Orgel der St.-Peter-und-Paul-Kirche (Cappel)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Orgel der St.-Peter-und-Paul-Kirche (Cappel)
Cappel 02.jpg
Allgemeines
Ort St.-Peter-und-Paul-Kirche
Orgelerbauer Arp Schnitger
Baujahr 1679–1680
Letzte(r) Umbau/Restaurierung 1977 durch Rudolf von Beckerath Orgelbau
Epoche Barock
Orgellandschaft zwischen Elbe und Weser
Technische Daten
Anzahl der Register 30
Anzahl der Pfeifenreihen 51
Anzahl der Manuale 2
Tontraktur Mechanisch
Registertraktur Mechanisch

Die Orgel der St.-Peter-und-Paul-Kirche in Cappel (Niedersachsen) wurde 1679–1680 von Arp Schnitger erbaut und gilt als die besterhaltene Schnitger-Orgel.[1] Die Orgel verfügt über zwei Manuale, Pedal und 30 Register, von denen 28 original sind. Weltberühmt wurde das Instrument durch Helmut Walchas Schallplattenaufnahmen der Orgelwerke Bachs (1950–1952).[2]

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neubau durch Schnitger 1679–1680[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Autographer Dispositionsentwurf von Schnitger
Spieltisch der Orgel in Cappel

Die Orgel entstand für die Hamburger Kirche St. Johannis (an der Stelle des heutigen Rathausmarktes).[3] Die Johanniskirche war Teil des von den Dominikanern begründeten Johannisklosters, welches seit der Reformation von der Gelehrtenschule des Johanneums genutzt wurde. Zu dessen bekannten Kantoren gehörten unter anderem Georg Philipp Telemann und Carl Philipp Emanuel Bach.

Der Vertragsabschluss erfolgte vermutlich 1679.[4] Schnitgers eigenhändiger Dispositionsentwurf wurde 1989 in Basedow wiederentdeckt. Von April bis Dezember 1680 wurde die Orgel mit Hauptwerk, Rückpositiv und Pedal in neun Monaten in Schnitgers Stader Werkstatt gebaut.[2] Das Pedal erhielt seinen Platz direkt hinter dem Hauptwerk-Gehäuse, das keine Rückwand aufwies.[5] Schnitger übernahm zehn Register aus der Vorgängerorgel, einem Instrument eines unbekannten Erbauers aus der Spätrenaissance (vermutlich aus dem Jahr 1567). So integrierte Schnitger alle tieferen Gedackt-Register in seine Orgel. Der reich geschmückte Prospekt knüpfte an das Aussehen des bisherigen Instruments an oder übernahm sogar Teile der alten Verzierung.[6] Das Schnitzwerk schuf der Hamburger Bildhauer Christian Precht.[7] Die zinnernen Prospektpfeifen sind neben denen aus Oederquart die einzigen von Schnitger, die vollständig erhalten sind und 1917 nicht für Rüstungszwecke abgetreten werden mussten.[8] Klanglich zeichnen sie sich durch einen eleganten und obertonreichen Klang aus.[1] Die polyphon konzipierten Mixturen spiegeln die Tradition der Renaissance-Mixturen ohne hohe Chöre im Diskant wider.[1] Aufgrund des Reichtums an gemischten Stimmen sind vielfältige Plenumklänge möglich. Dass Schnitgers Pedalmixtur (mit einem Terzchor) erhalten blieb, ist ungewöhnlich, da sie bei anderen Schnitger-Orgeln in der Regel dem Zeitgeschmack entsprechend später ersetzt wurden. Bemerkenswert ist auch die chromatische Aufstellung der Pfeifen auf der Pedallade.[9] Dass Schnitger Zungenregister aus älteren Instrumenten übernommen hat, ist ansonsten ungewöhnlich.[1] Insgesamt ist die originale Intonation Schnitgers weitgehend erhalten und wurde nicht wesentlich durch Umarbeitungen und Restaurierungen verändert.[10]

Überführung 1816 durch Wilhelmy[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johannes der Täufer mit zwei flankierenden Engeln
Unterer Abschluss des Rückpositivs

