Oscar Niemeyer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Oscar Niemeyer (1968)

Oscar Ribeiro de Almeida Niemeyer Soares Filho (* als Oscar de Almeida Soares am 15. Dezember 1907 in Rio de Janeiro; † 5. Dezember 2012 ebenda) war ein brasilianischer Architekt. Er gilt als Wegbereiter der modernen brasilianischen Architektur. Niemeyer entwarf die Gebäude für die brasilianische Hauptstadt Brasília, die 1987 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Im Jahr 2013 wurde sein architektonisches Archiv von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt.[1]

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Niemeyer war eines von sechs Kindern aus einer katholischen Familie in Rio de Janeiro. Sein Vater arbeitete als Schriftsetzer und hatte ein Grafikbüro und sein Großvater war Richter am brasilianischen obersten Gerichtshof. Später nahm Niemeyer den deutschen Nachnamen seiner Großeltern väterlicherseits an.[2] Seine Großeltern mütterlicherseits waren Mitglieder der Kommunistischen Partei Brasiliens.[3]

Sein deutscher Name geht zurück auf Konrad Heinrich von Niemeyer (1761–1806),[4] der 1778 von Hannover nach Portugal auswanderte und dort als Vermessungsingenieur arbeitete.[5] Dessen Vater Jakob Konrad von Niemeyer (1730–1808) wiederum war der Generalmajor und Regimentschef des Cavallerieregiments Nr. 8 im Dienste des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg; er hatte Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe (port.: Conde de Lippe)[6] unterstützt, die spanische Invasion von 1762 in Portugal erfolgreich abzuwehren.[7]

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oscar Niemeyer in den 1950er Jahren
Oscar Niemeyer 2006

Er machte seinen Schulabschluss am katholischen Barnabiten-Gymnasium in Rio. 1928 begann Oscar Niemeyer ein Architekturstudium an der Escola Nacional de Belas Artes, der Nationalen Kunsthochschule in Rio de Janeiro, das er 1934 abschloss. Im Anschluss daran arbeitete er im Büro des brasilianischen Architekten und Stadtplaners Lúcio Costa. Der Auftrag an Costas Büro für den Bau des ersten modernen brasilianischen Gebäudes, des Ministeriums für Bildung und Gesundheit in Rio de Janeiro (des heutigen Kulturpalasts), brachte Niemeyer mit Le Corbusier zusammen. Dieser machte ihn später zu seinem Assistenten. 1945 schloss sich Niemeyer der brasilianischen Kommunistischen Partei[8] an. In den Jahren 1947 bis 1953 war er der Vertreter Le Corbusiers im Planungsgremium der UNO für das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York City. Die Zusammenarbeit mit Le Corbusier sollte Niemeyers Schaffen stark beeinflussen, indem er später die strenge Orthogonalität moderner Architektur um Kreis und Kurve erweiterte.

Niemeyer setzte früh fast ausschließlich auf Stahlbeton als Baumaterial, dem er neue Anwendungsmöglichkeiten erschloss. In seiner futuristischen und plastischen Formensprache mit kurvenreichen, weichen Konturen hält er stets ein ausgewogenes Verhältnis zwischen freiem Raum und Volumen ein. Der Orthogonalität vieler seiner Kollegen schwor er fast vollständig ab. Seine kühnen und unkonventionellen Entwürfe begründeten seinen Ruf als eines der wichtigsten Vertreter und Erneuerer der architektonischen Moderne.

Am bekanntesten sind seine Entwürfe für den Bau der brasilianischen Planhauptstadt Brasília zwischen 1957 und 1964. Alle öffentlichen Gebäude in der auf dem Reißbrett geplanten Stadt stammen aus seiner Hand. Lúcio Costa wurde sein ausführender Stadtplaner. Die UNESCO erklärte Brasília 1987 zum Weltkulturerbe.

1966, zwei Jahre nach der Machtergreifung durch die Militärs im Jahre 1964, ging Niemeyer wegen seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Brasiliens nach Frankreich ins Exil. Ende der 1960er Jahre konnte er seine Arbeit in Brasilien fortsetzen. Er lehrte unter anderem an der Universidade Federal do Rio de Janeiro (UFRJ), kehrte jedoch erst nach der Generalamnestie von 1979 im Jahre 1982 ganz nach Brasilien zurück. Während seiner Jahre im Exil erbaute er unter anderem die Zentrale der Parti communiste français in Paris, das Haus der Kultur in Le Havre und das Verlagshaus von Mondadori in Mailand. 1990 trat er aus der Partei aus, blieb jedoch weiterhin Marxist.[9]

Niemeyer verband eine enge Freundschaft mit dem kubanischen Revolutionär Fidel Castro. Zu seinen letzten Werken gehört eine Skulptur aus Stahl in Havanna, die den Widerstand Kubas gegen die von den USA verhängte Wirtschaftsblockade symbolisiert. Sie wurde am 15. Dezember 2007 fertiggestellt, dem 100. Geburtstag Niemeyers.[10]

