Ostbelgien

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Die drei belgischen Ostkantone: Eupen (gelber Bereich oben), St. Vith (gelber Bereich unten) und Malmedy (grüner Bereich)

Als Ostbelgien oder Ostkantone (in den 1920ern war auch der Ausdruck Neubelgien gebräuchlich) werden die Gebiete im Osten des Königreiches Belgien bezeichnet, die 1920 vom Deutschen Reich durch den Versailler Vertrag abgetrennt wurden und deren größtenteils deutschsprachige Bevölkerung so zu belgischen Staatsbürgern wurde.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 20 bis 50 km breite Grenzstreifen mit einer Fläche von 1036 km² wurde am 1. Juli 1925 nach einer fünfjährigen Übergangszeit als Gouvernement Eupen-Malmedy in den belgischen Staatsverband eingegliedert. Er umfasst das Gebiet um Eupen, Malmedy, Sankt Vith und Kelmis (Neutral-Moresnet) und wird nach den beiden ehemaligen preußischen Landkreisen Malmedy und Eupen auch heute in deutschen Quellen manchmal noch Eupen-Malmedy genannt. Die nördliche Gemeindefläche von Waimes teilt im dünn besiedelten Gebiet des Hohen Venns[1] das Gebiet der 1963 und erneut 2004 als föderaler Bestandteil Belgiens definierten Deutschsprachigen Gemeinschaft in einen nördlichen und einen südlichen Teil (siehe nebenstehende Karte).

Das heutige Ostbelgien war 1815 an das Königreich Preußen gefallen und 1871 im Deutschen Kaiserreich aufgegangen. Vorher war es auf verschiedene Territorien des Heiligen Römischen Reiches aufgeteilt, insbesondere auf die von Brabant aus regierten Spanischen und später Österreichischen Niederlande und das Herrschaftsgebiet der Fürstabtei Stablo-Malmedy.

Der in diesem Sinn verwendete Begriff Ostbelgien ist nicht zu verwechseln mit der vom belgischen Staat als eigene, mit den Regionen Flandern, Wallonie und Brüssel gleichberechtigt definierten Region der Deutschsprachigen Gemeinschaft, die nur die auf der Karte gelb markierten Gebiete umfasst, während das (grüne) Gebiet von Waimes und Malmedy, das ebenfalls vor 1920 zu Deutschland gehörte und in dem bis heute deutschsprachige Belgier als Minderheit leben, zur Französischsprachigen Gemeinschaft Belgiens gerechnet wird. Von den Begriffen Ostkantone und Deutschsprachige Gemeinschaft abzuheben ist darüber hinaus der allgemeinere Begriff deutschsprachige Belgier; deren Siedlungsgebiet geht über die Ostkantone hinaus und zählt mit dem Montzener Land – wie ganz Ostbelgien – zu den so genannten Fazilitäten-Gemeinden, in denen die sprachlichen Minderheiten Sonderrechte genießen. In diesem Zusammenhang unberücksichtigt bleibt in der Regel die zahlenmäßig kleine Gruppe der Deutschsprachigen im südlicher gelegenen Areler Land in der Provinz Luxemburg.

Geschichte Ostbelgiens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kelten, Römer und Franken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Besiedlung des ostbelgischen Gebietes ist seit fast 10.000 Jahren nachzuweisen, u. a. durch Feuerstein-Artefakte aus der Mittelsteinzeit und Waffenfunde der Jungsteinzeit. Auf eine keltische Besiedlung ab etwa 200 v. Chr. deuten Orts- und Flussnamen wie Amel, Braunlauf, Warche, Our und Rur.

Von seiner Grenzlage war die Geschichte des Gebietes schon vor der Zeitenwende geprägt. In der Römerzeit verlief die Grenze zwischen den Römerstädten Köln und Tongeren durch diese Region. Seit der Spätantike festigte sich hier die Grenze zwischen dem germanischen und dem romanischen Sprachraum. Ab 300 verbreitete sich das Christentum.

Die fränkische Landnahme begann um 450, was an Ortsnamen auf -ingen, -ier und -heim erkennbar ist. Für weitere Rodungen und Ortsgründungen zwischen 600 und 800 sind Endungen auf -weiler, -hausen, -dorf, -bach, -berg oder -born typisch. Der frühdeutsche Einfluss wuchs, als die Franken 534 die ebenfalls germanischen Burgunden im Süden unterwarfen.

