Opioidkrise in den USA

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Todesfälle durch Überdosis durch Opioide, USA, 2000–2017. Tote pro 100,000 Personen.[1]

Unter der Opioidkrise oder Opioid-Epidemie[2] (englisch opioid crisis oder opioid epidemic) versteht man den starken Anstieg der Zahl von Drogenabhängigen und Todesfällen im Zusammenhang mit dem Missbrauch von Opioid-Schmerzmitteln in den Vereinigten Staaten. Der größte Teil von ihnen war von legalen Opioiden abhängig geworden, die ihnen zuvor verschrieben worden waren.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahl der durch Opioide Verstorbenen in den USA, im Zeitraum von 1999 bis 2017

Am Anfang des Phänomens stand das verschreibungspflichtige Schmerzmittel Oxycontin, das die Familie Sackler mit ihrem Unternehmen Purdue Pharma 1996 auf den Markt gebracht und aggressiv beworben hat, als schmerzstillend und vermeintlich harmlos.[3] Dass bereits in den 1920er Jahren die Suchtproblematik (Eukodalismus) bekannt war, wurde erfolgreich verdrängt. Purdue und andere Pharmaunternehmen erreichten zudem durch Lobbyarbeit und aggressives Marketing, dass Opioide, die zuvor vorwiegend bei Schwerkranken und Sterbenden angewendet worden waren, in den USA nun auch bei alltäglichen Schmerzen verschrieben wurden.[4] Der starke Anstieg der Zahl der Drogentoten war in den USA einer der Gründe dafür, dass die durchschnittliche Lebenserwartung seit 2015 erstmals seit dem Ersten Weltkrieg sinkt.[5]

Opioide greifen massiv in die Hirnchemie ein und können rasch zu einer Abhängigkeit führen. Durch Überdosierungen kommt es zu zahlreichen Todesfällen, da die Opioide das Atemzentrum beeinflussen und lähmen können. Die fraglichen Medikamente sind etwa Oxycodon (Handelsname Oxycontin oder Percocet), Tramadol, Hydrocodon (Handelsname Vicodin).[6] Vielfach stiegen Menschen auf das billigere Opioid Heroin (Diacetylmorphin) sowie auf Fentanyl um, deren Missbrauch daher in den letzten Jahren wieder stark zugenommen hat.[7] Der größte Teil von ihnen war von legalen Opioiden abhängig geworden, die ihnen zuvor verschrieben worden waren.

Von 2006 bis 2012 wurden etwas mehr als 76 Milliarden opioidhaltige Schmerztabletten in den USA von den Pharmafirmen an den Markt ausgeliefert.[8] Gehandelt wurden diese im selben Zeitraum in 360 Millionen Transaktionen. Die aktivsten Produzenten waren die Firma SpecGx (38 Prozent Marktanteil), gefolgt von Actavis Pharma, Par Pharmaceutical und Purdue (3,2 % Marktanteil). Sechs Firmen teilten sich im selben Zeitraum drei Viertel des US-Vertriebsgeschäfts: McKesson, Walgreens, Cardinal Health, AmerisourceBergen, CVS Health und Walmart.[8] Die Opioidkrise in den USA nahm ein solches Ausmaß an, dass Präsident Donald Trump am 26. Oktober 2017 den medizinischen Notstand ausrief. Er stellte allerdings kaum zusätzliche finanzielle Mittel für die Bekämpfung des Problems zur Verfügung.[9]

Entwicklung der Todesfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Aussagen der Drug Enforcement Administration (DEA) erreichten die Todeszahlen durch Überdosen 2015 die Ausmaße einer Epidemie.[10] Bereits zwischen 1999 und 2008 stiegen die Zahl der Todesfälle durch Überdosen, der Verkauf und der Missbrauch von Schmerzmitteln stark an. Waren es im Jahr 1999 etwa 4.000, stieg die Zahl der Todesfälle bis in das Jahr 2010 auf 16.000 an.

Im Jahr 2016 starben 64.000 Menschen (davon 42.249 durch Opioide) in den USA an einer Überdosis.[11] Seit jenem Jahr kam es bisher in den USA jährlich zu mehr Todesfällen durch Opioide als durch Autounfälle und Waffen.[12] Nach Angaben der CDC stieg die Zahl der Opfer 2017 nochmals um 10 % auf 72.287.[13]

Eine Drogen-Überdosis ist bei Amerikanern unter 50 Jahren die häufigste Todesursache, wobei hiervon zwei Drittel der Todesfälle inzwischen durch Opioide verursacht werden.[14] Dies hat dazu beigetragen, dass die mittlere Lebenserwartung in den USA in den letzten Jahren gesunken ist. Anders als früher ist die Drogensucht nicht mehr vorwiegend auf soziale Brennpunkte in Großstädten beschränkt, sondern betrifft vor allem die Mittelschicht in der amerikanischen Provinz. Als Hauptgrund wird die allzu leichtfertige Verschreibung von Opioiden zur Schmerzbekämpfung angenommen.