Im Zuge der französischen Besatzungszeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts diente die Klosterkirche als Magazin. Die Orgel wurde 1813 von Joachim Wilhelm Geycke abgebaut und ausgelagert und die Johanniskirche 1829, später das Kloster abgerissen. Die Orgel wurde von der Hamburger St. Petrikirche für 600 Reichstaler nach Cappel verkauft,[11] wo nach dem Kirchenbrand 1810 eine neue Kirche erbaut worden war (1815–1816), sich die Gemeinde aber keine neue Orgel leisten konnte. Eine Cappeler Delegation reiste am 16. Juni 1816 nach Hamburg, um die Orgel abzuholen.[12] Geycke und Johann Heinrich Wohlien verpackten die Orgel in Holzkisten, die von Hamburg nach Cuxhaven mit dem Schiff transportiert wurden. Am 29. Juni 1816 war die Überführung der Orgel abgeschlossen. Mit Johann Georg Wilhelm Wilhelmy (Stade) schloss man einen Kontrakt, in dem er sich verpflichtete, die Orgel für 385 Reichstaler wieder aufzubauen und einzurichten. Die Flammenornamente im Mittelturm wurden wahrscheinlich von Wilhelmy angebracht, ebenso wie der runde Giebel im Rückpositiv, der die herausragenden Pfeifen verdeckt, die aufgrund der höheren Aufstellung der Orgel in Hamburg nicht sichtbar gewesen waren. Wilhelmy ersetzte die sechs Keilbälge durch drei neue, die aber in der Bauweise denen von Schnitger ähnelten und eine vergleichbare, atmende Windversorgung garantierten.[5] Zusätzlich wurde Wilhelmy beauftragt, einen Zimbelstern einzubauen. Aufgrund der niedrigeren Deckenhöhe gegenüber Hamburg konnten die Christus- und Engelfiguren nicht mehr auf dem Hauptwerk platziert werden und fanden fortan auf dem Kanzelaltar Verwendung. Seitdem weist Johannes der Täufer, die mittlere Figur auf dem Rückpositiv, mit seinem Zeigefinger nicht mehr auf die Christusfigur, sondern ins Leere.[6] Bis 1927 wurden das Instrument durch verschiedene Orgelwerkstätten aus Stade gewartet, ohne dass Eingriffe in die Substanz erfolgten.

Restaurierungen im 20./21. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gambe spielender Engel

Im Jahr 1928 wies Christhard Mahrenholz in einem Gutachten auf die besondere Bedeutung der Orgel hin und empfahl eine Renovierung und Instandsetzung der zwischenzeitlich stillgelegten Register.[13] 1932 baute die Orgelwerkstatt P. Furtwängler & Hammer ein elektrisches Gebläse ein.[14]

1937 bis 1939 erfolgte eine erste Renovierung durch Paul Ott, der die ursprüngliche Disposition wiederherstellte: Im Pedal ersetzte man die später hinzugefügte Trompete 4′ durch ein Cornet 2′, versetzte die Sifflöte 1′ wieder in die 112′-Lage und machte die Veränderung des Tertians in eine hohe Rauschpfeife rückgängig. Allerdings wurde an den Zungenstimmen Veränderungen vorgenommen, indem die Belederungen entfernt und dafür die Schlitze verkleinert wurden.[2]

1976 bis 1977 wurde die Orgel von Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg) nach Heizungsschäden instand gesetzt und die historische Substanz gesichert. Eingegriffen wurde nur, um spätere Veränderungen an den originalen Zustand anzupassen oder rückgängig zu machen, wie beispielsweise die fehlende Belederung der Zungenkehlen. Auch wurde die nicht ursprüngliche gleichstufige Stimmung vorläufig beibehalten.[5] Die zwei verloren gegangenen Register Cimbel III und Cornet 2′ wurden rekonstruiert.[15] Im Jahr 2009 wurde die Balganlage von Beckerath restauriert und die Kirchenrückwand saniert.[16]

Disposition seit 1939 (= 1680)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

