Operation Vogelkäfig
Die Operation Vogelkäfig war eine deutsche nachrichtendienstliche Operation des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des iranischen Geheimdienstes SAVAK zur akustischen Raumüberwachung der Botschaft der DDR in Teheran im Iran von 1973 bis 1979 und gilt als eine der erfolgreichsten BND-Operationen im Kalten Krieg.
Beschreibung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ende 1968 richtete der BND seine erste Residentur im Iran ein, die unter Aufsicht der regional zuständigen Führungsstelle Referat I F 1 des BND stand.[1.1] Zuvor hatte der aus dem militärischen Personal des BND entsandte Verteidigungsattaché die Funktion des BND-Beauftragten übernommen.[1.2] Im Dezember 1972 hatte der Iran die DDR diplomatisch anerkannt. Die DDR mietete ein Gebäude für die zukünftige Botschaft an. Anfang Mai 1973 schlug der SAVAK dem BND eine gemeinsame Operation vor. Der damalige Abteilungsleiter I (Beschaffung) des BND, Richard Meier, genehmigte die Zusammenarbeit. Seitens des Iran genehmigte der Schah Mohammad Reza Pahlavi persönlich die Operation. Meier hielt sich vom 5. bis 13. Mai 1973 auf Einladung des SAVAK (BND-intern als Fink bezeichnet) in Teheran auf. Ein BND-Techniker reiste in den Iran und installierte insgesamt 15 verdeckte akustische Raumüberwachungsvorrichtungen (Mikrofone), bevor die DDR das Gebäude bezog. Dabei wurde er von zwei iranischen Technikern, einem Schreiner und einem Maler unterstützt.[1.3] Seitens des BND erhielt die Operation den Namen Vogelkäfig.[1.4] Meldungen an die Auswertung wurden mit dem Kennwort Pfauenauge versehen.[1.5]
Der Iran trug bei der Operation das größere politische Risiko. Seine Absicht war einerseits, im Sinne des Prinzips Do ut des der internationalen nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit Gegenleistungen in Form von Informationen und Ausbildungshilfe vom BND zu erhalten, um so auch unabhängiger von US-amerikanischen und britischen Diensten zu werden. Andererseits erhoffte sich der Iran unmittelbar Erkenntnisse über die kommunistische Opposition im Land sowie für die Spionageabwehr über potenzielle Angehörige des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR im Iran.[1.6] Der BND versprach sich, aus der Operation eine DDR-Quelle zu rekrutieren, weshalb für die Operation anfänglich von der Abteilung I (Beschaffung), Unterabteilung I A (Nachrichtendienstliche Führung), Referat I A 3 (Anbahnung) zuständig war.[1.7] Da der BND nicht im gleichen Umfang Erkenntnisse an den Iran geben konnte, wie er Informationen aus der Operation erhielt, glich er dieses durch intensivierte Ausbildungshilfe für den SAVAK aus.[1.8] Diese war bereits 1963 begonnen worden; bis 1969 wurde im Schnitt jährlich ein Lehrgang durchgeführt.[1.1]
Ursprünglich sollte der SAVAK die Verschriftlichung der Tonbänder übernehmen, scheiterte aber an unzureichenden Deutsch-Kenntnissen und den ostdeutschen Dialekten. Deshalb hatte die Operation nach über einem Jahr noch keine nennenswerten Informationen erbracht.[1.9] Am 13. November 1974 trat der neue BND-Resident Waldemar Markwardt seinen Dienst in Teheran an, der die Operation vor Ort beaufsichtigte. Markwardt war zuvor langjähriger Referatsleiter Operative Beschaffung Sowjetunion gewesen[1.10] und veröffentlichte 1996 ein Buch über seine Erfahrungen im BND.[2] Er verlieh der Operation mehr Nachdruck.[1.10]
Im Juni 1975 wurde ein Sachbearbeiter aus der Post- und Fernmeldekontrolle (Referat I D 2) zur Auswertung der Tonbänder dauerhaft nach Teheran entsandt.[1.11] Dieser erhielt täglich die Tonbänder in seiner vom SAVAK gestellten Unterkunft und verfasste Eingangsmeldungen für die Auswertung. Bis November 1975 übermittelte er 26 Meldungen, wovon die Auswertung ein Drittel als wertvoll bewertete;[1.12] das System zum Wert des Meldungsinhalts umfasste die Stufen sehr wertvoll, wertvoll, verwertbar, gering und keine.[1.5] Von den im Zeitraum 1. Januar 1978 bis 9. Februar 1979 insgesamt 230 bewerteten Meldungen wurden 50 mit wertvoll bewertet. Markwardt wurde später als BND-Resident von Günter vom Hagen abgelöst,[1.13] dem nach nur kurzer Stehzeit (er war einerseits mit seiner Verwendung unzufrieden, überschätzte andererseits jedoch seine „eigene Leistung grotesk“) Anfang April 1977 Eduard Leik[1.14] und zuletzt bis 1979 Rainer Elbertzhagen folgte.[1.15] Die bundesdeutschen Botschafter im Iran waren nicht in die Operation eingeweiht.
