Otto Nuschke

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Otto Nuschke auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 1956
Otto-Nuschke-Denkmal in dessen Geburtsstadt Frohburg
Grab von Otto Nuschke auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.
Otto-Nuschke-Ehrenzeichen in Bronze
Briefmarkenausgabe zum 100. Geburtstag Otto Nuschkes (DDR 1983)

Otto Gustav Nuschke (* 23. Februar 1883 in Frohburg; † 27. Dezember 1957 in Hennigsdorf) war ein deutscher Politiker und CDU-Vorsitzender in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR sowie stellvertretender Ministerpräsident der DDR.

Leben und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Besuch der Bürgerschule in Frohburg erhielt Nuschke, der evangelischen Glaubens war, noch einige Zeit Privatunterricht und besuchte dann die Akademie für graphische Künste in Leipzig. Er erlernte bei seinem Vater das Buchdruckerhandwerk. 1902 wurde Nuschke Redakteur der Hessischen Landeszeitung in Marburg, deren Leitung er ein Jahr später übernahm. Während dieser Zeit belegte er als Gasthörer Vorlesungen an der Philipps-Universität Marburg. 1910 wechselte Nuschke als Redakteur zum Berliner Tageblatt. Von 1915 bis 1930 war er Chefredakteur der Berliner Volks-Zeitung.[1] Am Ersten Weltkrieg nahm er als Gefreiter des Garde-Landsturmbataillons Zossen teil.

Nuschke engagierte sich im Verband für internationale Verständigung, im Bund Deutscher Bodenreformer und der Deutschen Friedensgesellschaft. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten bewirtschaftete er zunächst einen kleinen Hof in der Nähe von Berlin, den er aber auf politischen Druck hin aufgeben musste. Von den Attentätern des 20. Juli 1944 war er als Leiter des Rundfunks vorgesehen. Nach dem Scheitern des Umsturzversuchs musste er untertauchen und überlebte bis Kriegsende in der Illegalität.

Im April 1949 war Otto Nuschke Sprecher der deutschen Delegation, die am Gründungskongress der Weltfriedensbewegung in Paris teilnahm.

Am 17. Juni 1953, dem Tag des Volksaufstandes in der DDR, wurde er von Demonstranten erkannt, festgenommen, über die nahegelegene Sektorengrenze nach West-Berlin gebracht und dort der Polizei übergeben.[2][3] Nach Verhören wurde er nach 36 Stunden freigelassen, ohne Schaden erlitten zu haben.[4] Beim Interview mit dem RIAS bekannte er sich zu seinem Staat DDR.

Otto Nuschke starb 1957 in Nieder Neuendorf, einem Ortsteil von Hennigsdorf bei Berlin.

Eintritt für Normalisierung kirchlich-staatlicher Beziehungen in der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Otto Nuschke setzte sich in den 1950er Jahren für die Normalisierung der kirchlich-staatlichen Beziehungen in der DDR ein und führte dazu intensive Verhandlungen.[5] Er besuchte auf Einladung des Kirchentagspräsidenten D. Dr. Reinold von Thadden-Trieglaff den gesamtdeutschen Kirchentag in Frankfurt am Main 1956. [6] Der politische Kurswechsel der DDR-Regierung von „Deutsche an einen Tisch“ zur Forderung nach Anerkennung der DDR als souveräner Staat führte zu Differenzen und zur Polemik [7], wobei Nuschkes Auftreten in der Arbeitsgruppe 3 von der Ost-CDU als „kämpferisch“ bezeichnet wurde.[8] Bereits 1951 war Otto Nuschke Besucher des Berliner Kirchentages, der unter der Losung stand: „Wir sind doch Brüder“, zusammen mit Wilhelm Pieck und äußerte sich dort zu kirchenpolitischen Fragen.[9] Am 6. August 1956 empfing Otto Nuschke als Parteivorsitzender der Ost-CDU eine Delegation der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Synodale aus den Landeskirchen in der DDR angehörten, und erörterte mit ihr vor allem die „Auswirkungen der allgemeinen Wehrpflicht in der BRD und die Prinzipien der Werbung von Freiwilligen für die NVA“.[10]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1955 wurde ihm von der Karl-Marx-Universität Leipzig die Ehrendoktorwürde verliehen (Dr. rer. pol. h. c.).

