Orthomolekulare Medizin

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Die orthomolekulare Medizin oder Orthomolekularmedizin (altgr. ὀρθός orthós ‚richtig‘ und molekular) ist eine maßgeblich von Linus Pauling beeinflusste alternativmedizinische Methode.[1] Im Mittelpunkt steht die – teilweise hochdosierte – Verwendung von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen zur Vermeidung und Behandlung von Krankheiten. Einen Nachweis der Wirksamkeit dieser Methode gibt es bisher nicht.[2][3][4]

Aus Sicht der orthomolekularen Medizin führt ein biochemisches Ungleichgewicht im Körper zu Krankheiten. Dieses Ungleichgewicht kann durch Hinzunahme von Nahrungsergänzungsmitteln ausgeglichen werden. Mineralstoffe, Spurenelemente, Vitamine, essentielle Fettsäuren und Aminosäuren sowie weitere „Vitalstoffe“ werden als für den Körper verträglicher, risikoloser und heilsamer angesehen als körperfremde Stoffe wie Pflanzenextrakte, Heilkräuter oder synthetische Medikamente.[1]

Konzeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Wegbereiter gilt Linus Pauling, Träger des Chemie- und Friedensnobelpreises, der den Ausdruck 1968 erstmals in einem Aufsatz über orthomolekulare Psychiatrie gebrauchte. Orthomolekulare Medizin ist nach Pauling „die Erhaltung guter Gesundheit und Behandlung von Krankheiten durch die Veränderung der Konzentrationen von Substanzen im menschlichen Körper, die normalerweise im Körper vorhanden und für die Gesundheit erforderlich sind.

Ausgangspunkt der orthomolekularen Lehre ist die kontrovers diskutierte These, dass es heutzutage kaum noch möglich sei, sich über ausgewogene Ernährung ausreichend mit so genannten Vitalstoffen zu versorgen, weil die Lebensmittel aufgrund von unnatürlicher Züchtung, Transport, Lagerung und Zubereitung nur noch einen Bruchteil der ursprünglich vorhandenen Stoffe enthielten. Dies führe zu chronischem Mangel beim überwiegenden Teil der Bevölkerung. Daher sei eine Zuführung dieser Vitalstoffe über Nahrungsergänzungsmittel notwendig.

Die meisten Vitalstoffe werden in der orthomolekularen Medizin beträchtlich höher dosiert als von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen. Laut den Befürwortern der orthomolekularen Ernährung gibt es unter anderem Erfolge bei der Behandlung von zahlreichen Krebserkrankungen und Neurodermitis.

Begriff Megavitamintherapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter Megavitamintherapie versteht man die Anwendung von Vitaminen in Dosen, die um ein Vielfaches (oft 100- bis 1000-fach) höher liegen als der physiologische Bedarf, der die Grundlage für die empfohlene Tagesdosis bildet.

Der Begriff stammt ursprünglich aus der orthomolekularen Psychiatrie, wo solche Megadosen an B-Vitaminen zur Behandlung von zum Beispiel Schizophrenie, Depressionen, Neurosen, Autismus und Hyperkinese propagiert werden.[5] Später wurde die Anwendung von Megadosen auch auf nichtpsychiatrische Krankheitsbilder und andere Vitalstoffe ausgedehnt.[6]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein naturwissenschaftlicher und medizinischer Beweis, dass derart erhöhte Mengen an Vitalstoffen einen tatsächlichen Nutzen aufweisen, wurde bisher nicht erbracht. Eine systematische Übersichtsarbeit von Jacobs et al. aus dem Jahr 2015 untersuchte zum Beispiel die Rolle von oral oder intravenös verabreichtem Vitamin C bei der Behandlung von Krebspatienten. Die Autoren kamen zum Ergebnis, dass keine qualitativ hochwertige Evidenz für die Erhöhung des Antitumoreffekts der Chemotherapie oder die Verringerung ihrer Toxizität existiert.[7]

Viele Kritiker sehen die orthomolekulare Medizin sogar als Pseudowissenschaft an, die vor allem das Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln fördere und durch die Hersteller von Supplementierungsprodukten unterstützt werde.

Die naturwissenschaftliche und medizinische Kritik fokussiert sich insbesondere auf drei Argumente:

