Osmanisches Reich

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Osmanlı İmparatorluğu
Devlet-i Aliyye-i Osmâniyye

دولت علیه عثمانیه

Osmanisches Reich

Flagge der Türkei#Flaggen des Osmanischen Reiches
Wappen des Osmanischen Reiches
Flagge Wappen
Wahlspruch: دولت ابد مدت
Devlet-i Ebed-müddet
(„Der Ewige Staat“)
Amtssprache Osmanisches Türkisch
Hauptstadt Konstantinopel (Kostantiniyye, ab 1453)
zuvor Söğüt (1299–1326)
Bursa (1335–1365)
Dimetoka (1361–1365)
Adrianopel (1365–1453)
Staatsform absolute Monarchie
konstitutionelle Monarchie (ab 1876)
Staatsoberhaupt Sultan
Regierungschef Großwesir
Fläche 4.800 km² (1299)
6.300.000 km²[1]
3.400.000 (ohne Vasallen um 1900)[2] km²
Einwohnerzahl 30–35.000.000 (1600)[3]
24.028.900 (1906)
ohne Vasallen[4]
12.600.000 (1922)
Währung Akçe, Kuruş, Lira, Sultani, Para
Gründung 1299
Nationalhymne Zuletzt Reşadiye – für Sultan Mehmed Reschad V. (1909–1918)
Expansion und größte Ausdehnung des Osmanischen Reichs zwischen 1481 und 1681
Expansion und größte Ausdehnung des Osmanischen Reichs zwischen 1481 und 1681

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Das Osmanische Reich, veraltet auch Ottomanisches Reich (osmanisch دولت علیه, İA Devlet-i ʿAlīye, „der erhabene Staat“ und ab 1876 amtlich دولت عثمانيه / Devlet-i ʿOs̲mānīye / ‚der osmanische Staat‘, türkisch Osmanlı İmparatorluğu), war das Reich der Dynastie der Osmanen von ca. 1299 bis 1922. In Westeuropa wurde das Land ab dem 12. Jahrhundert auch als „Turchia“ („Türkei“ oder Türkisches Reich) bezeichnet.[5]

Es entstand Anfang des 14. Jahrhunderts aus einem Bezirk des Sultanats der Rum-Seldschuken an der Grenze zum Byzantinischen Reich unter einem Anführer mutmaßlich nomadischer Herkunft. Dieser löste sich aus der Abhängigkeit vom Seldschuken-Sultanat, welches nach 1243 unter die Vorherrschaft des mongolischen Ilchanats geraten war und seine Macht eingebüßt hatte. Zur Zeit seiner größten Ausdehnung im 17. Jahrhundert erstreckte es sich von seinen Kernlanden Kleinasien und Rumelien nordwärts bis in das Gebiet um das Schwarze und das Asowsche Meer, westwärts bis weit in den Balkan hinein. Im Nahen Osten beherrschten die Osmanen mit Syrien, dem Gebiet des heutigen Irak und dem Hedschas (mit den heiligen Städten Mekka und Medina) die historischen Kernlande des Islam, in Nordafrika unterstand das Gebiet von Nubien über Oberägypten westwärts bis zum mittleren Atlasgebirge der osmanischen Herrschaft. Hauptstadt war ab 1326 Bursa, ab 1368 Adrianopel, schließlich seit 1453 Konstantinopel (osmanisch Kostantiniyye; seit 1876 offiziell Istanbul genannt).

Die außenpolitische Geschichte des Reichs ist gekennzeichnet durch zahlreiche Kriege mit seinen benachbarten Großmächten. Seine bedeutendsten Gegner waren das Heilige Römische Reich im Westen, im Osten das Perserreich unter der mächtigen Safawidendynastie, ab dem 18. Jahrhundert das Russische Reich im Norden. Im Mittelmeer kämpfte das Reich mit diversen europäischen Mächten, worunter die Republik Venedig, Spanien, die Republik Genua, der Kirchenstaat und die Malteserritter zu nennen sind, um die wirtschaftliche und politische Vormachtstellung. Im Indischen Ozean forderten sie Portugal im Kampf um den Vorrang im Fernhandel mit Indien und Indonesien heraus. Durch die ununterbrochen intensiven politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen ist die Geschichte des Osmanischen Reichs mit derjenigen Westeuropas eng verbunden.

Im Laufe des 18. und vor allem im 19. Jahrhundert erlitt das Reich in Auseinandersetzungen mit den europäischen Mächten sowie durch nationale Unabhängigkeitsbestrebungen in seinen rumelischen Kernlanden erhebliche Gebietsverluste. Sein Territorium verkleinerte sich auf das europäische Thrakien sowie auf Kleinasien. Die Niederlage der Habsburger- und Hohenzollernmonarchie, mit denen sich das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg verbündet hatte, führte innerhalb weniger Jahre zum fast gleichzeitigen Ende dreier großer Monarchien, die die Geschichte Europas über Jahrhunderte hinweg geprägt hatten. Im Türkischen Befreiungskrieg setzte sich eine Nationalregierung unter Mustafa Kemal Pascha durch; 1923 wurde als Nachfolgestaat die Republik Türkei gegründet.

Politische Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anatolien vor 1300[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Byzantinisches Reich um 1270
Anatolien um 1300

Kleinasien (Anatolien) stand bis ins 11. Jahrhundert unter der Vorherrschaft des Byzantinischen Reichs. Nach der Schlacht bei Manzikert 1071 hatten die turkstämmigen Rum-Seldschuken ein eigenes Sultanat in Zentralanatolien gegründet. Ihre Hauptstadt war Konya. In der Schlacht vom Köse Dağ unterlagen die Seldschuken 1243 den Mongolen und mussten die Vorherrschaft der Ilchane anerkennen. Ende des 13. Jahrhunderts revoltierte der Gouverneur der Ilchane in Anatolien, Sülemiş, gegen Ghazan Ilchan. Die Schwäche des byzantinischen Reichs im Westen und des Ilchanidenreichs im Osten bot den turkstämmigen Beys die Gelegenheit, im Gebiet zwischen beiden Reichen eigenständige kleinere Herrschaften zu errichten. Es entstanden die Beyliks von Mentesche, Aydın, Germiyan, Saruhan, Karesi, Teke, Candar, Karaman, Hamid und Eretna.

Im Nordwesten Anatoliens, der antiken Region Bithynien, bestand zu Anfang des 14. Jahrhunderts das nach seinem Gründer Osman I. benannte osmanische Beylik. Osman I. herrschte über einen nomadischen Stamm oder eine Gruppe von räuberischen Kämpfern (Ghāzīs), der bei Söğüt seinen Sitz hatte und etwa das Gebiet zwischen Eskişehir und Bilecik beanspruchte. Der Überlieferung nach entstammte er dem oghusischen Clan der Kayı aus dem Stamm der Bozok. Der marokkanische Weltreisende Ibn Battuta bezeichnet Osman I. als „Turkmenen“. Turkmene war zur damaligen Zeit ein Synonym für Oghuse. Osmans Land nennt Ibn Battuta barr al-Turkiyya al-Maʻ ruf bi-Bilad al-Rūm („Das türkische Land, bekannt als das Land von Rum“).[6]

Viele Bücher und Texte über die Anfangszeit sind bei der Zerstörung von Bursa durch Timur 1402 verloren gegangen. Eine der ältesten erhaltenen türkischen Chroniken, das Düstür-nāme des Ahwad al-Dīn Enveri (gest. 1189/90),[7] behandelt die Geschichte der westlichen und zentralanatolischen Beyliks, legt den Schwerpunkt aber auf das Beylik von Aydın. Das Karaman-nāme des Şikârî (gest. 1512) behandelt die Geschichte der Karamanoğulları, der Beys von Karaman.[8]. Osmanische Chroniken wie beispielsweise das menāḳib oder tevārīḫ-i Āl-i ʿOsmān des Aschikpaschazade sind erst aus dem 15. Jahrhundert überliefert. Die osmanischen Quellen überliefern eine geglättete, teils legendenhafte Erzählung des eigenen Aufstiegs, die mit den gleichzeitig entstandenen byzantinischen Chroniken nicht in Einklang steht. Sie eignen sich deshalb nur mit Einschränkungen zur Erforschung der frühen Geschichte des Reiches. In den ersten Jahren seines Bestehens war das osmanische Beylik offenbar nur eines unter mehreren vergleichbar mächtigen Herrschaftsgebieten. Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts war Osman möglicherweise noch den Ilchaniden tributpflichtig. Wie es ihm und seinen Nachfolgern gelang, aus einem kleinen Herrschaftsbereich ein Weltreich zu formen, bleibt Gegenstand der Forschung. Die weitere Auswertung der osmanischen Archive wird zukünftig hoffentlich genauere Informationen erbringen.

Reichsgründung und Ausdehnung: 14. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Osmanische Reich um 1326

Osman I.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Jahr wird 1299 wird traditionell als das Gründungsjahr des Osmanischen Reiches angesehen. Mit den ersten Eroberungen Osmans im Westen gerät seine Herrschaft ins Blickfeld der byzantinischen Chroniken. Als erster byzantinischer Historiker berichtet Georgios Pachymeres von einem osmanischen Sieg über eine byzantinische Armee: Am 27. Juli 1302 siegten die Osmanen in der Schlacht von Bapheus (Koyunhisar); dieser Tag wird seither als der Tag der Dynastiegründung angesehen.[9]

Osman I. (1258–1324/26) konnte sich aufgrund seiner Erfolge die Unterstützung berittener Krieger der benachbarten türkischen Stämme sichern, und erweiterte seinen Herrschaftsbereich nach Nordwesten hin, überwiegend auf Kosten des Byzantinischen Reiches. In den 1930er Jahren wurde die Ghazi-These formuliert, die die westliche Expansionsrichtung aus der Ideologie islamischer Glaubenskämpfer zu erklären suchte. In den 1980er Jahren wurde ihr die Nomadenthese gegenüber gestellt, die die Westorientierung aus der Lebensweise der zu dieser Zeit noch weitgehend nomadischen Turkvölker begreift. In den fruchtbaren Gebieten Westanantoliens, die nur von schwachen byzantinischen Besatzungen geschützt waren, fanden sie zunächst geeignete Weideflächen. Nach kurzer Zeit hatten sie ihre Kriegführung den Bedingungen eines Kriegs gegen ausgebildete Heere und befestigte Städte angepasst: Die ersten Eroberungen gelangen im Grenzgebiet zum Byzantinischen Reich (türkisch Uc, griechisch άκρον (Akron); Spitze, Ende). Die berittenen nomadischen Bogenschützen konnten zunächst nur das Umland der Städte kontrollieren, die Eroberung der ersten Städte gelang erst Osmans Nachfolgern, die zu mehr sesshafter Lebensweise und wirksamerer Kriegführung zu Lande übergingen. Mit der Eroberung von Bursa im Jahre 1326 fiel kurz vor Osmans Tod ein bedeutender Handelsplatz der Seidenstraße in osmanische Hand. Das Herrschaftsgebiet Osmans lag günstig auf den alten Handelsrouten zwischen Asien und Europa und konnte somit von Anfang an am Ost-West-Handel, dem Austausch von Rohstoffen, Handelsgütern und Edelmetallen teilhaben. Das Nachbarland Byzanz verfügte ebenso wie das Seldschukensultanat über ein hoch entwickeltes Wirtschafts- und Währungssystem, das die pragmatischen neuen Herrscher als Vorbild nutzten. Das sich ausbreitende Osmanische Reich verfügte somit früh über wirtschaftliche Stärke sowie die nötigen Fähigkeiten, sie auch zu ihrem Vorteil nutzen zu können. Damit war eine der Voraussetzungen für seine militärischen und politischen Erfolge gegeben.[10]

Orhan I. und Murad I.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Osmans Sohn und Nachfolger Orhan (1281–1359/62) hatte im Jahre 1326 nur ein kleines Fürstentum geerbt, das lediglich knapp halb so groß wie die heutige Schweiz war. Iznik wurde 1331 von ihm erobert, nachdem er 1329 bei Maltepe in der Schlacht von Pelekanon eine byzantinische Armee besiegt hatte. Er machte Bursa zur Hauptstadt, und bis zur Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 blieb es die Grablege der osmanischen Sultane.

