Omega-3-Säurenethylester 90

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Allgemeine Angaben
Name Omega-3-Säurenethylester 90
Andere Namen Omega-3 acidorum esteri ethylici 90 (Ph. Eur.)
Substanzeigenschaften Hellgelbe Flüssigkeit mit schwachem, fischähnlichen Geruch. Praktisch unlöslich in Wasser, sehr leicht löslich in Aceton, Ethanol, Heptan und Methanol. Der Gesamtgehalt an Omega-3-Säurenethylestern beträgt 90 %.
ATC-Code C10AX06
Wirkstoffklasse Lipidsenker
Verschreibungspflicht Ja (D, USA)
Hauptkomponenten
Name Eicosapentaen-säureethylester (Icosapent-Ethyl) Docosahexaen-säureethylester (Doconexent-Ethyl)
Strukturformel Strukturformel von Icosapent-Ethyl Strukturformel von Docosahexaensäureethylester
Summenformel C22H34O2 C24H36O2
CAS-Nummer 86227-47-6 73310-11-9

Omega-3-Säurenethylester 90 ist ein flüssiges, teilsynthetisches Stoffgemisch, das aus Fischöl hergestellt und als Arzneistoff aus der Wirkstoffklasse der Lipidsenker eingesetzt wird.

Zusammensetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundstrukturen der in Fischöl enthaltenen Triglyceride: Glycerin ist mit unterschiedlichen gesättigten und ungesättigten Fettsäureresten verestert.
a–i: Anzahl der Wiederholeinheiten
Strukturen der in Omega-3-Säurenethylester enthaltenen Komponenten EPA und DHA

Der in Deutschland verschreibungspflichtige Wirkstoff gehört zu den Estern langkettiger, mehrfach ungesättigter Fettsäuren. Er besteht hauptsächlich aus den Ethylestern der beiden Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA), die in Summe zu mindestens 80 % enthalten sind. Der Gehalt an Eicosapentaensäureethylester beträgt mindestens 40 % und an Docosahexaensäureethylester mindestens 34 %. Der Gesamtgehalt an Omega-3-Säurenethylestern beträgt mindestens 90 %.[1] Darauf bezieht sich auch der Wirkstoffname.

Die Omega-3-Säurenethylester werden durch Molekulardestillation aus Fischöl gewonnen. Ausgangsstoff ist das Körperöl (Muskelöl) fetter Fischspezies von Familien wie Engraulidae, Carangidae, Clupeidae, Osmeridae, Salmonidae und Scombridae. Im natürlichen Fischöl sind die Omega-3-Fettsäuren als Triglyzeridester in einem Anteil von ca. 20 % enthalten.

Durch Umesterung zu Ethylestern können diese pharmakologisch wirksamen Substanzen isoliert und bis zu 90 % konzentriert werden. Durch physikalisch-chemische Prozesse werden die Substanzen hochgereinigt und sind daher frei von Schadstoffen (wie z. B. Quecksilber und Schwermetallen) und enthalten – im Gegensatz zu natürlichem Fischöl – keine Triglyzeride.[2] Die pharmakologisch wirksamen Substanzen aus dem Fischöl (EPA und DHA) liegen in diesem Wirkstoff somit in isolierter und hochgereinigter Form vor. Tocopherol wird als Antioxidanz zugesetzt. Eine Monographie zu Omega-3-Säurenethylester 90 ist in dem Europäischen Arzneibuch (Pharmacopoea Europaea) enthalten.

(Zu Vorkommen, diversen Eigenschaften und biologischen Funktionen s.a. die Hauptartikel der Einzelstoffe Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure).

Klinische Informationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anwendungsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hypertriglyzeridämie

Omega-3-Säurenethylester 90 wird zur Behandlung erhöhter Blutfette (Hypertriglyzeridämie) eingesetzt, wenn diätetische Maßnahmen alleine nicht ausreichen. Sind nicht nur die Triglyzeride erhöht, sondern auch das LDL-Cholesterin, so erfolgt die Therapie in Kombination mit HMG-CoA-Reduktase-Inhibitoren, sogenannten Statinen. Die Dosierung beträgt hier 2–4 Gramm Omega-3-Säurenethylester 90 pro Tag.[3] Erkenntnisse zu einem Langzeiteffekt (mehr als ein Jahr) auf die Lipidsenkung liegen nicht vor.

