Organisation Consul

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Die Organisation Consul (O. C.) war eine nationalistisch ausgerichtete und antisemitisch gesinnte terroristische Vereinigung während der Weimarer Republik. Die von Hermann Ehrhardt geführte paramilitärische Organisation war als regional gegliederter Geheimbund aufgebaut und versuchte, durch politische Morde das demokratische System der jungen Republik zu destabilisieren, mit dem Ziel, eine Militärdiktatur zu errichten und die Ergebnisse des Ersten Weltkriegs, insbesondere den Friedensvertrag von Versailles, zu revidieren.

Ursprung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die O. C. ging aus der Marine-Brigade Ehrhardt hervor, einem Freikorps, das 1920 offiziell aufgelöst worden war. Deren namengebender Kommandeur, Kapitän Hermann Ehrhardt, formierte die Organisation nach dem Scheitern des Kapp-Putsches aus den Reihen der Brigade. Aufgrund ihrer Herkunft war die O. C. eine militärisch organisierte Kadergruppe, deren Mitglieder sich zum größten Teil aus ehemaligen (Front-) Offizieren des Deutschen Heeres und der Kaiserlichen Marine sowie der Freikorps rekrutierten. Die O. C. wurde von Reichsregierung und Reichswehrführung zunächst geduldet, die mit ihr und ähnlichen Bünden hofften, die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrags unterlaufen zu können.[1]

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die O. C. verfügte über Verbindungsleute im gesamten Reich und konnte aus einem geschätzten Personalstamm von etwa 5.000 Mann schöpfen. Eines der bekanntesten Mitglieder war der spätere Schriftsteller Ernst von Salomon. Der Altersdurchschnitt der Mitglieder lag zwischen 20 und 30 Jahren. Ihre Motivation nährte sich aus einem antibürgerlichen Affekt und aus einem extremen Nationalismus. Außerdem spielten Antimarxismus und Antisemitismus eine Rolle: Die Satzung nannte als Ziel die „Bekämpfung alles Anti- und Internationalen, des Judentums, der Sozialdemokratie und der linksradikalen Parteien“. Juden waren von der Teilnahme ausgeschlossen, jedes Mitglied musste versichern, „deutscher Abstammung“ zu sein.[2]

Dieser Geheimbund operierte von München aus, was vom Münchner Polizeipräsidenten Ernst Pöhner stillschweigend geduldet wurde. Zur Tarnung hatte sie sich die Frontorganisation einer Holzhandelsgesellschaft geschaffen. In der Zentrale arbeiteten etwa 30 hauptamtliche Mitarbeiter unter der faktischen Leitung von Ehrhardts Stabschef Alfred Hoffmann. Die O.C. verfügte über sieben Oberbezirke (Hamburg, Hannover, Berlin, Frankfurt am Main, Dresden, Breslau, Tübingen) mit jeweils eins bis drei Bezirken. Weitere Bezirke waren geplant, ihre Einrichtung unterblieb aber wegen des Verbots der Organisation. Sie finanzierte sich durch illegalen Waffenhandel, unter anderem mit der Irisch-republikanischen Armee.[3] Über die O. C. betreute Ehrhardt ein ganzes Netzwerk weiterer paramilitärischer Organisationen. Mitglieder der O. C. nahmen 1920 am Abstimmungskampf in Oberschlesien und an der Niederschlagung des Dritten polnischen Aufstands teil, um die Abtretung des Gebiets an Polen zu verhindern.

Die Organisation spielte bei der Bildung der SA eine bedeutende Rolle, als 1921 der O. C.-Leutnant Hans Ulrich Klintzsch die militärische Führung der einstigen „Turn- und Sportabteilung der N.S.D.A.P.“ übernahm. Aus ihrem Mitgliederbestand kamen auch Julius Schreck und Joseph Berchtold, die späteren Leibwächter Adolf Hitlers.

Morde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 26. August 1921 wurde der bei den Rechten verhasste Zentrumspolitiker Matthias Erzberger bei Bad Griesbach im Schwarzwald von Heinrich Schulz und Heinrich Tillessen ermordet. Die Ermittlungen der Polizei führten schnell zu den Tätern und schließlich auch zur Organisation Consul, der die beiden angehört hatten. In einer deutschlandweiten Verhaftungswelle wurden nach weiteren Ermittlungen 34 Mitglieder der Organisation Consul verhaftet. Die meisten mussten jedoch schon bald wieder entlassen werden, da der Verdacht, die O. C. habe als Organisation den Mord an Erzberger geplant und durchgeführt, sich nicht ausreichend durch Beweise stützen ließ. Einige der Mitglieder wurden trotzdem wegen Mitgliedschaft in einem Geheimbund angeklagt.[4]

Am 24. Juni 1922 ermordeten Angehörige der O. C. den deutschen Außenminister Walther Rathenau. Einer der Mittäter war Ernst von Salomon, der seine Mitgliedschaft in seinem 1951 erschienenen autobiographischen Werk Der Fragebogen beschreibt. Auch für den Mordversuch an Philipp Scheidemann am 4. Juni 1922 waren Mitglieder der O. C. verantwortlich, wahrscheinlich ebenfalls für den Mord an Karl Gareis am 9. Juni 1921.[5]

Verbot und Nachfolgeorganisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Untersuchungen im Mordfall Matthias Erzberger wurde der Sitz der O. C. ausgehoben. Auf der Grundlage des am 21. Juli 1922 erlassenen Republikschutzgesetzes wurde die O. C. verboten. Als Nachfolgeorganisation wurde der Bund Wiking gegründet.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Mitglieder der O. C der SS unterstellt.[6] Sie wurden als „Helden des nationalen Widerstandes“ gefeiert, obwohl die O. C. tatsächlich in Konkurrenz zur NSDAP gestanden hatte. Ehrhardt war in München in den 1920er Jahren mehrfach mit Adolf Hitler aneinandergeraten, den er u. a. des Wortbruchs bezichtigte. Gleichzeitig gehörte Friedrich Wilhelm Heinz, einer der regionalen Führer der O. C., zum militärischen Widerstand des Jahres 1938. Es war vorgesehen, dass er bei einem geplanten Putsch Hitler verhaften und, wenn nötig, töten sollte. In der Bundesrepublik Deutschland war Friedrich Wilhelm Heinz dann der Leiter des Friedrich-Wilhelm-Heinz-Diensts.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfram Selig: Organisation Consul. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 5: Organisationen. De Gruyter Saur, Berlin 2012 ISBN 978-3-11-027878-1, S. 465 (abgerufen über De Gruyter Online).
  2. Wolfram Selig: Organisation Consul. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 5: Organisationen. De Gruyter Saur, Berlin 2012 ISBN 978-3-11-027878-1, S. 466 (abgerufen über De Gruyter Online).
  3. Martin Sabrow: Organisation Consul (O.C.), 1920-1922. In: Historisches Lexikon Bayerns, Zufgriff am 6. Februar 2016
  4. Zum Erzberger-Mord und der Verwicklung der O. C. vgl. Sabrow, Der Rathenaumord, S. 22–27.
  5. Wolfram Selig: Organisation Consul. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 5: Organisationen. De Gruyter Saur, Berlin 2012 ISBN 978-3-11-027878-1, S. 465 (abgerufen über De Gruyter Online).
  6. Wolfram Selig: Organisation Consul. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 5: Organisationen. De Gruyter Saur, Berlin 2012 ISBN 978-3-11-027878-1, S. 466 (abgerufen über De Gruyter Online).