One-Nation-Konservatismus

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Als One Nation-Konservatismus (one nation conservatism) oder Tory-Demokratie (tory democracy) bezeichnet man in Großbritannien eine gemäßigt konservative, stark sozialpolitisch ausgerichtete politische Grundhaltung. Innerhalb der Conservative Party repräsentieren One Nation-Konservative den linken Flügel und stehen damit im Gegensatz zum Thatcherismus.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff One Nation-Konservatismus geht auf eine Äußerung des damaligen Premierministers Benjamin Disraeli zurück. Er meinte, es gäbe eigentlich zwei Nationen im Land: eine der Reichen und eine der Armen, die kaum miteinander in Kontakt stünden. Er betrachtete es als seine Aufgabe, soziale Harmonie zwischen den verschiedenen Klassen und gesellschaftlichen Gruppen herzustellen:

„My purpose in politics is to reach towards a reconciliation of these interests, and the creation of one nation. [...] I believe in the virtues, and indeed in the necessity - of peaceful change, in the gradual advance of the Civilised society.“[1]

Disraelis Anliegen war es, eine Antwort auf die sozialen Probleme zu finden, die durch die Industrielle Revolution entstanden waren, ohne dabei, wie sein Zeitgenosse Karl Marx, den Weg der revolutionären Konfrontation (vgl. Klassenkampf) zwischen Arm und Reich zu propagieren. Disraeli sah es als Aufgabe gerade der traditionellen aristokratischen Eliten, für die neu entstandene Arbeiterschaft soziale Verantwortung zu zeigen. Auf diesem Weg sollte die Arbeiterschaft am wachsenden Wohlstand teilhaben und dadurch in das bestehende politische und gesellschaftliche System integriert werden.[2] Im Grundsatz des One Nation-Konservatismus drückt sich demnach eine im Wesentlichen paternalistische Haltung aus: Es sei Aufgabe der Gesellschaft, auf die Schwachen und Armen Rücksicht zu nehmen. Mit Disraeli wurde dieser Ansatz zur dominierenden Strömung des britischen Konservatismus. Die Partei schaffte es nach und nach, das Image der Elitenpartei abzuschütteln, für breite Bevölkerungsschichten wählbar zu werden und die liberalen Whigs als politische Interessensvertretung von Industrie und Großkapital darzustellen und dadurch bei der Arbeiterschaft weitgehend zu diskreditieren.

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise wurde eine Fülle von interventionistischen Maßnahmen nach korporativem bzw. keynesianischem Muster durchgesetzt. Die Premierminister Stanley Baldwin, Harold Macmillan und Edward Heath sind dieser Richtung zuzuordnen. Macmillan gewann die Unterhauswahlen 1959 nicht zuletzt dadurch, dass er sich - vor dem Hintergrund einer sehr positiven Wirtschaftslage - als wirtschaftlich und sozial orientierter Reformkonservativer präsentierte.[3] Mit der krisenhaften Entwicklung der 1960er- und 1970er-Jahre (Stagflation, Energiekrise) gerieten die wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen der One Nation-Tories in Misskredit und stellten seit der Machtübernahme von Margaret Thatcher 1975 innerparteilich nur mehr eine Minderheit dar. Wenig erstaunlich zählten prominente One Nation-Konservative wie Ian Gilmour zu den schärfsten Kritikern von Thatchers wirtschaftsliberaler Politik. Der Sozialphilosoph John N. Gray ist der Ansicht, der Wahlerfolg des Labour-Politikers Tony Blair sei nicht zuletzt durch die Unterstützung Blairs durch enttäuschte One-Nation-Tories zu erklären.[4]

Die 1975 gegründete Tory Reform Group (TRG) propagiert die One-Nation-Politik in der britischen Öffentlichkeit. Ihr derzeitiger Präsident ist Kenneth Clarke, der auch dreimal (1997, 2001 und 2005) für den Parteivorsitz kandidierte, aber jedes Mal - nicht zuletzt am heftigen Widerstand des thatcheristischen Flügels - scheiterte. Zu den prominenten Mitgliedern der TRG gehören Sir Malcolm Rifkind und Michael Heseltine.

Die seit 2016 amtierende Regierungschefin Theresa May bezog sich in öffentlichen Aussagen häufig auf die Prinzipien dieser Politik; so bezeichnete sie sich im Februar 2017 als „Premierministerin einer one-nation-konservativen Regierung“[5] und erklärte eine weitgehende Abkehr vom Thatcherismus:

„Wir glauben nicht einfach an Märkte, sondern an Gemeinschaften. Wir glauben nicht einfach an Individualismus, sondern an die Gesellschaft. Wir hassen den Staat nicht, sondern schätzen die Rolle, die nur er spielen kann.“[6]

Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

One Nation-Konservatismus ist gleichermaßen wertkonservativ und sozialpolitisch progressiv ausgerichtet. Betont werden die Grundwerte Freiheit, Verantwortung und Gemeinschaft sowie die Überzeugung, dass marktwirtschaftliche Effizienz und soziale Gerechtigkeit vereinbar sind. Die TRG bezeichnet sich selbst als traditioneller Vertreter eines moderaten und pragmatischen Konservatismus.[7]

Obwohl die TRG keine offiziell bindende Position zur Außenpolitik formuliert hat, gelten One-Nation-Tories überwiegend als pro-europäisch, was sie erneut von den EU-skeptischen Thatcheristen unterscheidet.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dominik Geppert: Thatchers konservative Revolution. Der Richtungswechsel der britischen Tories 1975-1979. Oldenbourg Verlag, München 2002 ISBN 3-486-56661-X S. 342
  2. The origin of “one-nation” politics The Economist, 18. Juli 2016
  3. Gerhard Altmann: Abschied vom Empire. Die innere Dekolonisation Großbritanniens 1945 - 1985. Wallstein Verlag, Göttingen 2005 ISBN 3-89244-870-1 S. 222
  4. John Gray: Politik der Apokalypse. Wie Religion die Welt in die Krise stürzt. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2007 ISBN 978-3-608-94114-2 S. 150f.
  5. Prime Minister Theresa May backs statue of 'One Nation' Baldwin Daily Telegraph, 11. Februar 2017
  6. Wie Theresa May den Kapitalismus vor sich selbst retten will Manager Magazin, 12. Juli 2016
  7. Tory Reform Group: About the TRG

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]