  • Die angebliche Mangelversorgung der Bevölkerung entspricht nicht dem Ergebnis von anerkannten wissenschaftlichen Studien der Ernährungswissenschaft. So kommt eine Studie der American Medical Association zur Schlussfolgerung, dass die Annahme einer weitverbreiteten Mangelversorgung der Bevölkerung mit Vitaminen und Mineralstoffen unzutreffend ist, dass die Annahme, viele Krankheiten würden auf ungesunde Ernährung zurückzuführen sein, falsch ist und dass die Annahme, dass viele Krankheiten durch Supplementierung geheilt werden könnten, irrig ist.[8]
  • Die Wirksamkeit des Konzepts der orthomolekularen Medizin konnte bisher nicht mit naturwissenschaftlichen und medizinischen Studien belegt werden. Eine der größten Studien mit über 12.000 Patienten konnte innerhalb von 6 Jahren keinen Effekt von Vitamin B12 auf das Neuauftreten von Erkrankungen im Herz-Kreislaufsystem feststellen. Auch auf Krebserkrankungen hatte Vitamin B12 keinen Einfluss.[9] Für die Mehrheit der eingesetzten Stoffe liegen keine anerkannten Doppelblindstudien vor, die Nutzen, Nebenwirkungen und Gefahren dokumentieren und den tatsächlichen Bedarf jedes einzelnen Stoffes zu bestimmen ermöglichen.
  • Die Überdosierung der eingesetzten Vitalstoffe kann hingegen sogar zu Gesundheitsschäden führen. Etliche Studien belegen, dass eine längerfristige hochdosierte Gabe von Vitaminen, wie sie in der orthomolekularen Medizin praktiziert wird, zu ernsthaften Gesundheitsschäden führen und die durchschnittliche Lebenserwartung verkürzen kann.[3][10]
    • Fettlösliche Vitamine wie Vitamin A, Vitamin D und Vitamin K können sich im Körper anreichern und sind daher potenziell schädlich. Vom Körper nicht benötigte wasserlösliche Vitamine werden zwar über die Nieren wieder ausgeschieden, dennoch können auch sie überdosiert werden, wie unter anderem der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer anhand von wissenschaftlichen Studien belegt hat. Vitamin E reichert sich zwar nicht im Fettgewebe an, in drei Metaanalysen wurde jedoch für Dosierungen von mehr als 400 IE eine erhöhte Sterblichkeit festgestellt,[11][3][12] auch wenn andere Wissenschaftler den Ergebnissen widersprachen.[13][14]
    • Bei hoher Dosierung von Vitamin C (ab einem Gramm täglich) kommt es zu Durchfall und teilweise zu Koliken.[15] „Vitamin C verändert eine Reihe von Hormonspiegeln im Blut, unter anderem die von Östrogen, Schilddrüsenhormonen oder Insulin. Es zerstört Vitamin B12 (…). Es erhöht die Aufnahme von Aluminium, das Knochen und Gehirn schädigen kann, es fördert die Bildung von Nierensteinen, Osteoporose (…)“.[15] Außerdem kann Vitamin C den Mineralstoff Eisen in einen Radikalbildner verwandeln und dadurch Kardiomyopathien begünstigen.[16] Paulings Behauptung, hohe Dosen Vitamin C schützten vor Erkältung, konnte bislang durch keine wissenschaftliche Studie bestätigt werden.[17] Eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration aus dem Jahr 2013 stellte keinen Einfluss der Vitamin-C-Supplementierung von täglich 200 mg und mehr auf die Erkältungshäufigkeit im Bevölkerungsdurchschnitt fest. Die Autoren bewerten, dass Vitamin-C-Supplementierung mit diesem Präventionsziel nicht gerechtfertigt sei, sehen zugleich aber eine geringe Berechtigung bei kurzfristiger, intensiver körperlicher Belastung (z. B. bei Polarforschern oder Marathonläufern).[18] Laut Udo Pollmer korreliert die Vitamin-C-Konzentration im Blutplasma (Plasmaspiegel) nicht mit der Vitaminzufuhr. Studien hätten ergeben, dass es große individuelle Unterschiede gebe. „Plasmaspiegel von 75 Mikromol pro Liter haben manche Menschen schon bei einer minimalen Zufuhr von 5 Milligramm am Tag, während andere dafür 400 Milligramm Ascorbinsäure brauchten.“[19]
    • Vitamin B6 kann in hohen Dosen zu sensorischen Neuropathien führen bis hin zu Lähmungserscheinungen in Händen und Füßen.[16] Überdosiertes Niacin kann allergieähnliche Reaktionen verursachen mit Rötung der Haut, Juckreiz und Quaddelbildung. Bei längerfristiger Überdosierung können Gelbsucht und Leberschäden die Folge sein.[16] Überdosen von Vitamin B1 können zu Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit führen, im Extremfall auch zu Lungenödemen, Bradykardie und Magen-Darm-Blutungen.[20]

Rechtliches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland haben nur wenige Vitaminpräparate eine Zulassung als Arzneimittel. Die anderen werden als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, für die die Werbung keine Hinweise auf eine vermeintliche arzneiliche Wirkung enthalten darf[21] und hohe, möglicherweise toxische, Dosen unzulässig sind. Nahrungsergänzungsmittel unterliegen nicht dem Arzneimittelgesetz, sondern dem Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch.[22]