Niemeyer verstarb am 5. Dezember 2012 in Rio de Janeiro kurz vor seinem 105. Geburtstag an den Folgen eines Melanoms. Der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, ordnete eine dreitägige Staatstrauer im Bundesstaat an. Die brasilianische Staatspräsidentin Dilma Rousseff sagte, Brasilien habe ein Genie, einen Revolutionär und den Mentor einer neuen Architektur verloren.[11]

Ehen und Nachkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Niemeyer heiratete 1928 Annita Baldo (Annita Oscar Niemeyer), eine Tochter italienischer Einwanderer aus Padua. 1930 wurde die Tochter Anna Maria geboren, das einzige Kind Oscar Niemeyers. Sie arbeitete später als Architektin, Möbeldesignerin und Galeristin. Annita Niemeyer starb 2004 im Alter von 93 Jahren, nach 76 Jahren Ehe. Die Tochter Anna Maria starb am 6. Juni 2012 im Alter von 82 Jahren, noch vor ihrem Vater.

Am 16. November 2006, einen Monat vor seinem 99. Geburtstag, heiratete Oscar Niemeyer seine 38 Jahre jüngere Sekretärin Vera Lúcia Cabreira.[12] Bei seinem Tod im Dezember 2012 hinterließ er seine zweite Ehefrau, vier Enkel, dreizehn Urenkel und mehrere Ururenkel.[3]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Realisierte Projekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oscar Niemeyer zählt zu den schaffensreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Er hat insgesamt mehr als 600 Gebäude realisiert.[13] Er teilte sein Werk selbst in fünf Perioden ein: Pampulha, Pampulha bis Brasília, Brasília, Bauten in Übersee (Paris, Mailand usw.) und Spätwerke. Etliche Bauten gelten als Architektur-Ikonen der Moderne.

Im Bau befindliche Projekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Teile dieses Artikels scheinen seit 2012 nicht mehr aktuell zu sein.
Bitte hilf mit, die fehlenden Informationen zu recherchieren und einzufügen.

Etwa zwanzig Projekte werden derzeit (2012) noch in mehreren Ländern errichtet.[13]

Nicht realisierte Projekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rachid Karami International Fair in Tripoli – 1968–1974[18]
  • Freizeitbad in Potsdam – 2007[19][20]
  • Praça de Soberania – São Paulo, Brasilien

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die britische Architektin Zaha Hadid meint, Niemeyers Stil habe mit den stärksten Einfluss auf sie ausgeübt.[21]

Der Dokumentarfilm Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch (Originaltitel: Oscar Niemeyer – A vida é um sopro[22]) über das Leben und Werk des Architekten kam am 14. Januar 2010 in die deutschen Kinos. Der Dokumentarfilm benötigte zehn Jahre bis zu seiner Fertigstellung.[23] Als Wegbegleiter Niemeyers wurden unter anderem die Schriftsteller Eduardo Galeano und José Saramago, der Liedermacher Chico Buarque und der marxistische Historiker Eric Hobsbawm interviewt.

Auszeichnungen (Auszug)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oscar Niemeyer 1977

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Der rechte Winkel zieht mich nicht an und auch nicht die gerade, harte inflexible Linie, die der Mensch geschaffen hat. Was mich anzieht, ist die freie und sinnliche Kurve, die ich in den Bergen meines Landes finde, im mäandernden Lauf seiner Flüsse, in den Wolken des Himmels, im Leib der geliebten Frau. Das ganze Universum ist aus Kurven gemacht. Das gekrümmte Universum Einsteins.“

Oscar Niemeyer, 1996[24]

„Man muss gegen die funktionalistische Architektur ankämpfen, die sich des armierten Betons bedient, um rechtwinklige und öde Räume zu gestalten.“

Oscar Niemeyer[24]

„Die Architektur besteht aus Traum, Phantasie, Kurven und leeren Räumen.“

Oscar Niemeyer[24]

„Die Kommunisten sind die einzigen, die immer noch eine bessere Welt schaffen wollen.“

Oscar Niemeyer, 2008[9]
Über Niemeyer

„Nie wieder wird die Zukunft so gut aussehen wie mit den Bauten des Brasilianers.“

Carmen Stephan: Der Spiegel, 2007[25]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch. (Originaltitel: Oscar Niemeyer – A vida é um sopro.) Dokumentation (OmU), Brasilien, 2007, 85 Min., Buch: Jacques Cheuiche, Fabiano Maciel, Regie: Fabiano Maciel, Produktion: Sacha, deutscher Kinostart: 14. Januar 2010, unter anderem mit José Saramago, Chico Buarque, Eric Hobsbawm, Besprechung[26]
  • Mister Brasilia – Oscar Niemeyer. Dokumentarfilm, Österreich, 2007, 30 Min., Buch und Regie: Alexander W. Rauscher, Produktion: ORF, Inhaltsangabe von 3sat.
  • Oscar Niemeyer – Die Kurven des Lebens. Dokumentarfilm, Deutschland, 2007, 29 Min., Buch und Regie: Andreas Krieger, Produktion: Bayerischer Rundfunk

