Olsagebiet

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Außengrenzen und Teilungslinie des zwischen den Weltkriegen als Olsagebiet zum Streitobjekt gewordenen Teschener Schlesien
Polnische Presse am 3. Oktober 1938

Das Olsagebiet (auch: Olsaland, Teschener Schlesien, polnisch Zaolzie oder Śląsk Zaolziański, tschechisch Záolží, Záolší oder Českotěšínsko) ist ein Gebiet am Fluss Olsa, das in den letzten Jahrzehnten der Habsburgermonarchie der östliche Teil des Kronlandes Österreichisch-Schlesien gewesen war und davor einmal das Herzogtum Teschen. Das Gebiet und die am namensgebenden Fluss liegende Stadt Teschen wurde nach 1918 aufgeteilt. Es entstand eine Doppelstadt, mit Český Těšín in der Tschechoslowakei, heute Tschechien, am westlichen Flussufer und Cieszyn in Polen am Ostufer. 1938/39 wurde ein 869 Quadratkilometer großes Gebiet (Zaolzie) des tschechoslowakischen Teils in der Folge des Münchner Abkommens von Polen illegal annektiert. Teilweise wird mit dem Begriff Olsagebiet nur dieses Teilgebiet bezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Zwischenkriegsstand von 1918 wiederhergestellt.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Olsagebiet entspricht dem Gebiet des Herzogtums Teschen, das bis 1918 zum Habsburger Kaiserreich gehörte. Zum Ende des 19. Jahrhunderts unternahm Erzherzog Friedrich (Marquis Gero) mit wenig Erfolg eine Germanisierung des ländlichen Raumes bzw. der dort lebenden Bevölkerung, die zum großen Teil der (polnischsprachigen) lachischen Sprachgruppe angehörte.

Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns und Zarenrusslands entstanden 1918 aus ihren ehemaligen Territorien bzw. Teilen von Preußen neue Nationalstaaten, insbesondere die Tschechoslowakei und die Zweite Polnische Republik.

Diese Entwicklung verlief im Olsagebiet nicht friedlich, da es von Anfang an zwischen Polen und Tschechen umstritten war. Polen begründete seine Ansprüche mit der polnischsprachigen Bevölkerungsmehrheit, jedoch bezweifelte die Tschechoslowakei, dass dadurch Rückschlüsse auf die Volkszugehörigkeit zu ziehen seien (siehe Volksabstimmungen im Gefolge des Versailler Vertrags, die insbesondere in Ermland und Masuren nicht entsprechend der ethnischen Zugehörigkeit ausfielen). Zugleich beanspruchte Außenminister Edvard Beneš das gesamte Teschener Schlesien bis Bielitz als Teil des historischen Österreichisch-Schlesien für die Tschechoslowakei[1].

Am 5. November 1918 einigten sich beide Staaten zunächst über eine Grenzziehung entlang des Flusses Olsa und auf dem Czantory-Kamm der Schlesischen Beskiden. Für die Tschechoslowakei war der ihr somit zugefallene westliche Teil des Olsagebietes von enormer wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung, da durch ihn die Bahnstrecke Bohumín–Košice und damit eine der damals wenigen leistungsfähigen Verkehrsverbindungen zwischen dem tschechischen und slowakischem Landesteil verlief.

Nachdem das Olsagebiet Ende 1918 zum Gegenstand des Wahlkampfes für die polnischen Parlamentswahlen geworden war und an der Grenze polnische Truppen aufmarschierten, eskalierte der Streit. Im Januar 1919 kam es zum Einmarsch tschechischer Truppen und einer zeitweiligen Besetzung von Teilen des polnischen Olsagebiets. Am 3. Februar 1919 stimmte die tschechische Regierung unter Druck der Entente der Durchführung einer Volksabstimmung zu, die über die künftige Zugehörigkeit des Gebietes entscheiden sollte.

Nach Beneš' Bemühungen verzichtete der Botschafterrat der Siegermächte auf die Durchführung der Volksabstimmung und legte am 25. Juni 1920 den im Grenzvertrag von 1918 genannten Grenzverlauf als verbindlich fest. Der polnische Teil des Olsagebietes wurde der 1920 neu errichteten Autonomen Woiwodschaft Schlesien zugeordnet.

Die Grenzfestlegung entsprach nicht den polnischen Interessen, aber zu dieser Zeit führte Polen im Osten einen Krieg mit Sowjetrussland und war sehr daran interessiert, den Streit mit der Tschechoslowakei so schnell wie möglich zu beenden. In dieser Situation erreichte der tschechoslowakische Außenminister Edvard Beneš die Festlegung der Teilung entlang des Flusses Olsa sowie die Übergabe der umstrittenen Regionen der Zips (Spiš) und der Arwa (Orava).

Nach der Beendigung des Polnisch-Sowjetischen Krieges und der Erlangung Ostoberschlesiens durch die Volksabstimmung in Oberschlesien rückte das der Tschechoslowakei zugesprochene mehrheitlich polnisch besiedelte mittlere Olsagebiet wieder stärker in den Blickpunkt der stabilisierten Zweiten Polnischen Republik. Dort erfolgte bis 1926 die Vertreibung einiger Tausend Polen aus dem Gebiet und zum Teil die Konfiskation ihrer Habe, so dass die Spannungen zwischen Polen und der Tschechoslowakei weiter anwuchsen und in Polen die militärische Lösung des Problems nicht ausgeschlossen und ab 1934 generalstabsmäßig vorbereitet wurde.