Militärische Neuerungen veränderten die klassische nomadische Kriegführung mittels berittener Bogenschützen und waren entscheidend für die weiteren kriegerischen Erfolge: Wahrscheinlich schon unter Orhan, sicher aber unter seinem Nachfolger Murad I. (1319/29–1389), entstand mit den Janitscharen (türkisch Yeniçeri, „neue Truppe“) eine stehende Infanterie, die in den nächsten Jahrhunderten die Elite der osmanischen Armee darstellen sollte. Mittels der Knabenlese (devşirme) wurden auf dem Balkan und im Kaukasus meist christliche Jungen zwangsweise ausgehoben und unter geistlicher Anleitung des sufitschen Bektaschi-Ordens zum Islam bekehrt. Sie erhielten eine Ausbildung, die sie zu fähigen Verwaltungsbeamten des Reiches machen sollte. Ihre Stellung als Sklaven (ḳul) des Herrschers machte sie diesem unmittelbar untergeben und sicherte ihre Loyalität. Aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für die Reichsverwaltung erlangten die Janitscharen zunehmend politischen Einfluss und stiegen neben der politischen Elite des Hofes und der islamischen Gelehrtenschaft, der ʿUlamā', zu einer dritten Kraft hinter dem Sultan auf. Neben der Janitscharentruppe spielte die meist turkstämmige schwere Sipahi-Reiterei eine wichtige Rolle. Weitere Truppeneinheiten stellten die ebenfalls meist türkischen Akıncı, dar, Sturmreiter, deren Lebensunterhalt überwiegend aus der Kriegsbeute einschließlich des Sklavenhandels bestritten wurde. Gleichzeitig unterhielt die Zentrale eigene Truppen des Sultans mit der Leibwache, den Kapikuli, während die Provinzgouverneure, die Walis, regionale Einheiten unterhielten, darunter die Serratkuli.

Die wirtschaftlichen Gewinne aus den neu eroberten Gebieten überwogen zu jener Zeit die Kriegskosten. Die eroberten Gebiete wurden in einzelne, Tımar genannte, nicht vererbbare Militärlehen aufgeteilt, deren Inhaber je nach Größe und Einkommen ihres Lehnsguts berittene Sipahi zu stellen und zu unterhalten hatten. Teilweise erhielten auch die früheren Herrscher der eroberten Regionen Lehnsgüter und waren zu Loyalität und Heerfolge verpflichtet. Dieses System ähnelte äußerlich dem europäischen Lehnswesen des Mittelalters, allerdings gab es auch große Unterschiede: Es wurden nur Einkunftsquellen, keine Hoheitsrechte, vergeben. Die Bauern, die das Tımarland bestellten, waren keine Leibeigenen. Der Lehnsinhaber übte meist keine Gerichtsbarkeit aus. Diese blieb – entsprechend dem islamischen Recht – einer eigenständigen Hierarchie von Kadis vorbehalten. 1383 ernannte Murad I. erstmals einen obersten Richter (ḳāżıʿasker). Solange die Kosten der Kriegführung aus den Einkommen der Tımar gedeckt waren, finanzierten sich die Eroberungen selbst und brachten Gewinn. Erst mit dem Aufkommen der kostspieligen Feuerwaffen im 16. Jahrhundert überstiegen die Kosten der stehenden, modern ausgestatteten und in bar besoldeten Heere die finanziellen Ressourcen der klassischen Tımarorganisation. Das wachsende Reich erhielt nun eine übergeordnete Verwaltungsstruktur: So wurde ab 1385 die militärische Führung einem „Beylerbey von Rumelien“ (dem europäischen Teil des Osmanischen Reiches) und einem „Beylerbey von Anatolien“ überantwortet, wobei Ersterer den Oberbefehl hatte. Auch die Gerichtsbarkeit wurde in den beiden Regionen getrennt verwaltet. Während der gesamten folgenden Geschichte stellten die europäischen Reichsteile Kernlande des Osmanischen Reichs dar. Ihr Verlust im 19. Jahrhundert war ein schwerer politischer und wirtschaftlicher Rückschlag.

Die Osmanen verdrängten das Byzantinische Reich weitgehend aus Kleinasien. Bei Orhans Tod 1359 war das Reich bereits mehr als dreimal so groß wie beim Tode seines Vaters. Doch hatte er seinen Machtbereich nicht nur auf Kosten von Byzanz ausgedehnt, das 1333 erstmals Tribut zahlte, sondern auch auf Kosten seiner turkmenischen Nachbarn. So brach er 1345 die regionale Macht der benachbarten Karesi. Durch geschicktes Agieren während der byzantinischen Thronstreitigkeiten, die Johannes Kantakuzenos an die Macht brachten, konnte er den Beylik von Aydin an der Ägäis seinem Herrschaftsgebiet einverleiben. Das Osmanenreich wurde zu einer Vormacht in Kleinasien. Der byzantinische Fürst Johannes Kantakuzenos erlangte mit Sultan Orhans militärischer Unterstützung im Byzantinischen Bürgerkrieg den Kaiserthron. Das Bündnis wurde durch die Heirat von Johannes' Tochter Theodora mit Orhan besiegelt. Das Geschichtswerk des Johannes Kantakuzenos stellt zusammen mit der Rhomäischen Geschichte des Nikephoros Gregoras eine wichtige byzantinische Quelle zur Frühzeit des Osmanenreichs dar.

Orhan Gazi eroberte einige Gebiete wie die Küstengebiete am Schwarzen Meer und Edirne. Diese militärischen Erfahrungen halfen ihm auch bei der Eroberung Thrakiens. Gleichzeitig weiteten die Osmanen ihre Macht bis Smyrna, Sardes und Milet aus. Noch zu Orhans Lebzeiten begann die Expansion nach Europa durch Überschreiten des Marmarameers (Marmara Denizi), 1354 wurde mit Gallipoli (Gelibolu) die erste Stadt auf europäischem Boden erobert. 1361 gelang die Einnahme Adrianopels, der zweitgrößten byzantinischen Stadt, nach der Schlacht an der Mariza (1371) folgte der Übergriff auf Makedonien (1371) und Bulgarien (1385 und 1396). Gleichzeitig schritt die Eroberung Kleinasiens voran, 1390 wurden im Südwesten die Beyliks von Aydin und Mentesche (dieses endgültig 1421) sowie Germiyan erobert. Das mächtigere Karaman im Osten widerstand bis 1466 und behinderte lange die weitere Expansion nach Osten. 1389 gelang Murad I. in der Schlacht auf dem Amselfeld ein Sieg über die verbündeten christlichen Fürsten aus Serbien und Bosnien und vermutlich noch weiteren verbündeten christlichen Fürstentümern. Der Sultan selbst wurde dabei durch den serbischen Adligen Miloš Obilić, getötet.

Bayezid I.: Vom Beylik zum Reich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Festung Anadolu Hisarı, 1393/4 erbaut von Bayezid I.; Blick über den Bosporus nach Europa
Große Moschee von Bursa, 1396–99

Auf Murad I. folgte Bayezid I. (manchmal auch Beyazıt oder Bayezıt geschrieben, 1360–1403). 1391 und 1392 wurden die Beyliks von Aydın, Germiyan und Menteşe erobert. Anschließend belagerte Bayezid I. Konya, konnte das Beylik der Karamaniden noch nicht erobern: Der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaiologos besetzte zur gleichen Zeit, ebenso wie die Fürstentümer Walachei und Bosnien Gebiete in Rumelien. 1394 gelangten Bulgarien und die Walachei wieder unter osmanische Herrschaft. In Verhandlungen mit der Republik Venedig erreichte Bayezid I., dass Getreidelieferungen nach Konstantinopel eingestellt wurden. Die Festung Anadolu Hisarı, 1393/4 am anatolischen Ufer einer nur 700 m breiten Bosporusenge erbaut, ist einer der größten erhaltenen Bauten aus der Zeit Bayezids. Zusammen mit der später (1452) von Mehmed II. auf dem gegenüberliegenden Ufer errichteten Festung Rumeli Hisarı beherrschten die Anlagen den Seeweg nach Konstantinopel vom Schwarzen Meer aus, und stellten somit eine der Voraussetzungen für die spätere Eroberung der Stadt dar. Von Bayezid I. ist überliefert, dass er den Titel „Sultan-ı Rūm“ für sich beanspruchte. 1396 erreichte er, dass die muslimischen Einwohner Konstantinopels einer eigenen Gerichtsbarkeit unterstellt wurden. 1397 eroberte der Sultan endgültig das Beylik von Karaman und ordnete die eroberten Gebiete im Beyerbeylik von Anatolien neu. Er eroberte Sinope, Eretna und im Jahr 1400 Erzincan. Die Bedrohung durch Timur, der sich zum Fürsprecher der eroberten Beyliks gemacht hatte, veranlasste ihn, 1401 die Blockade Konstantinopels um den Preis einer erneuten Tributpflichtigkeit des byzantinischen Reiches abzubrechen. Aus der Spätzeit der Regierung Bayezids sind die ersten osmanischen Chroniken überliefert, die von einem neuen Selbstbewusstsein des Reiches künden.

Bayezid gewährte Handelsprivilegien für die Seerepubliken Genua und Ragusa. Die Hafenanlagen von Gallipoli oder die Große Moschee von Bursa, unter seiner Herrschaft 1396–1399 erbaut, sind frühe Beispiele für die noch von der Architektur der Seldschuken beeinflusste osmanische Architektur.

Die Eroberungen auf dem Balkan nach den Schlachten an der Mariza und auf dem Amselfeld brachten die neue osmanische Macht endgültig in das öffentliche Bewusstsein Westeuropas. 1396 schlugen und vernichteten die Osmanen in der Schlacht von Nikopolis ein Kreuzfahrerheer unter dem ungarischen König und späteren Kaiser Sigismund. Augenzeugen wie Johannes Schiltberger berichteten über das Ereignis und ihre Erlebnisse in der Kriegsgefangenschaft. Die Verhandlungen um die Lösegelder ranghoher europäischer Kriegsgefangener wie Jean II. Le Maingre brachte das Osmanische Reich erstmals in direkten diplomatischen Kontakt mit westeuropäischen Ländern. Das osmanische Reich war zum direkten Nachbarn und zu einer ernsthaften Bedrohung der europäischen Reiche geworden.

Eroberung durch Timur, Osmanisches Interregnum: 1402 bis 1413[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Osmanisches Interregnum

Eine erste Existenzkrise musste das Osmanische Reich durchstehen, als sein Heer in der Schlacht bei Ankara gegen Timur Lenk 1402 vernichtend geschlagen wurde und Bayezid in Gefangenschaft geriet. Der Gründer der Timuriden-Dynastie hatte innerhalb kurzer Zeit ein riesiges Reich von Nordindien über Georgien und Persien bis Anatolien erobert, das aber nach seinem Tod 1405 schnell zerfiel. Die Verwaltung der Gebiete des Osmanischen Reichs hatte er an die Söhne Bayezids, Süleyman (Rumelien), Mehmed (Zentralanatolien mit Amasya) und İsa (anatolischer Teil um Bursa) gegeben. Diese kämpften in der Folge sowohl um die an Timur verloren gegangenen Gebiete als auch gegeneinander um die Vorherrschaft. In den Kämpfen zwischen den Brüdern wurde Süleyman von einem weiteren Bruder, Musa, 1410 geschlagen, dem wiederum Mehmed 1413 mit Unterstützung von Byzanz eine Niederlage beibrachte. Mehmed stellte sich als Sultan des wieder vereinigten Reichs in den folgenden Jahren der Herausforderung, das Land zu konsolidieren und gleichzeitig die alte Größe wiederherzustellen.

Auch die Thronbesteigung von Mehmeds Sohn Murad II. lief nicht reibungslos ab. Denn kurz vor Mehmeds Tod machte ein gewisser Mustafa als angeblicher Sohn Bayezids Ansprüche auf den Thron geltend. Vielleicht war dieser Mustafa tatsächlich ein leiblicher Sohn, er wurde aber von Mehmed als „falscher (düzme) Mustafa“ diffamiert. Sowohl er, als auch ein weiterer Bruder Murads (der auch als „kleiner Mustafa“ (Küçük Mustafa) bezeichnet wird), der von Byzanz als Thronprätendent aufgebaut worden war, wurden hingerichtet. Bei dieser Gelegenheit musste 1422 die Belagerung Konstantinopels wiederum abgebrochen werden. Venedig verteidigte Selânik (Thessaloniki) ab 1423 gegen die Osmanen, denen jedoch 1430 die Stadt, deren Umland längst in ihrer Hand war, endgültig zufiel. Schon zweimal, 1387–1391 und 1394–1403, war die Stadt osmanisch gewesen, dann letztmals byzantinisch.

Wiedererstarken und weitere Expansion nach Westen: 1420 bis 1451[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mehmed I. empfängt Würdenträger
Üç Şerefeli Camii in Edirne, erbaut 1437/8–1447 unter Murad II.

In Südosteuropa war das Königreich Ungarn zum Hauptgegner geworden. 1440 konnte es die Einnahme der wichtigen Festung in Belgrad abwenden. Vor allem Johann Hunyadi gelangen immer wieder militärische Erfolge, obwohl seine und die Versuche des Papstes, ein Kreuzfahrerheer zur Vertreibung der Osmanen aus Europa zusammenzurufen, in West- und Mitteleuropa kaum Gehör fanden. Drei Jahre später konnte Hunyadi sogar bis ins damals osmanische Bulgarien vordringen.