Viele Patienten kaufen Präparate von Versandhändlern, die über das Internet erreichbar sind. Die gesetzlichen Krankenkassen tragen die Kosten nicht.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Dietl, Gerhard Ohlenschläger: Handbuch der Orthomolekularen Medizin. Haug, Heidelberg 1994, ISBN 3-776-01405-9.
  • Hans Konrad Biesalski (Hrsg.): Ernährungsmedizin. Thieme, Stuttgart 1995, ISBN 3-131-00292-1.
  • Uwe Gröber: Orthomolekulare Medizin. Ein Leitfaden für Apotheker und Ärzte. 2. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2002, ISBN 3-8047-1927-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Website der Deutschen Gesellschaft für Orthomolekular-Medizin e. V.
  • Website von Orthomolecular.org (in englischer Sprache)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Irmgard Niestroj: Praxis der Orthomolekularen Medizin. 2. Auflage. Hippokrates, Stuttgart 2001, ISBN 3-7773-1470-6.
  2. Orthomolecular Medicine. In: American Cancer Society. 28. November 2008. Abgerufen am 19. Juni 2010 (englisch).
  3. a b c Goran Bjelakovic u. a.: Mortality in randomized trials of antioxidant supplements for primary and secondary prevention: systematic review and meta-analysis. In: JAMA. 297, Nr. 9, 2007, S. 842–857.
  4. Marion Kaden: Mythos Antioxidantien. In: Heilpflanzen-Welt. August 2009.
  5. Klaus Pietrzik, Ines Golly, Dieter Loew: Handbuch Vitamine. Für Prophylaxe, Therapie und Beratung. Elsevier, München 2008, ISBN 3437553615 (Kapitel Megavitamintherapie), S. 409.
  6. Stephen Barrett: Orthomolecular Therapy. In: Quackwatch. 12. Juni 2000 (englisch).
  7. Carmel Jacobs, Brian Hutton, Terry Ng, Risa Shorr, Mark Clemonsa: Is there a role for oral or intravenous ascorbate (vitamin C) in treating patients with cancer? A systematic review. In: Oncologist. 2015 Feb;20(2):210-23. doi:10.1634/theoncologist.2014-0381, PMID 25601965, PMC 4319640 (freier Volltext).
  8. Report 12 of the Council on Scientific Affairs: Alternative medicine. (PDF; 194 kB) In: American Medical Association. Juni 1997, abgerufen am 21. März 2008.
  9. Jane M. Armitage u. a.: Effects of homocysteine-lowering with folic acid plus vitamin B12 vs placebo on mortality and major morbidity in myocardial infarction survivors: a randomized trial. In: JAMA. Band 303, Nr. 24, 2010, S. 2486–2494, doi:10.1001/jama.2010.840.
  10. Prävention mit Antioxidantien: Schaden überwiegt. In: Arznei-Telegramm. 39 2008, S. 123–124.
  11. Edgar R. Miller u. a.: Meta-Analysis: High-Dosage Vitamin E Supplementation May Increase All-Cause Mortality. In: Annals of Internal Medicine. 142, Nr. 1, 2004.
  12. Yedidia Dotan, Dov Lichtenberg, Ilya Pinchuk: No evidence supports vitamin E indiscriminate supplementation. In: BioFactors. Band 35, Nr. 6, 2009, S. 469–473, doi:10.1002/biof.61.
  13. Harri Hemilä: High-Dosage Vitamin E Supplementation and All-Cause Mortality. In: Annals of Internal Medicine. 143, Nr. 2, 2005, S. 156–158 (Kommentar zu dem Artikel von Miller u. a.).
  14. Stacey J. Bell, Gregory T. Grochoski: How safe is vitamin E supplementation? In: Critical Reviews in Food Science and Nutrition. 48, Nr. 8, 2008, S. 760–774, doi:10.1080/10408390701719355.
  15. a b Udo Pollmer, Susanne Warmuth: Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. Piper, München 2002, ISBN 3-492-23410-0, S. 302.
  16. a b c Udo Pollmer, Susanne Warmuth: Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. Piper, München 2002, S. 303.
  17. Udo Pollmer, Susanne Warmuth: Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. Piper, München 2002, S. 313.
  18. Harri Hemilä, Elizabeth Chalker: Vitamin C for preventing and treating the common cold. In: The Cochrane Database of Systematic Reviews., 31. Januar 2013. PMID 23440782. doi:10.1002/14651858.CD000980.pub4.
  19. Udo Pollmer, Susanne Warmuth: Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. Piper, München 2002, S. 311.
  20. Udo Pollmer, Susanne Warmuth: Lexikon der populären Ernährungsirrtümer. Piper, München 2002, S. 309.
  21. Nahrungsergänzungsmittel: Große Versprechungen, k(l)eine Wirkung?, Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), Heidelberg. 3. September 2008. Abgerufen am 4. September 2014.
  22. Bundesinstitut für Risikobewertung: Nahrungsergänzungsmittel. Abgerufen am 25. Februar 2010.
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