Orgel von St. Peter und Paul (Cappel)

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Orgel von St. Peter und Paul (Cappel)
Cappel 02.jpg
Allgemeines
Alternativer Name Schnitger-Orgel
Ort St. Peter und Paul, Cappel
Orgelerbauer Arp Schnitger
Baujahr 1680
Letzte(r) Umbau/Restaurierung 1977 durch Rudolf von Beckerath Orgelbau
Epoche Barock
Orgellandschaft zwischen Elbe und Weser
Technische Daten
Anzahl der Register 30
Anzahl der Pfeifenreihen 51
Anzahl der Manuale 2
Tontraktur Mechanisch
Registertraktur Mechanisch

Die Orgel von St. Peter und Paul in Cappel (Niedersachsen) wurde 1680 von Arp Schnitger für die Hamburger St. Johannis-Klosterkirche gebaut und befindet sich seit 1816 in Cappel. Sie gilt als die vollständigste und klanglich besterhaltene historische Orgel aus dem späten 17. Jahrhundert in Norddeutschland.[1] Das Werk verfügt über zwei Manuale, Pedal und 30 Register, von denen nur zwei nicht vollständig erhalten sind. Weltberühmt wurde das Instrument durch Helmut Walchas Schallplattenaufnahmen der Orgelwerke Bachs (1950–1952).[2]

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neubau durch Schnitger 1680[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Autographer Dispositionsentwurf von Schnitger
Spieltisch der Orgel in Cappel

Die Orgel entstand für die Hamburger Klosterkirche St. Johannis (an der Stelle des heutigen Rathausmarktes).[3] Die Johanniskirche war Teil des von den Dominikanern begründeten Johannisklosters, welches seit der Reformation von der Gelehrtenschule des Johanneums genutzt wurde. Zu dessen bekannten Kantoren gehörten unter anderem Georg Philipp Telemann und Carl Philipp Emanuel Bach.

Der Vertragsabschluss erfolgte vermutlich 1679.[4] Schnitgers eigenhändiger Dispositionsentwurf wurde 1989 in Basedow wiederentdeckt. Von April bis Dezember 1680 wurde die Orgel mit Hauptwerk, Rückpositiv und Pedal in neun Monaten in Schnitgers Stader Werkstatt gebaut.[5] Das Pedal erhielt seinen Platz direkt hinter dem Hauptwerk-Gehäuse, das keine Rückwand aufwies.[6] Schnitger übernahm zehn Register aus der Vorgängerorgel, einem Instrument eines unbekannten Erbauers aus der Spätrenaissance (vermutlich aus dem Jahr 1567). So integrierte Schnitger alle tieferen Gedackt-Register in seine Orgel.

Die relativ breiten Gehäuse von Hauptwerk und Rückpositiv sind fünfachsig und entsprechend sich in der Form. Der jeweils überhöhte polygonale Mittelturm wird mit den seitlichen Spitztürmen durch zweigeschossige Flachfeldern verbunden, in denen stumme Pfeifen aufgestellt sind (wie in der Schnitger-Orgel in Nieuw Scheemda). Die Seitentürme und Flachfelder der beiden Manualwerkgehäuse werden unter einem gemeinsamen Kranzgesims im Kompositstil vereint. Aufwendig gestaltete Konsolen vermitteln zu dem schmaleren Untergehäuse mit dem Spieltisch.[7] Die reich geschmückten Gesimse, Ständer und Friese des Prospekts knüpften an das Aussehen des bisherigen Instruments an oder es wurden Teile der alten Verzierung übernommen.[8] Das Schnitzwerk schuf der Hamburger Bildhauer Christian Precht.[9] Im Rankenwerk der Schleierbretter sind im Hauptwerk ausschließlich florale Elemente, im Rückpositiv neben Blüten und Früchte auch Fratzen und stilisierte Tierköpfe und im Unterzug des Rückpositivs drei Engelsköpfe eingearbeitet.[10]

Die zinnernen Prospektpfeifen sind neben denen aus Oederquart die einzigen von Schnitger, die vollständig erhalten sind und 1917 nicht für Rüstungszwecke abgeliefert werden mussten.[11] Klanglich zeichnen sie sich durch einen eleganten und obertonreichen Klang aus.[1] Die polyphon konzipierten Mixturen spiegeln die Tradition der Renaissance-Mixturen ohne hohe Chöre im Diskant wider.[1] Aufgrund des Reichtums an gemischten Stimmen sind vielfältige Plenumklänge möglich. Dass Schnitgers Pedalmixtur (mit einem Terzchor) erhalten blieb, ist ungewöhnlich, da sie bei anderen Schnitger-Orgeln in der Regel dem Zeitgeschmack entsprechend später ersetzt wurden. Bemerkenswert ist auch die chromatische Aufstellung der Pfeifen auf der hinten frei stehenden Pedallade, die sich durch die Schräge der Westmauer in St. Johannis erklärt.[7] Dass Schnitger Zungenregister aus älteren Instrumenten übernommen hat, ist ansonsten ungewöhnlich.[1] Insgesamt ist die originale Intonation Schnitgers weitgehend erhalten und wurde nicht wesentlich durch Umarbeitungen und Restaurierungen verändert.[12]