Nuschke wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt.

Im Jahre 1958 wurde die Jägerstraße in Berlin-Mitte in Otto-Nuschke-Straße umbenannt; deren Rückbenennung erfolgte 1991. Weiterhin waren das dort, an der Ecke Charlottenstraße, befindliche vormalige Haus der Ost-CDU-Zentrale (Otto-Nuschke-Haus) sowie die sogenannte Zentrale Schulungsstätte der CDU in Burgscheidungen nach Nuschke benannt.

Heute noch bestehen (Dr.-)Otto-Nuschke-Straßen in Rüdersdorf bei Berlin, Senftenberg, Calau, Rudolstadt, Aue, Oelsnitz/Erzgebirge, Greiz, Parchim. Andere Straßenbenennungen wurden nach der demokratischen Wende wieder rückgängig gemacht. Dies war neben Berlin beispielsweise die Ehrensteinstraße in Leipzig oder die Lindenstraße in Potsdam, an der in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Zeit der DDR das Untersuchungsgefängnis für politische Häftlinge lag.

Die CDU der DDR stiftete nach seinem Tod das „Otto-Nuschke-Ehrenzeichen“ in den Rängen Gold, Silber und Bronze, das als höchste Auszeichnung der Partei an verdienstvolle Mitglieder vergeben wurde.

Partei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nuschke trat schon früh der linksliberalen Freisinnigen Vereinigung bei, deren Parteisekretär er 1906 im Regierungsbezirk Kassel wurde. Als sich die Vereinigung 1910 mit anderen linksliberalen Parteien zur Fortschrittlichen Volkspartei zusammenschloss, übernahm er diese Funktion auch in der neuen Partei. Bei der Reichstagswahl 1912 kandidierte er, auf Betreiben des bisherigen Abgeordneten Heinz Potthoff, im Wahlkreis Waldeck-Pyrmont, unterlag jedoch knapp dem antisemitischen Kandidaten Georg Vietmeyer. Nachdem die Wahl für ungültig erklärt wurde, verzichtete er zugunsten Friedrich Naumanns auf eine erneute Kandidatur.[11]

1918 beteiligte er sich an der Gründung der DDP. In den 1920er Jahren war er zeitweise auch stellvertretender Reichsvorsitzender der Partei. Nuschke gehörte zu den Mitbegründern des republiktreuen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und wurde 1931 zum Generalsekretär der Deutschen Staatspartei, wie die DDP nun hieß, ernannt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligte sich Nuschke im Gegensatz zum Großteil der früheren DDP-Mitglieder nicht an der Gründung von LDPD bzw. FDP, sondern wurde, wie auch Ferdinand Friedensburg, Ernst Lemmer und Walther Schreiber, 1945 Mitbegründer der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone. Nach der Entlassung des letzten frei gewählten CDU-Vorsitzenden Jakob Kaiser durch die SMAD im Dezember 1947 – der CDU-Vorstand unter Kaiser hatte die Teilnahme der CDU am Volkskongress abgelehnt – wurde Nuschke auf dem III. Parteitag der CDU im September 1948 zum Parteivorsitzenden bestimmt.

Abgeordneter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nuschke gehörte 1919 der Weimarer Nationalversammlung an. Im Jahre 1921 wurde er zum Mitglied des Preußischen Landtages, dem er bis 1933 angehörte, gewählt.

