Orgel von St. Pankratius (Neuenfelde)

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Orgel von St. Pankratius (Neuenfelde)
Orgel Neuenfelde.jpg
Allgemeines
Ort St. Pankratius
Orgelerbauer Arp Schnitger
Baujahr 1683–1688
Letzte(r) Umbau/Restaurierung 2015–2017 durch Wegscheider
Epoche Barock
Orgellandschaft zwischen Elbe und Weser
Technische Daten
Anzahl der Pfeifen 2068
Anzahl der Register 34
Anzahl der Pfeifenreihen 54
Anzahl der Manuale 2
Tontraktur Mechanisch
Registertraktur Mechanisch

Die Orgel von St. Pankratius in Neuenfelde wurde 1683–1688 von Arp Schnitger erbaut und ist seine größte zweimanualige Orgel. Das Instrument verfügt über 34 Register, von denen etwa die Hälfte noch original erhalten ist.

Blick auf die Orgelempore

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schnitger war eng mit Neuenfelde verbunden. Hier lernte er seine erste Frau kennen, die er 1684 heiratete. 1693 erwarb er den Hof seines Schwiegervaters Hans Otte in Neuenfelde und unterhielt neben Hamburg eine weitere Orgelwerkstatt, den so genannten „Orgelbauerhof“. Frühestens ab 1705 bis zu seinem Tode im Jahr 1719 wohnte in Neuenfelde, erbaute in St. Pankratius seinen Kirchenstuhl und wurde auch hier im Erbbegräbnis beigesetzt.

Neubau durch Schnitger 1683–1688[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als 1682 die Kirche neu errichtet wurde, lagerte Schnitger die alte Orgel aus und stellte sie im neuen Gotteshaus auf. Erst 1672–1673 hatte Hans Christoph Fritzsche eine neue Orgel mit 14 Registern gebaut, die nach Fritzsches Tod 1674 um ein selbstständiges Pedal erweitert werden sollte. Anscheinend erwies sich das Instrument aber für den neuen Raum als zu klein und unpassend, sodass Schnitger 1683 den Auftrag für einen Orgelneubau erhielt. Aufgrund weiterer Innenarbeiten in der Kirche (unter anderem Deckenmalereien) konnte Schnitger erst 1688 mit dem Bau beginnen und stellte in 21 Wochen die neue Orgel auf einer fast sieben Meter hohen Empore fertig. Die alte Fritzsche-Orgel überführte er in die Stader Pankratiuskirche und erweiterte sie dort um Pedaltürme. Das Neuenfelder Werk ist Schnitgers größte zweimanualige Orgel. Sie besitzt ein Hauptwerk und Rückpositiv sowie seitliche Pedaltürme, die durch Flachfelder mit dem Manualgehäuse verbunden sind.

Veränderungen im 18. und 19. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1750 erfolgte durch Jakob Albrecht (Lamstedt) eine kleine Veränderung der Disposition. Albrecht entfernte Schnitgers Trichterregal im Rückpositiv und platzierte an dessen Stelle das Krummhorn aus dem Hauptwerk. Georg Wilhelm Wilhelmi hatte Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts das Instrument in Pflege. Er ersetzte die Klaviaturen und die beiden Zimbelsterne, baute eine Schiebekoppel ein und schuf die bekrönenden Urnen auf dem Gehäuse. Wesentlich eingreifender waren die Umbauten durch die Familie Röver (Stade) im 19. Jahrhundert. Johann Hinrich Röver legte 1867 das Rückpositiv still und integrierte in einem neuen Hinterwerk zwei oder drei Flötenstimmen von Schnitger. Immerhin blieb die Schnitgersche Windlade erhalten.[1] Carl Johann Heinrich Röver ersetzte 1886 mindestens fünf Schnitger-Register (Mixturen und Zungenstimmen).

