Otranto

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Otranto (Begriffsklärung) aufgeführt.
Otranto
Wappen
Otranto (Italien)
Otranto
Staat: Italien
Region: Apulien
Provinz: Lecce (LE)
Koordinaten: 40° 9′ N, 18° 29′ OKoordinaten: 40° 9′ 0″ N, 18° 29′ 0″ O
Höhe: 15 m s.l.m.
Fläche: 76 km²
Einwohner: 5.731 (31. Dez. 2015)[1]
Bevölkerungsdichte: 75 Einw./km²
Angrenzende Gemeinden Cannole, Carpignano Salentino, Giurdignano, Melendugno, Palmariggi, Santa Cesarea Terme, Uggiano la Chiesa
Postleitzahl: 73028
Vorwahl: 0836
ISTAT-Nummer: 075057
Volksbezeichnung: Idruntini oder Otrantini
Schutzpatron: Hll. Antonio Primaldo und Gefährten
Website: www.comune.otranto.le.it

Otranto [ˈɔːtranto] ist eine Hafenstadt mit 5731 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2015) in der Provinz Lecce in Apulien, Italien.

Lage und Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stadt liegt am südlichen Ende der Ostküste Italiens auf der Halbinsel Salento, etwa 35 Kilometer südöstlich von Lecce. Die Meerenge, die der Stadt vorgelagert ist, wird als Straße von Otranto bezeichnet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Archäologische Funde zeigen, dass Otranto bereits in der mittleren Bronzezeit besiedelt war.[2] In der Jung- und Endbronzezeit bestanden Kontakte zur mykenischen Kultur Griechenlands, wie Mykenische Keramik aus dem späten 13. und aus dem 12. Jahrhundert v. Chr. (Späthelladisch III B2 und III C) beweist.[3] Um 1000 v. Chr. ließen sich hier Messapier nieder, die in der ganzen Region zahlreiche Städte gründeten. Otranto wurde Bestandteil der Magna Graecia und nach der Eroberung Süditaliens durch die Römer als Hydruntum ein wichtiger Verbindungshafen nach Epirus. Nach dem Niedergang Roms gehörte es zum Byzantinischen Reich, wurde aber um 1070 von den Normannen erobert, die die Stadt stark befestigten und die 1088 geweihte Kathedrale errichteten. Durch die Verheiratung von Heinrich VI., dem Sohn von Kaiser Friedrich Barbarossa, mit Konstanze von Sizilien im Jahre 1186 und der Krönung Heinrichs zum König von Sizilien in Palermo 1194 gelangte Otranto unter die Herrschaft der Staufer und nach deren Untergang schließlich in die Hände von Ferdinand I. von Aragón, König von Neapel von 1458 bis 1494.

Otranto, Blick von der Bastione dei Pelasgi

1480 eroberten osmanische Türken Otranto als erste Ortschaft auf italienischem Boden. Die Gründe für den Angriff auf die Stadt waren einerseits wahrscheinlich strategischer Natur – sie liegt der damals bereits von den Türken eingenommenen Ostküste der Adria am nächsten und verfügte über einen guten Hafen. Obendrein betrachtete sich der Sultan in Konstantinopel als legitimer Herrscher des ehemaligen Byzantinischen Reiches, zu dem Otranto gehört hatte. 800 Christen wurden enthauptet, nachdem sie sich geweigert hatten zum Islam überzutreten.[4]

1481 wurde die Stadt nach längerer Belagerung wieder von christlichen Streitkräften unter der Führung von Alfons II., dem Sohn und späteren Nachfolger von Ferdinand I., eingenommen. Die Übergabe erfolgte kampflos, da den Türken nach Verhandlungen zuvor freier Abzug gewährt worden war. Im Jahr 1481 war Sultan Mehmet II. gestorben, die osmanische Führung konzentrierte sich auf die Thronfolge in Konstantinopel. Da die türkische Besatzung in Otranto keine Verstärkungen mehr erhalten hatte, besteht in der historischen Diskussion die Vermutung, es habe sich bei dem Angriff auf die Stadt lediglich um ein Ablenkungsmanöver gehandelt, möglicherweise, um einen symbolischen Entlastungsangriff zugunsten des Nasriden-Sultanats in Spanien (zeitgleich hatte die letzte kastilisch-aragonesische Kampagne gegen Granada begonnen, die Nasriden hatten Hilfegesuche an die Osmanen geschickt, und Otranto gehörte zum aragonesischen Königreich Neapel).

Nach einer wechselvollen Geschichte, die gekennzeichnet ist durch den Rückgang der Bevölkerung nach weiteren Türkeneinfällen, der Ausdehnung von Sumpfgebieten und damit einhergehend der Malaria sowie der steigenden Bedeutung von Handelsstädten wie Bari und Brindisi, die Handel und Gewerbe in Otranto beeinträchtigten, begann im 20. Jahrhundert mit der Trockenlegung von Sümpfen ein erneuter Aufschwung der Stadt.