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Oscar Niemeyer – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Bilder

Zum 100. Geburtstag

Nachrufe

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Architectural Archive of Oscar Niemeyer. UNESCO - Memory of the World, Juni 2013, abgerufen am 20. Juni 2013 (englisch).
  2. Carlos Albuquerque: Oscar Niemeyer: „Das Leben ist ein Hauch.“ In: Deutsche Welle, 5. Dezember 2012.
  3. a b Nicolai Ouroussoff: Oscar Niemeyer, Architect Who Gave Brasília Its Flair, Dies at 104. In: New York Times, 5. Dezember 2012.
  4. Cor. Konrad Heinrich von Niemeyer. In: Famílias de Leiria (Familien aus Leiria, portugiesisch, aufgerufen am 4. Dezember 2012).
  5. Instituto Geográfico do Exército: Portugal em vésperas invasões francesas. Conhecimento geográfico & configurações. (Memento vom 7. November 2013 im Internet Archive) Katalog zur Ausstellung in Lissabon 2007 (PDF; 3,12 MB), ISBN 978-989-21-0086-9, Kap. 36, S. 45 (portugiesisch)
  6. Conde de Lippe – Eintrag in der portugiesischen Wikipedia
  7. Gen. Jakob Konrad von Niemeyer. In: Famílias de Leiria (portugiesisch, aufgerufen am 4. Dezember 2012).
  8. Partido Comunista Brasileiro (PCB) – Brazilian Communist Party in der englischsprachigen Wikipedia
  9. a b Katharina Stegelmann, Petra Kleinau: Personalien: Oscar Niemeyer. In: Der Spiegel. Nr. 1, 2009, S. 149 (online).
    Oscar Niemeyer, 101, brasilianischer Architekt, ist im Herzen Marxist geblieben – auch wenn er 1990 nach 45-jähriger Mitgliedschaft die Partei verlassen hat. ‚Die Kommunisten sind die einzigen, die immer noch eine bessere Welt schaffen wollen‘, lobte er […]“
  10. Niemeyer en Cuba: Escultura en la Ciudad Universitaria de la UCI. La Habana, Cuba, 2008 vitruvius.com.br (spanisch), Zitat: «En el año 2007 se trabajó simultáneamente en la la ejecución de la escultura en la fábrica Cubana de Acero y la plaza en la UCI, la cual se concluyó el día 15 de diciembre de ese año, en homenaje al Centenario de Niemeyer.»
  11. Oscar Niemeyer – ein Genie der Weltarchitektur ist tot. In: Tagesspiegel, 6. Dezember 2012.
  12. architectsjournal.co.uk: Niemeyer finds love at 98 with marriage to 60-year-old secretary
  13. a b Star-Architekt Oscar Niemeyer gestorben. In: Die Zeit, 6. Dezember 2012.
  14. Niemeyer en Cuba: Escultura en la Ciudad Universitaria de la UCI. La Habana, Cuba, 2008 vitruvius.com.br (spanisch), Zitat: «El acto de inauguración se efectuó el 28 de enero de 2008.»
  15. Walter Haubrich: Trotz alledem gilt gleiche Sicht für alle. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Dezember 2010, Seite 32.
  16. Bruno Torturra Nogueira: „Te Pego Lá Fora“. In: Revista Trip. Nr. 184. Trip, Brasilien 9. Dezember 2009, S. 150–156 (portugiesisch).
  17. Fabíola Leoni: No lugar do prédio da Brahma, mais um toque de Niemeyer. In: O Globo. 18. April 2012, abgerufen am 17. Mai 2016 (brasilianisches portugiesisch): „O projeto do REC Sapucaí, que será erguido no antigo terreno da Brahma e deverá ficar pronto em julho de 2014.
  18. An Experience of Ruin: Niemeyer's Tripoli Fairgrounds In: Domus
  19. Chronik einer Pleite: Das langsame Aus des Niemeyer-Bads. In: Tagesspiegel, 23. Juni 2007.
  20. Sabine Schicketanz: Kuppeln ohne Boden. In: Tagesspiegel, 25. Juni 2007.
  21. Jury Citation, pritzkerprize.com, 2004
  22. Rüdiger Suchsland: Das tropische Projekt der Moderne. In: Telepolis, 14. Januar 2010.
  23. Alexandra Wach: Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch. In: film-dienst via filmzentrale.com.
  24. a b c aus: Oscar Niemeyer: Paroles d’Architecte, Mailand 1996, übersetzt von Robert Schediwy: Städtebilder, LIT Verlag, Wien 2005, S. 50 ff.
  25. Carmen Stephan: Die Leute brauchen Schönheit. In: Der Spiegel. Nr. 50, 2007 (online).
  26. Film-Besprechung von Christina Tilmann: Kurvenstar Niemeyer. In: Tagesspiegel, 15. Januar 2010.