebenslanger Haft verurteilt.

Am 2. Februar 2007 berichtete die langjährige Freundin des 2004 verstorbenen Petterssons gegenüber einem Journalisten der Zeitung Aftonbladet, Pettersson habe ihr den Mord an Palme gestanden.[8] Das Motiv sei Hilfe für einen Bekannten, der wegen Steuerschulden Rache an Palme nehmen wollte, gewesen. Dabei legte sie 40 Briefe von Pettersson vor.[9]

Der Film Jag såg mordet på Palme aus dem Jahr 2006 versuchte die These zu untermauern, Pettersson sei der Täter gewesen. Dieser habe den Drogenhändler Sigge Cedergren ermorden wollen und versehentlich Palme getroffen. Der Film erhielt viel Aufmerksamkeit, aber auch Kritik. Die Hauptthese enthalte einige Ungereimtheiten und Aussagen Pettersons seien aus dem Kontext gerissen worden.[10]

Bis zum 1. Juli 2010 galt in Schweden eine Verjährungsfrist von 25 Jahren für Mord. Diese wurde für ab dem 1. Juli 1985 begangene Taten abgeschafft, so dass auch das Attentat auf Olof Palme nicht verjährt und Gegenstand polizeilicher Ermittlungen bleibt, solange Hinweise an die Polizei gehen.[11] Im Laufe der Ermittlungen entstanden 225 Regalmeter Akten. Von den rund 130 Geständnissen war keines glaubhaft.[12]

Wirkungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Olof-Palme-Friedensmarsch am 19. September 1987 vom KZ Buchenwald nach Kapellendorf

Palmes Name verband sich in den 1980er Jahren mit der Außenpolitik der DDR, die seinen Vorschlag eines atomwaffenfreien Korridors in Europa befürwortete. Palmes Vision von einem kernwaffenfreien Europa wurde auch von kirchlichen Friedenskreisen aufgegriffen, die im September 1987 republikweit zum „Olof-Palme-Friedensmarsch“ aufriefen. In Thüringen initiierte die dortige Arbeitsgruppe der Christlichen Friedenskonferenz (CFK) am 19. September 1987 einen Friedensmarsch mit ca. 400 Teilnehmern, der von der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald bis zum Evangelischen Gemeindezentrum Thomas Müntzer in Kapellendorf führte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Olof Palme, Freimut Duve (Hrsg.): Olof Palme. Er rührte an die Herzen der Menschen. Reden und Texte. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-15919-8.
  • Thomas Kanger: Wer erschoß Olof Palme? Neuer Malik, Kiel 1988, ISBN 3-89029-029-9.
  • Ola Tunander: Die unsichtbare Hand und die weiße Hand. Der vielfache Mord an Olof Palme. In: Kursbuch, Heft 124 vom Juni 1996, S. 49–79, ISBN 3-87134-124-X.
  • Henrik Berggren: Olof Palme. Vor uns liegen wunderbare Tage. Die Biographie. Übersetzt von Paul Berf und Susanne Dahmann. btb, München 2011, ISBN 978-3-442-75268-3 (schwedischer Originaltitel: Underbara dagar framför oss. En biografi över Olof Palme. Stockholm 2010).[13]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Olof Palme – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: Olof Palme – Zitate (englisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nils-Axel Mörner: The Greatest Lie Ever Told. 2007, S. 1.
  2. Nils-Axel Mörner: The Greatest Lie Ever Told. 2007, S. 2.
  3. Niels Reise: Schwedens größte Wunde. Spiegel online vom 28. Februar 2016
  4. Klaus-Dieter Knapp: Der Polizei auf der Spur. In: Die Zeit. Nr. 9, 24. Februar 1995, S. 13–15.
  5. Sven Anér: Palmemordet: affären Anti Avsan. Sven Anér, Almunge 2008, ISBN 978-91-633-2711-7.
  6. Öffentliche staatliche Untersuchung SOU 1999:88, S. 151. pdf-Datei (schwedisch)
  7. "Attentäter vom Kap?", DIE ZEIT, 41/1996, http://www.zeit.de/1996/41/Attentaeter_vom_Kap_/komplettansicht
  8. ”Jag sköt Palme” Aftonbladet vom 3. Februar 2007
  9. Frankfurter Allgemeine Zeitung 5. Februar 2007
  10. ”Filmen om mordet på Palme ett moraliskt haveri av SVT” Dagens Nyheter vom 28. Februar 2006
  11. Svenska Dagbladet vom 23. Februar 2011 (schwedisch); Gesetzesänderung auf der Internetseite des schwedischen Reichstags (schwedisch).
  12. Dagens Nyheter zum 25. Jahrestag des Mordes, 21. Februar 2011 (schwedisch).
  13. Vgl. Jasper von Altenbockum: Olof Palme. Machtwille und Geltungssucht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. März 2011; Michael März: Rezension zu: Berggren, Henrik: Olof Palme. Vor uns liegen wunderbare Tage. Die Biographie. München 2011. In: H-Soz-u-Kult, 28. März 2012.