Namenforschung

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Die Namenforschung, auch Onomatologie (aus altgr. ὄνομα ónoma, ‚Name‘, auch: ‚Eigenname‘, + -logie) oder Onomastik (von altgr. ὀνομαστική [ἐπιστήμη] onomastiké [epistéme], ‚[Wissenschaft vom] Namengeben‘)[1], ist eine Disziplin der Etymologie und widmet sich der wissenschaftlichen – insbesondere sprachwissenschaftlichenErforschung von Namen. Dies tut sie im Rahmen zweier Unterdisziplinen:

  1. der Theoretischen Namenforschung (die zugleich ein Fachgebiet in der Philosophie ist) und
  2. der Namenkunde.

Bei letzterer ist allerdings zu beachten, dass die Begriffe „Namenkunde“ und jene im Einleitungssatz aufgeführten „Namenforschung“, „Onomastik“ und „Onomatologie“ zumeist synonym gebraucht werden (auch in der wissenschaftlichen Fachsprache). Daran orientiert behandelt dieser Artikel in der Folge ausschließlich die Unterdisziplin der Namenkunde und verwendet die drei anderen genannten Termini in ebendieser Bedeutung. – Die zweite Unterdisziplin, die Theoretische Namenforschung, verfügt über einen eigenen Artikel.

Als Forschungsinhalt der Namenkunde lässt sich grob das Folgende bestimmen:

dies wiederum in zwei verschiedenen Fachgebieten:

Forschungsgebiet[Bearbeiten]

Eingrenzung des Themengebiets[Bearbeiten]

Die Onomastik beschreibt als Teildisziplin der Sprachwissenschaft die Herkunft, Struktur und diachrone Entwicklung von Eigennamen (z. B. Vor-, Familien-, Orts-, Gewässer-, Flur-, Warennamen, Himmelskörpernamen etc.). Eigennamen werden dabei im System der Substantive klar von Appellativen abgegrenzt.[2] Entscheidende Kriterien sind hierbei Monoreferenz und Direktreferenz: Namen beziehen sich (im Idealfall) auf eine konkrete Entität, z. B. Angela Merkel, Jupiter, Appellative hingegen auf Klassen von Entitäten, z. B. Politikerin, Planet.[3] Zudem beziehen sich Namen direkt auf außersprachliche Entitäten, „ohne den Umweg über die Prädikation“.[4] Dem Eigennamen kommt folgerichtig keine lexikalische Bedeutung zu, er dient gleichsam „als bloßes Etikett“.[5] Enthalten Namen dennoch scheinbar appellativische Strukturen (wie der Stille Ozean, das Rote Meer), so ist die lexikalische Bedeutung nicht einforderbar, meist ist sie deaktiviert (der Ozean muss nicht still, das Meer nicht rot sein).

Eigennamen weisen gegenüber Appellativen zahlreiche morphologische, syntaktische und graphematische Eigenheiten auf, deren Untersuchung ebenso zum Forschungsgebiet der Onomastik gehört wie beispielsweise die Eigennamenetymologie, d.h. die Rekonstruktion der Herkunft eines (ursprünglich appellativischen) Eigennamens.[6] Weiterhin befasst sich die Onomastik mit Namenpragmatik (z. B. Motivationen bei der Namensgebung; Aspekte der Namensverwendung, z. B. Frau Dr. Merkel vs. Angela vs. die Bundeskanzlerin), Namensoziologie (z. B. Einfluss von sozialer Schicht, Geschlecht, Ethnizität, Religion etc. auf die Namensgebung); Namenpsychologie (z. B. überindividuelle Konnotationen, die mit einzelnen Namen in Verbindung gebracht werden); Namengeographie (z. B. Verteilung von Familiennamen über den deutschen Sprachraum); Namentextologie (Eigennamenverwendung in spezifischen Textsorten und Kontexten).[7]

Onomastik als interdisziplinäre Wissenschaft[Bearbeiten]