In den letzten beiden Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts hat sie sich zu einem beliebten Touristenort gewandelt, der besonders im Juli und August frequentiert wird. Dies hat die Wirtschaftsstruktur der im Vergleich zum Norden Italiens wirtschaftlich rückständigen Region verändert: Neben der Landwirtschaft ist der Tourismus die Haupteinnahmequelle. Der früher in der Umgebung blühende Menschen- und Zigarettenschmuggel hat erheblich an Bedeutung verloren. Die sonst in Apulien häufig zu findenden Mafia-Familien treten nur noch selten öffentlich in Erscheinung.[5]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hypogaeum Torre Pinta
Festung von Otranto

Hauptanziehungspunkte der Stadt sind die Kathedrale mit den Mosaiken (1163-1165), die Festung Castello Aragonese sowie die kleine byzantinische Kirche San Pietro und das Hypogaeum von Torre Pinta.

Vor allem die von einer mächtigen Stadtmauer umschlossene Altstadt ist im Sommer eine Hauptattraktion; am Samstagabend ist sie der Treffpunkt der gesamten Umgebung Otrantos. Sonntagnachmittags wird die Uferstraße von der Porta Terra an für den Durchgangsverkehr gesperrt und für die Otrantiner Familien reserviert, die dort entlang flanieren (Passeggio).

Kathedrale Santa Annunziata[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kunstgeschichtlich bedeutend sind die Krypta und die Bodenmosaike der Kathedrale Santa Annunziata. Die Kirche wurde 1080 als lateinische Bischofskirche begonnen. Die Krypta ist für alle Krypten Apuliens vorbildlich geworden. Die Oberkirche wurde im 12. Jh. vollendet, spätestens 1163. In diesem Jahr begann Meister Pantaleone, ein apulischer Mönch, sein Bodenmosaik. Es ist nicht unbedingt das Beste seiner Art in der Qualität der Darstellung, aber es ist das in seiner Gesamtheit am besten erhaltene.

Das Bodenmosaik bedeckt eine Fläche von 57 × 28 m, also 1596 m². Es wird geschätzt, dass es aus insgesamt 10 Mio. Mosaiksteinen besteht. Pantaleone galt in seinem Heimatkloster San Nicola di Casole als jemand, der es versteht, die griechischen und nordischen Mythen zu deuten und ihren geheimnisvollen Beziehungen zu den christlichen Geschichten und Gleichnissen eine künstlerische Gestalt zu geben. Insgesamt sind in diesem Mosaik über 700 einzelne „Geschichten“ miteinander verwoben. Darunter ist eine Darstellung des König Artus, die vor der literarischen Überfremdung entstand.

Die Märtyrer von Otranto[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Märtyrer von Otranto
Die Kathedrale von Otranto

In der Kathedrale befinden sich Reliquien der 800 Märtyrer von Otranto. Weitere Reliquien dieser Märtyrer befinden sich in Neapel und in Venedig. Als die Türken im Jahre 1480 Otranto eroberten, stellten sie die Bewohner vor die Wahl, entweder ihrem christlichen Glauben abzuschwören oder zu sterben. 800 männliche Einwohner zogen den Tod durch Enthauptung vor. Ihre Leichen wurden von den Türken auf offenem Felde liegen gelassen, wo sie der Überlieferung zufolge Monate später völlig unversehrt von den christlichen Streitkräften aufgefunden wurden, die zur Rückeroberung der Stadt heranrückten.

Von italienischer Seite wird angeführt, dass die Massenhinrichtung ein gezielter Terrorakt war, um Angst und Schrecken zu verbreiten und dadurch das Vordringen der Türken zu erleichtern. Tatsächlich führte dieses Vorgehen zu einer Verschärfung des Widerstandes gegen die türkischen Invasoren und einer Verbindung fast aller relevanten italienischen Streitkräfte.

Von türkischer Seite wurde dagegen angeführt, es habe keine Massenhinrichtung gegeben, die Gebeine stammten von den Gefallenen der Kämpfe.[6] Dafür sprächen Verletzungen an den in der Kathedrale aufbewahrten Gebeinen, die als Kampfspuren gedeutet werden können. Besonders auffällig ist etwa ein Schädel, in den ein Pfeil eingedrungen ist. Grundsätzlich sei festzuhalten, dass Andersgläubige, die unter türkische Herrschaft gerieten, einer besonderen Steuerregelung (Dschizya) unterlagen, jedoch nicht hingerichtet wurden. Ein im Jahre 2007 durchgeführter Kongress, der sich speziell mit dem Thema der Eroberung Otrantos durch die Türken befasste, hat das Spektrum der Kritik an der bisherigen Überlieferung erheblich erweitert; vergleiche dazu die unten angeführten, von Hubert Houben herausgegebenen Kongress-Bände.

