Pablo Servigne

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Pablo Servigne (* 1978 in Versailles[1]) ist ein französischer Agraringenieur, Autor und Redner. Er ist bekannt als Wortschöpfer und Vordenker der sog. collapsologie.

Im Jahr 2002 schloss er sein Studium an der Gembloux Agro-Bio Tech ab, 2008 promovierte er als Docteur en sciences an der Université libre de Bruxelles, zum Verhalten und zur Ökologie von Ameisen.[2]

In den Folgejahren unterrichtete er an der alternativkulturellen Organisation Barricade in Liège, Belgien. Ab 2010 schrieb er Beiträge für die Medien. Unter anderem veranstaltete er Treffen nach der von Joanna Macy vorgestellten Methode „the Work that Reconnects“.[2]

Seine Interessen beziehen sich auf die ökologische Transformation, die Agroökologie, die collapsologie und die kollektive Resilienz.[1]

Collapsologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeinsam mit Raphaël Steven prägte er den Begriff der collapsologie. Diese wird definiert als „transdisziplinäres Studium des Zusammenbruchs unserer industriellen Zivilisation und dessen, was ihr folgen könnte“.[3] Der Zusammenbruch wird dabei verstanden als Folge eines Ressourcenverbrauchs, an dessen Ende die Grundbedürfnisse (Wasser, Nahrung, Wohnung, Kleidung, Energie etc.) eines Großteils der Bevölkerung nicht mehr zu einem vernünftigen Preis gedeckt werden können.[4]

Servigne hält einen solchen Zusammenbruch bis zum Jahr 2030 für wahrscheinlich, der durch eine Art Domino- oder Schneeball-Effekt eintreten werde, bedingt durch mehrere Effekte zugleich: den Klimawandel, das Ende der Ölressourcen (Peak Oil), den Verlust der Biodiversität sowie der Verletzlichkeit der Finanzsystems und der Wirtschaft. Auch Ansätze einer green economy könnten einen abrupten Wandel der Alltags der Bevölkerung nicht mehr abwenden. Wichtig sei an diesem Punkt vor allem eine Kultur der gegenseitigen Unterstützung (entraide) und des Altruismus: Überleben würden vor allem diejenigen, die miteinander kooperieren. Servigne sieht Ähnlichkeiten zwischen dem Ansatz der collapsologie und einigen Ansätzen Survival-Szene, zum Beispiel bezogen auf Permakultur-Projekte dieser Szene. Die collapsologie betone dabei allerdings weniger individuelle als vielmehr kollektive Maßnahmen.[5]

Servigne und sein Koautor Stevens stellen das Konzept des Kollaps in einen engen Zusammenhang zum Konzept der (gesellschaftlichen) Resilienz.[6]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Kritikern werden die unter dem Begriff collapsologie diskutierten Betrachtungen als eine neue Ideologie interpretiert.[7][8] Kritik rief auch das von dem ehemaligen Minister Yves Cochet verfasste Vorwort zu Comment tout peut s'effondrer hervor, der zur Lösung des Problems aufforderte, weniger Kinder in die Welt zu setzen. Die reißerischen neo-malthusianischen Thesen Servignes stellen ihn aus Sicht des Wissenschaftshistorikers Jean-Baptiste Fressoz in die Nähe reaktionärer Kräfte, die stets die Notwendigkeit des Kolonialismus mit drohendem Rohstoffmangel begründet hätten.[9]

Der Autor Jérémie Cravatte erklärt, Servigne und andere, die die collapsologie propagieren, würden mit dem Suffix -logie bewusst den Anschein einer Wissenschaft kultivieren, auf Kritik an ihren Grundannahmen aber nicht eingehen, im Widerspruch zu wissenschaftlichem Vorgehen. Während sie richtigerweise auf Prozesse wie die Veränderung der Umwelt aufmerksam machen und zu Debatten darüber Anlass geben, würden sie fälschlicherweise auf einen alles umfassenden Vorgang eines Untergangs schließen. Richtig sei vielmehr, dass es immer wieder zu einzelnen Umwälzungen komme. Die Vertreter einer collapsologie würden dazu einladen, einen Trauerprozess zu durchlaufen und zu einer Akzeptanz des vorgeblich Unausweichlichen zu kommen, wobei nicht klar sei, auf was sich das beziehe: auf das Klima, auf die Biodiversität, auf öffentliche Dienstleistungen oder alles zusammen. Das Bestehende werde im Rahmen der collapsologie insgesamt als nicht mehr wichtig angesehen. Der Ansatz beinhalte zwar einzelne konstruktive Elemente – etwa Ökosiedlungen –, die jedoch nicht in ein Gesamtbild gefügt würden. Als positiv unterstreicht Cravatte den Ansatz, sich aus Abhängigkeiten zu lösen und eine auf (Rohstoff-)Raubbau (Extraktivismus) begründete Nationalökonomie zu überwinden.[10]