Auch die Albaner unter Skanderbeg führten einen Unabhängigkeitskampf gegen die Osmanen. 1444 schloss Murad in Szeged einen zehnjährigen Friedensvertrag, der jedoch sogleich von Ungarn gebrochen wurde, um einen vom Papst initiierten Feldzug zu führen. Murad hatte gerade die Macht an seinen Sohn Mehmed II. abgegeben und sich zurückgezogen, trat nun aber erneut an die Spitze des Heers, das die Kreuzfahrer unter dem polnisch-ungarischen König Władysław III. (Polen und Ungarn) in der Schlacht bei Warna vernichtend schlug. Abermals musste Murad 1446 die Macht für seinen unerfahrenen Sohn und Nachfolger übernehmen, um einen Janitscharenaufstand niederzuschlagen, und fügte 1448 den Ungarn unter Johann Hunyadi im Kosovo in der Schlacht auf dem Amselfeld eine schwere Niederlage zu.

Nach der Eroberung Thrakiens und Makedoniens 1353 hatten die Osmanen ein stark entvölkertes Land vorgefunden. Die voraus gegangenen byzantinischen Bürgerkriege von 1341–1347 und 1352–1354, in denen osmanische Söldner auf beiden Seiten gekämpft hatten, sowie die großen Pestepidemien hatten die Region verwüstet. Die ältesten erhaltenen osmanischen Bevölkerungsregister (tahrir defterleri) aus dem 15. Jahrhundert zeigen sowohl das Ausmaß der Verluste als auch das Ergebnis der osmanischen Besiedlungspolitik. Neben der spontanen Einwanderung turkstämmiger Nomaden {Yörük) wurden Einwohner Anatoliens auf Befehl des Sultans in bedeutender Zahl auf den Balkan umgesiedelt. Die Erforschung der Ortsnamen deutet darauf hin, dass Untertanen aus allen Regionen Kleinasiens nach Thrakien und Makedonien verbracht worden sind.

Hauptstadt des Osmanischen Reiches war seit 1368 Edirne. Murad II. errichtete dort monumentale Bauten. Die Muradiyye-Moschee, die Üç Şerefeli-Moschee mit einer 24 m weiten Kuppel, Külliye-Komplexe mit einer Moschee angegliederten Bädern (Hamam) und Armenküchen (imaret) sowie die Cisr-i Ergeni („Ergeni“- oder „lange Brücke“, türkisch uzun köprü), die der ersten osmanischen Stadtgründung auf dem Balkan, Uzunköprü, ihren Namen gab, zeigen die wieder erstarkte Macht des Sultans.

Osmanisches Weltreich: 1451–1566[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eroberung Konstantinopels und Festigung der Macht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mehmed II. bestieg 1451 endgültig den Thron. Er widmete sich der endgültigen Eroberung von Konstantinopel, das als „Goldener Apfel“ schon vor der ersten Belagerung (1422) Ziel der osmanischen Expansionspolitik war; später trug Wien diese Bezeichnung. Byzanz hatte mit Orhan einen weiteren osmanischen Thronprätendenten aufgestellt und versuchte ein letztes Mal, die osmanische Politik zu seinen Gunsten zu wenden: Im Fall des „falschen“ Mustafa (siehe weiter oben) hatte eine vergleichbare Politik zu einem osmanischen Erbfolgekrieg geführt. Konstantinopel fiel nach 54-tägiger Belagerung am 29. Mai 1453. In Europa wurde dieses Ereignis als endzeitliche Wende wahrgenommen.[11] In der Geschichtsschreibung gilt der Fall der Stadt als weltgeschichtliche Zäsur, als Ende des Byzantinischen Reichs und Epochenwende vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit. Tatsächlich besaß Byzanz zu dieser Zeit nur noch wenig politischen Einfluss und beherrschte kaum noch mehr als das eigentliche Stadtgebiet. Die stark befestigte Stadt kontrollierte jedoch den Zugang zum Schwarzen Meer. Nach mehrtägigen Plünderungen wurde Konstantinopel zur neuen Hauptstadt des Osmanischen Reiches ausgebaut. Man versuchte, die entvölkerte Stadt wieder aufzubauen, indem man die alte Bevölkerung – wie Griechen und Juden – zum Bleiben bewegte und neue Einwohner ansiedelte. Die größte christliche Kirche ihrer Zeit, die Hagia Sophia, wurde in einem Akt symbolischer Aneignung zur Moschee „Ayasofia“ umgewidmet. Nach der Eroberung nahm Sultan Mehmed II. den Titel „Kaiser der Römer“ (قیصر روم / Ḳayṣer-i Rūm) an und stellte sich somit bewusst in die Tradition und Nachfolge des Oströmischen Reiches.[12]

Auf dem Balkan schritt die osmanische Expansion langsamer voran. 1456 konnte Hunyadi die Eroberung Belgrads abwenden und sicherte die Unabhängigkeit Ungarns für die nächsten siebzig Jahre. 1460 eroberte Mehmed II. das Despotat Morea (den Peloponnes) und den Rest Serbiens. Mit der Eroberung des Kaiserreichs Trapezunt ging 1461 die territoriale Herrschaft der letzten byzantinischen Dynastie, der Komnenen, zu Ende. 1470 kam Albanien, 1475 die Krim zum Reich. Während seiner langen Regierungszeit (1444–1446 sowie 1451–1481) führte Sultan Mehmed II. Reformen durch, die das Reich nach heutigen Begriffen zentralistisch, seine Wirtschaft interventionalistisch organisierten. Den Handel zu fördern und die Kontrolle über die Handelsrouten zu gewinnen, war ein wesentliches Ziel der osmanischen Politik im östlichen Mittelmeerraum.[13] Dies brachte das Reich gleichzeitig in Konflikt mit der bis dahin führenden Handels- und Seemacht, der Republik Venedig. Der Osmanisch–Venezianische Krieg (1463–79) endete mit Gebietsverlusten und der Tributpflichtigkeit Venedigs.

1481 bestieg Bayezid II. den Thron. Dessen Bruder Cem wurde zuerst vom Malteserorden und später vom Papst als Geisel gegen ihn eingesetzt, was den osmanischen Handlungsspielraum im Westen einschränkte. Unter Mehmed II. und Bayezid II. entstanden erste Gesetzbücher (kanunnāme).[14] Diese ergänzten die schon früher geführten Steuerregister (Defter), die die Art der Besteuerung, Zeitpunkt und Vorgehen bei ihrer Eintreibung, sowie die rechtliche Beziehung zwischen Tımarinhabern und Steuerzahlern detailliert festgelegt hatten. Bayezid II. wurde 1512 von seinem Sohn Selim abgesetzt und womöglich vergiftet.

Selim I. setzte vor allem im Osten die Eroberungsfeldzüge fort. 1514 gelang ein Sieg gegen die Safawiden in Persien, 1516 gegen Syrien. Schließlich wurde 1516/17 das Mamluken-Reich in Ägypten zerschlagen. Damit übernahm das Osmanische Reich das Protektorat über die heiligen Städte Mekka und Medina (d. h. den Schutz der Pilgerwege und die Versorgung der Städte). Dem osmanischen Sultan war es somit gelungen, die Vormachtstellung seines Reiches im islamischen Kulturkreis zu festigen.

Selbstverständnis und Organisation als Großmacht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sultan Süleyman I. erweiterte das Reich der Osmanen um ein Vielfaches und begründete den Großmachtstatus

Die Ära Süleyman I. (1520–1566) wird meist als Höhepunkt der Macht des Osmanischen Reichs betrachtet. In der osmanischen und türkischen Geschichtsschreibung erhielt er den Beinamen „Kānūnī“ („Gesetzgeber“), der westeuropäische Beiname „der Prächtige“ kennzeichnet seine Wahrnehmung im Westen: Unter seiner Herrschaft erstellte der Şeyhülislam Mehmed Ebussuud Efendi ein reichsweit gültiges Gesetzbuch (kanunnāme). Ebussuud leitete das osmanische Recht aus der Scharia-Auslegung der sunnitisch-hanafitischen Rechtsschule ab. Während Süleymans Herrschaft bildete sich mit dem Osmanischen Islam ein spezieller Zweig dieser Rechtsschule, die den Herrschaftsanspruch der osmanischen Dynastie nun auch religiös legitimierte.[15]In der westlichen Welt wird er „der Prächtige“ genannt. Er gilt als einer der größten Kunstförderer unter den osmanischen Herrschern. Unter seine Regentschaft fallen etwa die architektonischen Meisterleistungen von Mimar Sinan. Durch viele Feldzüge erweiterte Süleyman das Reich Richtung Westen, Osten und Südosten.

1521 eroberte er innerhalb von nur 3 Wochen Belgrad. Die Festung galt damals als die stärkste auf dem Balkan. 1522 landete er mit seinen Truppen auf Rhodos und nahm die Festung im Dezember 1522 ein. Er ließ die Verteidiger aushungern, welche entkräftet aufgeben mussten. Vier Jahre später wurde in der Schlacht von Mohács, in der Ludwig II. getötet wurde, das Schicksal Ungarns besiegelt. Zwar zog das osmanische Heer noch vor Jahresende vorläufig ab, aber um die Thronnachfolge gab es einen Streit zwischen dem Habsburger Ferdinand I. und dem Ungarn Johann Zápolya, der die Osmanen um Hilfe ersuchte.

Bei diesen Auseinandersetzungen nutzte Süleyman I. 1529 die Lage, um erstmals Wien zu belagern, was aber nicht von Erfolg gekrönt war. Nach nur 19 Tagen war Süleyman I. aufgrund eines sehr frühen Wintereinbruchs gezwungen, die Belagerung abzubrechen. Dennoch wurde Österreich als Folge dieses Konflikts langfristig tributpflichtig.

Letztlich fiel das westliche Ungarn an Österreich, während Zápolya im Frieden von Großwardein als König Restungarns unter osmanischer Oberhoheit anerkannt wurde. Nach seinem Tod 1540 besetzte die Pforte das mittlere Drittel des einstigen Ungarn und ließ Zapolyas Sohn das Fürstentum Siebenbürgen.

Im Osten gelang es dem Osmanischen Reich in den drei Feldzügen des Osmanisch-Safawidischen Kriegs gegen die Safawiden, Ostanatolien endgültig zu erobern. 1534 fielen zudem Mesopotamien mit Bagdad und Aserbaidschan mit der safawidischen Hauptstadt Täbris in die Hände der Osmanen. Im Frieden von Amasya 1555 gelang es den Osmanen einen Großteil der Eroberungen dauerhaft zu sichern. Mesopotamien mit Bagdad, Basra und der zugehörigen Küste des Persischen Golfes, Ostanatolien und Schahrazor blieben osmanisch, Aserbaidschan und die östlichen Teile Kaukasiens verblieben den Safawiden.

Seeschlacht von Preveza (1538) in der Khair ad-Din Barbarossa die Flotte der Hl. Liga besiegte. Historistisches Gemälde von 1866

Auch im Mittelmeer kam es zu Gebietsgewinnen: 1537 griff die osmanische Flotte des Khair ad-Din Barbarossa die venezianischen Besitzungen in Griechenland an. Auch die vereinigten Seestreitkräfte der zur Verteidigung gebildeten Heiligen Liga konnten keinen effektiven Widerstand leisten. Im Jahre 1538 besiegte die Flotte Khair ad-Din Barbarossas die Flotte der Heiligen Liga unter Andrea Doria bei Preveza. Damit begann bis zur Seeschlacht von Lepanto 1571 eine über 30-jährige militärische Vormachtstellung der osmanischen Flotte im Mittelmeer. Venedig schloss 1540 mit den Osmanen einen Sonderfrieden, in dem Teile Dalmatiens, die verbliebenen Besitzungen Venedigs auf der Peloponnes und fast alle Inselbesitzungen Venedigs im Ägäischen Meer (außer Tinos und Kreta) an die Osmanen fielen. 1560 behaupteten die Osmanen in der Seeschlacht von Djerba ihre Vormachtstellung. Die 1565 beabsichtigte Eroberung von Malta (siehe: Belagerung von Malta (1565)) missglückte allerdings. Die Ritter des Heiligen Johannes konnten der Invasionsstreitmacht so lange standhalten, bis die Osmanen wegen ihrer Verluste, der aufgetretenen Krankheiten, der fortgeschrittenen Jahreszeit und unter dem Eindruck einer aus dem spanischen Sizilien zum Entsatz angelandeten Streitmacht sich zurückzogen.

Das osmanische Reich griff auch nach Südosten aus und bedrohte die Vormacht Portugals im Indischen Ozean: 1538 kam es zur Belagerung von Diu[16]. 1547 wurden große Teile des Jemen besetzt. Der osmanische Admiral Piri Reis vertrieb 1548 die Portugiesen aus Aden und 1552 aus Maskat. Diese Gewinne waren aber nur vorübergehend. 1557 wurde Massaua in Eritrea erobert und blieb bis ins 19. Jahrhundert osmanisch.

1566 brachen die osmanischen Truppen erneut zu einem Ungarn-Feldzug auf. Er belagerte Szigetvár, das von Nikola Šubić Zrinski verteidigt wurde. Süleyman I. starb jedoch während dieser Belagerung von Szigetvár. Der Tod des Sultans, die Gesamtverluste bei der Belagerung von etwa 20.000 Mann und der hereinbrechende Winter veranlassten das osmanische Heer zum Rückzug nach Konstantinopel.