In der katholischen Kirche werden die Märtyrer von Otranto als Blutzeugen um des Glaubens willen verehrt. 1539 wurde der Seligsprechungsprozess eingeleitet, 1771 sprach Papst Klemens XIV. die 800 Märtyrer selig, seither sind sie die Schutzpatrone der Stadt und der Erzdiözese. Papst Franziskus hat die Märtyrer von Otranto am 12. Mai 2013 heiliggesprochen.[7]

Umgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sehenswürdigkeiten in der Umgebung sind:

  • die Alimini-Seen
  • Valle delle Memorie mit zahlreichen ehemals von Mönchen bewohnten Grotten
  • Grotta Romanelli mit steinzeitlichen Überresten
  • Grotta dei Cervi in der zu Otranto gehörenden Fraktion Porto Badisco mit Felsmalereien aus der Jungsteinzeit
  • Grotta Zinzulusa, berühmt wegen ihrer Stalagmiten und Stalaktiten

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Hafen von Otranto, an der nach der Stadt benannten 70 km breiten Straße von Otranto gelegen, dient hauptsächlich dem Güterverkehr, wird jedoch auch von privaten Seglern angelaufen. Bis 2007 bestand eine regelmäßige Fährverbindung nach Vlora, Albanien, die wegen zu geringen Verkehrsaufkommens aufgegeben wurde.

Die Adriabahn der Società Italiana per le Strade Ferrate Meridionali nahm den Betrieb zu ihrem Endpunkt am 22. September 1872 auf.[8] Heute endet im Kopfbahnhof von Otranto die Bahnstrecke Maglie–Otranto. Der Bahnhof liegt an dem Hang oberhalb des historischen Ortskerns. Durch das Gefälle des Hangs befindet sich die Gleisebene auf der Höhe des ersten Stockwerks des Empfangsgebäudes, der Bahnhofsvorplatz aber einen Stock tiefer.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Antonio Antonaci: Hydruntum (Otranto). Galatina, 1954.
  • Grazio Gianfreda: Otranto Nascosta. Lecce 1997.
  • Hubert Houben (Hrsg.): Otranto nel Medioevo. Tra Bisanzio e l'Occidente = Saggi e testi. Università degli studi del Salento, Dipartimento dei beni delle arti e della storia 33. Galatina 2007, ISBN 978-88-8086-737-1
  • Christine Ungruh: Das Bodenmosaik der Kathedrale von Otranto (1163-1165): normannische Herrscherideologie als Endzeitvision = Studien zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit 9. Korb 2013, ISBN 978-3-939020-09-7

Literatur zu den 800 Märtyrern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hubert Houben (Hrsg.): La conquista turca di Otranto (1480) tra storia e mito. Atti del Convegno internazionale di studio Otranto - Muro Leccese, 28-31 marzo 2007. 2 Bde. 2008, ISBN 978-88-8086-830-9 und ISBN 978-88-8086-829-3
  • Otranto 1480. Atti del Convegno internazionale di Studi nel V Centenario della caduta di Otranto ad opera dei Turchi. A cura di Cosimo Damiano Fonseca. 2 Bde. Galatina (LE) 1986.
  • I Beati 800 Martiri di Otranto del 1480. Atti del Convegno ecclesiale di Studio nel Quinto Centenario. A cura del Comitato Diocesano per il Quinto Centenario der Beati Martiri di Otranto. Lecce 1980.

Romane (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Otranto – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Statistiche demografiche ISTAT. Monatliche Bevölkerungsstatistiken des Istituto Nazionale di Statistica, Stand 31. Dezember 2015.
  2. Marco Bettelli, Italia meridionale e mondo miceneo. Ricerche su dinamiche di acculturazione e aspetti archeologici, con particolare riferimento ai versanti adriatico e ionico della penisola italiana. Florenz 2002, S. 26 (mit weiterführender Literatur).
  3. Marco Bettelli, Italia meridionale e mondo miceneo. Ricerche su dinamiche di acculturazione e aspetti archeologici, con particolare riferimento ai versanti adriatico e ionico della penisola italiana. Florenz 2002, S. 26.
  4. Pope canonises 800 Italian Ottoman victims of Otranto. In: BBC. BBC. Abgerufen am 12. Mai 2013.
  5. Vergleiche dazu die Analyse im "Dossier Puglia" in "narcomafie", Februar 2008 unter dem Titel: "L'evoluzione pericolosa" http://www.narcomafie.it/2008/02/10/levoluzione-pericolosa/. Genauere Untersuchungen darüber, inwieweit die Mafia am Geschäft mit dem wirtschaftlich immer bedeutender werdenden Tourismus in Apulien beteiligt ist und dementsprechend eine Beruhigung der Lage wünscht, um diesen nicht zu beeinträchtigen, liegen bisher nicht vor. Die genannte Analyse in "narcomafie" warnt vor einer zunehmenden Durchdringung des ökonomisch-politischen Raumes durch mafiose Strukturen. Von Seiten der Mafia gibt es naturgemäß keine öffentlichen Aussagen dazu; informelle Quellen bestätigen allerdings den Sachverhalt.
  6. Nejat Diyarbakirli, Les Turcs et l'occident au XVéme siécle, in: Fonseca, Otranto 1480 (siehe Literatur), S. 25
  7. Veranstaltungen mit dem Heiligen Vater [1]
  8. Pietro Marra: Rotaie a Sud Est. Bagnacavallo 2014. ISBN 978-88-909824-0-8, S. 21.