Der Agrarökonom und Autor Daniel Tanuro[11] kritisiert, das Buch Une autre fin du monde est possible romantisiere das Leben prämoderner Gemeinschaften und könne so allzu leicht – ohne Absicht seitens Servigne – für reaktionäre Zwecke missbraucht werden. Als Beispiel führt er an, dass Servigne und andere sich unter anderem auf Mircea Eliade und Carl Gustav Jung beziehen würden, diese jedoch mit dem Faschismus sympathisiert hätten.[12] Der Ansatz der collapsologie sei in vierfacher Hinsicht fehlerhaft: er sei verengt auf den Menschen und blende das bereits eingetretenen Artensterben aus, er sei verengt auf reiche Menschen im Okzident und blende das bereits jetzt zu beobachtende Leid anderer Menschen aus, er vermische bereits eingetretene Krisen mit dem sich immer weiter verzögernden Zeitpunkt des Peak Oil und er „depolitisiere“ die ökologische Krise. Die politische Funktion des Diskurses um den Zusammenbruch sei ungewiss: So könne er Menschen für den Klimaschutz mobilisieren, andererseits aber auch die Atomenergie oder zum Beispiel das Geoengineering stärken.[9] Tanuro hält das Risiko eines Zusammenbruchs zwar für real, kritisiert aber, dass der unter dem Begriff der collapsologie geführte Diskurs die im Kapitalismus begründete Ursache dieses Risikos verschleiere. Zudem werde der Anschein erweckt, dass ein erheblicher Bevölkerungsschwund unvermeidlich sei, was zur Resignation einlade. Treffender und radikaler sei es, einiges dessen, was heute für selbstverständlich gehalten werde, grundlegend in Frage zu stellen.[13]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Pablo Servigne: Nourrir l'Europe en temps de crise: Vers des systèmes alimentaires résilients, 2014, Nature et progrès, ISBN 978-29-303-8652-2. Mit Vorwort von Yves Cochet und Nachwort von Olivier De Schutter.
  • Pablo Servigne, Raphaël Stevens: Comment tout peut s'effondrer: Petit manuel de collapsologie à l'usage des générations présentes, Seuil, April 2015, ISBN 978-20-212-2331-6. (englischsprachige Übersetzung durch Andrew Brown: How Everything Can Collapse: A Manual for Our Times, Polity, 2020, ISBN 978-15-095-4139-3.)
  • Agnès Sinaï, Hugo Carton, Raphaël Stevens, Pablo Servigne: Petit traité de résilience locale, Charles Léopold Mayer, September 2015, ISBN 978-28-437-7186-6.
  • Pablo Servigne, Gauthier Chapelle: L'entraide, l'autre loi de la jungle, 2017, Les Liens qui libèrent, ISBN 979-10-209-0440-9.
  • Pablo Servigne Nourrir l'europe en temps de crise, 2017, Actes Sud, ISBN 978-23-300-8657-2. Mit Vorwort von Perrine Hervé-Gruyer und von Yves Cochet und mit Nachwort von Olivier De Schutter.
  • Pablo Servigne, Raphaël Stevens, Gauthier Chapelle: Une autre fin du monde est possible, 2018, Seuil, ISBN 978-20-213-3258-2. Mit Vorwort von Dominique Bourg und Nachwort von Cyril Dion

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b A propos de l'auteur. In: bmvr.marseille.fr. Abgerufen am 5. Februar 2020 (französisch).
  2. a b Pablo Servigne: Bio. In: pabloservigne.com. Abgerufen am 5. Februar 2020 (französisch).
  3. Matthias Sander: «Kollapsologen» bereiten sich auf den Untergang unserer Zivilisation vor – und loben die Schweiz als Vorbild. In: nzz.ch. 31. Januar 2019, abgerufen am 5. Februar 2020.
  4. Solène Houzé: Collapsologie. Les enjeux de la transition à travers l’analyse de l’effondrement de notre civilisation. (PDF; 544 kB) Abgerufen am 5. Februar 2020 (französisch): „La collapsologie est un «exercice transdisciplinaire d’étude de l’effondrement de notre civilisation industrielle et ce qui pourrait lui succéder» où l’effondrement est défini comme «le processus à l’issue duquel les besoins de base (eau, alimentation, logement, habillement, énergie, etc.) ne sont plus fournis à un coût raisonnable à une majorité de la population par des services encadrés par la loi»“ S. 3.
  5. Eric Tariant: Collapsologie: Et si on s’organisait pour la fin du monde? In: wedemain.fr. 29. Oktober 2018, abgerufen am 7. Februar 2020.
  6. Pablo Servigne: „Je défends un catastrophisme positif“. In: Usbek & Rica. 10. August 2016, abgerufen am 3. Februar 2020 (französisch).
  7. Jean-Marie Harribey: La collapsologie, une nouvelle idéologie? In: pressegauche.org. 27. August 2019, abgerufen am 3. Februar 2020 (französisch).
  8. Interview avec Eddy Fougier: Extinction rébellion. La collapsologie, l’idéologie non violente qui risque de ne pas le rester. In: pressegauche.org. 9. Oktober 2019, abgerufen am 3. Februar 2020 (französisch).
  9. a b Jean-Baptiste Fressoz: La collapsologie: un discours réactionnaire. In: Libération. 7. November 2018, abgerufen am 6. Februar 2020 (französisch).
  10. Jérémie Cravatte: Dépasser les limites de la collapsologie. In: pressenza.com. 12. Januar 2020, abgerufen am 8. Februar 2020.
  11. Daniel Tanuro. In: babelio.com. Abgerufen am 20. Juni 2020 (französisch).
  12. Pascale Monnier, Daniel Tanuro: Crise climatique, collapsologie… L’ingénieur agronome Daniel Tanuro refuse de se résigner. In: europe-solidaire.org. 27. Oktober 2019, abgerufen am 6. Februar 2020 (französisch).
  13. Elisabeth Lagasse: Contre l’effondrement, pour une pensée radicale des mondes possibles. In: contretemps.eu. 18. Juli 2018, abgerufen am 6. Februar 2020.