Um 648 schenkte der fränkische König Sigibert III. Mönchen aus Aquitanien ein Waldgebiet der Ardennen als Basis für die Abteigründungen Malmedy und Stavelot (Stablo) an der Grenze zwischen romanischem und germanischem Siedlungsraum. Sie wurden den Bistümern Lüttich bzw. Köln unterstellt.

Im 8. Jahrhundert entstanden zahlreiche Siedlungen um die fränkischen Königshöfe Amel, Büllingen, Manderfeld, Neundorf, Thommen und Walhorn, die zu Zentren im Bannkreis Aachens, der Karolinger-Hauptstadt, wurden. Deren Reich zerfiel um 900, ein Vorgang, der von Plünderungen durch Normannen (881–891) und Ungarn beschleunigt wurde, und ging im ostfränkischen Reich auf.

Limburg in Civitatis Orbis Terrarum (1575)

Die Herrschaft Luxemburgs, Triers und Limburgs und der Aufstieg Brabants ab 1288[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 963 und 1020 entstanden in der Region zwei neue Fürstentümer: Luxemburg mit Teilen der Eifel und Limburg mit dem Eupener Land. Auch das schon im 3. Jahrhundert gegründete Bistum Trier nahm in den Wirren ab 902 an territorialer Bedeutung zu, erhielt 1018 von Kaiser Heinrich II. Gebiete bis Koblenz, später in der Eifel und als Kurtrier sogar Einfluss in Burgund (zu Burgund siehe unten). Limburg und Luxemburg fielen 1288 nach der Schlacht von Worringen an das Herzogtum Brabant und wurden von dort in Personalunion regiert.

Die in der Region allmählich zunehmende Bevölkerung rodete und baute neue Dörfer; die Ortschaft Sankt Vith wurde erstmals 1130 erwähnt. Auch Krewinkel, Mackenbach, Neundorf, Ouren und Weweler wuchsen.

Die 10 HRR-Reichskreise um 1510. Der Niederländisch-/ (Niederrheinisch)-Westfälische Kreis ist hellbraun dargestellt
Die HRR-Reichskreise und kreisfreien Gebiete um 1512; Burgundischer Reichskreis in grün

Kaiser Heinrich IV. stellte um 1080 Malmedy unter die Vorherrschaft des Klosters Stablo (Stavelot). Die Klöster Stablo und Malmedy bildeten zusammen die Reichsabtei Stablo-Malmedy, die sich, von einem gemeinsamen Fürst-Abt regiert, einer relativ großen, auch politischen Selbstständigkeit gegenüber den angrenzenden Territorien und Fürstentümern erfreute. Zum Territorium der Reichsabtei gehörten auch Teile des Hohen Venns.

Im Niederländisch-Westfälischen bzw. Burgundischen Reichskreis (ab 1500)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vereinigung Malmedys und Stablos sollte bis in die Neuzeit Bestand haben. Anno 1500 wurde das Gebiet dem Niederländisch-Westfälischen Reichskreis (später überwiegend Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis, schließlich nur noch Westfälischer Reichskreis genannt) zugeschlagen, einem der zehn Reichskreise, in die der römisch-deutsche König und spätere Kaiser Maximilian I. das Heilige Römische Reich einteilte (siehe nebenstehende Karten). Nominell waren die Gebiete somit mit solchen Nordwestdeutschlands vereint; der niederrheinische Reichskreis wurde erst 1806 aufgelöst, als alle linksrheinischen Gebiete zu Frankreich kamen.

Gleichwohl darf der Einfluss des in der Regel in Wien residierenden Kaisers auf die Region nicht überschätzt werden. So wurden die zu Limburg bzw. Luxemburg gehörenden Gebiete – und damit große Teile des heutigen Ostbelgiens – de facto von Brabant aus regiert, das als Teil des Burgundischen Reichskreises westlich an den niederländisch-westfälischen Kreis grenzte und stark vom nahen Frankreich und dessen Kultur geprägt war. Französisch war die Sprache des Hofes in Brüssel und der höheren Verwaltungsinstantanzen Brabants, ein Umstand, der nachhaltig und auf Dauer Kultur und Mentalität des südniederländischen Raumes prägen sollte.