Überführung nach Cappel 1816 durch Georg Wilhelmy[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johannes der Täufer mit zwei flankierenden Engeln
Unterer Abschluss des Rückpositivs

Im Zuge der französischen Besatzungszeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts diente die Klosterkirche als Magazin. Die Orgel wurde 1813 von Joachim Wilhelm Geycke abgebaut und ausgelagert und die Johanniskirche 1829, später das Kloster abgerissen. Die Orgel wurde von der Hamburger St. Petrikirche für 600 Reichstaler nach Cappel verkauft,[13] wo nach dem Kirchenbrand 1810 eine neue Kirche erbaut worden war (1815–1816), sich die Gemeinde aber keine neue Orgel leisten konnte. Eine Cappeler Delegation reiste am 16. Juni 1816 nach Hamburg, um die Orgel abzuholen.[14] Geycke und Johann Heinrich Wohlien verpackten die Orgel in Holzkisten, die von Hamburg nach Cuxhaven mit dem Schiff transportiert wurden. Am 29. Juni 1816 war die Überführung der Orgel abgeschlossen. Mit Johann Georg Wilhelm Wilhelmy (Stade) schloss man einen Kontrakt, in dem er sich verpflichtete, die Orgel für 385 Reichstaler wieder aufzubauen und einzurichten. Dabei musste das Hauptgehäuse eingekürzt werden. Für die Flammenornamente vor den Füßen der Prospektpfeifen im Mittelturm des Rückpositivs, die ein stilistisch auffallend fremdes Element darstellen, benutzte Wilhelmy zerbrochene Teile von Engelsflügeln, die heute den Engeln auf dem Rückpositiv fehlen.[15] Die runden Segmente neben dem Mittelturm des Rückpositivs gehen wahrscheinlich auf die Aufstellung von Wilhelmy in Cappel zurück. Zusätzlich wurde Wilhelmy beauftragt, einen Zimbelstern einzubauen. Aufgrund der niedrigeren Deckenhöhe gegenüber Hamburg konnten die Christus- und Engelfiguren nicht mehr auf dem Hauptwerk platziert werden und fanden fortan auf dem Kanzelaltar Verwendung. Seitdem weist Johannes der Täufer, die mittlere Figur auf dem Rückpositiv, mit seinem Zeigefinger nicht mehr auf die Christusfigur, sondern ins Leere.[8] 1890 ersetzte der Stader Orgelbauer Johann Hinrich Röver die Balganlage Schnitgers durch drei große Keilbälge, die in der Bauweise denen von Schnitger ähnelten und eine vergleichbare, atmende Windversorgung garantierten.[6] Bis 1927 wurden das Instrument durch verschiedene Orgelwerkstätten aus Stade gewartet, ohne dass Eingriffe in die Substanz erfolgten.

Restaurierungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gambe spielender Engel

Im Jahr 1928 wies Christhard Mahrenholz in einem Gutachten auf die besondere Bedeutung der Orgel hin und empfahl eine Renovierung und Instandsetzung der zwischenzeitlich stillgelegten Register.[16] Für dieses Jahr ist ein Ankaufversuch nachgewiesen, weitere Versuche folgten zwischen 1932 und 1935. Im Jahr 1932 baute die Orgelwerkstatt P. Furtwängler & Hammer ein elektrisches Gebläse ein.[17]

Ab 1939 erfolgte eine erste Instandsetzung durch Paul Ott, der auch 1950–1952 die Orgel bei den Aufnahmen von Helmut Walcha betreute. 1976/1977 wurde die Orgel von Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg) nach Heizungsschäden instand gesetzt und die historische Substanz gesichert. Die seit 1816 bestehende gleichstufige Temperatur wurde beibehalten. Bei dem Cornet 2′ musste die obere Oktave ergänzt werden, da das Register zwischenzeitlich als Trompete 4′ umgesetzt war. Die Cimbel wurde in der ursprünglichen Zusammensetzung ergänzt.[18] Im Jahr 2009 wurde die Balganlage von Beckerath restauriert und die Kirchenrückwand saniert.[19]

Disposition seit 1939 (= 1680)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

I Rückpositiv CDE–c3[A 1]
Principal 04′ S
Gedact 08′ V
Quintadena 08′ S
Floit 04′ S
Octava 02′ S
Siffloit 112 S
Sesquialtera II0 S
Tertian II S
Scharff IV–IV S
Dulcian 16′00 S
II Hauptwerk CDE–c3[A 1]
Principal 08′ S
Quintadena 16′00 V
Hollfloit 08′ V
Octava 04′ V
Spitzfloit 04′ S
Nasat 03′ V
Gemshorn 02′ V
Rauschpfeife II0 S
Mixtur V–VI S
Cimbel III B/S
Trompet 08′ V
Pedal CD–d1
Untersatz 16′00 V[A 2]
Octava 08′ V
Octava 04′ S
Nachthorn 02′ S
Rauschpfeife II0 S
Mixtur IV–VI S
Posaun 16′ S
Trompet 08′ V
Cornet 02′ B/S
V = aus der Vorgängerorgel der Spätrenaissance (1567?)
S = Schnitger (1680)
B = Beckerath (1977)
Anmerkungen
  1. a b Mit gebrochener Oktave (Fis und Gis auf geteilten Obertasten).
  2. Aus Blei.

