Oráculo manual y arte de prudencia
Oráculo manual y arte de prudencia (Handorakel und Kunst der Klugheit), 1647 veröffentlicht, ist ein literarisches Werk, das zur didaktischen Prosa von Baltasar Gracián gehört. In dreihundert kommentierten Aphorismen bietet es eine Reihe von Regeln, um in einer komplexen und krisenhaften Gesellschaft – wie sie im Barock herrschte und in welcher der Autor lebte – erfolgreich zu sein.

Diese von Gracián verfasste Kunst der Klugheit ist bis heute gültig, wie die Tatsache beweist, dass eine englische Version mit dem Titel The Art of Worldly Wisdom: A Pocket Oracle,[2] die als Selbsthilfehandbuch für Führungskräfte angeboten wurde, im angelsächsischen Raum über fünfzigtausend Mal verkauft wurde.[3]
Das Oráculo manual gibt dem Menschen, wie auch andere Abhandlungen Graciáns, Ratschläge, wie er klug, intelligent und umsichtig werden kann. In diesem Werk fasst Gracián viele Grundsätze seiner früheren Werke zur Moralphilosophie prägnant zusammen.

Merkmale des Werkes
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Werk wurde 1647 in Huesca unter dem irreführenden Untertitel den Aphorismen von Lorenzo Gracián entnommen (ein Pseudonym, das er benutzte, um die vorherige Zensur des Jesuitenkollegs zu umgehen) veröffentlicht. Einige Kritiker vermuteten daher, das Buch sei eine bloße Sammlung von Aphorismen aus seinen früheren Werken. Ein gründlicher Vergleich zeigt jedoch, dass der Anteil der Aphorismen aus El Héroe, El Político oder El Discreto 25 % nicht erreicht.[4] Die Kommentierung einiger aus den eigenen Werken entnommener Aphorismen war ein Vorgehen, das den Klassikern der Antike vorbehalten war oder zumindest Autoren von anerkanntem Prestige, die normalerweise bereits verstorben waren. Dass Gracián teilweise eine Anthologie seiner eigenen Zitate erstellte, zeigt, dass er sich selbst in die Riege der Autoren einreihte, die den literarischen Kanon der damaligen Zeit bildeten. Auf dem Titelblatt des Buches heißt es, es sei von Don Vincencio Juan de Lastanosa veröffentlicht worden (Publicala Don Vincencio Juan de Lastanosa), und da, wie erwähnt, angenommen wurde, dass die Abhandlung eine vermeintliche Anthologie darstelle, wurde spekuliert, ob nicht der Mäzen aus Huesca der Kompilator dieser Aphorismensammlung gewesen sei. Gegenwärtig steht es außer Zweifel, dass Baltasar Gracián der alleinige Urheber dieses Werkes war.[5]
Die zweiteilige Wortgruppe oráculo manual y arte de prudencia fungiert als Antithese, denn oráculo hat die Bedeutung eines von der Gottheit ausgehenden Geheimnisses, und das Adjektiv manual, das heißt, was in die Hand passt, steht für einen praktischen und tragbaren Gebrauch. Der zweite Teil des Titels, arte de prudencia, verweist auf die Bedeutung von Kunst (arte) seit dem späten Mittelalter als Regeln und Vorschriften, um Dinge richtig zu tun, wie im Diccionario de Autoridades festgehalten. Dem gegenüber steht jedoch die prudencia (Klugheit), die keine festen und universellen Regeln für das menschliche Verhalten zulässt. Dennoch ist klar, dass es sich um ein Buch mit Ratschlägen und Regeln für das Verhalten handelt, das aus der Tradition der Fürstenspiegel hervorgeht, sich nun jedoch an alle Menschen richtet. Diese Kunst der Klugheit wird so zur Verhaltensnorm, um im Alltag erfolgreich zu sein.
Nicht weniger neuartig ist die Form des Orakels, da auf die Argumentation und die Veranschaulichung mit historischen Fällen, die in ähnlichen Abhandlungen üblich gewesen waren, verzichtet wird. Damit wird das durch die Geschichte gestützte Autoritätsargument aufgegeben. Die Beobachtung der Welt und die Anwendung dieser Ratschläge in der Praxis sind nun die Garanten für die Nützlichkeit dieser Sammlung von Regeln und Ratschlägen zur Klugheit, die universell anwendbar und durch empirische Nutzung bewährt sind.
Das Orakel hat nicht nur Literaturfreunde interessiert. Denker und Philosophen von der Zeit seiner Veröffentlichung bis heute haben sich damit befasst; besonders Arthur Schopenhauer, dessen Interesse an diesem kleinen Werk ihn sogar dazu bewegte, Spanisch zu lernen, um es ins Deutsche zu übersetzen. Bis vor kurzem war Schopenhauers Übersetzung die am weitesten verbreitete in dieser Sprache.