Einige andere Gebiete der südlichen Gemeinden des heutigen Ostbelgiens gehörten zum Erzbistum Trier (das Gebiet Manderfeld-Schönberg) bzw. zur Grafschaft Schleiden (Mürringen) respektive dem Herzogtum Jülich.

Brabant, Limburg und Luxemburg waren hingegen bereits 1430 an Philipp den Guten von Burgund und durch die Vermählung Marias von Burgund mit Erzherzog Maximilian von Österreich 1477 an die Habsburger gefallen (zusammen mit den übrigen niederländischen Provinzen). Nach der Abdankung von Maximilians Enkel Karl V. im Jahr 1556 gingen alle niederländischen Provinzen an die habsburgisch-spanische Linie, was sie mentalitätsgeschichtlich und letztlich auch politisch endgültig von den übrigen Teilen des römisch-deutschen Reiches entfernte und ihre spätere Eigenständigkeit vorbereitete.

Nach dem Abfall der protestantischen nördlichen Niederlande (unabhängige Republik ab 1581, bestätigt im Westfälischen Frieden 1648, heute Königreich der Niederlande) blieben die überwiegend katholischen südlichen Niederlande, aus denen sich später das Königreich Belgien entwickelte, zunächst unter Habsburgischer Herrschaft (Spanische Niederlande). 1706–1714 wurden im Spanischen Erbfolgekrieg weite Gebiete der Spanischen Niederlande von Truppen Englands und der niederländischen Republik besetzt. Die Friedensschlüsse von Utrecht und Rastatt (1713/14) etablierten schließlich die österreichische Linie des Hauses Habsburg als Herrscherdynastie im Süden der Niederlande.

Die Österreichischen Niederlande (hier 1789 am Vorabend der Französischen Revolution) haben bereits fast die Umrisse des künftigen Königreiches Belgien. Luxemburg gehört noch ganz dazu, und das im 14. Jahrhundert entstandene Fürstbistum Lüttich liegt vorläufig wie ein Keil zwischen dem Zentrum um Brüssel und Ostbelgien-Luxemburg.

Die nunmehr Österreichischen Niederlande können als nahezu selbstständiges Staatsgebilde betrachtet werden, das durch Personalunion mit Österreich verbunden war und von einem habsburgischen Regenten in Brüssel regiert wurde. Weiterhin waren die französische Kultur und Sprache tonangebend, auch wenn in der Korrespondenz der mittleren und niederen Verwaltung der im Osten gelegenen Gebiete (Ostbelgien, Luxemburg) seit altersher auch das Deutsche verwendet wurde. Als die zentralistischen Reformen Kaiser Josefs II. die Autonomie der südlichen Niederlande ab 1780 einschränkten, erklärten sich 1790 die Vereinigten Belgischen Staaten für unabhängig, wurden aber zurückerobert und 1794 vorübergehend von Frankreich besetzt (siehe Frieden von Campo Formio 1797). 1814 wurde das Land im Laufe der Napoleonischen Kriege von der anti-napoleonischen Koalition erobert.

Die preußisch-deutsche Zeit (1815 bis 1919)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die preußische Rheinprovinz. Im südwestlichen Drittel des Regierungsbezirks Aachen sind die heutigen ostbelgischen Gemeinden zu erkennen.

Mit Ausnahme von Neutral-Moresnet wurden die ostbelgischen Territorien aufgrund der Beschlüsse des Wiener Kongresses 1815 preußisches Staatsgebiet unter König Friedrich Wilhelm III. und gehörten damit auch zum Deutschen Bund und nach dessen Auflösung zum Deutschen Kaiserreich. Die Herauslösung der Gebiete aus dem brabantisch-südniederländischen Kulturkreis bedeutete eine wesentliche Zäsur und Neuausrichtung in der Geschichte Ostbelgiens, auch wenn das Französische als Verwaltungssprache in den wallonischsprachigen Gemeinden zunächst noch respektiert wurde.

Die Kreise Eupen und Malmedy waren von 1816 bis 1920/22 somit Landkreise im Regierungsbezirk Aachen in der preußischen Rheinprovinz. Die Städte Eupen und Malmedy waren Sitz der jeweiligen Kreisverwaltung.

