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Ombra mai fu

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Ombra mai fu, Vokalstimme bei Bononcini und bei Händel
Version in Originallage mit Mezzosopran Lea Desandre und Les Arts Florissants (2020)
Aufnahme mit Enrico Caruso (1920)
MIDI-Version

Ombra mai fu“ (it. „Nie war ein Schatten“), ist eine Arie von Georg Friedrich Händel, die auch als das Largo von Händel oder Largo aus Xerxes bekannt ist. Die originale Vortragsbezeichnung lautet jedoch nicht Largo, sondern Larghetto, was ein etwas weniger langsames Tempo meint.

Es ist eine der berühmtesten Melodien des Komponisten, die als Einzelstück in Konzerten und bei besinnlichen Anlässen in den verschiedensten Arrangements musiziert wird.[1]

Im Original bildet die Arie mit dem vorangestellten Accompagnato-Rezitativ „Frondi tenere“ die Eröffnungsszene von Händels Oper Serse (1738), wo sie vom Titelheld gesungen wird. Diesen verkörperte bei der Uraufführung im Londoner Haymarket Theatre der Kastrat Caffarelli, der ein Mezzosopran war. Die Original-Tonart ist F-Dur und die Begleitung besteht aus Streichorchester mit Basso continuo. Händel verwendete als Inspirationsquelle Giovanni Bononcinis Vertonung desselben Textes von 1694.

Nachdem Händels Serse zunächst ein Misserfolg war, vollzog sich der Aufstieg des „Largo“ erst im 19. Jahrhundert. Damals durfte es „in keinem Notenschrank eines bürgerlichen Salons, in dem ein Klavier stand, fehlen“.[2]

Die amouröse Handlung der Oper, deren Text Nicolò Minato (um 1630–1698) verfasste, hat kaum Bezug zum historischen Perserkönig Xerxes I. (reg. 486–465 v. Chr.). Die Anfangsszene unter der Platane jedoch greift eine Notiz des griechischen Geschichtsschreibers Herodot († um 430/420 v. Chr.) auf, der in seiner Xerxesbiografie[3] schreibt:

„Wie er nun aus Phrygien nach Lydien hinüberrückte […], fand Xerxes auf diesem Wege einen Platanusbaum, den er seiner Schönheit wegen mit einem goldenen Schmuck beschenkte und einem unsterblichen Wärter zur Hut übergab, worauf er am andern Tag in der Hauptstadt der Lydier ankam.“[4]

Sechs Jahrhunderte später, bei Claudius Aelianus, ist daraus eine kuriose erotische Verirrung geworden:

„[…] er wurde der Sclave einer Platane, der Verehrer eines Baums. In Lydien nämlich, erzählt man, fand er eine Platane von ungewöhnlicher Größe, und verweilte, ohne alle Veranlassung, einen ganzen Tag bei derselben, so daß ihm die Einöde bei der Platane statt einer Herberge dienen mußte. Außerdem behängte er sie noch mit kostbarem Schmuck, zierte ihre Zweige mit Halsbändern und Armspangen, und ließ einen Wärter bei ihr zurück, der sie, wie eine Geliebte, beschützen und bewachen sollte.“[5]

Noch eindeutiger heißt es in der Vorbemerkung des gedruckten Librettos zu Händels Oper 1738:

„Einige Verrücktheiten und die Unbesonnenheit des Xerxes (so sein tiefes Verliebtsein in eine Platane […]) sind Grundlage der Handlung, der Rest ist Erfindung“.[6]

Der Text stützt diese Deutung nur andeutungsweise. Der Schauplatz ist keine Reisestation mehr, sondern der Palastgarten des Königs. Weder das Schmücken des Baums noch der Wächter werden erwähnt. Xerxes’ Monolog kann schlicht als überschwänglicher Dank für kühlenden Schatten in der Tageshitze verstanden werden. Nur die hochemotionale Musik erzählt, wonach Xerxes sich sehnt und wofür die Platane ein Ersatzobjekt ist.

Text und Übersetzung

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Serse, 1. Akt, 1. Szene: „Xerxes unter der Platane“ (gedrucktes Libretto 1738)
Originaltext 1738

Übersetzung

Belvedere accanto di un Giardino in mezzo di cui vi è un Platano.
Serse sotto il Platano.

Frondi tenere e belle
Del mio Platano amato,
Per voi risplenda il Fato.
Tuoni, Lampi, e Procelle
Non vi oltraggino mai la cara pace,
Nè giunga a profanarvi Austro rapace.

Ombra mai fu
Di vegetabile,
Cara ed amabile,
Soave più.

sta ammirando il Platano.

Aussichtsgalerie neben einem Garten, in dessen Mitte eine Platane steht.
Xerxes unter der Platane.

Zarte und schöne Blätter
meiner geliebten Platane,
euch möge das Schicksal leuchten.
Donner, Blitze und Unwetter
mögen nie den teuren Frieden euch stören
noch gelinge es einem gierigen Südwind, euch zu entweihen.

Nie war der Schatten
eines Gewächses
teurer, lieblicher
und süßer.

schaut bewundernd auf die Platane.