  • Sekundärprävention nach Myokardinfarkt

Ein weiteres Anwendungsgebiet stellte die Sekundärprävention nach Myokardinfarkt dar.[3] In der Literatur wurden positive Effekte vor allem durch eine antiarrhythmische Wirkung diskutiert. Eine Prüfung durch den Ausschuss für Humanarzneimittel der EMA ergab jedoch, dass Omega-3-Säurenethylester 90 nicht wirksam seien, um weitere Herzerkrankungen nach einem Herzinfarkt zu verhindern. Für dieses Anwendungsgebiet wurde die Zulassung durch das BfArM im Juni 2019 widerrufen.[4] Die hierzu angewandte Dosierung von 1 Gramm täglich hat keinen signifikanten lipidsenkenden Effekt.

Nebenwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die häufigsten Nebenwirkungen von Omega-3-Fettsäurenethylester 90 sind ein fischartiger Nachgeschmack, gastrointestinale Störungen und Übelkeit.[3]

Wirkungsmechanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Omega-3-Säurenethylester 90 bewirken in einer Dosierung ab 2 Gramm täglich eine Senkung der Triglyzeride, die mit steigender Dosis zunimmt.[5][6] Der eigentliche Wirkungsmechanismus ist noch nicht vollständig aufgeklärt, es wird jedoch postuliert, dass EPA und DHA in entsprechend hoher Konzentration die Synthese der triglyzeridreichen Lipoproteine (VLDL, very low density Lipoproteine) in der Leber reduziert. Ebenfalls wird die Lipoproteinlipase aktiviert und somit der Abbau triglyzeridreicher Partikel (VLDL, Chylomicronen) gefördert.[7] 2010 wurde zudem erstmals ein Omega-3-Fettsäuren-Rezeptor, GPR 120, in Makrophagen und Adipozyten beschrieben, der antiinflammatorische und Insulin-sensibilisierende Effekte vermittelt.[8] Die triglyzeridsenkende Wirkung beträgt je nach Ausgangswerten und eingesetzter Dosierung zwischen 30 % und 45 %.[9] Bei gleichzeitiger Gabe mit Statinen wird die blutfettsenkende Wirkung der Omega-3-Säurenethylester 90 verstärkt.[10]

Neben den lipidsenkenden Effekten zeigen sich auch kardioprotektive Effekte wie z. B. eine antiarrhythmische, antiinflammatorische, antithrombotische und membranstabilisierende Wirkung.

Fertigpräparate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zodin (D), Omacor (D), Lovaza (USA)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Europäisches Arzneibuch, Monografie 6.0/1250 (2008).
  2. Harold Bays: Rationale for prescription omega-3-acid ethyl ester therapy for hypertriglyceridemia: a primer for clinicians. In: Drugs of Today 2008, 44(3):205–246
  3. a b c Fachinformation Zodin 1000 mg Weichkapseln. Stand: Mai 2005
  4. BfArM - Risikobewertungsverfahren - Omega-3-Fettsäuren: EMA bewertet die Anwendung nach Herzinfarkt. Abgerufen am 24. Juni 2019.
  5. William S Harris et al.: Safety and efficacy of Omacor in severe hypertriglyceridemia. In: J Cardiovasc Risk. 1997;4:385-391
  6. Henry J Pownall et al.: Correlation of serum triglyceride and its reduction by omega-3 fatty acids with lipid transfer activity and the neutral lipid compositions of high-density and low-density lipoproteins. In: Atherosclerosis 143 (1999):285-297
  7. William S Harris: Why do omega-3 fatty acids lower serum triglycerides? In: Curr Opin Lipidol 17:387-393; 2006
  8. Oh da Y, Talukdar S, Bae EJ, Imamura T, Morinaga H, Fan W, Li P, Lu WJ, Watkins SM, Olefsky JM. GPR120 is an Omega-3 Fatty Acid Receptor Mediating Potent Anti-inflammatory and Insulin-Sensitizing Effects. In: Cell. 2010 Sep 3;142(5):687-98.
  9. Ann C Skulas-Ray et al.: Omega-3 fatty acid concentrates in the treatment of moderate hypertriglyceridemia. In: Expert Opin Pharmacother. 2008(7): 1237-1248.
  10. Michael H Davidson et al.: Efficacy and tolerability of adding prescription Omega-3 fatty acids 4 g/d to simvastatin 40 mg/d in hypertriglyceridemic patients : an 8-week, randomized, double-blind, placebo-controlled study. In: Clin Ther. 2007;29:1354-1367.
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