Weckte der Anschluss an Preußen 1815 zunächst keinen Widerstand, so sorgte die nach der Reichseinigung (1871) einsetzende Germanisierungspolitik für Unruhe. Die französischsprachigen Bevölkerungsteile waren zur Assimilation nicht bereit. Nach den Ergebnissen der Volkszählung vom 1. Dezember 1900 wies der Kreis Malmedy mit 28,7 % Wallonischsprechern eine nennenswerte Minderheit von Einwohnern auf, die eine andere Muttersprache als Deutsch sprachen. Der Anteil der Nicht-Deutschsprachigen im Kreis Eupen betrug hingegen kaum 5 %.[2]

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden im Friedensvertrag von Versailles die Grenzen neu gezogen.

Die Volksbefragung von 1920 und Angliederung an Belgien 1925[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemäß dem Versailler Vertrag (1919) wurden sämtliche Gemeinden des Grenzstreifens von Eupen-Malmedy vom deutschen Reichsgebiet getrennt und provisorisch Belgien unterstellt. Die Volksbefragung von 1920, die auch als „petite farce belge“ in die Geschichte Belgiens einging, geriet auf Jahrzehnte zum Streitpunkt zwischen der belgischen Obrigkeit und Teilen der lokalen Bevölkerung sowie zwischen Belgien und dem Deutschen Reich. Ein großer Teil der Bevölkerung scheint die Befragung als Unrecht angesehen zu haben, da sie weder frei noch geheim noch unabhängig war. Die Bürger hatten lediglich die Möglichkeit, gegen die Angliederung an Belgien zu votieren, indem sie sich in öffentliche Listen in Malmedy oder Eupen eintrugen. Da die ersten, die dieses Recht wahrnahmen, großem Druck ausgesetzt wurden (Ausweisung, Ausschluss vom Geldumtausch und der Verteilung von Lebensmittelkarten, Entlassung aus dem Staatsdienst u. a.), entschlossen sich nur 271 der 33.726 Stimmberechtigten, ihre ablehnende Haltung gegenüber Belgien aktenkundig zu machen. Insgesamt wurde nur je eine Liste in Eupen und Malmedy ausgelegt. Unter fadenscheinigen Vorwänden und Androhung von Repressalien wurde den Eintragewilligen oft der Zugang erschwert oder ganz unmöglich gemacht.

Nach einer fünfjährigen Übergangszeit unter der Regierung des königlichen Hochkommissars General Herman Baltia wurde das Gebiet um Eupen, Malmedy, St. Vith und Neutral-Moresnet (Kelmis) 1925 in den belgischen Staatsverband eingegliedert. Von 1918 bis 1925 unterlagen die ostbelgischen Medien der Zensur. Die Stadt Eupen erhielt mit dem „Altbelgier“ Hugo Zimmermann einen von der belgischen Regierung eingesetzten „Zwangsbürgermeister“.

Ein Kuriosum ist die Trasse der Eisenbahnlinie Aachen-Luxemburg (Vennbahn, heute stillgelegt). Durch die neue Grenzziehung hätte sie etliche Male die Staatsgrenze gekreuzt. Stattdessen wurde das Bahngelände zu belgischem Hoheitsgebiet erklärt.

Bemühungen der belgischen und deutschen Regierung um Rückgabe der Gebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1925 verhandelten die deutsche und die belgische Regierung über eine Rückgabe des Gebietes gegen eine Ausgleichszahlung. Es wurden konkrete Pläne entwickelt, das Gebiet für 200 Millionen Goldmark von Belgien zurückzukaufen.[3] Dies scheiterte am politischen Widerstand und Druck Frankreichs auf Belgien. Zu dieser Zeit entstanden prodeutsche politische Organisationen wie die Heimattreue Front und die Christliche Volkspartei. Die prodeutschen Parteien erzielten in den freien Wahlen nach 1926 eine deutliche Mehrheit, selbst in den französischsprachigen Teilen Eupen-Malmedys. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 teilten sich die Meinungen in der deutschsprachigen Gemeinschaft. Während die einen weiterhin eine Angliederung an Deutschland anstrebten und zunehmend in das Fahrwasser der NS-Propaganda gerieten, gaben die sozialistischen Parteien die ursprünglich erhobene Forderung nach Revision des Versailler Vertrages auf.