Süleyman war sich seiner Bedeutung als Herrscher über eine Großmacht bewußt: Über den Haupteingang der von ihm erbauten Süleymaniye-Moschee ließ er die Inschrift setzen:[17]

„Eroberer der Länder des Ostens und des Westens mit der Hilfe des Allmächtigen und seiner siegreichen Armee, Herrscher über die Reiche der Welt.“

Um diesen Anspruch wahr werden zu lassen, musste sich Süleyman gegenüber dem Heiligen Römischen Reich behaupten. Nur durch die Eroberung der Kaiserkrone konnte er auch die Herrschaft des Westens beanspruchen. Unter seiner Regierung vertieften sich daher die diplomatischen Beziehungen mit Europa: Er suchte die Unterstützung der deutschen protestantischen Fürsten zu gewinnen, die sich im Schmalkaldischen Bund gegen die Religionspolitik des katholischen Kaisers Karl V. verbündet hatten,[18] und schloss ein Bündnis mit dem französischen König François I. Dieser schrieb:[19]

„Ich kann meinen Wunsch nicht leugnen, den Türken mächtig und bereit zum Krieg zu sehen, nicht um seinetwillen, denn er ist ein Ungläubiger und wir sind Christen, sondern um die Macht des Kaisers zu schwächen, ihm hohe Ausgaben aufzuzwingen und alle anderen Regierungen gegen einen so mächtigen Gegner zu stärken.“

Auch auf wirtschaftlichem Gebiet wurden die Beziehungen enger. Die erste so genannte Kapitulation, die die freien Handel vereinbarte und den Handelspartnern die Gerichtsbarkeit über ihre Untertanen auf dem Boden des Osmanischen Reichs übertrug. war schon 1352 der Republik Genua gewährt worden, in den 1380er Jahren folgte die Republik Venedig, unter Mehmed II. (reg. 1451–81) die Republik Florenz, unter Bayezid II. (reg. 1481–1512) Neapel. Frankreich hatte schon 1517 von der Pforte die Bestätigung der mit der ägyptischen Mamlukendynastie geschlossenen Kapitulation erlangt. Die im Rahmen des französisch-osmanischen Bündnisses 1536 vereinbarte Kapitulation galt lange Zeit als die erste, wurde aber nie ratifiziert. Um 1580 datiert die erste Kapitulation mit England, das bis dahin Waren über Venedig importiert hatte. Das Reich nutzte die Kapitulationen, um aus dem Wettbewerb der europäischen Länder um die besten Handelsbedingungen diplomatische Vorteile zu ziehen.[20]

Ende 16. bis 18. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

TVRCICI IMPERII DESCRIPTIO - Beschreibung des Türkischen Reiches, Karte von Abraham Ortelius (Antwerpen, 1570)

Finanzpolitische Krisen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon während der Regierungszeit Süleymans gab es erste Krisensymptome, die sich im Lauf der Zeit verstärkten und den Niedergang des Osmanischen Reichs einleiteten. So wurden die Tımare, nicht-erbliche Lehen, mit denen die Spahi-Reiter ihren Lebensunterhalt und ihre Ausrüstung finanzierten, zunehmend auch an Nichtberechtigte vergeben, was zu einer Schwächung dieser Kerntruppe des Heeres führte. Weil kaum noch neue Territorien erobert wurden, fehlte es an Land, das man in das Tımarsystem integrieren konnte. Die Tımare wurden daher in immer kleinere Stückelung vergeben, was die Spahis ebenfalls schwächte. Je weniger Truppen sich durch Tımare selbst finanzieren konnten, desto mehr mussten besoldet werden, was die Hohe Pforte vor finanzielle Aufgaben stellte, die sie nicht bewältigen konnte. Die Mittel, mit denen die Großwesire und der Diwan zur Behebung der seit dem 16. Jahrhundert chronischen Finanznot des Reiches griffen, verschlimmerten die Krise. Zum einen wurde die Steuerpacht eingeführt, die so genannte „malikâne“: Das Recht, eine bestimmte Steuer einzukassieren, wurde versteigert, wodurch der Fiskus die Summe sofort erhielt. Die „Mültezim“ genannten Steuerpächter versuchten nun, deutlich mehr an Steuern aus dem ihnen zugewiesenen Gebiet herauszupressen, als sie bei der Auktion bezahlt hatten, was sie bei der steuerpflichtigen Landbevölkerung verhasst machte. In der Folge breitete sich allgemeine Korruption im Osmanischen Reich aus – ohne „Geschenke“ oder Schmiergelder ging bei den Behörden gar nichts mehr. Hierzu trug auch die seit dem 17. Jahrhundert verbreitete Käuflichkeit von Ämtern bei. Sie füllte zwar die Staatskasse und vor allem die Taschen der für die Besetzung von frei gewordenen Stellen und Posten zuständigen Großwesire und Beylerbeys mit erheblichen Summen. Auf der anderen Seite brachte sie auch viel inkompetentes und für die jeweilige Aufgabe unausgebildetes Personal in Amt und Würden, das in möglichst kurzer Zeit versuchte, den für den Ämterkauf investierten Betrag zu amortisieren. Folge war eine verschärfte Ausbeutung des einfachen Volkes.

Ein weiteres Mittel zur Sanierung der Staatsfinanzen waren wiederholte Münzverschlechterungen, indem man den Silbergehalt des Akçe, der Währung des Osmanischen Reiches, durch Verkleinerung der Münzen oder durch Beimengung unedler Metalle reduzierte. Die Folge war eine deutliche Inflation. Die Preise stiegen, worunter vor allem die einfache Bevölkerung litt. Ein weiterer Grund für den Wertverfall der Münzen kam aus dem Westen: Weil über den Atlantikhandel große Mengen Silber aus dem spanischen Kolonialreich nach Europa strömten, sank dessen Wert.[21]

Konflikte in Mittelmeer- und Schwarzmeerraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Expansion der christlichen Staaten nach Übersee hatte für das Osmanische Reich noch weitere negative Folgen. Mit der Entdeckung des Seewegs um Afrika herum verloren die Osmanen ihr Monopol auf den Indienhandel. Zwar brachten die Karawanen über die Gewürzstraße und die Weihrauchstraße auch im 16. und 17. Jahrhundert noch wertvolle Luxusgüter an die Häfen der Levante, doch sank deren Anteil am weltweiten Handel beständig gegenüber dem Atlantikhandel. Auch im mediterranen Seehandel verloren die Osmanen zunehmend an Bedeutung, seit sie 1536 den Franzosen bedeutende Handelsprivilegien eingeräumt hatten. Ähnliche Kapitulationen wurden mit England, Venedig und den Niederlanden geschlossen, sodass die osmanische Handelsflotte bald zur Bedeutungslosigkeit verurteilt war und dem Reich eine wichtige Einnahmequelle fehlte.

Die osmanischen Schiffe waren denen der Europäer bald auch technisch unterlegen, die ihre Handelsgewinne in technische Neuerungen wie die Galeasse investierten. Auch in anderen Bereichen zeigte sich bald ein technischer Rückstand der Osmanen gegenüber dem christlichen Europa. Die Sultane waren wenig innovationsfreudig – den Buchdruck mit beweglichen Lettern hatte Bayezid II. zum Beispiel 1483 bei Todesstrafe verboten. Daher konnten die Christen in ihren bald entstehenden Manufakturen deutlich billiger produzieren und überschwemmten das Reich mit ihren Manufakturwaren. Die Folge waren Arbeitslosigkeit der Handwerker und Manufakturarbeiter in den Städten und eine passive Handelsbilanz, unter der das Osmanische Reich seit dem 17. Jahrhundert dauerhaft litt. Exporte von Nahrungsmitteln wie Getreide, die die Bilanz hätten ausgleichen können, waren verboten, um die Versorgung der Bevölkerung mit Brot zu sichern. Sie fanden auf dem Weg des Schmuggels dennoch in einem Ausmaß statt, das für wiederholte Versorgungskrisen ausreichte.

Die zunehmende Unzufriedenheit weiter Teile der einfachen Bevölkerung zeigte sich in einer Reihe von Aufständen wie den Celali-Aufständen, die Anatolien während der Jahre 1519 bis 1598 kaum zur Ruhe kommen ließen. Weil die Landbevölkerung besonders unter dem zunehmenden Steuerdruck, der Inflation und der Korruption litt, verließen viele Bauern ihre Gehöfte. Sie zogen in die Städte, in unzugängliche Gebirgsgegenden oder schlossen sich den Aufständischen oder marodierenden Räuberbanden an, den so genannten Levent, die oft von ehemaligen Spahis geführt wurden, deren Tımare zu einem auskömmlichen Lebensunterhalt nicht mehr reichten. Die Landflucht, deren Folgen noch heute in den Strukturproblemen der Landwirtschaft Anatoliens bemerkbar sind, verschärfte wiederum die Probleme, da ohne die Bauern die Tımare keinen Profit mehr abwarfen, die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung schwieriger wurde und auch dem Fiskus Steuerzahler entgingen.

Der Staat stand diesen vielfältigen und sich gegenseitig verstärkenden Krisensymptomen weitgehend hilflos gegenüber. Nach dem Tod Süleymans I. kamen wiederholt ungeeignete Persönlichkeiten auf den Sultansthron, wie der alkoholkranke Selim II., der geistig zurückgebliebene Mustafa I., der bei seiner Thronbesteigung erst elf Jahre alte Murad IV. oder İbrahim der Verrückte. Sie standen zumeist unter dem Einfluss ihrer Ehefrauen oder Mütter, der Valide Sultan, die zwar über keinerlei Vorbildung zur Regierung eines Großreiches verfügten und den Harem auch nicht verlassen durften, aber dennoch das Reich de facto regierten. Man nennt daher das späte 16. und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts die Zeit der Weiberherrschaft („kadınlar saltanatı“). Gegen die Frauen des Harems waren auch die Großwesire machtlos, die nach Gutdünken der Haremsbewohnerinnen berufen und entlassen wurden: Während der Weiberherrschaft betrug die durchschnittliche Amtsdauer eines Großwesirs nur wenig mehr als ein Jahr, zu kurz, um die notwendigen Reformmaßnahmen einzuleiten.

Ali Pascha, Befehlshaber der osmanischen Flotte vor Lepanto, Holzschnitt nach 1571
Kara Mustafa Pascha, Befehlshaber der osmanischen Truppen bei der Belagerung Wiens 1683
Empfang bei Selim II. in Edirne

In der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571 konnten die christlichen Großmächte mit Spanien und Venedig an der Spitze den ersten größeren Sieg mit der fast völligen Vernichtung der osmanischen Flotte erzielen. Die politischen Auswirkungen waren jedoch gering, da die christliche Allianz kurz darauf auseinanderbrach und die Osmanen ein Jahr später ihre Flotte vollständig wieder aufbauen konnten. Venedig musste sogar Zypern abtreten. Die Auseinandersetzung vor Lepanto führte aber zu einer Bereinigung der Einflusssphären im Mittelmeer. Die Osmanen beschränkten sich jetzt auf ihre Vormachtstellung im östlichen Teil, zum Beispiel mit der Eroberung der venezianischen Inseln Zypern 1571 und Kreta 1669, während spanische, maltesische und italienische Flotten das westliche Mittelmeer unter sich aufteilten. Dennoch richtete Selim II. sein Augenmerk auf Tunesien, das 1574 in die Hand von Korsaren geriet, die der Hohen Pforte tributpflichtig waren. Zudem unterstützte Selim die muslimischen Herrschaften in Südostasien. Nach dem Langen Türkenkrieg (1593–1606) musste Sultan Ahmed I. den Kaiser Rudolf II. erstmals als gleichberechtigten Verhandlungspartner anerkennen.

Letzter Vorstoß nach Mitteleuropa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1683 unternahm die Pforte nochmals einen Versuch, nach Mitteleuropa vorzustoßen und Wien zu erobern. Was aber schon in der Blütezeit des Osmanischen Reiches rund 150 Jahre vorher nicht gelang, wurde nun im Feldzug Kara Mustafas gegen Jan III. Sobieski von Polen-Litauen zum Desaster und zum Wendepunkt der Auseinandersetzung mit den europäischen Staaten. Nachdem in dieser Niederlage die militärischen Schwächen der Osmanen offenkundig geworden waren, begann im folgenden Jahr eine vom Papst initiierte Heilige Liga aus Österreich, der Republik Venedig und Polen-Litauen einen Angriff auf das Osmanische Reich an mehreren Fronten. Nach mehreren schweren Niederlagen bei Mohács 1687, Slankamen 1691 und Senta 1694, während des Großen Türkenkrieges, musste im Frieden von Karlowitz 1699 der Verlust von Zentralungarn mit Siebenbürgen an Österreich, Podolien und der rechtsufrigen Ukraine an Polen-Litauen und der Peloponnes mit Dalmatien an Venedig hingenommen werden. Als neuer Gegner an der Nordgrenze kam Russland ins Spiel. Ein wichtiges Ziel Zar Peters I. war ein Zugang zum Schwarzen Meer, den er 1695 mit Asow bekam.