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 30 Register, 51 Pfeifenreihen
  • Windversorgung:
  • Windladen: Hauptwerk, Rückpositiv und Pedal (Schnitger)
  • Traktur:
    • Klaviaturen: Manuale (Schnitger), Pedal (Beckerath)
    • Tontraktur: Mechanisch
    • Registertraktur: Mechanisch
  • Stimmung:
    • Gleichstufige Stimmung (seit 1816)
    • Tonhöhe ca. 35Ton über a1 = 440 Hz

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Martin Balz: Göttliche Musik. Orgeln in Deutschland (= 230. Veröffentlichung der Gesellschaft der Orgelfreunde). Konrad Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2062-9, S. 46–47.
  • Dietrich Diederichs-Gottschalk: „Ich glaube nicht, daß es in Ihrem Lande eine bessere Orgel gibt“. Die Arp-Schnitger-Orgel in Cappel im Lande Wursten. In: Jahrbuch der Männer vom Morgenstern. 94, 2015, S. 229–311 (online, PDF).
  • Cornelius H. Edskes, Harald Vogel: Arp Schnitger und sein Werk (= 241. Veröffentlichung der Gesellschaft der Orgelfreunde). 2. Auflage. Hauschild, Bremen 2013, ISBN 978-3-89757-525-7, S. 24–27, 152 f.
  • Gustav Fock: Arp Schnitger und seine Schule. Ein Beitrag zur Geschichte des Orgelbaues im Nord- und Ostseeküstengebiet. Bärenreiter, Kassel 1974, ISBN 3-7618-0261-7, S. 33–34.
  • Förderungs- und Spendengemeinschaft zur Erhaltung der Arp-Schnitger-Orgel zu Cappel (Hrsg.): 200 Jahre Arp-Schnitger-Orgel in der St. Peter und Paul Kirche zu Cappel. Cappel 2016.
  • Harald Vogel, Günter Lade, Nicola Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. Hauschild, Bremen 1997, ISBN 3-931785-50-5, S. 166–169, 331, 367.
  • Helmut Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. St. Petri und Pauli. Wagner, Hamburg 1977, ISBN 3-921029-52-X (online [PDF; 2,9 MB]).

Aufnahmen/Tonträger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Schnitger-Orgel in Cappel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 168.
  2. Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 11 (online) (PDF; 2,9 MB). Die Angaben zu Walchas Registrierungen wurden von Harald Vogel nach dem Gehör rekonstruiert: Harald Vogel: Die Registrierungen von Helmut Walcha in Cappel. In: Förderungs- und Spendengemeinschaft zur Erhaltung der Arp-Schnitger-Orgel zu Cappel (Hrsg.): 200 Jahre Arp-Schnitger-Orgel in der St. Peter und Paul Kirche zu Cappel. Cappel 2016, S. 22–39.
  3. Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 33.
  4. Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 8 (online) (PDF; 2,9 MB).
  5. Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 6 (online) (PDF; 2,9 MB).
  6. a b Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 169.
  7. a b Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 24.
  8. a b Vogel, Lade, Borger-Keweloh: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 167.
  9. Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 152.
  10. Diederichs-Gottschalk: „Ich glaube nicht, daß es in Ihrem Lande eine bessere Orgel gibt“. 2015, S. 260, 263.
  11. Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 26.
  12. Edskes, Vogel: Arp Schnitger und sein Werk. 2. Aufl. 2013, S. 153.
  13. Fock: Arp Schnitger und seine Schule. 1974, S. 34.
  14. Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 10 (online) (PDF; 2,9 MB).
  15. Diederichs-Gottschalk: „Ich glaube nicht, daß es in Ihrem Lande eine bessere Orgel gibt“. 2015, S. 289. Eine zeichnerische Rekonstruktion der Schnitger-Orgel in der St. Johannis-Klosterkirche befindet sich auf S. 291.
  16. Winter: Die Schnitger-Orgel in Cappel. 1977, S. 11 (online) (PDF; 2,9 MB).
  17. Förderverein der Orgel in Cappel, abgerufen am 13. Februar 2017.
  18. Bericht von Beckerath (PDF-Datei; 4,8 MB), abgerufen am 2. März 2018.
  19. Nordsee-Zeitung vom 31. Januar 2010 (Memento vom 4. September 2012 im Webarchiv archive.today) (Archiv), abgerufen am 2. März 2018.

Koordinaten: 53° 43′ 38,7″ N, 8° 34′ 5,3″ O