Die Situation der katholischen Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus kirchlicher Sicht war die Situation in „Neubelgien“ nicht einfach, da sich ein Großteil des lokalen Klerus weiterhin dem Erzbistum Köln verbunden fühlte. Als die Situation eskalierte, rief der Primas von Belgien Kardinal Mercier Papst Benedikt XV. um Hilfe an. Dieser schuf durch die päpstliche Bulle Ecclesiae Universae vom 30. Juli 1920 das Bistum Eupen-Malmedy. Titularbischof wurde der Bischof von Lüttich, Monsignore Rutten, der am 13. Oktober feierlich eingesetzt wurde und die Pfarrkirche von Malmedy zur Kathedrale erhob. Eine erneute päpstliche Bulle vom 15. April 1925 hob diesen Zustand auf, und das Gebiet wurde dem Bistum Lüttich einverleibt.

Der deutsche Angriff auf Belgien 1940 und seine Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachengrenzen und politische Grenzen in Ostbelgien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Auswirkungen auf die Grenze von 1956

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet Eupen-Malmedy nach der Eroberung Belgiens durch die deutsche Wehrmacht am 18. Mai 1940 in das Deutsche Reich eingegliedert. Am 1. Juni 1940 annektierte das Deutsche Reich weitere überwiegend deutschsprachige Gemeinden Altbelgiens, die vor 1920 nicht zum Deutschen Reich gehört hatten:[4]

Weitergehende Annexionspläne des Gauleiters Josef Grohé, die eine größere Einbeziehung nicht deutschsprachiger Gebiete vorsahen, unter anderem um Vielsalm und Stavelot, setzten sich nicht durch.

Über 8000 Ostbelgier dienten ab Herbst 1941 in der deutschen Wehrmacht, auch an der Ostfront. Die starken Verluste führten zur Verbitterung vieler Ostbelgier, die zunehmend an der Annexion durch Deutschland zweifelten. Im Dezember 1944 wurden im Zuge der Ardennen-Offensive erst Malmedy, dann Sankt Vith durch Bombenangriffe der Westalliierten schwer getroffen; des Weiteren wurden während der deutschen Offensive im Winter 1944/45 viele Ortschaften verwüstet. Nach der Niederlage Deutschlands 1945 übergaben die Besatzungsmächte Eupen-Malmedy an Belgien.

Aufgrund der belgischen Annexionsversuche von 1949 fielen weitere Gebiete Deutschlands vorübergehend an Belgien. Am 24. September 1956 wurde der deutsch-belgische Grenzvertrag über eine Berichtigung und die Unverletzlichkeit der bestehenden Grenze unterschrieben. Die Korrektur der Grenze erfolgte sodann am 28. August 1958 (BGBl. II S. 262). Damit wurde gleichzeitig die Zugehörigkeit des Gebietes um Eupen-Malmedy-Sankt Vith zu Belgien anerkannt.

Die Autonomie der Deutschsprachigen Gemeinschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Jahren der Säuberungspolitik, die alle belgischen Wehrmachtssoldaten einer strengen Überprüfung und zuweilen auch willkürlichen Strafen unterwarfen sowie der Bevölkerung eine massive Behinderung im Alltag bescherte (Verdacht der aktiven Kollaboration mit dem deutschen Besatzer im Weltkrieg; restriktive Vergabe von Passierscheinen für den Grenzübertritt nach Deutschland; Versuch einer staatlich verordneten Assimilation an die französische Kultur) wurde im Zuge der durch den wallonisch-flämischen Konflikt beförderten Regionalisierung Belgiens im Sprachengesetz von 1963 erstmals seit 1945 wieder offiziell ein deutsches Sprachgebiet anerkannt.

1973 wurde der Rat der deutschen Kulturgemeinschaft (RdK) eingesetzt, der seine Befugnisse und Finanzmittel in den folgenden Jahren ausbauen konnte. Heute verfügen die deutschsprachigen Belgier mittels der Befugnisse der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) mit einem eigenen Parlament und eigener Regierung über eine ausgedehnte Autonomie. Nicht eingeschlossen in dieses Gebiet sind die angrenzenden, teilweise deutschsprachigen Gemeinden Altbelgiens. Die Gebiete von Malmedy und Weismes, in denen seit altersher mehrheitlich Französisch bzw. wallonische Mundarten gesprochen werden, gehören hingegen zur Französischen Gemeinschaft Belgiens. In allen elf Gemeinden Ostbelgiens genießt die jeweilige sprachliche Minderheit Erleichterungen in Form von Sonderrechten; sie gehören zu den so genannten Fazilitäten-Gemeinden.