Die äußeren Schwierigkeiten zogen Probleme im Inneren nach sich. 1687 war Mehmed IV. wegen der militärischen Niederlagen abgesetzt worden. 1703 kam es zum blutigen „Vorfall von Edirne“, in dem Aufständische den Scheichülislam Feyzullah Efendi ermordeten und Sultan Mustafa II. absetzten.

Kriege im Norden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl das Osmanische Reich zunehmend in die Defensive geriet, war es noch immer eine potente Macht. 1711, während des Großen Nordischen Krieges, schloss die Armee des Sultans das russische Heer am Pruth ein, nachdem das Osmanische Reich auf Bitte des flüchtigen Schwedenkönigs Karl XII. in den Krieg eingetreten war. In den folgenden Verhandlungen musste Peter der Große den Osmanen Asow zurückgeben. Nachdem der moldauische Wojewode Dimitrie Cantemir zu Russland übergelaufen war, besetzten die Osmanen die Hospodaren-Ämter in der Moldau und der Walachei bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit Phanarioten, Griechen aus dem Phanar-Viertel in Konstantinopel, die schon lange Zeit als Übersetzer in der Politik eine wichtige Rolle gespielt hatten. In den Donaufürstentümern wird diese Epoche als Phanarioten-Herrschaft bezeichnet. Auch gegen die Republik Venedig war man erfolgreich und erlangte 1715 die Peloponnes zurück.

Audienz des französischen Gesandten le Vicomte d’Andrezel bei Sultan Ahmed III. am 10. Oktober 1724 (Jean-Baptiste van Mour 1724)

Weil die Krimtataren mit ihren Raubzügen die Ukraine bedrohten, begann Russland in einem Bündnis mit Österreich 1736 einen Krieg gegen das Osmanische Reich. Die Russen marschierten auf der Krim ein und schwächten den osmanischen Vasallen erheblich. Unter der Führung von Burkhard Christoph von Münnich schlug die russische Armee die Türken bei Otschakow und Stawutschany und nahm die wichtige Festung Chotin ein. Die Österreicher erlitten gegen die Türken eine Niederlage. Im Frieden von Belgrad 1739 mussten sie den Osmanen Nordserbien mit Belgrad und die Kleine Walachei zurückgeben, die die Habsburger zuvor im Frieden von Passarowitz 1718 von den Osmanen gewonnen hatten. Russland bekam erneut und dauerhaft Asow zugesprochen. In diesem Krieg hatte eine Rolle gespielt, dass die Osmanen ihre Artillerie (Topçu) mit französischen Beratern wie Ahmed Pascha, dem Comte de Bonneval, modernisiert hatten. Im Ganzen war in den teuren und verlustreichen Kriegen der vergangenen drei Jahrzehnte keine wesentliche Änderung des Territoriums zu verzeichnen. Danach folgte eine vergleichsweise lange Friedensperiode.

Der türkische Historiker Halil İnalcık lehnt eine antropomorphisierte Epocheinteilung (d. h. Aufstieg, Stagnation, Niedergang) des Osmanischen Reiches ab. Die "Epoche des Niedergang" zeichne sich nicht nur durch negative Ereignisse aus, ganz im Gegenteil habe das Reich geschafft, sich zu reformieren und so noch einige Jahrzehnte zu überleben.

Russisch-Türkische Kriege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch: Türkenkriege

Im Russisch-Türkischen Krieg 1768–1774 musste das Osmanische Reich endgültig erkennen, dass es seine imperiale Macht verloren hatte. 1770 verlegte Russland seine Flotte aus der Ostsee ins Mittelmeer und vernichtete in der Seeschlacht bei Çeşme die vor Anker liegende osmanische Flotte. Im Frieden von Küçük Kaynarca mussten die Osmanen das Krim-Khanat in die „Unabhängigkeit“ entlassen (es wurde aber schon nach wenigen Jahren eine russische Provinz); Teile des Nordkaukasus gingen an Russland, die Bukowina an Österreich.

Keine der beiden Seiten hatte die Absicht, es lange dabei zu belassen. Zarin Katharina II. entwarf ihr so genanntes „Griechisches Projekt“, in dem das Byzantinische Reich als russischer Vasall wiederauferstehen sollte und die übrigen Teile des Osmanischen Reichs zwischen Österreich, Venedig und Russland aufgeteilt werden sollten, woran diese Alliierten jedoch wenig Interesse zeigten. 1783 annektierte Russland die Krim und begann mit deren wirtschaftlichem Aufbau. Die Osmanen, die ohnehin darauf aus waren, ihre Verluste aus dem vorigen Krieg rückgängig zu machen, erklärten im selben Jahr nach verschiedenen Streitigkeiten Russland den Krieg. Nach Anfangserfolgen der Schwarzmeerflotte mussten sie jedoch 1792 im Frieden von Jassy abermals Gebietsverluste hinnehmen, darunter Gebiete zwischen Dnepr und Bug.

Innenpolitische Reformen und Machtkämpfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Osmanische Tughra (Mahmud II.)
Palast der Hatice, Schwester Selims III. (Antoine Ignace Melling (1763–1831), zwischen 1795 und 1813)

Mit den Niederlagen gegen Ende des 17. und im 18. Jahrhundert wurde sich die islamische Gesellschaft der eigenen politischen Schwäche deutlicher bewusst. Die Frage nach der möglichen Wiederherstellung der Stärke gegenüber der westlichen Welt fand zwei gegensätzliche Antworten:

Selim III. zog aus den Niederlagen seine Lehre und führte umfassende Reformen in der Verwaltung und im Militär durch. Er suchte die Lösung in der Modernisierung der Kriegführung durch Übernahme neuer Technologien. In der Vergangenheit war es den Sultanen gelungen, die Armee von einem Heer aus Tımarlehen finanzierter Sipahi in ein mit modernen Feuerwaffen ausgestattetes, bar besoldetes stehendes Heer umzuwandeln. Zu diesem Zweck wurden europäische Militärberater engagiert. 1755–1776 modernisierte François de Tott die osmanische Artillerie, zur gleichen Zeit reformierte Großadmiral Cezayirli Gazi Hassan Pascha die osmanische Flotte.[22] Parallel zu den Janitscharen versuchte Selim III., eine neue Truppe, die Nizâm-ı Cedîd / نظام جديد / ‚Neue Ordnung‘, aufzubauen. Seine geplante allmähliche Überführung der Janitscharen in das neue Korps führte jedoch zu Aufständen, die 1807 in seiner Absetzung gipfelten. Sein Cousin Bayraktar Mustafa marschierte mit seinen Truppen in Konstantinopel ein und plante, Selim wieder als Sultan einzusetzen. Er kam jedoch zu spät, da Selim bereits erdrosselt worden war. Es blieb ihm also nur, den von den Janitscharen eingesetzten Mustafa IV. durch Mahmud II. zu ersetzen, der seiner Ermordung nur knapp entkommen war. Mahmud setzte Bayraktar Mustafa als Großwesir ein und folgte einem Reformkurs, wobei er vermied, mit den Janitscharen direkt in Konflikt zu kommen. Schon im nächsten Jahr kam es wieder zu Aufständen. Um zu verhindern, dass er wieder zugunsten Mustafas gestürzt würde, ließ Mahmud seinen Bruder ermorden. Der in Bedrängnis geratene Großwesir sprengte sich in einem Pulvermagazin in die Luft.

Eine weitere, für den Fortbestand des Reiches letztlich viel gefährlichere Antwort auf die Frage, wie die verlorene Stärke wiedergewonnen werden könnte, fand Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb im Hedschas: Der strengeren hanbalitischen Rechtsschule folgend, forderte er die Rückkehr zur verloren gegangenen Glaubensreinheit der Frühzeit des Islam. Er schloss ein Bündnis mit Muhammad ibn Saud, dessen Enkel Saud I. ibn Abd al-Aziz 1803 die heiligen Städte Mekka und Medina besetzte und von den „un-islamischen“ Bauten und Ausschmückungen der Osmanen „reinigte“. Damit hatte er erstmals in der Geschichte des Reiches die religiöse Legitimität der osmanischen Herrschaft in der islamischen Welt in Frage gestellt. Die osmanische Regierung reagierte auf diese Herausforderung mit einer bewusst deutlichen Herausstellung der Rolle des Sultans als Schutzherr der heiligen Stätten und der Pilger auf dem Haddsch.[22]

1800 bis 1923: Machtverlust und Ende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Arabische Reichsteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ägyptische Expedition Napoleon Bonapartes brachte die Modernisierung der ägyptischen Provinzverwaltung mit sich; technische Neuerungen aus Europa wurden eingeführt, darunter nicht zuletzt Druckerpressen, die Napoleons Proklamationen verbreiten sollten. Schon um 1820 war eine Druckerei in Kairo aktiv. Nach kurzem Widerstand nutzte auch die al-Azhar-Universität die neue Technik, was Kairo zu einem der Zentren des islamischen Buchdrucks machte. Mekka erhielt 1883 eine Druckerpresse. Der neu eingeführte Buchdruck revolutionierte die Kommunikation und den Austausch von Reformideen innerhalb der intellektuellen Eliten.[23] Vor allem die immer zahlreicher gedruckten Zeitungen brachten die neuen Ideen in die gesamte islamische Welt: Der ägyptische Journalist und zeitweilige Großmufti von Ägypten Muḥammad ʿAbduh (1849–1905) prägte den Begriff des Islāh. Bis 1887 hatte er gemeinsam mit Dschamal ad-Din al-Afghani die Zeitschrift al-ʿUrwa al-Wuthqā herausgegeben. Ab 1876 trat er mit der Zeitung al-Ahrām an die Öffentlichkeit. In der panislamischen Zeitschrift „al-Manār“ („Der Leuchtturm“), die ʿAbduh ab 1898 zusammen mit Raschīd Ridā (1865–1935) herausgab, arbeitete er seine Gedanken immer weiter aus. „al-Manār“ erschien fast 40 Jahre lang.[24]

In Ägypten riss der Statthalter Muhammad Ali Pascha allmählich die Macht an sich und ließ die einflussreichen Mamelucken-Emire liquidieren. Durch eine Reihe von Reformen war Ägypten bald in vielerlei Hinsicht der Zentrale in Konstantinopel überlegen. Muhammad Ali begründete eine Dynastie, deren Herrschaft über Ägypten erst Mitte des 20. Jahrhunderts ein Ende fand. Nachdem sich Sultan Mahmud II. geweigert hatte, Muhammad Ali Pascha auch als Statthalter in Syrien einzusetzen, besetzten ägyptische Truppen unter Ibrahim Pascha 1831 Palästina und Syrien und stießen nach einigen Siegen über die Osmanen bei Homs und Konya 1832 nach Anatolien vor. 1838 fühlte sich das Osmanische Reich stark genug, um den Kampf gegen die ägyptischen Truppen unter Ibrahim Pascha in Syrien wieder aufzunehmen. Die ägyptischen Truppen besiegten aber die osmanische Armee unter Hafiz Pasha in der Schlacht von Nisibis am 24. Juni 1839. An dieser Schlacht nahm der spätere deutsche Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke als Militärberater bei der türkischen Armee teil. Erst durch die Intervention Großbritanniens, Russlands, Preußens und Österreichs (1840) wurde Muhammad Ali Pascha 1841 gezwungen, Syrien und Palästina wieder zu räumen.

Zerfallstendenzen in den Kernlanden, zunehmender Einfluss Westeuropas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein zunehmendes Problem für den Vielvölkerstaat der Osmanen war der Nationalismus der sich zunehmend als eigenständige Völker begreifenden Gruppen in den von ihnen besetzten Gebieten. Diese erhoben vehement Anspruch auf Repräsentation in eigenen Staaten. Zunächst erhoben sich 1804 die Serben; bis 1830 erhielten sie eine weitgehende Autonomie. Auch die Phanariotenherrschaft in den Donaufürstentümern fand 1826 ihr Ende. In den 1820er Jahren gewann die von einigen Europäern unterstützte Unabhängigkeitsbewegung in Griechenland an Dynamik. Ein besonderes osmanisches Problem in diesem Falle stellten die einflussreichen Griechen in der Verwaltung dar, die teilweise mit der Unabhängigkeitsbewegung sympathisierten. Im Krieg von 1826 war Mahmud gezwungen, ausgerechnet Truppen des verfeindeten Muhammad Ali Pascha von Ägypten zu Hilfe zu rufen. Trotzdem musste er 1830 Griechenland in die Unabhängigkeit entlassen.