Die Kunst der Klugheit von Gracián weist keine definierte Struktur auf, obwohl einige Konstanten klar erkennbar sind, die es ermöglichen, durch die dreihundert Aphorismen, aus denen es besteht, ein überlegt definiertes Gedankensystem zu entwerfen, selbst in seinen Widersprüchen. Viele der Aphorismen tragen die Überschrift „Wissen + Infinitiv“, eine verbale Umschreibung, die auf Verhaltensregeln hinweist, die zum Erfolg führen können. So wären: „saber hacerse a todos“ (wissen, wie man mit allen zurechtkommt) (Aphorismus 77), „saber declinar a otro los males“ (wissen, wie man Übel auf andere abwälzt) (149), „saber vender sus cosas“ (wissen, wie man seine Dinge verkauft) (150), „saber sufrir necios“ (wissen, wie man Narren erträgt) (159), „saber pedir“ (wissen, wie man bittet) (235), „saber un poco más y vivir un poco menos“ (ein bisschen mehr wissen und ein bisschen weniger leben) (247) oder „saber olvidar“ (wissen, wie man vergisst) (262), Beispiele für ein notwendiges Lernen, um sich in einer komplexen und sich wandelnden Gesellschaft angemessen zu verhalten. Es handelt sich letztendlich um eine Art Marketing des 17. Jahrhunderts, um ein praktisches Wissen. Auch in den Erläuterungen zu den Aphorismen, die genauer erklären, worin jede dieser Kenntnisse besteht, werden Hinweise auf die Nutzlosigkeit von Wissen gegeben, das keine praktische Anwendung hat. Für Gracián muss alles Wissen darauf abzielen, „zu wissen, wie man lebt“, eine Wissenschaft, die damals Moralphilosophie genannt wurde. Intelligenz besteht für Gracián darin, zu wissen, wie man aus jeder Situation unbeschadet hervorgeht, so sagt er: „no se vive si no se sabe“ (man lebt nicht, wenn man nicht weiß) (Aphorismus 15 und 247), „hasta el saber ha de ser al uso“ (sogar das Wissen muss für den Gebrauch sein) (120) oder „Algunos comienzan a saber por lo que menos importa y los estudios de crédito y utilidad dejan para cuando se les acaba el vivir“ („Wieder Andre fangen damit an, das zu lernen, woran wenig gelegen ist, und schieben die Studien, von welchen sie Ehre und Nutzen hoffen, für das Ende ihres Lebens auf.“[6]) (249). Ein gutes Beispiel dafür ist der Aphorismus 232:
„[…] Sehr weise Leute sind meistens leicht zu betrügen: denn obgleich sie das Außerordentliche wissen; so sind sie mit dem Alltäglichen des Lebens unbekannt, welches doch notwendiger ist. […] Wozu dient das Wissen, wenn es nicht praktisch ist? und zu leben verstehn, ist heut zu Tage das wahre Wissen.“
Ausgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Erstausgabe
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ORÁCULO/ MANUAL,/ Y/ ARTE DE PRUDENCIA./ SACADA/ DE LOS AFORISMOS/ QUE SE DISCURREN/ En las obras de/ LORENÇO GRACIÁN./ PUBLICALA/ D. VINCENCIO/ IVAN DE LASTANOSA,/ I la dedica/ Al Excelentíssimo Señor/ D. LUIS MÉNDEZ/ DE HARO,/ CONDE DUQUE. /Con licencia: Impresso en/ Huesca, por Iuan No-/gues. Año 1647.
Neuere Ausgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Oráculo manual y arte de prudencia, edición crítica y estudio preliminar de Miguel Romera-Navarro, Madrid, CSIC, 1954 (RFE, Anejo LXII), xxxix+656pp. (reed. 200312) ISBN 84-00-08180-3
- Oráculo manual y arte de prudencia, estudio introductorio y reorganización de aforismos de Benito Pelegrín, Zaragoza, Guara, 1983. ISBN 84-85303-94-6
- Oráculo manual y arte de prudencia, edición, introducción, y bibliografía de Emilio Blanco, Madrid, Ediciones Cátedra (Letras Hispánicas, 395), 1995, 262 pp. ISBN 84-376-1349-3
- Oráculo manual y arte de prudencia, edición facsímil de la primera edición, prólogo de Aurora Egido, Zaragoza, Diputación General de Aragón-Institución Fernando el Católico, 2001. ISBN 84-7820-342-7
- El arte de prudencia, edición adaptada de carácter divulgativo y prólogo de Emilio Blanco, Barcelona, Ariel (Quintaesencia, 1), 2012. ISBN 978-84-344-0096-2
Deutsche Übersetzungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Balthasar Gracián: L’homme de cour, oder, Balthasar Gracians Vollkommener Staats- und Welt-Weise, mit chur-sächsischer Freyheit [Übersetzung der franz. Ausgabe von Amelot de la Houssaie durch Johann Leonhard Sauter], Adam Gottfried Kromeyer, Leipzig 1686 (Digitalisat der ULB).