Viele der Todesfälle gehen auf das sehr stark wirksame Fentanyl zurück, das ebenso wie Heroin meist über Mexiko in die USA geschmuggelt wird. Im Unterschied zu Heroin wird es zunehmend auch vor Ort synthetisiert. Fentanyl wird immer öfter verwendet, um das weniger starke Heroin zu strecken. Durch die weitaus höhere Wirksamkeit der Mischung kommt es häufig zu unbeabsichtigten Überdosen. Im März 2017 erklärte der Gouverneur von Maryland in seinem Bundesstaat den Notstand, um die Krise zu bekämpfen, im Juli 2017 wurde die Krise als größte Herausforderung für die Food and Drug Administration (FDA) bezeichnet.

Aufarbeitung vor Gericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2007 wurden Purdue Pharma und drei Manager für die aggressive Vermarktung von Oxycontin in einem Vergleich zu einer Strafzahlung von 634,5 Millionen US-Dollar verurteilt.[15] 2019 verklagte als erster US-Bundesstaat Massachusetts acht Mitglieder der Pharmaunternehmer-Familie Sackler.[16][17] In einer Sammelklage von US-Kommunen vor dem Bezirksgericht in Cleveland werden Walmart, Purdue, Mallinckrodt, CVS, Cardinal und anderen vorgeworfen, die Kommunen aus Profitgier vorsätzlich mit opioidhaltigen Schmerztabletten „überschwemmt“ zu haben. Die Kläger berufen sich unter anderem auf den Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act (RICO).[8] Purdue Pharma (270 Mio. USD) und Teva (85 Mio. USD) leisteten vor Prozessbeginn Vergleichszahlungen, so dass deren Strafverfahren eingestellt wurden.[18]

Im August 2019 verurteilte ein Gericht im US-Bundesstaat Oklahoma den Pharmakonzern Johnson & Johnson in Zusammenhang mit der Opioidkrise zu einer Entschädigungszahlung in Höhe von 572 Millionen Dollar.[19]

Im US-Bundesstaat Ohio wendeten die Pharmakonzerne McKesson, AmerisourceBergen und Cardinal Health im Oktober 2019 eine weitere juristische Aufarbeitung durch einen Vergleich ab.[20]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dokumentarfilm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Drug-related death statistics – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Data Overview. Drug Overdose. CDC Injury Center, Centers for Disease Control and Prevention 2016.
  2. Marc Pitzke: Pharma-Dynastie Sackler Der Drogen-Clan, Spiegel online, 18. Februar 2019
  3. Das Mittel hinter Amerikas Schmerz, NZZ 10. März 2018
  4. How OxyContin became America's most widely abused prescription drug. Abgerufen am 16. September 2019.
  5. Lebenserwartung sinkt weiter, Pharmazeutische Zeitung, vom 30. November 2018
  6. WHO Informationsblatt
  7. Dave Davies: Fentanyl As A Dark Web Profit Center, From Chinese Labs To U.S. Streets. Abgerufen am 30. September 2019 (englisch).
  8. a b c SPIEGEL ONLINE: US-Opioidkrise: Pharmakonzerne liefern mehr als 76 Milliarden süchtig machende Pillen aus. Abgerufen am 31. Juli 2019.
  9. Jakob Simmank: Opioid-Krise: Der Notstand wird die Schmerzmittelsucht nicht beenden. In: Zeit online. 11. August 2017, abgerufen am 28. Juli 2018.
  10. DEA Report (Memento des Originals vom 20. Februar 2017 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.dea.gov (PDF)
  11. Drug Overdose Deaths | Drug Overdose | CDC Injury Center. 30. August 2019, abgerufen am 30. September 2019 (amerikanisches Englisch).
  12. SPIEGEL ONLINE: Die Opioid-Krise kommt nach Deutschland. Abgerufen am 30. September 2019.
  13. Erin Durkin: US drug overdose deaths rose to record 72,000 last year, The Guardian, 16. August 2018, abgerufen am 15. Dezember 2018
  14. Josh Katz: Drug Deaths in America Are Rising Faster Than Ever. In: The New York Times. 5. Juni 2017, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 26. Juli 2019]).
  15. Reuters: Purdue Frederick pleads guilty in OxyContin case, abgerufen am 2. August 2018
  16. Barry Meier: Sackler Scion’s Email Reveals Push for High-Dose OxyContin, New Lawsuit Disclosures Claim In: The New York Times vom 31. Januar 2019
  17. Purdue Pharma Family Had Heavy Hand in Opioid Marketing, Complaint Says In: Wallstreet Journal vom 15. Januar 2019
  18. Johnson & Johnson: US-Pharmakonzern wegen Opioid-Krise verurteilt. Zeit online vom 27. August 2019.
  19. Johnson & Johnson wegen falscher Vermarktung von Schmerzmitteln verurteilt, Spiegel Online, 26. August 2019.
  20. Opioid-Krise in den USA: Pharmariesen wenden Schmerzmittel-Prozess durch Vergleich ab. In: Spiegel Online. 21. Oktober 2019 (spiegel.de [abgerufen am 21. Oktober 2019]).