Bei den Landtagswahlen in der SBZ 1946 wurde Nuschke Landtagsabgeordneter im Brandenburger Landtag und in Sachsen-Anhalt, was damals möglich war. Außerdem gehörte er dem Kreistag des Osthavellandes an. Im März 1948 wurde er gemeinsam mit Wilhelm Pieck (SED) und Wilhelm Külz (LDPD) Vorsitzender des Deutschen Volksrates, der die Verfassung der DDR ausarbeitete. Im Jahre 1949 wurde er zunächst Mitglied der Provisorischen Volkskammer der DDR. Er gehörte anschließend bis zu seinem Tode der Volkskammer an.

Öffentliche Ämter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nuschke war von 1949 bis zu seinem Tode stellvertretender Ministerpräsident der DDR.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mensch, Politiker, Journalist, Union-Verlag, Berlin 1953.
  • Nicht nebeneinander – Miteinander! (mit Heinrich Grüber), Verlag Deutscher Friedensrat, Berlin 1955.
  • Reden und Aufsätze. 1919–1950, Union-Verlag, Berlin 1957.
  • Mahnung und Beispiel. Reden und Aufsätze aus den Jahren 1951–1957, Union-Verlag, Berlin 1958 (postum)
  • Ein Leben für die Interessen des Volkes, Union-Verlag, Berlin 1983 (postum).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rosemarie Schuder: Otto Nuschke. Mensch, Politiker, Journalist (= Bibliothek der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands, Band 1), Union Verlag, Berlin 1953, DNB 453616690
  • Gerhard Fischer: Otto Nuschke. Ein Lebensbild. Union-Verlag, Berlin 1983, DNB 830365699
  • Helmut Müller-Enbergs: Nuschke, Otto. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 2, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  • Christian Ostermann: Nuschke, Otto. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 375 f. (Digitalisat).
  • Martin Schumacher (Hrsg.): M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung, 1933–1945. Eine biographische Dokumentation. 3., erheblich erweiterte und überarbeitete Auflage. Droste, Düsseldorf 1994, ISBN 3-7700-5183-1.
  • Günter Wirth: Otto Nuschke (= Christ in der Welt, Band 1). Union-Verlag, Berlin 1965 DNB 455708401
  • Christoph Wunnicke: Otto Nuschke. In: Die Blockparteien der DDR. Kontinuitäten und Transformation 1945–1990. Berlin 2014, Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Band 34. S. 22–29. (PDF; 434 KB)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Otto Nuschke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen Wilke: Presseanweisungen im zwanzigsten Jahrhundert: Erster Weltkrieg, Drittes Reich, DDR. Böhlau Verlag, 2007, S. 28.
  2. Darstellung der Verhaftung mit RIAS-Interview
  3. Darstellung der Ost-CDU
  4. Manfred Hagen: DDR - Juni '53 Franz Steiner Verlag, 1992, ISBN 3-515-06007-3. S. 148
  5. Otto Nuschke, Wirth, Günter; Reihe Christ in der Welt, Union Verlag, Berlin (1965), S. 31
  6. Otto Nuschke, Wirth, Günter; Reihe Christ in der Welt, Union Verlag, Berlin (1965), S. 28 u. 32
  7. Zwanzig Jahre Kirchentag. Der Deutsche Evangelische Kirchentag zwischen 1949 und 1969, Wolf, Carola (Hrsg.) Kreuz-Verlag, Stuttgart, 1969. S. 48
  8. Wirth, Günter; Reihe Christ in der Welt, Union Verlag, Berlin (1965), S. 32
  9. Otto Nuschke. Ein Lebensbild. Fischer Gerhard, Union Verlag, Berlin (1983), S. 227
  10. Zeittafel zur Geschichte der CDU, Hefte aus Burgscheidungen Nr. 207. Zusammengestellt von Kahl, Volker; Schlussredaktion: Gerhard Fischer, 1977, S. 25
  11. Vgl. Thomas Nipperdey: Die Organisation der deutschen Parteien vor 1918 (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Band 18), Droste, Düsseldorf 1961, S. 195 (Anm. 3) DNB 481047409 (Habilitation Göttingen, Philosophische Fakultät, 1961, 454 Seiten).