Der BND hielt auch in der Islamischen Revolution bis zuletzt an dem Aufkommen fest. Der SAVAK übergab, auch als er zunehmend unter Druck geriet, noch täglich Tonbänder. Die letzte Meldung wurde am 9. Februar 1979 abgesetzt; am 12. Februar 1979 stellte der SAVAK seine Gesamttätigkeit ein, womit auch die Operation beendet war.[1.16] Ein Rückbau der akustischen Raumüberwachungsvorrichtungen, anhand derer eine Beteiligung des BND hätte ersichtlich werden können, war nicht mehr möglich. Die BND-Residentur wurde am 19. Februar 1979 evakuiert; Elbertzhagen wurde jedoch erst Anfang April 1979 zurückbeordert.[1.17]
Bewertung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Operation Vogelkäfig gilt als eine der erfolgreichsten BND-Beschaffungsoperationen in der zweiten Hälfte des Kalten Krieges.[1.10] Der DDR-Aufklärung galt spätestens ab Ende der 1960er Jahre die höchste Priorität.[1.7] Diese war auch im Rahmenplan für die Aufklärung festgeschrieben.[1.18] Seit dem Bau der Berliner Mauer 1961 war die Beschaffung durch menschliche Quellen jedoch stark erschwert.[1.11] Zwar konnte das nachrichtendienstliche Aufkommen Anfang der 1970er Jahre durch Meldungen des Befragungswesens (Hauptstelle für Befragungswesen) und die Erfassung unverschlüsselter Verkehre des Richtfunk-Netzes der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands der DDR mit der Operation Laus gesteigert werden, jedoch umfassten diese vorwiegend Stimmungen und Meinungen der DDR-Bevölkerung bzw. parteiinterne Äußerungen.[1.18] Mit der Operation Vogelkäfig konnten hingegen wertvolle Erkenntnisse zur DDR-Außenpolitik und auch zur DDR-Wirtschaftspolitik gewonnen werden. Ebenso fiel Aufkommen zur Politik und Wirtschaft im Nahen und Mittleren Osten an. Ausgangsmeldungen der Auswertung an die politischen Abnehmer zu den bilateralen Beziehungen zwischen der DDR und dem Iran beruhten häufig ausschließlich aus Aufkommen der Operation Vogelkäfig. Die Erkenntnisse fanden auch Verwendung in Beiträgen für die wöchentliche ND-Lage (Nachrichtendienstliche Lage) im Bundeskanzleramt als Format der Spitzenberichterstattung.[1.19] Die Bedeutung der Operation zeigte sich auch an dem langen Festhalten in den Revolutionswirren Anfang 1979. Noch zuletzt konnten Erkenntnisse über die Absichten der DDR und der Sowjetunion in der Phase des revolutionären Umbruchs gewonnen werden. Das Ziel, eine DDR-Quelle aus dem Botschaftsumfeld anzuwerben, wurde indes nicht erreicht. Im Gegensatz zur Zusammenarbeit von Bundesamt für Verfassungsschutz und SAVAK konnte die Operation Vogelkäfig gegenüber der Öffentlichkeit lange geheim gehalten werden.[1.20] Mit ihr beschäftigte sich am 19. März 1980 die Parlamentarische Kontrollkommission. Der BND bewertete sie als „äußerst wertvoll“. Sie habe einen „anderweitig nicht beschaffbaren Einblick“ gegeben und bildete einen „nicht ersetzbaren Anteil am Gesamtkomplex der DDR-Aufklärung“.[1.21][1.22]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Florian Flade: Operation „Vogelkäfig“. In: Verschlusssache: Über Spionage, Terrorismus und Sicherheitspolitik. 2. März 2026.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Johannes A. Meyer: Der BND, der SAVAK und die Operation „Vogelkäfig“. In: Rüdiger Bergien, Jens Gieseke, Jakob Mühle (Hrsg.): Der BND nach Gehlen: DDR-Spionage – Personal – Wissensproduktion 1968 bis 1990. Ch. Links Verlag, Berlin 2025, ISBN 978-3-96289-243-2, S. 225–283.
- ↑ Waldemar Markwardt: Erlebter BND – Kritisches Plädoyer eines Insiders. Anita Tykve Verlag, Berlin 1996, ISBN 978-3-925434-87-7