Die Onomastik ist ein hochgradig interdisziplinäres Forschungsgebiet. Zu den Disziplinen, die sich mit Eigennamen befassen, zählen Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Philosophie, Kulturanthropologie, Ethnologie, Geschichts-, Rechts- und Religionswissenschaften sowie Biologie und Genetik.[8] Im philosophischen Diskurs wird bereits seit der Antike das Verhältnis von Name (griech. ónoma) und Sache (griech. pragma) diskutiert, wobei der Namenbegriff im Unterschied zur bewusst eng gehaltenen Eigennamendefinition der sprachwissenschaftlichen Onomastik hier zumeist weit gefasst wird und auch Appellative einschließt.[9] Aus soziologischer und soziolinguistischer Perspektive werden z. B. das Prestige einzelner Vornamen sowie soziokulturelle Motivationen bei der Namenvergabe untersucht.[10] In der Geschichtswissenschaft können unter anderem Ortsnamen (Toponyme) für die Rekonstruktion der Besiedlungsgeschichte eines Ortes fruchtbar gemacht werden.[11] In der Religionswissenschaft vermag die etymologische Deutung von Gottesnamen (Theonymen) „Beziehungen zwischen den religiösen Vorstellungen weit voneinander entfernt lebender Völker aufzudecken.“[12] Da die Vergabe von Ruf- und Familiennamen, aber auch z. B. von Produktnamen in allen Staaten gesetzlichen Beschränkungen und Vorschriften unterliegt, sind gerade diese Namenarten auch aus juristischer Sicht von hoher Relevanz.[13] Für die Humangenetik sind Familiennamen von besonderem Interesse insofern, als diese sich wie das Y-Chromosom über die männliche Linie weitervererben, in ihrer Entstehung bis ins Mittelalter zurückreichen und so wichtige Rückschlüsse auf Erbgesetzte z. B. bestimmter körperlicher Merkmale erlauben: Im Fall männlicher Träger der Berufsnamen Schmidt vs. Schneider wurden signifikante Unterschiede im Körperbau nachgewiesen und Ersteren auch heute noch ein den hohen körperlichen Anforderungen des Schmiedeberufs entsprechender kräftigerer Körperbau attestiert.[14]

Abgrenzung[Bearbeiten]

Onomastik als wissenschaftliche Disziplin ist deutlich abzugrenzen von „einer stellenweise bizarre Blüten treibenden, pseudowissenschaftlichen Populärliteratur“[15] und von „naive[n] Zugänge[n] zur Namenforschung“[16], in deren Mittelpunkt zumeist unwissenschaftliche Namendeutungen nach dem Prinzip „Nomen est omen“ stehen („Sage mir deinen Namen und ich sage dir, wer du bist“; LEA steht für 'Lieb', 'Echt', 'Angenehm')[17]. Derlei Deutungsversuche verkennen, dass der Eigenname keine lexikalische Bedeutung trägt - ähnlich wie die sogenannte Volks- oder Pseudoetymologie, die Namen(teile) aufgrund formaler Ähnlichkeiten mit Appellativen deutet, z. B. Servatius > Zierfaß, Isenbert > Eisenbart.[18] Weiterhin ist die Namenkunde deutlich abzugrenzen von der Genealogie (Ahnenforschung), mit der sie jedoch gelegentlich in Verbindung gebracht wird.[19]

Literatur[Bearbeiten]