Die Zerstörung der osmanischen Flotte bei Sinope im Krimkrieg, von Iwan Aiwasowski

An diesem Beispiel zeigte sich, wie das Osmanische Reich, das von den Medien der Zeit als Kranker Mann am Bosporus persifliert wurde, immer mehr zum Spielball der europäischen Mächte wurde. Russland sah darin eine Chance, seinen Machteinfluss in Europa stärker geltend zu machen und insbesondere einen Zugang zum Mittelmeer und auf den Balkan zu bekommen. Die osmanische Herrschaft auf dem Balkan schien gefährdet, und Russland drängte darauf, die Kontrolle über die wichtigen Meerengen des Bosporus und der Dardanellen zu erhalten. Auf dem Balkan brachte sich Russland als Schutzmacht der dortigen orthodoxen Christen ins Spiel. Bereits früher hatte der russische Zar vergeblich versucht, die Regierungen Österreichs und Großbritanniens für eine Aufteilung des Osmanischen Reiches zu gewinnen. Großbritannien und Frankreich sperrten sich aber gegen diese russische Expansion. Sie wollten nicht, dass die Schlüsselpositionen in russische Hände fielen und unterstützten die Osmanen, um den Status quo zu erhalten und damit ihre eigene Machthoheit in Südosteuropa an den osmanischen Grenzen zu sichern. In der so genannten Orientalischen Frage über Sein oder Nichtsein des Reiches waren sie der Meinung, dass das Osmanische Reich, das in jener Zeit noch immer eine gewaltige Ausdehnung besaß, erhalten werden musste. Sein Zusammenbrechen hätte ein Machtvakuum verursacht. Für Großbritannien, dem zu dieser Zeit wichtigsten Handelspartner des Osmanischen Reiches, ging es außerdem darum, die Verbindungswege nach Indien zu kontrollieren und die Vormachtsbestrebungen Russlands in Asien zu unterbinden (The Great Game).

Das führte dazu, dass die Bündnisse sich je nach Situation neu zusammenfanden. Im Krimkrieg (1853–1856), der durch die russische Besetzung der Fürstentümer Walachei und Moldau ausgelöst wurde, kämpften Großbritannien, Frankreich und später auch Sardinien-Piemont auf Seiten der Osmanen. Im Frieden von Paris ging ein Teil des 1812 von Russland gewonnenen südlichen Bessarabien im Bereich der Donaumündung (etwa ein Viertel der Gesamtfläche) mit den Kreisen Cahul, Bolgrad und Ismail wieder zurück ans Fürstentum Moldau, das ein autonomer Staat unter Oberhoheit der Hohen Pforte war, und das Schwarze Meer wurde entmilitarisiert. Zugleich wurde die territoriale Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit des Osmanischen Reichs garantiert.

Reformen ab 1839[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Tanzimat
Osmanisches Reich um 1900

Eine erneute Reformphase (1838–1876) begann, die eng mit dem Namen der Großwesire Mustafa Reşid Pascha und später Ali Pascha und Fuad Pascha verknüpft ist. Die Maßnahmen wurden unter dem Namen „Tanzimat-ı Hayriye“ (Heilsame Neuordnung) bekannt und fallen mit der Regierungszeit von Abdülmecid und Abdülaziz zusammen. Sie stellten die Nichtmuslime im Reich auf die gleiche Stufe wie die Muslime und führten ein neues Justizsystem ein, organisierten das Steuersystem neu und legten eine allgemeine Dienstpflicht in der Armee fest. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurden auch die Steuerpachten abgeschafft. Die zerrütteten Staatsfinanzen führten am 13. April 1876 zur Erklärung des Staatsbankrotts.

Die wichtigsten Reformedikte waren in diesem Zusammenhang das „Hatt-i Scherif (imperialer Erlass) von Gülhane“ (1839), das Hatt-i Hümayun (1856), sowie die Osmanische Verfassung, in denen schrittweise und mit Einschränkungen (1839 lauten diese „im Rahmen der Scheriatgesetze“) die Gleichheit und Gleichbehandlung aller Untertanen unabhängig von ihrer Religion eingeführt wurde.

Abhängigkeit von westeuropäischen Machtinteressen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit den von den Mächten eingeforderten Reformen gingen – auch bedingt durch die industrielle Rückständigkeit – zunehmend wirtschaftliche Probleme einher. In den „Kapitulationen“ genannten Handelsverträgen wurde der Markt im Osmanischen Reich für die Europäer geöffnet, und die Einfuhrzölle lagen unter den Ausfuhrzöllen. Durch die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des osmanischen Handwerks wurde das Osmanische Reich zum Importeur von europäischen Waren und der Aufbau einer eigenen Industrie unterbunden. Die Rückständigkeit der Verkehrsverbindungen führte zum weiteren Rückgang und Erliegen des traditionellen transkontinentalen Handelsverkehrs. Dadurch gingen die wirtschaftlichen Aktivitäten im Reich und das Steueraufkommen weiter zurück. Die Handelsbilanz wurde stark passiv.

Sultan Abdülhamid II. (1842–1918)

Unterdessen fanden die Unruhen auf dem Balkan kein Ende. Nach einem Krieg gegen Serbien 1876 wurde in Konstantinopel eine internationale Konferenz einberufen, auf der u. a. die Zukunft des Balkan diskutiert wurde. Um seine Reformbereitschaft zu demonstrieren, kündigte der durch einen Staatsstreich an die Macht gekommene Abdülhamid II. eine liberale Verfassung an, die ein parlamentarisches System eingeführt hätte. Eine wichtige Rolle bei deren Entwurf spielte der Großwesir Midhat Pascha.

Als Ergebnis der Konferenz fassten die Mächte eine Autonomie sowohl für zwei Provinzen auf bulgarischem Gebiet als auch für Bosnien und Herzegowina ins Auge. Als die „Hohe Pforte“ dies ablehnte, erklärte Russland den Krieg, besetzte den gesamten europäischen Teil der Türkei und rückte auf Istanbul (Konstantinopel) vor. Nach der Entscheidungsschlacht am Schipkapass im Januar 1878 war der Sieg der russischen Truppen nicht mehr zu verhindern.

Ende Januar 1878 bat das Osmanische Reich um den Abschluss eines Friedensvertrages. Am 3. März 1878 wurde in dem Städtchen San Stefano der Friedensvertrag von San Stefano unterzeichnet. Mit dem Vertrag wurden Bulgarien alle Territorien zugesprochen, in denen Bulgaren lebten. In diesem Vertrag wurde das Osmanische Reich zu großen Zugeständnissen gezwungen. Es musste die Unabhängigkeit Rumäniens, Serbiens, Montenegros und Bulgariens anerkennen. Ferner trat es die Provinz Kars an das Russische Reich ab.

Da die anderen europäischen Mächte wiederum ihre Interessen bedroht sahen und ein europaweiter Krieg drohte, wurde 1878 der Berliner Kongress organisiert, dessen Hauptinitiator Bismarck war. Hier erhielten Serbien und Montenegro ihre Unabhängigkeit, und die schon vorher in Personalunion regierte Walachei mit der Moldau schlossen sich zu dem selbstständigen Staat Rumänien zusammen. Der Berliner Kongress wurde mit dem Berliner Vertrag abgeschlossen, der u. a. mehrere Artikel des Friedens von San Stefano dermaßen revidierte, dass der alleinige russische Einfluss auf das Osmanische Reich in Einfluss aller europäischen Mächte auf das Reich erweitert wurde.

Bagdad-Bahn (Foto: zwischen 1900 und 1910)

Innenpolitisch machte Abdülhamid II. seine anfänglichen Regierungsreformen wieder rückgängig. Der Reformer und kurzfristige Großwesir Midhat Pascha wurde kaltgestellt und das Parlament aufgelöst. Abdülhamids Regierungszeit wurde durch Despotie und Spitzelei geprägt, und als Sultan hatte er de facto die alleinige Macht. Die osmanische Verfassung blieb aber formell weiterhin in Kraft und wurde, mit Ausnahme der Bestimmungen über das osmanische Parlament, weiterhin angewendet. Auch wurden die Reformen und die kulturelle Annäherung an Europa weitergeführt. Finanziell geriet die Pforte nun vollends in die Abhängigkeit der europäischen Großmächte. Nachdem der Staatsbankrott erklärt worden war, übernahm die Dette publique einen Gutteil der Finanzverwaltung. Das europäische Kapital konnte ungehindert in den Staat fließen. Seine Interessen konzentrierten sich auf die Rohstoffquellen im Irak, aber auch Großprojekte wie den Bau der Bagdadbahn. Dabei kam das Deutsche Reich zum Zuge, das spätestens seit dem Berliner Kongress zum guten Partner für das Osmanische Reich geworden war.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts erstarkten wieder die inneren Oppositionskräfte, insbesondere die Bewegung der Jungtürken, die ihren Ausgangspunkt vor allem in Saloniki hatte. 1908 musste angesichts der Bedrohung durch aufständische Truppen die Verfassung wieder in Kraft gesetzt und das Parlament wieder einberufen werden.

Bewegung der Jungtürken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marsch der Abgeordneten - jungtürkischer Marsch von Mehmed Zati, 1909
Hauptartikel: Jungtürken

Der Umsturz führte in Verbindung mit der politischen und militärischen Schwäche des Osmanischen Reiches zumal auf dem Balkan zu einer verworrenen politischen Lage, die sich krisenhaft zuspitzte. Infolge der Kompromisslösungen des Berliner Kongresses unterstanden seit 1878 Bosnien und die Herzegowina der Verwaltung und militärischen Besetzung Österreich-Ungarns, während die Gebiete nominell weiter zum Osmanischen Reich gehörten. Das Fürstentum Bulgarien bildete einen eigenen Staat, der aber formell dem Osmanischen Reich unterstand, was allein in einer Tributpflicht sichtbar wurde. Seit 1885 war mit dem Fürstentum die autonome osmanische Provinz Ostrumelien gewaltsam vereinigt. Zur beiderseitigen Gesichtswahrung wurde die Vereinigung formell so geregelt, dass gegen eine Tributerhöhung der Fürst von Bulgarien auch zum Generalgouverneur der Provinz Ostrumelien ernannt wurde. Die Entstehung repräsentativ legitimierter Institutionen ließ diese faktischen politischen Verhältnisse gefährdet erscheinen. Österreich-Ungarn annektierte einseitig daher Bosnien und die Herzegowina auch formell (Bosnische Annexionskrise). Im Schatten der daraus entstehenden internationalen Spannungen erklärte sich Bulgarien nunmehr unter Einschluss Ostrumeliens zum unabhängigen Staat. Die enormen Gebietsverluste legten die reaktionären Kräfte der Jungtürkischen Führung zur Last und versuchten 1909 einen Staatsstreich. Dessen Misslingen führte dazu, dass Abdülhamid durch seinen Bruder Mehmed V. (Mehmed Reşat) ersetzt wurde. Der Sultan hatte von da an im Wesentlichen nur noch Repräsentationsfunktionen, während die Regierung vom Großwesir eingesetzt wurde. Dieser wiederum wurde unter wesentlichem Einfluss der Jungtürken ernannt. Durch eine veränderte Verfassung wurde ein parlamentarisches System etabliert.

Die Jungtürken verfolgten einen Reformkurs, der allerdings durch die außenpolitische Verpflichtungen und die wirtschaftliche Lage gehemmt war. Ein folgenschweres Element ihrer Politik war der türkische Nationalismus. So wurde etwa in den arabischen Provinzen die türkische Sprache als Amtssprache eingesetzt. In den nachfolgenden Kriegen verlor die Regierung so den Rückhalt der Bevölkerung in den nichttürkischen Gebieten.