Das Xerse-Libretto war bereits 1654 von Francesco Cavalli und 1694 von Giovanni Bononcini vertont worden, wofür der Text jeweils überarbeitet wurde. Händel verwendete für seine Fassung Teile von Bononcinis Musik, entwickelte sie jedoch tiefgreifend weiter. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass Xerse Bononcinis erste Oper war, während Händel zuvor bereits 39 andere Opern komponiert hatte und es seine drittletzte Oper war. Bononcini war also zur Zeit seiner Komposition noch ein Anfänger, während Händel 1738 ein erfahrener Opernkomponist war.[7]

Das die Oper einleitende Rezitativ „Frondi tenere“ wurde von Bononcini als einfaches, nur vom Continuo begleitetes Secco-Rezitativ vertont, das in B-Dur beginnt und, nach einer Binnen-Kadenz in der Dominante F-Dur, wieder in B-Dur endet (siehe Notentext unten in der Galerie). Händels Vertonung hat nicht nur melodisch so gut wie keine Ähnlichkeit mit Bononcinis Version. Er setzt den Text als Accompagnato-Rezitativ mit Streicher-Begleitung und moduliert von B-Dur über F-Dur am Ende nach a-moll (Notentext ebenfalls unten in der Galerie).

Bei dem anschließenden Arioso „Ombra mai fu“ übernahm Händel von Bononcini zwar einige Ideen, das Ergebnis ist jedoch völlig verschieden und übertrifft die Vorlage an melodischer Schönheit und Ausdruck bei Weitem.

Was bei beiden Komponisten übereinstimmt, ist der Dreivierteltakt und die in gleichmäßigen Vierteln ruhig dahinschreitende Streicherbegleitung, sowie der daraus resultierende allgemeine Charakter der Musik. Bis zu einem gewissen Grade ergeben sich diese Parameter, ebenso wie einige punktierte Noten in der Gesangsmelodie, allerdings aus der natürlichen Deklamation des italienischen Textes.

Die Arie Bononcinis steht wie das Rezitativ in B-Dur und ist für Sopran gesetzt, der Tonumfang der Gesangsstimme ist eine Oktave von g’ bis g’’. Händels Version steht in F-Dur, die Tessitura ist hier eine Undezime von c’ bis f’’, und verlangt wegen der tieferen Lage einen Mezzosopran[8] mit fülliger Tiefe. Die Gesamtlänge ist bei Bononcini 28 Takte, bei Händel 52 Takte; allein das Streicher-Vorspiel ist bei Bononcini fünf Takte lang und hat keinerlei Ähnlichkeit mit Händels 15-taktiger Einleitung.

In der gesamten Arie ist die einzige wörtliche Übernahme Händels ein zwei-taktiges Motiv, das Bononcini auf den Text „di vegetabile“ in Takt 7 verwendet, und das bei Händel zum ersten Mal in Takt 10 im Eingangsritornell zu hören ist (aber auf einer anderen Stufe). Im Gesang taucht es bei Händel zum ersten Mal in Takt 29 auf, später noch einmal in Takt 39 — also insgesamt dreimal.

Im Gegensatz zu Bononcini setzt der Gesang — wie auch das Instrumentalvorspiel — bei Händel mit einer lang gehaltenen Note ein, die nach der barocken Aufführungspraxis vom Sänger mit einem messa di voce zu versehen ist, d. h. er muss die Note pianissimo beginnen und sie dann in einem langsamen crescendo anschwellen lassen. Im Gegensatz zu Bononcini folgt nach der ersten Gesangsphrase ein kurzes Zwischenspiel, bevor die Gesangsmelodie nahtlos fortgeführt wird. Händel gewinnt seiner Melodie unter anderem durch Neueinsätze in höheren Lagen, Textwiederholungen und expressive Harmoniewirkungen bis hin zur Fermate in Takt 44 eine weite Ausdruckspalette ab. Auch die Fermate war für einen barocken Sänger sehr wahrscheinlich Anlass für ein messa di voce (mit decrescendo), und möglicherweise auch für eine kleine improvisierte überleitende Cadenza zum Schluss. Bezüglich der Aufführungspraxis ist außerdem davon auszugehen, dass der ursprüngliche Interpret Caffarelli die Melodie nicht so schlicht sang, wie sie im Notentext erscheint – und in vielen modernen Interpretationen zu hören ist –, sondern mit Sicherheit Triller anbrachte, besonders bei Kadenzbildungen (das betrifft natürlich auch Bononcinis Vertonung).

Der griechische Dirigent George Petrou meinte völlig zurecht, dass aus Bononcinis Ideen erst durch Händel „etwas Großes“ wurde.[9]

Commons: Ombra mai fu – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Robert Braunmüller: Liebe als Verwirrung. Ein dramaturgischer Grundzug in Händels Oper Serse. In: Hanspeter Krellmann und Jürgen Schläder (Hrsg.): »Der moderne Komponist baut auf der Wahrheit«. Opern des Barok von Monteverdi bis Mozart. Stuttgart und Weimar 2003, S. 143–151 (Teildigitalisat)
  2. Rubén Dubrovsky dirigiert am Sonntag Händels „Xerxes“, Bonner General-Anzeiger, 3. Oktober 2018
  3. Historien VII, 31.
  4. Adolf Schöll: Herodot’s von Halikarnaß Geschichte. Stuttgart 1831, S. 833.
  5. Christian Gottlieb Wunderlich: Claudius Aelianus Werke, Stuttgart 1839, S. 51, Digitalisat.
  6. „Some imbicilities, and the temerity of Xerxes (such as his being deeply enamour’d with a plane tree [–]) are the basis of the story, the rest is fiction“, Libretto 1738, To the Reader.
  7. Darauf wies fairerweise auch Dean hin. Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 425.
  8. Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 427.
  9. George Petrou im Interview mit Boris Kehrmann 2020 (online)