Seit der Entspannung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Belgien, die nicht zuletzt durch die EG-Gründung 1957 gefördert wurde, verstehen sich die deutschsprachigen Ostbelgier zunehmend als Bindeglied zwischen einem Staatsgrenzen übergreifenden deutschen und französischen Sprach- und Kulturraum. Auch die Erinnerung an die historischen (wenngleich nicht konfliktfreien) Beziehungen zu Österreich, Spanien und den Niederlanden mag bei diesem neuen Selbstverständnis eine gewisse Rolle spielen. Hauptsächlich engagiert sich die ostbelgische Politik neben lokalen und national-belgischen Belangen in der Entwicklung des Dreiländerecks, der Euregio Maas-Rhein rund um die regionalen Zentren Maastricht (NL), Lüttich (B) und Aachen (D).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Portal: Deutschsprachige Gemeinschaft – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Deutschsprachige Gemeinschaft

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • H.-Dieter Arntz: Judenverfolgung und Fluchthilfe im deutsch-belgischen Grenzgebiet. Kreisgebiet Schleiden, Euskirchen, Monschau, Aachen und Eupen/Malmedy. Kümpel, Euskirchen 1990, ISBN 3-9800787-6-0.
  • Luise Clemens, Andreas Fickers, Monika Röther: Vom preußischen Amtsblatt zum heimattreuen Sprachrohr. Die Malmedy-St.Vither „Volkszeitung“ in der Presselandschaft der Zwischenkriegszeit. In: Heinz Warny (Hrsg.): Zwei Jahrhunderte deutschsprachige Zeitung in Ostbelgien. Grenz-Echo-Verlag, Eupen 2007, ISBN 978-3-86712-016-6, S. 211–238.
  • Christoph Brüll u. a. (Hg.): Grenzerfahrungen. Eine Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Bd. 5: Säuberung, Wiederaufbau, Autonomiedisskussionen (1944–1973). Grenz-Echo Verlag, Eupen 2013, ISBN 3-86712-086-2.
  • Burkhard Dietz, Helmut Gabel, Ulrich Tiedau (Hrsg.): Der Griff nach dem Westen. Die „Westforschung“ der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum 1919–1960. Waxmann, Münster u. a. 2003, ISBN 3-8309-1144-0 (Studien zur Geschichte und Kultur Nordwesteuropas 6).[5]
  • Peter M. Quadflieg: „Zwangssoldaten“ und „Ons Jongen“. Eupen-Malmedy und Luxemburg als Rekrutierungsgebiet der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Shaker, Aachen 2008, ISBN 978-3-8322-7078-0 (Aachener Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte 5).
  • Sebastian Scharte: Preußisch – deutsch – belgisch. Nationale Erfahrung und Identität. Leben an der deutsch-belgischen Grenze im 19. Jahrhundert. Waxmann, Münster 2010 ISBN 978-3-8309-2406-7.
  • Ulrike Schwieren-Höger, Jörn Sackermann: Ostbelgien und die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. Grenz-Echo-Verlag, Eupen 2006, ISBN 90-5433-214-X.
  • Selm Wenselaers: De laatste Belgen. DG. Een geschiedenis van de Oostkantons. Meulenhoff & Manteau u. a., Antwerpen u. a. 2008, ISBN 978-90-8542-149-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. GR-Atlas, Universität Luxemburg: Hohes Venn-Eifel, abgerufen am 15. April 2016
  2. Fremdsprachige Minderheiten im Deutschen Reich, Volkszählung vom 1. Dezember 1900
  3. Zur Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Parlament der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien, archiviert vom Original am 6. Februar 2013, abgerufen am 22. Juli 2017.
  4. GR-Atlas: Aufzählung der Gemeinden im vierten Absatz
  5. 2 Bde.; online durchsuchbar; u. a. über die Subversion der NS-Militär-Geheimdienstler Alfred Toepfer, Friedrich Carl Marwede, Friedrich Scheuermann, Hans Otto Wagner, Alfred Kehrl.