Orchomenos

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Gemeinde Orchomenos
Δήμος Ορχομενού (Ορχομενός)
Orchomenos (Griechenland)
Bluedot.svg
Basisdaten
Staat: Griechenland
Region: Mittelgriechenland
Regionalbezirk: Böotien
Geographische Koordinaten: 38° 30′ N, 22° 59′ OKoordinaten: 38° 30′ N, 22° 59′ O
Fläche: 436,41 km²
Einwohner: 11.621 (2011[1])
Bevölkerungsdichte: 26,6 Ew./km²
Sitz: Orchomenos
LAU-1-Code-Nr.: f11
Gemeindebezirke: 2 Gemeindebezirke
Lokale Selbstverwaltung: f121 Stadtbezirk
10 Ortsgemeinschaften
Website: www.orchomenos.gr
Lage in der Region Mittelgriechenland
Datei:2011 Dimos Orchomenou.png
f9f10f8

Orchomenos (Aussprache: [ɔrxɔmɛˈnɔs], neugriechisch Ορχομενός) ist eine Stadt in Böotien (Mittelgriechenland), gelegen am Fluss Kifisos, am ehemaligen Nordwestufer des mittlerweile trockengelegten Sees Kopaïs, in den der Fluss früher mündete. In der Antike war sie Mitglied des Böotischen Bundes.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Überlieferungen nach wurde Orchomenos von Minyern bewohnt. Worum es sich bei diesem Volk handelte, ist unbekannt, denn in historischer Zeit sind sie als eigenständiger Stamm nicht mehr bezeugt. Erste Siedlungsspuren datieren in die Zeit um 6000 v. Chr. Feine graue Keramik aus mittelhelladischer Zeit (ca. 2000–1600 v. Chr.), die bei Ausgrabungen zu Tage trat, erhielt von Heinrich Schliemann die Bezeichnung minysche Keramik, angelehnt an die mythischen Bewohner Orchomenos. In der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr., während der sogenannten Palastzeit, war Orchomenos offenbar die Hauptstadt eines mykenischen Staates, dem wahrscheinlich u.a. auch Gla unterstand.[2] Spuren einer Palastanlage und vor allem das von Schliemann ausgegrabene Kuppelgrab von Orchomenos, auch „Schatzhaus des Minyas“ genannt, zeugen von Reichtum und Macht dieser Stadt. Im Jahr 1881 wurde Schliemann bei seinen Grabungen durch den Architekten und Bauforscher Ernst Ziller unterstützt.[3]

In den Perserkriegen stand Orchomenos nach der Schlacht an den Thermopylen auf Seiten der Perser. Nachdem die Perser bezwungen waren, war die politische Macht der Stadt geschwächt. Im Jahre 427/26 v. Chr. wurde Orchomenos durch ein schweres Erdbeben zerstört, wie Thukydides berichtet (Thuk. III 87,4). Im Krieg der benachbarten Thebaner mit den Spartanern stellte sich die Stadt auf die Seite der Spartaner – wiederum die Verlierer des Konfliktes. Im Jahr der Niederlage der Spartaner bei Leuktra (371 v. Chr.) wurde die Stadt zwar noch verschont, doch 364 v. Chr., also nur sieben Jahre später, wurde sie zerstört. Den Wiederaufbau verhinderten die Thebaner durch eine neuerliche Zerstörung der Stadt im Jahr 349 v. Chr. Von diesem Niederschlag erholte sich der Ort nicht wieder.

Unter Philipp II. von Makedonien, dem Vater Alexanders des Großen, wurde die Stadt wieder gefördert und wieder aufgebaut. Im Jahr 87 v. Chr. wurde der Ort dann von Sulla erobert und dem Römischen Reich einverleibt.

Danach blieb Orchomenos stets eine kleine, unbedeutende Stadt in Griechenland.

Mythologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orchomenos ist in vielen Mythen ein Ort von Bedeutung. So war der Ort Zufluchtsort für den neugeborenen Gott Dionysos, der als unehelicher Sohn des Zeus von dessen Frau Hera verfolgt wurde. König Athamas und dessen Frau Ino ließen den Jungen in Mädchenkleider stecken und im Frauengemach aufwachsen.

Bei Homer sind die Bewohner der Stadt reguläre Teilnehmer des Kriegszuges gegen Troja. Als ihre Heerführer werden der König Ialmenos und sein Bruder Askalaphos genannt.

In der Heraklessage taucht der König Erginos von Orchomenos als Unterdrücker der Stadt Theben auf. Herakles und König Amphitryon schlagen das Heer der Minyer, erschlagen den König Erginos und zerstören Stadt und Burg.

Auch in der Sage um Aktaion, dem von seinen eigenen Hunden zerrissenen Jäger, hat Orchomenos ihren Platz. Denn in der Nähe der Stadt war Aktaion zerrissen worden und suchte nun die Stadt und ihre Umgebung als Gespenst heim. Um die Stadt von der Plage zu befreien, so weissagte ein Orakel, mussten nicht nur die Überreste des Jägers gefunden und begraben werden, sondern auch eine Statue des Gespenstes aufgestellt werden. Beides geschah.

Bauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ruinen von Orchomenos vor den Ausgrabungen. Zeichnung von Edward Dodwell, vor 1821
antikes Theater in Orchomenos

Ein bienenkorbförmiges Gebäude, das sogenannte „Schatzhaus des Minyas“, wurde 1880 von Heinrich Schliemann während seiner ersten Grabungskampagne in Orchomenios freigelegt. Bei dem Gebäude handelt es sich allerdings nicht um ein Schatzhaus, sondern um die Reste eines Kuppelgrabs aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. Es kann sich in Größe mit dem Schatzhaus des Atreus in Mykene messen und weist auch bautechnisch sehr starke Parallelen zu diesem auf. Zur Zeit des Pausanias, im 2. Jahrhundert n. Chr., war es noch vollständig erhalten. In der Nähe dieses Tholos fand man in Gebäuderesten, die ebenfalls aus mykenischer Zeit stammen, Fragmente von Fresken mit Jagd- und Kriegerdarstellungen, die Parallelen zu ähnlichen Wandmalereien in den Palästen von Tiryns und Pylos offenbaren.[4]

In den Abhang des Hausberges Akontion gehauen, auf dessen Gipfel die Akropolis thronte, finden sich die Ruinen eines Theaters, das zum Teil in den Berg gehauen ist und 1972 ausgegraben wurde. Es stammt vermutlich aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Überreste der hellenistischen Stadtmauer sind weitere beeindruckende antike Hinterlassenschaften. Von dem bei Pausanias genannten Heiligtum der Chariten wurden bislang keine Spuren gefunden.[5]

Nach dem Sieg Sullas über Mithridates wurde bei dem Ort eine Siegesstele gesetzt, die vor kurzem wiederentdeckt wurde. Sie muss allerdings, so das Athener Kultusministerium, zunächst restauriert werden, bevor sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Byzantinische Kirchen

Die Kirche Koimisis tis Theotokou (griechisch Κοίμησις τῆς Θεοτόκου) wurde im Jahr 873 n. Chr. durch den Protospatharios Leon gestiftet und war ursprünglich Teil der Klosteranlage Panagia von Skripou. Ihr Grundriss vereinigt das überkuppelte griechische Kreuz mit der dreischiffigen Basilika (Bautyp). Die Außenwände enthalten eine große Zahl reichverzierter Spolien, die vermutlich aus den Ruinen des Charitentempels stammen.

Agios Nikolaos sta Kampia (griechisch Αγιος Νικόλαος στά Καμπιά = "in den Feldern") liegt außerhalb und gehörte ursprünglich zum Kloster Hosios Lukas. Die Kreuzkuppelkirche entstand in der Mitte des 11. Jahrhunderts und ist im Gegensatz zu den meisten byzantinischen Kirchen nicht aus Ziegelsteinen, sondern aus Marmorblöcken errichtet. Von der Ausstattung im Inneren sind nur die beiden frühbyzantinisch-korinthischen Säulenkapitelle erhalten. In der Krypta mit vier Pfeilern und ornamentierten Doppelbögen sind noch Wandmalereien zu erkennen.

Die kleine Kirche Agios Sozon wurde im 12. Jahrhundert erbaut.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erwin Freund: Orchomenos, in: Griechenland. Lexikon der historischen Stätten, hrsg. v. Siegfried Lauffer, München 1989, S. 492–494. ISBN 3-406-33302-8
  • J.A.O. Larsen: Orchomenus and the Formation of the Boeotian Confederacy in 447 B.C., in Classical Philology, Bd.55, 1960, S. 9–18.
  • Mogens Herman Hansen: Orchomenos, in: An Inventory of Archaic and Classical Poleis, hrsg. v. Mogens Herman Hansen & Thomas Heine Nielsen, Oxford 2004, S. 446–448. ISBN 0-19-814099-1
  • Reinhardt Hootz: Griechenland I Das Festland (Bildhandbuch der Kunstdenkmäler), Deutscher Kunstverlag München/Berlin 1982, S.440. ISBN 3-422-00375-4

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Orchomenos (Boeotia) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ergebnisse der Volkszählung 2011 beim Nationalen Statistischen Dienst Griechenlands (ΕΛ.ΣΤΑΤ) (Memento vom 27. Juni 2015 im Internet Archive) (Excel-Dokument, 2,6 MB)
  2. Birgitta Eder: Überlegungen zur politischen Geographieder mykenischen Welt, oder: Argumente für die überregionale Bedeutung Mykenes in der spätbronzezeitlichen Ägäis, in: Francesco Prontera (Hrsg.): GEOGRAPHIA ANTIQUA. Rivista di geografia storicadel mondo anticoe di storia della geografia. Leo S. Olschki, Florenz 2009, S. 26 ff.
  3. Ernst Meyer: Heinrich Schliemann, Kaufmann und Forscher. Zürich, Berlin, Göttingen 1969, S. 316.
  4. Sara A. Immerwahr, Aegean Painting in the Bronze Age, University Park London, The Pennsylvania State University Press (1990), S. 125–27, 132, 196-97.
  5. Pausanias 9,20,40.