I Rückpositiv CDE–c3[Anm. 1]
Gedact 8′ R
Quintadena 8′ S
Principal 4′ S
Floit 4′ S
Octava 2′ S
Siffloit 112 S
Sesquialtera II S
Tertian II S
Scharff IV–IV S
Dulcian 16′ S
II Hauptwerk CDE–c3[Anm. 1]
Quintadena 16′ R
Principal 8′ S
Hollfloit 8′ R
Octava 4′ R
Spitzfloit 4′ S
Nasat 3′ R
Gemshorn 2′ R
Rauschpfeife II S
Mixtur V–VI S
Cimbel III B/S
Trompet 8′ S
Pedal CD–d1
Untersatz 16′ R[Anm. 2]
Octava 8′ R
Octava 4′ S
Nachthorn 2′ S
Rauschpfeife II S
Mixtur IV–VI S
Posaun 16′ S
Trompet 8′ R
Cornet 2′ B/S
S = Schnitger (1680)
R = Integration von Registern der Vorgängerorgel aus der Spätrenaissance (1567?)
B = Beckerath (1977)
Anmerkungen
  1. a b Mit gebrochener Oktave (Fis und Gis auf geteilten Obertasten).
  2. Aus Blei.

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 30 Register, 51 Pfeifenreihen
  • Windversorgung:
    • Winddruck: 68 mmWS
  • Traktur:
    • Tontraktur: Mechanisch
    • Registertraktur: Mechanisch
  • Stimmung:
    • Gleichstufige Stimmung (seit 1816)
    • Tonhöhe ca. 3/5 über a1 = 440 Hz

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Martin Balz: Göttliche Musik. Orgeln in Deutschland (= 230. Veröffentlichung der Gesellschaft der Orgelfreunde). Konrad Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2062-9, S. 46–47.
  • Dietrich Diederichs-Gottschalk: „Ich glaube nicht, daß es in Ihrem Lande eine bessere Orgel gibt“. Die Arp-Schnitger-Orgel in Cappel im Lande Wursten. In: Jahrbuch der Männer vom Morgenstern. 94, 2015, S. 229–311 (online, PDF-Datei).
  • Cornelius H. Edskes, Harald Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. Hauschild, Bremen 2009, ISBN 978-3-89757-326-0, S. 24–27, 152 f (Bildband der Arp-Schnitger-Gesellschaft und der Stichting Groningen Orgelland).
  • Gustav Fock: Arp Schnitger und seine Schule. Ein Beitrag zur Geschichte des Orgelbaues im Nord- und Ostseeküstengebiet. Bärenreiter, Kassel 1974, ISBN 3-7618-0261-7, S. 33–34.
  • Harald Vogel, Günter Lade, Nicola Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. Hauschild, Bremen 1997, ISBN 3-931785-50-5, S. 166–169, 331, 367.
  • Helmut Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. St. Petri und Pauli. Wagner, Hamburg 1977, ISBN 3-921029-52-X (online (PDF-Datei; 2,9 MB)).

Aufnahmen/Tonträger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Schnitger-Orgel in Cappel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 168.
  2. a b c Balz: Göttliche Musik. 2008, S. 46.
  3. Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 33.
  4. Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 8 (online) (PDF-Datei; 2,9 MB).
  5. a b c Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 169.
  6. a b Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 167.
  7. Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2009, S. 152.
  8. Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2009, S. 26.
  9. Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2009, S. 24.
  10. Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2009, S. 153.
  11. Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 34.
  12. Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 10 (online) (PDF-Datei; 2,9 MB).
  13. Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 11 (online) (PDF-Datei; 2,9 MB).
  14. Förderverein der Orgel in Cappel, abgerufen am 13. Februar 2017.
  15. Bericht von Beckerath (PDF-Datei; 4,8 MB), abgerufen am 15. März 2014.
  16. Nordsee-Zeitung vom 31. Januar 2010 (Memento vom 4. September 2012 im Webarchiv archive.is) (Archiv), abgerufen am 15. März 2014.

Koordinaten: 53° 43′ 39″ N, 8° 34′ 5″ O