Restaurierungen im 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Instrument übte einen großen Einfluss auf die junge Orgelbewegung aus und wurde in mehreren Abschnitten restauriert. 1926 setzten Hans Henny Jahnn und Karl Kemper das Rückpositiv wieder instand, wobei Kemper fehlende Schnitger-Register überwiegend durch Lagerbestände ersetzte. Darunter sollen sich angeblich drei Register aus der Scherer-Schule befunden haben, die nach den Forschungen von Gustav Fock aus der abgetragenen Orgel der Aegidienkirche (Lübeck) von Hans Scherer dem Jüngeren (1624/1625) stammen sollen.[2] Die Forschungen von Kristian Wegscheider im Rahmen der 2017 abgeschlossenen Restaurierung ergaben, dass nur einzelne Pfeifen von Scherer stammen, der größte Teil aber von Johann Friedrich Schulze übernommen wurde.

1938 fertigte der Orgelbauer Paul Ott (Göttingen) alle hohen Mixturen und Zungenstimmen neu an und reduzierte auf diese Weise den Originalbestand noch weiter.[1] Durch Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg) erfolgte 1950/1951 eine Renovierung des Windwerks, eine teilweise Erneuerung der Traktur und der Einbau einer neuen Vox humana.

Größere Restaurierungsarbeiten durch Ott fanden 1978 ihren Abschluss: Die Veränderungen an der Traktur wurden rückgängig gemacht, die Balganlage von Schnitger wieder reaktiviert und das Pfeifenwerk bei erniedrigtem Winddruck neu intoniert. Dennoch fiel die Uneinheitlichkeit einiger Register auf, was durch die späteren Ergänzungen und teils unsachgemäßen Restaurierungen bedingt war. Auch wurde das Klappern der Traktur als störend empfunden. Im Laufe der Jahre traten zudem verstärkt Intonationsprobleme auf.[3]

Disposition von 1938[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

I Rückpositiv CDEFGA–c3
Principal 4′ S
Gedact 8′ S
Quintadena 8′ O
Blockflöte 4′ S[Anm. 1]
Quintflöte 3′ S/A[Anm. 2]
Octave 2′ A
Sifflöte 113 A
Sesquialtera II A
Terzian II O
Scharf IV–VI O
Krummhorn 8′ O
II Hauptwerk CDEFGA–c3
Principal 8′ S
Quintadena 16′ S
Rohrflöte 8′ S
Octave 4′ S
Spitzflöte 4′ S
Nasat 3′ S[Anm. 3]
Octave 2′ S
Spielflöte 2′ S[Anm. 3]
Rauschpfeife II S
Mixtur V–VI O
Cimbel III O
Trompete 8′ teils S
Vox Humana 8′ B[Anm. 4]
Pedal CDE–d1
Principal 16′ S
Octave 8′ S
Octave 4′ S
Flöte 4′ S
Nachthorn 2′ K[Anm. 5]
Rauschpfeife II S/K[Anm. 6]
Mixtur V O
Posaune 16′ O
Trompete 8′ O
Cornet 2′ O
S = Arp Schnitger (1688)
A = Altes Pfeifenmaterial (in sehr geringem Teil aus der Scherer-Schule), das Karl Kemper eingebaut hat
K = Karl Kemper (1925/26)
O = Paul Ott (1938)
B = Rudolf von Beckerath (1951)
Anmerkungen
  1. C–c2 Schnitger.
  2. C–fis2 Schnitger, ab g2 älteres Material.
  3. a b Konisch.
  4. Nicht in Schnitgers Disposition enthalten.
  5. Aus dem 19. Jahrhundert.
  6. 2′-Chor weitgehend Schnitger, 113′-Chor Kemper.