- Balthasar Gracián: Oracul, das man mit sich führen, und stets bey der hand haben kan. Das ist; Kunst-Regeln der Klugheit/ vormahls von Mr. Amelot de la Houssaye unter dem titel, L’Homme de Cour ins Französische, anietzo aber Aus dem Spanischen Original/ welches durch und durch hinzu gefüget worden, ins Deutsche übersetzet, mit neuen Anmerckungen/ In welchen die maximen des Autoris aus den Principiis der Sitten-lehre erklähret und beurtheilet werden von August Friedrich Müllern. Caspar Jakob Eyssel, Leipzig 1715 (Digitalisat auf HathiTrust’s digital library); eine zweite Auflage erschien 1733 (Digitalisat auf Google Books).
- Balthasar Gracián: Handorakel und Kunst der Weltklugheit. Aus dessen Werken gezogen von D. Vincencio Juan de Lastanosa und aus dem spanischen Original treu und sorgfältig übersetzt von Arthur Schopenhauer. Hrsg. von Arthur Hübscher. Reclam, Stuttgart 1990 u. ö. – Digitalisat (Exemplar der BSB) der zweiten Auflage der Erstausgabe, F. A. Brockhaus, Leipzig 1871
- Baltasar Gracián: Baltazar Gracian's Orakel der Weltklugheit. Aus dessen Werken gezogen von Don Vincencio Juan de Lastanosa, und aus dem Spanischen Original treu und sorgfältig übersetzt von Arthur Schopenhauer. F.A. Brockhaus, Dritte unveränderte Auflage, Leipzig, 1877 (Digitalisat auf Google Books)
- Baltasar Gracián: Gracian's Orakel der Weltklugheit. Aus dessen Werken gezogen von D. Vincencio Juan de Lastanosa, und aus dem Spanischen Original treu und sorgfältig übersetzt von Arthur Schopenhauer. Philipp Reclam jun., 1890 (Digitalisat auf Projekt Gutenberg-DE)
- Baltasar Gracián: Handorakel und Kunst der Weltklugheit. Hrsg.: Hans Ulrich Gumbrecht. Reclam, Ditzingen 2020, ISBN 978-3-15-010927-4
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- BATLLORI, Miguel y PERALTA, Ceferino: Baltasar Gracián en su vida y en sus obras, Zaragoza, Institución Fernando el Católico-CSIC, 1969.
- DOMÍNGUEZ LASIERRA, Juan: «El año en que Gracián fue "best-seller" en los USA», Turia, 54 (noviembre de 2000), pp. 149–154.
- EGIDO, Aurora: La rosa del silencio. Estudios sobre Gracián, Madrid, Alianza (Alianza Universidad, 851), 1996.
- HEGER, Klaus: Baltasar Gracián. Estilo y doctrina, Zaragoza, Inst. Fernando el Católico, s. a. [¿1982?]
- HIDALGO-SERNA, Emilio: El pensamiento ingenioso en Baltasar Gracián. El «concepto» y su función lógica, Barcelona, Anthropos (Autores, Textos y Temas, Humanismo, 2), 1993.
- MORALEJA, Alfonso (ed. y coord.): Gracián Hoy, Madrid, Cuaderno Gris (nº 1, época III, monográficos, nov. 1944-junio de 1995).
- VALENTE, J.A., «El Oráculo manual y el arte de la persona», en: Creación. Estética y teoría de las artes, 1990, pp.98–101.
- VV. AA.: Gracián y su época. Actas de la I Reunión de Filólogos Aragoneses, Zaragoza, Institución Fernando el Católico, 1986.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ ORÁCULO/ MANUAL,/ Y/ ARTE DE PRUDENCIA./ SACADA/ DE LOS AFORISMOS/ QUE SE DISCURREN/ En las obras de/ LORENÇO GRACIÁN./ PUBLICALA/ D. VINCENCIO/ IVAN DE LASTANOSA,/ I la dedica/ Al Excelentíssimo Señor/ D. LUIS MÉNDEZ/ DE HARO,/ CONDE DUQUE. /Con licencia: Impresso en/ Huesca, por Iuan No-/gues. Año 1647.
- ↑ Christopher Maurer, The Art of Worldly Wisdom: A Pocket Oracle, New York, Currency and Doubleday, 1992.
- ↑ Juan Domínguez Lasierra, «El año en que Gracián fue "best-seller" en los USA», Turia, 54 (noviembre de 2000), pp. 149–154.
- ↑ Miguel Romera-Navarro, edición crítica y estudio preliminar a su edición del Oráculo manual, Madrid, CSIC, 1954 (RFE, Anejo LXII), págs. I-XXXIX
- ↑ Miguel Romera-Navarro, edición crítica y estudio preliminar a su edición del Oráculo manual, Madrid, CSIC, 1954 (RFE, Anejo LXII), págs. I-XXXIX
- ↑ Baltasar Gracián: Baltazar Gracian's Orakel der Weltklugheit. Aus dessen Werken gezogen von Don Vincencio Juan de Lastanosa, und aus dem Spanischen Original treu und sorgfältig übersetzt von Arthur Schopenhauer. F.A. Brockhaus, Dritte unveränderte Auflage, Leipzig, 1877, S. 160 (Digitalisat auf Google Books)