Pädagogik der Aufklärung

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Die Pädagogik der Aufklärung wurde an der Wende zum 19. Jahrhundert von Philosophen wie Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel begründet. In ihrem Mittelpunkt stand die Idee, dass der Mensch in „Wildheit“ geboren sei und durch Erziehung zu einem Wesen der Vernunft herangezogen werden müsse.

Kontext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zeitalter der Industrialisierung wurde eine Umwälzung der Erziehung zur Notwendigkeit, weil die Gesellschaft Menschen brauchte, die flexibel, mobil und gebildet waren und den technischen Fortschritt vorantreiben konnten.[1] Erziehung erfolgt im Bürgertum seit dieser Zeit nicht mehr urwüchsig, sondern als bewusste und zielgerichtete Formung des Menschen, die – dem Geist der Aufklärung entsprechend – darauf ausgerichtet war, den Menschen der Natur zu entreißen, ihn von schicksalhaftem Verhängnis zu emanzipieren und zum Menschen zu machen, damit er die Welt aus eigener Kraft zu gestalten vermöge.[2] Kant schrieb 1803 in seiner Pädagogik-Vorlesung: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht.“[3]

Bis zur Aufklärung war Erziehung christliche Erziehung gewesen und vom Paradigma regiert, dass Gott es sei, der den Menschen zum Menschen mache. Die Idee, dass der Mensch im Zustand der „Wildheit“ geboren werde und durch Erziehung zum Menschen – zu einem Geschöpf der Vernunft – gemacht werden könne, enthielt an der Wende zum 19. Jahrhundert eine radikale Selbstbemündigung des bürgerlichen Menschen.[4]

Die Aufklärer gingen davon aus, dass Vernunft nicht direkt durch Erziehung, sondern nur durch Bildung erworben werden könne. Erstere ist vom Lehrer geleitet, letztere vom Schüler selbst. Um den Menschen bilden zu können, muss nach Auffassung der Aufklärung seine Natur aber diszipliniert, unter Kontrolle gebracht werden.[5] Damit das Kind bildbar wird, müsse ihm zunächst seine „Wildheit“ und „Rohigkeit“ ausgetrieben werden.[6] Noch für Heinz-Joachim Heydorn (1916–1974) war Mündigkeit „Befreiung des Menschen durch den Sieg über die Natur“.[7] Motiviert war die Frontstellung der Aufklärung gegen die Natur aus dem Eindruck, dass sie der Entwicklung des Menschen unerträgliche Fesseln und schicksalhaftes Verhängnis auferlege, etwa dort, wo der Geburtsstand über Lebens-Chancen entscheidet.[8] So zielt die aufklärerische Pädagogik folgerichtig auf Naturbeherrschung. „Ein Hauptmoment der Erziehung ist die Zucht, welche den Sinn hat, den Eigenwillen des Kindes zu brechen, damit das bloß Sinnliche und Natürliche ausgereutet werde. Hier muss man nicht meinen, bloß mit Güte auszukommen; denn gerade der unmittelbare Wille handelt nach unmittelbaren Einfällen und Gelüsten, nicht nach Gründen und Vorstellungen“, schrieb Hegel 1820 in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts.[9]

Einzelne Elemente innerhalb der Erziehungsphilosophie der Aufklärung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In frühneuzeitlichen Vorstellungen zur Erziehung entsprachen körperliche und seelische Gewaltanwendung der herrschenden Meinung über die sogenannte „Kinderzucht“. Gegen übermäßige Gewaltanwendung und für den Verzicht auf seelische Einschüchterung sprach sich wegen etwaigen lebenslangen psychischen Schäden bereits 1715 der Gelehrte Johann Gottfried Gregorii alias Melissantes aus.[10] Die im 18. und 19. Jahrhundert verbreiteten Vorstellungen von der „bösen Kindsnatur“ oder der notwendigen „Abrichtung“ zeugen von der Vorstellung, Menschen auf ähnliche Weise formen zu können, wie man es als Dressur von Tieren kannte.

„Diese ersten Jahre haben unter anderem auch den Vorteil, dass man da Gewalt und Zwang brauchen kann. Die Kinder vergessen mit den Jahren alles, was ihnen in der ersten Kindheit begegnet ist. Kann man da den Kindern den Willen nehmen, so erinnern sie sich hiernach niemals mehr, dass sie einen Willen gehabt haben.“