Nachschlagewerke

Familienname#Literatur
Vorname#Literatur
Toponomastik#Literatur

Onomastik allgemein
  • Andrea Brendler, Silvio Brendler: Namenforschung morgen. Ideen, Perspektiven, Visionen. Baar, Hamburg 2005, ISBN 3-935536-30-5.
  • Andrea Brendler, Silvio Brendler: Namenarten und ihre Erforschung. Ein Lehrbuch für das Studium der Onomastik. Baar, Hamburg 2004, ISBN 3-935536-70-4.
  • Silvio Brendler: Nomematik. Identitätstheoretische Grundlagen der Namenforschung (insbesondere der Namengeschichte, Namenlexikographie, Namengeographie, Namenstatistik und Namenstheorie). Baar, Hamburg 2008, ISBN 978-3-935536-54-7.
  • Ernst Hansack: Der Name im Sprachsystem. Grundprobleme der Sprachtheorie. Roderer, Regensburg 2000, ISBN 978-3-89783-201-5.
  • Hartwig Kalverkämper: Textlinguistik der Eigennamen. Klett-Cotta, Stuttgart 1978, ISBN 3-12-910560-3 (zugleich 1976 Dissertation an der Gesamthochschule Siegen unter dem Titel Eigennamen und Kontext.).
  • Hartwig Kalverkämper: Eigennamen in der Fachkommunikation: Onomastik der Moderne - eine moderne Onomastik? Ein kritisches Plädoyer für eine interdisziplinäre Methodologie. (= Schriftenreihe angewandte Linguistik aus interdisziplinärer Sicht) Bd. 8. Kovač, Hamburg 2006, ISBN 978-3-8300-2738-6.
  • Gerhard Koß: Namenforschung. Eine Einführung in die Onomastik. 3. Auflage. Niemeyer, Tübingen 2002, ISBN 978-3-484-25134-2.
  • Arne Ziegler, Erika Windberger-Heidenkummer (Hrsg.): Methoden der Namenforschung. Methodologie, Methodik und Praxis. Akademie, Berlin 2011, ISBN 978-3-05-005188-8.
Deutsches Sprachgebiet
International
  • Andrea Brendler, Silvio Brendler: Europäische Personennamensysteme. Ein Handbuch von Abasisch bis Zentralladinisch. Baar, Hamburg 2007, ISBN 978-3-935536-65-3.
  • Ernst Eichler u. a. (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik. / Name Studies. An International Handbook of Onomastics. / Les noms propres. Manuel international d’onomastique. Beiträge teilw. in dt.‚ teilw. in engl., teilw. in franz. de Gruyter, Berlin/New York 1995, ISBN 3-11-011426-7.
  • Astrid van Nahl, Lennart Elmevik, Stefan Brink (Hrsg.): Namenwelten. Orts- und Personennamen in historischer Sicht. de Gruyter, Berlin/New York 2004, ISBN 978-3-11-018108-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Namenforschung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Namenforschung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. ὀνομαστική ἐπιστήμη (onomastiké epistéme) wiederum geht zurück auf den Ausdruck ὀνομαστική τέχνη (onomastiké téchne), ‚Kunst vom Namengeben‘; dazu siehe:  Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Hrsg.): Das große Fremdwörterbuch. In: DUDEN. 4., akt. Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2007, ISBN 978-3-411-04164-0, Stichwort: Onomastik, DNB 982603452 (1.548 Seiten; gebund. Ausg.).
  2. Vgl. Wilhelm F. H. Nicolaisen: Name and Appellative. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 384–393.
  3. Vgl. Damaris Nübling, Fabian Fahlbusch, Rita Heuser: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen 2012, S. 17.
  4. Hansjakob Seiler: Namengebung als eine Technik zur sprachlichen Erfassung von Gegenständen. In: Manfred Faust (Hrsg.): Allgemeine Sprachwissenschaft, Sprachtypologie und Textlinguistik. Festschrift für Peter Hartmann. Tübingen, S. 149–156; hier: S. 151.
  5. Damaris Nübling, Fabian Fahlbusch, Rita Heuser: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen 2012, S. 13.
  6. Vgl. Friedhelm Debus: Namenkunde und Namengeschichte. Eine Einführung. Berlin 2012, S. 62–64.
  7. Vgl. Friedhelm Debus: Namenkunde und Namengeschichte. Eine Einführung. Berlin 2012, S. 64–76.
  8. Vgl. Damaris Nübling, Fabian Fahlbusch, Rita Heuser: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen 2012, S. 14.
  9. Vgl. Orrin F. Summerell: Philosophy of Proper Names. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 368–372.
  10. Vgl. Friedhelm Debus: Soziolinguistik der Eigennamen. Sprache und Gesellschaft (Sozio-Onomastik). In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 393–399.
  11. Gerhard Bauer: Namenforschung im Verhältnis zu anderen Forschungsdisziplinen. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 8–23; hier: S. 10.
  12. Gerhard Bauer: Namenforschung im Verhältnis zu anderen Forschungsdisziplinen. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 8–23; hier: S. 12.
  13. Vgl. Gerhard Bauer: Namenforschung im Verhältnis zu anderen Forschungsdisziplinen. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 8–23; hier: S. 13.
  14. Konrad Kunze: dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 4., überarb. u. erw. Aufl. München 2003, S. 189.
  15. Damaris Nübling, Fabian Fahlbusch, Rita Heuser: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen 2012, S. 13.
  16. Arno Ruoff: Naive Zugänge zur Namenforschung. In: Ernst Eichler, Gerold Hilty, Heinrich Löffler, Hugo Steger, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 1 (= HSK 11.1), S. 360–367.
  17. Damaris Nübling, Fabian Fahlbusch, Rita Heuser: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen 2012, S. 13.
  18. Konrad Kunze: dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 4., überarb. u. erw. Aufl. München 2003.
  19. Vgl. z. B. http://www.onomastik.com/ahnenforschung_und_namensforschung.php