Am 30. September 1938, nach dem Abschluss des Münchner Abkommens, stellte Polen ein Rückgabeultimatum, das am 1. Oktober ablief, und konzentrierte Kräfte an der Grenze unter General Władysław Bortnowski[2]. Zusätzlich wurde in Kattowitz die Legion Zaolziański gegründet. Der Streit um das Gebiet gefährdete zwischenzeitlich den Sowjetisch-polnischen-Nichtangriffspakt von 1932[3]. Die tschechoslowakische Regierung gab schließlich nach und zwischen dem 2. und dem 11. Oktober 1938 besetzten polnische Truppen den mittleren Teil des Olsagebiets (Zaolzie)[2]. Gleichzeitig besetzte Deutschland die im Münchner Abkommen zugestandenen Gebiete des Sudetenlandes und das Hultschiner Ländchen. Kurz danach verließen rund 30.000 Tschechen, vor allem diejenigen, die sich dort nach 1920 niedergelassen hatten, und rund 5000 Deutsche das Olsagebiet.[2].

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde das polnische Olsagebiet am 3. September 1939 von Truppen der anrückenden deutschen Heeresgruppe Süd besetzt und dem Militärbereich Oberschlesien unterstellt. Am 26. Oktober 1939 wurde das Gebiet als Landkreise Teschen und Bielitz an den Regierungsbezirk Kattowitz der preußischen Provinz Schlesien angeschlossen. Die Nationalsozialisten planten die Germanisierung der Region, auch mittels Terror gegen die Zivilbevölkerung. Die ersten Verhaftungen und Erschießungen begannen direkt nach der Besetzung, wobei eine der größeren Verhaftungsaktionen im Frühjahr 1940 im Rahmen der „AB-Aktion“ stattfand und hauptsächlich gegen polnische Intellektuelle gerichtet war. In Oderberg, Freistadt und Petrowitz wurden sogenannte „Polenlager“ errichtet. Die Zahl der während der deutschen Besatzung ermordeten Teschener Juden wird auf 2000 bis 3000 geschätzt.

Nach Kriegsende 1945 wurde die Grenze von 1918 wiederhergestellt. Jedoch erneuerte die Volksrepublik Polen während der Moskauer Verhandlungen ihre Forderungen auf Zaolzie gegenüber der Tschechoslowakei. Dabei wurden zusätzlich zur bisherigen ethnischen Argumentation auch ein Ausgleich für die Verluste der im Polnisch-Sowjetischen Krieg 1921 eroberten Gebiete durch die Westverschiebung Polens, bei der Polen rund 77.000 Quadratkilometer (20 Prozent) des Staatsgebiets verlor,[4] vorgebracht. Die Tschechoslowakei lehnte das Ansinnen strikt ab und schlug dagegen einen Bevölkerungsaustausch wie in Ostpolen vor[5]. Nach jahrelangen harten Verhandlungen konnte der Streit schließlich beigelegt werden. Am 2. Juni 1958 verzichtete die Volksrepublik Polen auf ihren Gebietsanspruch und beide Staaten einigten sich auf kleine Grenzkorrekturen[6] sowie einen Grenzvertrag mit einem Grenzverlauf entlang der Olsa.

Demografische Daten[Bearbeiten]

Zusammensetzung der Bevölkerung nach Sprache bzw. Nationalität:

Jahr Gesamt-
bevölkerung
Polen Tschechen Deutsche Slowaken Ordnungs-
kriterium
1880 094.370 071.239 016.425 006.672 Muttersprache
1890 107.675 086.674 013.580 007.388
1900 143.220 115.392 014.093 013.476
1910 179.145 123.923 032.821 022.312
1921 177.176 068.034 088.556 018.260
1930 216.255 076.230 120.639 017.182 Nationalität
1939 213.867 051.499 044.579 038.408 Volkszugehörigkeit
1950 219.811 059.005 155.146 04.388 deklarierte Nationalität
1961 281.183 058.876 205.785 13.233
1970 350.825 056.075 263.047 26.806 Muttersprache
1980 366.559 051.586 281.584 28.719 deklarierte Nationalität
1991 368.355 043.479 263.941 000706 26.629

Quelle: [7]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Beneš-Memorandum Nr. 4 zur Pariser Friedenskonferenz: Das Problem des Teschener Schlesien (PDF; 63 kB)
  2. a b c Kurzer Abriss der Geschichte des Teschener Schlesien, Józef Szymeczek, Roman Kaszper
  3. [1]
  4. Staatsgebiet Polens 31. August 1939: 389.720 km², nach 1945: 312.685 km², Minderung: 77.035 km²
  5. Rüdiger Alte: Die Außenpolitik der Tschechoslowakei und die Entwicklung der internationalen Beziehungen 1946-1947, Oldenbourg
  6. Veränderung des Grenzverlaufs ab 10. Oktober 1958 in Gelb auf der Karte vermerkt.
  7. Stanisław Zahradnik: Korzenie Zaolzia, Warschau 1992, Seite 178-179 und Tadeusz Siwek: Česko-polská etnická hranice, Ostrau 1996, Seite 31-38.