Restaurierung 2015–2017[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine umfassende, nach strengen denkmalpflegerischen Grundsätzen und dem heutigen Kenntnisstand entsprechende Restaurierung wurde von 2015 bis 2017 durch die Orgelwerkstatt Wegscheider durchgeführt. Während dieser Zeit blieb das Gehäuse in der Kirche, wo es etwas gerichtet und stabilisiert wurde. Bei der Untersuchung des Innenwerks zeigte sich, dass viele Teile der Traktur und etliche originale Pfeifen nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz standen und mehr originale Substanz erhalten war, als zunächst vermutet. Alle verlorenen und später ersetzten Pfeifen wurden rekonstruiert, vor allem die gemischten Stimmen und die Zungenstimmen, insgesamt 1301 Pfeifen. Die Windladen Schnitgers sind erhalten, ebenfalls die Trakturen des Oberwerks, während Wegscheider die Trakturen von Rückpositiv und Pedal rekonstruierte. Die Klaviaturen von Wilhelmi einschließlich seiner Schiebekoppel aus der Zeit um 1800 wurden übernommen. Winddruckversuche führten bei einem relativ hohen Winddruck von 84 mmWS zu den besten Ergebnissen. Die dreifache Zimbel ist eine Quartsext-Zimbel, wie sie Michael Praetorius in seiner Organographia (1619) beschreibt.[4]

Aus Bundesmitteln wurde 2014 ein Zuschuss von 300.000 Euro für die gesamten Sanierungskosten von etwa 850.000 Euro bewilligt.[5] Im Januar 2017 wurde anstelle der zuletzt sichtbaren grün-roten Marmorimitation eine Mahagoni-Fassung fertiggestellt. Die neu konzipierte, modifizierte mitteltönige Stimmung ist der Norder Stimmung der Orgel der Ludgerikirche in Norden vergleichbar und kommt ebenfalls ohne Wolfsquinte aus. Sie basiert in Neuenfelde auf sechs um 15-pythagoreisches Komma verringerten Quinten auf F, C, G, A, E und H. Die Quinte D-A und die vier übrigen Quinten sind rein, Dis-B ist um ein 15-Komma erweitert. Die Wiedereinweihung der Orgel fand am 12. Juni 2017 durch Bischöfin Kirsten Fehrs statt.

Disposition seit 2017 (= 1688)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

I Rückpositiv CDEFGA–c3
Gedact 8′ S/W
Quintadena 8′ S/W
Principal 4′ S
Plockfloit 4′ S
Quintfloit 3′ S/W
Octav 2′ S/W
Siefloit 112 W
Sexquialt II W
Tertzian II W
Scharf IV–VI W
Trechter Regal 8′ W
II Oberwerk CDEFGA–c3
Quintadena 16′ S
Principal 8′ S
Rohrfloit 8′ S
Octav 4′ S
Spitzfloit 4′ S
Nasat 3′ S[Anm. 1]
Octav 2′ S
Spielfloit 2′ S[Anm. 1]
Rauschpfeiff II S
Mixtur V–VI W
Cimbel III W
Trommet 8′ S/W
Krummhorn 8′ W
Pedal CDE–d1
Principal 16′ S
Octav 8′ S
Octav 4′ S
Floit 4′ S
Nachthorn 2′ W
Rauschpfeiff II (S)/W
Mixtur V W
Posaun 16′ W
Trommet 8′ W
Cornet 2′ W
S = Arp Schnitger (1688)
W = Kristian Wegscheider (2017)
Anmerkungen
  1. a b Konisch.

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufnahmen/Tonträger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Orgel von St. Pankratius (Neuenfelde) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Küster: Gott allein die Ehre. 2008, S. 33.
  2. Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 79.
  3. Orgel-Information zu Neuenfelde, abgerufen am 3. Februar 2017.
  4. Michael Praetorius: Syntagma musicum. Bd. 2: De Organographia (1619). Nachdruck: Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 978-3-7618-1527-4, S. 131 (online, abgerufen am 10. Juli 2017).
  5. Die Welt vom 14. November 2014, abgerufen am 3. Februar 2017.

Koordinaten: 53° 31′ 15″ N, 9° 48′ 39″ O