Johann Georg Sulzer: Versuch von der Erziehung und Unterweisung der Kinder, 1748
Gehorsam
Die Eltern, die bereits erlangt haben, was beim Kind durch Erziehung erst geschaffen werden soll (sie sind bereits zu Bürgern herangebildet), und gegenüber dem Kind damit „das Allgemeine und Wesentliche ausmachen“ (Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, S. 327), dürfen und müssen vom Kinde Gehorsam verlangen: „Der Gehorsam ist der Anfang aller Weisheit; denn durch denselben läßt der das Wahre, das Objektive noch nicht erkennende und zu seinem Zwecke machende, deshalb noch nicht wahrhaft selbständige und freie, vielmehr unfertige Wille den von außen an ihn kommenden vernünftigen Willen in sich gelten und macht diesen nach und nach zu dem seinigen“ (Hegel, Die Philosophie des Geistes, S. 81). Die Gehorsamsforderung zielte jedoch nicht, wie viele Autoren später unterstellt haben[11], darauf, beim jungen Menschen Obrigkeitsdenken und Untertanengeist zu etablieren. Zentrales Credo der aufklärerischen Philosophen war stets das Selber-Denken gewesen. Sie gingen jedoch davon aus, dass die freie Entfaltung der Vernunft Disziplin und eine Beugung „unter das Joch einer bestimmten Regel“ zur Voraussetzung habe.[12] Die Beugung galt dem, was die Bildung des Menschen verhinderte: seiner un-vernünftigen Seite.[13]
Geradhalter: ein orthopädisches Gerät für aufrechte Sitzhaltung (1858 von Moritz Schreber vorgeschlagen)
Motorik
Breiten Raum nimmt in den Erziehungsanleitungen der aufklärerischen Pädagogik die Regulierung der kindlichen Motorik ein. Kinder sollen unter anderem nicht laufen oder springen, sondern gemessen einherschreiten, gerade sitzen, ohne die Beine zu überschlagen, sich still halten und keine Fratzen schneiden.[14]
Masturbation
Die idealisierte Selbstkontrolle schließt den Umgang mit dem eigenen Körper ein. Ein weiteres Verhalten, vor dem in den Erziehungsanleitungen immer wieder gewarnt wird, ist daher die kindliche Masturbation. Obwohl die frühe bürgerliche Gesellschaft das Idealbild des asexuellen Kindes und Jugendlichen pflegte, geht Donata Elschenbroich – anders als etwa Wilhelm Reich – davon aus, dass nicht die Sexualität an sich als Bedrohung gedeutet wurde, sondern „die Selbstgenügsamkeit im Spiel mit dem eigenen Körper, die das Bürgertum als unproduktiv ablehnen muss, die Hingabe an die Lust des Augenblicks, die im Widerspruch zur planvollen Langsicht steht, die das Bürgertum zur Verfolgung seiner Interessen entwickeln muss.“[15] Die erzieherischen Konsequenzen lassen kaum Rückschlüsse darauf zu, was eigentlich gemeint war. Von ärztlicher Seite wurden „Onanisten“ vor dem baldigen Tode gewarnt, zu dem diese „Krankheit“ unweigerlich führe, Priester wiesen auf die Sündhaftigkeit hin, Pädagogen entwickelten Hilfsmittel zur Bewahrung der Keuschheit.[16]

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Reformpädagogik entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert als direkte Antwort auf die Pädagogik der Aufklärung.

In den 1970er Jahren unternahmen Katharina Rutschky und Alice Miller den Versuch einer psychoanalytischen Deutung der Pädagogik der Aufklärung, die sie nunmehr als „Schwarze Pädagogik“ kritisierten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Philanthropismus, eine Erziehungsphilosophie, die der Pädagogik der Aufklärung unmittelbar gefolgt ist

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Werner Sesink: Einführung in die Pädagogik. Lit, Münster, Hamburg, London 2001, ISBN 3-8258-5830-8, S. 72 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Werner Sesink: Einführung in die Pädagogik. Lit, Münster, Hamburg, London 2001, ISBN 3-8258-5830-8, S. 69 f., 78 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Kant, Immanuel: Über Pädagogik. Königsberg, 1803. Abgerufen am 17. November 2018.
  4. Werner Sesink: Einführung in die Pädagogik. Lit, Münster, Hamburg, London 2001, ISBN 3-8258-5830-8, S. 79 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Werner Sesink: Einführung in die Pädagogik. Lit, Münster, Hamburg, London 2001, ISBN 3-8258-5830-8, S. 87 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Immanuel Kant: Über Pädagogik
  7. zitiert nach: Werner Sesink: Einführung in die Pädagogik. Lit, Münster, Hamburg, London 2001, ISBN 3-8258-5830-8, S. 86 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. Werner Sesink: Einführung in die Pädagogik. Lit, Münster, Hamburg, London 2001, ISBN 3-8258-5830-8, S. 86 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. Duncker und Humblot, Berlin 1833, S. 236 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. Melissantes: Curieuser AFFECTen-Spiegel, Oder auserlesene Cautelen und sonderbahre Maximen, Gemüther der Menschen zu erforschen, Und sich darnach vorsichtig und behutsam aufzuführen, Frankfurt, Leipzig [und Arnstadt] 1715. Bayerische Staatsbibliothek München, S. 627.
  11. Heide Jurczek: Hallo Mami! - Erkenne und spiegle mich: Be-Merkenswerte Mitteilungen eines Säuglings. epubli, Berlin 2013, ISBN 978-3-8442-4764-0, S. 112 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  12. F.W.E. Mende: Der Gehorsam in der Erziehung. In: Adolph Diesterweg (Hrsg.): Wegweiser zur Bildung für deutsche lehrer, Band 1. Bädeker, Essen 1850, S. 102 f., hier: S. 103 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  13. Werner Sesink: Das Pädagogische Jahrhundert. Abgerufen am 23. November 2018 (S. 86f).
  14. Das Verbrechen, ein Kind zu sein. In: Der Spiegel. 6. Juni 1977, abgerufen am 21. November 2018.
  15. Donata Elschenbroich: Kinder werden nicht geboren. Studien zur Entstehung der Kindheit. Frankfurt/Main 1977, S. 141 (Dissertation).
  16. Oliver Gellenbeck: Tabuisierung und Enttabuisierung der Sexualität im Kinderbuch: Zu Repression und Emanzipation und ihren Auswirkungen auf die aktuelle Aufklärungsliteratur für Kinder. Diplomica, ISBN 978-3-8324-5628-3, S. 58 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche – Diplomarbeit).