Das Jahrzehnt der Jungtürken-Regierung war durch eine Reihe von schweren Kriegen geprägt. Zunächst ging 1911 Tripolitanien (Libyen) an Italien verloren. Im Ersten Balkankrieg schlossen Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro 1912 den Balkanbund gegen das Osmanische Reich, das nach seiner Niederlage im Londoner Vertrag vom 30. Mai 1913 fast alle europäischen Besitzungen einschließlich der Stadt Adrianopel verlor. Nur knapp einen Monat später griff Bulgarien seine ehemaligen Verbündeten an (Zweiter Balkankrieg), die von den Osmanen unterstützt wurden. Nach der Niederlage Bulgariens wurde der Grenzverlauf in den Verträgen von Bukarest und von Konstantinopel so festgelegt, wie er noch heute zwischen Bulgarien und der Türkei verläuft. Der demoralisierende Verlust der reichen und prosperierenden Balkanprovinzen brachte enorme Einbußen für den durch die Kriegskosten hoch verschuldeten osmanischen Staat, während gleichzeitig Tausende von Flüchtlingen versorgt, und die Kriegsverluste an Menschen und Material unter hohen Kosten ausgeglichen werden mussten.[25]

Im Reich brachen daraufhin innenpolitische Unruhen aus. Am 11. Juni 1913 wurde Großwesir Mahmud Şevket Pascha in Istanbul ermordet. Unter dem neuen Großwesir Said Halim Pascha gelangte mit Mehmed Talaat, Ismail Enver und Cemal Pascha das „jungtürkische Triumvirat“ zur Macht. In Schnellprozessen wurden die führenden Männer der Freiheits- und Einigkeitspartei verurteilt und teils hingerichtet, der politische Einfluss der liberalen Konkurrenzpartei war damit gebrochen. Die Rückeroberung Edirnes im Juli 1913 festigte endgültig die Macht des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt.[25]

Die vier Monarchen der Mittelmächte

Erster Weltkrieg und seine Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gebietsverluste des Osmanischen Reiches

In den Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sah sich das Osmanische Reich in einem Dilemma: Die wirtschaftlichen Einbußen durch den Verlust der Balkanprovinzen, die hohe Schuldenlast und die in den voraus gegangenen schweren Kriegen geschwächte Armee würden es dem Reich nicht erlauben, im drohenden Krieg der europäischen Großmächte eine neutrale Position aufrecht zu erhalten. Ein neutrales Reich wäre zudem der russischen Bedrohung der ostanatolischen Provinzen schutzlos ausgeliefert, seine veraltete Marine hätte die Seestraßen zum Schwarzen Meer nicht behaupten können. Führende osmanische Politiker begriffen den Weltkrieg zudem als Chance zur Rückeroberung verlorengegangener Gebiete auf dem Balkan und zur erneuten Expansion in Richtung Kaukasus und Zentralasien sowie dazu, eine Lösung der armenischen Reformfrage zu verhindern. Diese Frage war eng mit der orientalischen Frage verknüpft. Sie bedeutete zugleich ein ständiges Risiko der Einmischung der westlichen Mächte oder Russlands in die Innenpolitik des Osmanischen Reichs und konnte einen Vorwand zur Intervention liefern – mit dem Ziel der Aufteilung des Reiches.[26][27]

Dem Reich blieb keine andere Wahl, als ein Bündnis mit einer europäischen Schutzmacht zu suchen. Spätestens ab 1882 bestanden engere Beziehungen mit dem Deutschen Reich. Neben dem Bau der Bagdadbahn waren es vor allem deutsche Militärmissionen, die die Beziehungen der beiden Staaten festigten. Auch mit den Entente-Mächten gab es enge politische und Handelsbeziehungen. Seit 1910 reformierte und modernisierte eine britische Marinemission die osmanische Flotte. Noch im Mai 1914 hatte die französische Regierung dem Reich erneut eine hohe Anleihe gewährt. Während der Julikrise 1914 stand das Reich daher in intensivem diplomatischen Kontakt mit Frankreich, England und dem deutschen Reich. Eine Mission Cemal Paschas in Frankreich verlief im Juli 1914 ohne Ergebnis. Am 1. August 1914 konfiszierte Großbritannien zwei von der osmanischen Regierung in einer britischen Werft bestellte und bereits bezahlte Großkampfschiffe, so dass nun auch ein Bündnis mit Großbritannien ausgeschlossen war.[28]

Auf Betreiben Enver Paschas kam es bereits einen Tag nach Kriegsbeginn zu einem kabinettsintern umstrittenen und geheim gehaltenen Deutsch-Türkischen Bündnisvertrag, der für den Fall von Feindseligkeiten mit Russland einen osmanischen Kriegseintritt auf Seiten der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn vorsah.[28] In einem Gespräch mit dem deutschen Botschafter in Istanbul, Wangenheim, formulierte Großwesir Said Halim Pascha am 6. August 1914 die Kriegsziele seiner Regierung:[29]

  • Abschaffung der Handelskapitulationen, die den europäischen Mächten Einfluss auf die osmanische Wirtschaft verschafft hatten;
  • Unterstützung durch das deutsche Reich bei der Durchsetzung von Abkommen mit Rumänien und Bulgarien;
  • Rückgabe der Inseln Chios, Mytilene und Lemnos an das Reich im Falle eines Sieges über Griechenland, somit bessere Seekontrolle über die Dardanellen und Stärkung der osmanischen Seemacht in der Ägäis;
  • Rückgabe der 1878 an Russland verlorenen drei östlichen Provinzen Kars, Batum und Ardahan;
  • Kein Friedensvertrag, bis die osmanische Souveränität in allen im Lauf des Krieges verlorenen Gebieten wieder hergestellt wurde;
  • Reparationszahlungen an das osmanische Reich.

Das deutsche Reich versprach sich von dem Bündnis vor allem die Unterstützung der Muslime inner- und außerhalb des osmanischen Reiches unter der Oberhoheit des osmanischen Kalifats. Geprägt von Ideen Max von Oppenheims, sollte durch eine deutsche „Islampolitik“ vor allem die Vormachtstellung Großbritanniens in Indien und Ägypten geschwächt werden.[30]

Am 3. August verkündete die osmanische Regierung offiziell, sich in einer „bewaffneten Neutralität“ aus den Kampfhandlungen herauszuhalten.[31] Am 10. August 1914 lief der deutsche Konteradmiral Wilhelm Souchon, verfolgt von Kräften der Royal Navy, mit der SMS Goeben und der SMS Breslau in die Dardanellen ein. Nach mehrtägigen Verhandlungen führte er sein kleines Geschwader nach Istanbul, wo es am 12. August offiziell in die türkische Marine übernommen wurde. Am 15. August kündigte die Türkei ihr Marineabkommen mit Großbritannien und verwies die britische Marinemission bis zum 15. September des Landes. Die Dardanellen wurden mit deutscher Hilfe befestigt, der Bosporus durch die in Yavuz Sultan Selim umbenannte Goeben gesichert, und beide Meerengen wurden am 27. September 1914 offiziell für die internationale Schifffahrt gesperrt. Am 29. Oktober eröffnete der Angriff Souchons unter osmanischer Flagge auf die russische Schwarzmeerflotte und die Stadt Sewastopol den bewaffneten Kampf. Am 2. November erklärte Russland dem Reich und am 12. November 1914 die osmanische Regierung der Triple Entente den Krieg.

Türkische Maschinengewehrstellung an den Dardanellen

Die osmanische Regierung kündigte bald nach dem Kriegseintritt das Abkommen vom 8. Februar 1914.[32] Mitten im Weltkrieg, am 5. September 1916, wurden alle weiteren Verträge und Abkommen gekündigt, die fremden Staaten Interventionsmöglichkeiten im Reich boten. Dazu gehörten der Vertrag von Paris (1856), der Berliner Vertrag (1878) sowie die Deklaration von London (1871).[33]

Am 24. April 1915 veranlasste die osmanische Regierung die Verhaftung und Deportation armenischer Zivilisten in Konstantinopel. Diese Politik mündete schließlich in der Ermordung von ca. 600.000 bis zu 1.500.000 christlichen Armeniern.[34] Durch die Deportationen starben etwa zwei Drittel der auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches lebenden Armenier, was als Völkermord an den Armeniern betrachtet wird. Auch unter den Bevölkerungsgruppen der Aramäer und Assyrer kam es zu genozidalen Handlungen; zudem gab es bei den Pontosgriechen große Massaker (siehe Griechenverfolgungen im Osmanischen Reich 1914–1923).

Die Folgen des Krieges waren katastrophal. In Arabien hatte man den britischen Kräften nichts entgegenzusetzen. Hinzu kam die Arabische Revolte. Schon 1916 schüttelte der Emir von Mekka, Hussein ibn Ali, die osmanische Oberhoheit ab und rief sich zum König von Arabien aus. Er wurde schließlich als König des Hedschas anerkannt, während der übrige Teil des Reichs gemäß dem Sykes-Picot-Abkommen in Interessensphären aufgeteilt wurde. In der Balfour-Deklaration von 1917 wurde den Juden eine „nationale Heimstätte“ in Palästina versprochen. Im Friedensvertrag von Brest-Litowsk war Russland aus dem Krieg geschieden. Am 30. Oktober 1918 beendete der Waffenstillstand von Moudros die Kampfhandlungen der Entente mit dem Osmanischen Reich. Ab November 1918 besetzten die Siegermächte einen Großteil des Osmanischen Reiches. Das „Jungtürkische Triumvirat“ wurde entlassen und flüchtete. Nachdem am 3. Juli 1918 Mehmed V. gestorben war, rückte sein Bruder Mehmed VI. (Mehmed Vahideddin) nach. Er ging auf alle Forderungen der Siegermächte ein und stand innenpolitisch unter starkem Druck. Nach Abschaffung des Sultanats im November 1922 verließ er Konstantinopel und ging ins Exil.

Die Entstehung der heutigen Türkei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gazi Mustafa Kemal Atatürk

Die nationalistischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts waren eine starke Kraft gewesen, die das Vielvölkerreich desintegriert hatten. Diese Kraft war aber auch in den Kerngebieten des Osmanischen Reichs vorhanden. Es entstand eine Widerstandsbewegung gegen die Besatzungsmächte, die die Reste des Reichs in Interessensphären aufgeteilt hatte. Die führende Rolle spielte dabei der türkische General Mustafa Kemâl Pascha. Seine Rolle in den folgenden Auseinandersetzungen wurde als derart bedeutsam eingestuft, dass das türkische Parlament ihm den Beinamen Atatürk („Vater der Türken“) verlieh. Schon bald bildete die nach ihm benannte kemalistische Bewegung in den nicht besetzten Gebieten eine Art Gegenregierung.

Bei den im Dezember 1919 durchgeführten Wahlen errang die Befreiungsbewegung eine Zweidrittelmehrheit und verlegte ihren Hauptsitz nach Angora (heute Ankara). Im April 1920 konstituierte sich hier die „Große Türkische Nationalversammlung“, die im Januar 1921 ein provisorisches Verfassungsgesetz verabschiedete. Die neue Regierung pflegte gute Beziehungen zum mittlerweile bolschewistischen Russland und wurde von Frankreich, das das Mandat für das südliche Zentralanatolien hatte, faktisch anerkannt.

Im Vertrag von Sèvres vorgesehene Interessenzonen

Der 1920 von der Hohen Pforte unterzeichnete Vertrag von Sèvres, der dem türkischen Staat die Souveränität aberkannte, wurde von Ankara nicht anerkannt. Es kam zum nationalen Befreiungskrieg, in dem die griechischen Truppen aus Kleinasien zurückgeschlagen wurden. Auch der überwiegende Teil der griechischen Zivilbevölkerung vor allem in Smyrna (türkisch Izmir) wurde aus dem Land gewiesen (siehe Brand von Smyrna). Von griechischer Seite werden diese Ereignisse auch als die „Kleinasiatische Katastrophe“ bezeichnet. Zugleich wurden hunderttausende von Reichsbewohnern, die als Türken galten, aus Griechenland verwiesen. Die nationalistischen Bewegungen strebten – nicht nur in der Türkei – nach einem einheitlichen Staatsvolk.

Die Erfolge der Kemalisten sorgten für einen Prestigeverlust für die Regierung Sultan Mehmeds VI. In den Verhandlungen um den Vertrag von Lausanne 1923 war eine Delegation der Kemalisten aus Ankara vertreten, was einer internationalen Anerkennung gleichkam. Zur Konferenz (die am 30. November 1922 begann) war formal auch die Konstantinopeler Regierung eingeladen. Um zu verhindern, dass die Türkei durch zwei Regierungen vertreten wurde, schaffte die Regierung in Ankara unter Mustafa Kemal am 1. November 1922 das Sultanat ab. Drei Tage später trat die Istanbuler Regierung unter Ahmed Tevfik Pascha offiziell zurück.

Am 13. Oktober 1923 wurde Ankara zur Hauptstadt erklärt und am 29. Oktober die Republik ausgerufen; Mustafa Kemal Pascha wurde Staatspräsident, Ismet Pascha, dem später aufgrund der Siege gegen die griechische Armee bei Inönü der Nachname „Inönü“ verliehen werden sollte, Ministerpräsident der neu gegründeten Republik. Der letzte Sultan, Mehmed VI., und alle Angehörigen der Dynastie Osman mussten das Land verlassen.

Bevölkerung und Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Osmanische Juden

Das Osmanische Reich war ein Vielvölkerstaat. Die Sultane waren sunnitische Muslime und folgten der hanafitischen Rechtsschule. Seit der Eroberung des Mamlukensultanats in Ägypten 1517 besaßen sie auch die Oberhoheit über den Hedschas und die heiligen islamischen Städte. Im 18. Jahrhundert wurde diese Tatsache zur Rechtfertigung des Osmanischen Kalifats angeführt. Im Reich waren dazu das Christentum (Orthodoxe, Armenier und Katholiken), das Judentum (siehe Sephardim), das Alevitentum und der schiitische Islam, das Jesidentum, Drusen sowie weitere Konfessionen und Religionsgemeinschaften vertreten.[35]

Bevölkerungsverteilung der Millets im Osmanischen Reich 1906, gemäß Volkszählung[36][37]
Millet Einwohner Anteil
Muslimea 15.498.747–15.518.478 74,23–76,09 %
Griechenb 2.823.065–2.833.370 13,56–13,86 %
Armenierc 1.031.708–1.140.563 5,07–5,46 %
Bulgaren 761.530–762.754 3,65–3,74 %
Juden 253.435–256.003 1,23–1,24 %
Protestantend 53.880 0,26 %
Andered 332.569 1,59 %
Gesamt 20.368.485–20.897.617 100,00 %
Anm.: a Das moslemische Millet umfasste alle Muslime einschließlich Türken, Kurden, Albaner und Araber.
b Das griechische Millet umfasste alle Christen der griechisch-orthodoxen Kirche, darunter Slawen und Albaner.
c Dies umfasst die verschiedenen syrischen Kirchen.
d Die erste Quelle umfasst keine Protestanten und „andere“.

Bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts hatte das Reich eine christliche Mehrheit und stand unter der Herrschaft einer muslimischen Minderheit.[38] Im späten 19. Jahrhundert begann der nichtmuslimische Bevölkerungsanteil beträchtlich zu sinken – nicht nur wegen Gebietsverkleinerungen, sondern auch wegen Wanderungsbewegungen. Der Anteil der Muslime machte in den 1820er Jahren 60 % aus, stieg schrittweise auf 69 % in den 1870ern und dann auf 76 % in den 1890er Jahren. 1914 waren nur noch 19,1 % der Reichsbevölkerung nichtmuslimisch, hauptsächlich Christen, und einige Juden.[35]

Muslime, die als Häretiker betrachtet wurden, wie Aleviten, Ismaeliten und Alawiten, hatten einen niedrigeren Rang als Christen und Juden.[39] 1514 ordnete Sultan Selim I., genannt “der Grimmige” wegen seiner Grausamkeit, die Massakrierung von 40.000 anatolischen Kizilbasch (Schiiten) an, die er als Häretiker betrachtete,[40] und erklärte, dass "das Töten eines Schiiten im Jenseits die gleiche Belohnung wie das Töten von 70 Christen bringen" würde.[41]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere und vertiefende Hinweise auf aktuelle (allerdings fast ausschließlich englischsprachige) Literatur zum Thema bietet der Überblicksartikel What's up in Ottoman Studies? von Virginia Aksan (in: Journal of the Ottoman and Turkish Studies Association, Band 1, Nr. 1–2, 2014, S. 3–21).

Gesamtdarstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gábor Ágoston / Bruce Masters (Hrsg.): Encyclopedia of the Ottoman Empire. New York: Facts on File, 2008. ISBN 978-0-8160-6259-1 (Einleitung online).
  • Kemal Çiçek (Hrsg.): The Great Ottoman-Turkish Civilisation. 4 Bände: 1. Politics, 2. Economy and Society, 3. Philosophy, Science and Institution, 4. Culture and Arts. Yeni Türkiye Yayınları, Ankara 2000, ISBN 978-975-6782-17-0.
  • Suraiya Faroqhi: Geschichte des Osmanischen Reiches. 6. Auflage, C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-46021-0.
  • Suraiya Faroqhi: Kultur und Alltag im Osmanischen Reich. Vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. 2. Auflage, C.H.Beck, 2003, ISBN 978-3-406-39660-1.
  • Carter Vaughn Findley: The Turks in World History. Oxford 2005, ISBN 0-19-517726-6.
  • Caroline Finkel: Osman’s Dream: the Story of the Ottoman Empire, 1300–1923, John Murray, London 2005, ISBN 0-7195-6112-4.
  • Halil İnalcik (Hrsg.): An Economic and Social History of the Ottoman Empire, 1300–1914. 2 Bände. Cambridge University Press, 1997. ISBN 978-0-521-58580-4.
  • Nicolae Jorga: Geschichte des Osmanischen Reiches. Gotha, Perthes 1908–1913 (5 Bände). Digitalisate: Band 1; Band 2; Band 3; Band 4; Band 5. Reprint: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997. ISBN 978-3-534-13738-1.
  • Klaus Kreiser: Der Osmanische Staat 1300–1922. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2008, aktualisierte Auflage, ISBN 3-486-53711-3.
  • Klaus Kreiser, Christoph K. Neumann: Kleine Geschichte der Türkei. Reclam, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-15-018669-5.
  • Şevket Pamuk: A Monetary History of the Ottoman Empire. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-44197-8.
  • Stanford Shaw: History of the Ottoman Empire and Modern Turkey. 2 Bände. Cambridge University Press, Cambridge 1976/1977. Band 1: Empire of the Gazis: The Rise and Decline of the Ottoman Empire 1280–1808, 1976, ISBN 0-521-21280-4; Band 2 (zusammen mit Ezel Kural Shaw): Reform, Revolution, and Republic: The Rise of Modern Turkey 1808–1975, 1977, ISBN 0-521-21449-1.
  • Christine Woodhead: The Ottoman World. Routledge, London 2012, ISBN 978-0-203-14285-1.

Anfangszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Cambridge History of Turkey. Bd. 1 (von 4): Kate Fleet (Hrsg.): Byzantium to Turkey, 1071–1453. Cambridge University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-0-521-62093-2.
  • Cemal Kafadar: Between Two Worlds. The Construction of the Ottoman State. University of California Press, Berkeley 1996. ISBN 978-0-520-20600-7.
  • Heath W. Lowry: Early Ottoman Period. In: Metin Heper, Sabri Sayarı (Hrsg.): The Routledge Handbook of Modern Turkey. Routledge, London 2012, ISBN 978-0-415-55817-4, S. 5–14 (Volltext online).

Mittlere Phase[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Cambridge History of Turkey. Bd. 2 (von 4): Suraiya Faroqhi, Kate Fleet (Hrsg.): The Ottoman Empire as a world power, 1453–1603. Cambridge University Press, Cambridge 2012, ISBN 978-0-521-62094-9.
  • The Cambridge History of Turkey. Bd. 3 (von 4): Suraiya Faroqhi (Hrsg.): The later Ottoman Empire, 1603–1839. Cambridge University Press, Cambridge 2006, ISBN 978-0-521-62095-6.
  • Halil İnalcik: The Ottoman Empire. The Classical Age 1300–1600. Phoenix Press, London 2003, ISBN 1-84212-442-0.

Spätere Zeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Osmanisches Reich – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Darstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.umich.edu/~turkish/ottemp.html
  2. Klaus Kreiser: Der Osmanische Staat 1300–1922. Oldenbourg, München 2008, ISBN 3-486-58588-6, S. 8.
  3. Hans-Jürgen Gerhard (Hrsg): Struktur und Dimension: Festschrift für Karl Heinrich Kaufhold zum 65. Geburtstag. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07065-6, S. 7. Rudolf Schmidt: Die Türken, die Deutschen und Europa: Ein Beitrag zur Diskussion in Deutschland. VS Verlag, Wiesbaden 2004, ISBN 3-531-14379-4, S. 46.
  4. Brockhaus 1906, in: Brockhaus Multimedia 2007
  5. Carter V. Findley: Dünya Tarihinde Türkler. Türkische Übersetzung von The Turks in World History, S. 72
  6. Cemal Kafadar (2007): A Rome of one’s own: Reflections on cultural geography and identity in the Lands of Rum. Muqarnas, 24 (2007), S. 9
  7. Ahwad al-Dīn Enveri, Irène Mélikoff (Übs.): Le destan d'Umur Pacha (Düsturname-I Enveri). Presses universitaires de France, Paris 1954.
  8. Şikârî, Metin Sögen, Necdet Sakaoğlu (Hg.): Karamannâme. İstanbul 2005, ISBN 978-975-585-483-0.
  9. Halil İnalcık Devlet-i Aliyye – Osmanlı İmparatorluğu Üzerine Araştırmalar 1 – Klasik Dönem (1302–1606), S. 17
  10. Şevket Pamuk: A monetary history of the Ottoman Empire. Cambridge University Press, Cambridge, UK 2000, ISBN 978-0-521-44197-1, S. 30–34.
  11. W. Brandes: Der Fall Konstantinopels als apokalyptisches Ereignis. In: S. Kolwitz und R. C. Müller (Hg.): Geschehenes und Geschriebenes. Studien zu Ehren von Günther S. Henrich und Klaus-Peter Matschke. Eudora, Leipzig 2005, ISBN 978-3-938533-03-1, S. 453–469.
  12. Ernst Werner: Sultan Mehmed der Eroberer und die Epochenwende im 15. Jahrhundert. Sitzungsberichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philolog.-histor. Klasse. Band 123, Heft 2. Akademie-Verlag, Berlin 1982, S. 29.
  13. Şevket Pamuk: A monetary history of the Ottoman Empire. Cambridge University Press, Cambridge, UK 2000, ISBN 978-0-521-44197-1, S. 59–62.
  14. Franz Babinger (Einleitung und Herausgabe): Sultanische Urkunden zur Geschichte der osmanischen Wirtschaft und Staatsverwaltung der Herrschaft Mehmeds II., des Eroberers. 1. Teil: Das Qânûn-nâme-i sulṭânî ber mûdscheb-i ʿörf-i ʿosmânî. Oldenbourg, München 1956. online (PDF), abgerufen 20. September 2016
  15. Guy Burak: The second formation of Islamic Law. The Hanafi School in the Early Modern Ottoman Empire. Cambridge University Press, Cambridge, UK 2015, ISBN 978-1-107-09027-9.
  16. Halil İnalçık und Donald Quataert (Hrsg.): An economic and social history of the Ottoman Empire. 1. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge, New York 1997, ©1994, ISBN 0-521-34315-1, S. XIX
  17. Peter O'Brien: European perceptions of Islam and America from Saladin to George W. Bush. Europe's fragile ego uncovered. Palgrave Macmillan, Basingstoke, UK 2009, ISBN 978-0-230-61305-8, S. 75.
  18. Goffman: Ottoman empire and early modern Europe. Cambridge University Press, Cambridge, UK 2002, ISBN 978-0-521-45908-2, S. 111. online PDF, abgerufen 15. August 2016
  19. zitiert nach Robert J. Knecht: The Valois. Kings of France, 1328–1589. Bloomsbury, London 2004, ISBN 978-1-85285-420-1, S. 144.
  20. Halil İnalcık, Donald Quataert: An Economic and Social History of the Ottoman Empire, 1300–1914. Cambridge University Press, Cambridge, UK 1994, ISBN 978-0-521-34315-2, S. 372–376.
  21. Fernand Braudel, Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts, Bd. 2: Der Handel, Kindler, München 1986, S. 211
  22. a b Donald Quataert: The Ottoman Empire, 1700–1922. Cambridge University Press, Reihe: New Approaches to European History, Bd. 34, 2000, ISBN 978-0-521-63360-4, S. 50–51.
  23. George N. Atiyeh (Hrsg.): The book in the Islamic world. The written word and communication in the Middle East. State University of New York Press, Albany 1995 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  24. Ahmad S. Dallal: The origins and early development of Islamic reform. In: R. Hefner (Hrsg.): The New Cambridge History of Islam. Bd. 6: Muslims and modernity. Cambridge University Press, Cambridge, U.K. 2010, ISBN 978-0-521-84443-7, S. 107–147.
  25. a b Eugene Rogan: The Fall of the Ottomans: The Great War in the Middle East. Penguin Books, 2015, ISBN 978-0-465-02307-3, S. 20–22.
  26. Y. H. Bayur: Türk İnkılâbı Tarihi (Die Geschichte der türkischen Revolution), Bd. II/3, Ankara 1983, S. 131.
  27. Brief von Walter Rössler, dem Konsul in Aleppo (April 1921) (Memento vom 29. September 2007 im Internet Archive)
  28. a b Ahmed Djemal Pascha: Erinnerungen eines türkischen Staatsmannes. Drei Masken Verlag, München 1922, S. 115–116, 124. Volltext (deutsch) online, abgerufen 27. August 2016
  29. Mustafa Aksakal: The Ottoman Road to War in 1914: The Ottoman Empire and the First World War (Cambridge Military Histories). Cambridge University Press, 2006, ISBN 978-0-521-17525-8, S. 115.
  30. Tilman Lüdke: Jihad made in Germany: Ottoman and German propaganda and intelligence operations in the First World War. (Studien zur Zeitgeschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas). LIT, Münster 2005, ISBN 978-3-8258-8071-2, S. 33–34.
  31. Klaus Kreiser: Der Weg in den Ersten Weltkrieg - Das Osmanische Reich: Zerreißprobe am Bosporus, Deutschlandfunk vom 31. Dezember 2013
  32. Y. H. Bayur Türk İnkılâbı Tarihi (Die Geschichte der türkischen Revolution), Bd. III/3, Ankara 1983, S. 12
  33. Friedrich von Kraelitz-Greifenhorst: Die Ungültigkeitserklärungen des Pariser und Berliner Vertrages durch die osmanische Regierung, in: Österreichische Monatszeitschrift für den Orient, Nr. 43, 1917, S. 56–60.
  34. Aktenstück 1916-10-04-DE-002 von Radowitz vom 4. Oktober 1916 in: Wolfgang Gust (Hrsg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, zu Klampen Verlag, Springe 2005 ISBN 3-934920-59-4, S. 519 – Onlinequelle (Memento vom 4. Februar 2009 im Internet Archive)
  35. a b Ahmet Içduygu, Toktas, Şule; Ali Soner, B.: The politics of population in a nation-building process: emigration of non-Muslims from Turkey. In: Ethnic and Racial Studies. 31, Nr. 2, 1. Februar 2008, S. 358–389. doi:10.1080/01419870701491937.
  36. Studies on Ottoman social and political history, Kemal H. Karpat, S. 766, 2002
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