Paneuropa-Union

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Flagge der Paneuropa-Union
Otto von Habsburg 1991 bei der Verleihung des Coudenhove-Kalergi-Preises der Paneuropa-Union an Helmut Kohl

Die Paneuropa-Union (alternative Schreibweise Paneuropaunion) ist die älteste europäische Einigungsbewegung und zugleich eine Panbewegung.[1] Sie tritt im Sinne des europäischen Föderalismus für ein politisch und wirtschaftlich geeintes, demokratisches und friedliches Europa auf Grundlage des christlich-abendländischen Wertefundaments ein.

Politisches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Paneuropa-Union wurde 1922 von Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi unter dem Eindruck der Schrecken des Ersten Weltkriegs gegründet.[2]

Von 3. bis 6. Oktober 1926 tagte in Wien der erste Paneuropa-Kongreß. Ungefähr 2.000 Delegierte aus 24 Staaten nahmen an diesem Treffen teil. Die Delegierten wählten Coudenhove-Kalergi zum Präsidenten der Union. Das Ehrenpräsidium bestand aus Edvard Beneš, dem Außenminister der ČSR, Joseph Caillaux, dem späteren französischen Finanzminister, Paul Löbe, dem deutschen Reichstagspräsidenten, Francesco Nitti, dem ehemaligen Ministerpräsidenten Italiens, Nicolaos Politis, dem ehemaligen griechischen Außenminister, und dem mehrmaligen österreichischen Bundeskanzler Ignaz Seipel.

In Deutschland fand die Paneuropa-Idee ihre wichtigste Basis bei den Parteien der Weimarer Koalition, verfügte aber niemals über eine Mehrheit in der Öffentlichkeit. In Frankreich ließen sich vor allem die (links-)liberalen Radicaux, an der Spitze Edouard Herriot, für das Konzept einnehmen. Bemerkenswert ist auch, dass die meisten Paneuropäer in beiden Ländern sich für eine Mitgliedschaft Großbritanniens in den zu schaffenden Vereinigten Staaten von Europa aussprachen. In Großbritannien blieb das Echo sehr verhalten. Anders als in Frankreich und Deutschland schaffte es aber die Paneuropa-Idee im Vereinigten Königreich nicht einmal auf die Titelseite einer Zeitung.

Ab 1933 von den Nationalsozialisten in Deutschland verboten, wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg wiedergegründet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützte die Paneuropa-Union aktiv die europäische Integration. Gleichzeitig übte sie Kritik an der einseitig wirtschaftlichen Ausrichtung und dem technokratischen Funktionalismus der sich bildenden Institutionen. Auch ihr christlich-konservatives Profil grenzte sie gegenüber anderen proeuropäische Organisationen ab. 1965 kam es zum Bruch mit der Europäischen Bewegung, als diese sich während des französischen Präsidentschaftswahlkampfes offen für den sozialistischen Herausforderer François Mitterrand aussprach, während die Paneuropa-Union den konservativen Charles de Gaulle unterstützte.

1975 gründete Bernd Posselt die Paneuropa-Jugend Deutschland; deren jetziger Vorsitzender ist Franziskus Posselt.

Während des Kalten Krieges nahm die Paneuropa-Union eine offensive Haltung gegenüber den sozialistischen Staaten Osteuropas ein und unterstützte dortige Oppositionsbewegungen. Es wurden Untergrundgruppen der Paneuropa-Union gebildet, die in diesen Ländern am Sturz des sozialistischen Systems mitarbeiteten.[3] So wurde zum Beispiel die Paneuropa-Union Böhmen und Mähren noch vor der Samtenen Revolution von ihrem heutigen Präsident Rudolf Kučera gegründet. Weltweite Beachtung fand auch das am 19. August 1989 von ihr organisierte Paneuropäische Picknick bei Sopron, das 661 DDR-Bürgern zur Ausreise über die ungarisch-österreichische Grenze nutzten.

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen in Osteuropa galt das Hauptaugenmerk zunächst der Herausführung der bestehenden Untergrundgruppen in die Legalität sowie dem Aufbau neuer Länder-Organisationen. Heute stellt die Osterweiterung der Europäischen Union einen Arbeitsschwerpunkt dar.

Präsident der internationalen Paneuropa-Union war von 1973 bis 2004 Otto von Habsburg, der anschließend bis zu seinem Tode 2011 internationaler Ehrenpräsident war. Neuer internationaler Präsident seit 2004 ist der Vorsitzende der französischen Paneuropa-Union, Alain Terrenoire.[4]

Deutscher Präsident ist der ehemalige CSU-Europa-Abgeordnete Bernd Posselt. Seine Amtsvorgänger waren der langjährige Vizepräsident des Europäischen Parlamentes und spätere Generalanwalt beim Europäischen Gerichtshof, Siegbert Alber, sowie der frühere bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel.

Programm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flagge der Paneuropa-Union bei ihrer Gründung 1922
Variante mit dem Radkreuz in der Gösch

Das erste Programm war das Paneuropäische Manifest, welches Richard Coudenhove-Kalergi selbst verfasste und 1923 veröffentlichte. Darin propagierte er, dass die Entwicklung der Nationalstaaten mit dem Ersten Weltkrieg an einem toten Punkt angelangt sei. Wenn die Staaten Europas sich nicht einander öffnen und ihre Streitigkeiten beilegen würden, dann würden sie von den USA und der Sowjetunion überflügelt werden oder sich in einem erneuten Weltkrieg gegenseitig vernichten. Als Ausweg schlug er den Abschluss eines Paneuropäischen Paktes (PDF; 359 kB) vor. Im Paneuropäischen Manifest beschrieb er auch die damalige Flagge der Paneuropa-Union, welche eine goldene Sonne (Symbol für die Aufklärung) mit rotem Kreuz (Symbol für die Menschlichkeit) auf blauem Hintergrund zeigte. Nach der Gründung des Europarates und der Europäischen Union wurde diese durch einen Kreis aus zwölf Sternen ergänzt.

Mit dem Bamberger Programm von 1996 wurden die Zielsetzungen der neuen politische Lage in Europa angepasst. Danach setzt sich die Paneuropa-Union für die Einigung Europas auf der Basis weitreichender Volksgruppen- und Minderheitenrechte sowie des Rechtes auf die Heimat ein.[5] Dieses Europa soll zu einer politisch nach außen und innen voll handlungsfähigen Einheit weitergebildet werden, die keiner fremden Macht untergeordnet ist. Sie befürwortet ein selbstbewusstes Handeln der Europäischen Union in der internationalen Politik im Rahmen eines militärisch geeinten Europa, das überall in der Welt für seine Interessen und für die Ideale der Freiheit und der Menschenrechte eintritt.

Weiter erstrebt die Paneuropa-Union ein Europa auf Basis des Christentums und kämpft laut eigenem Programm gegen alle Tendenzen, die die geistige und moralische Kraft Europas zerstören, wie Nihilismus, Atheismus und einen unmoralischen Konsumismus. Diese konservative Grundhaltung kommt ebenfalls in der Definition der Familie als natürliche Gemeinschaft, sowie in der Ablehnung von Abtreibung, Euthanasie und Genmanipulation zum Ausdruck.

Die deutsche Paneuropa-Union steht der CSU sowie den Vertriebenenverbänden nahe. Im Gegensatz zu einigen anderen konservativen Organisationen ist sie jedoch klar pro-europäisch und EU-freundlich.

Prominente Mitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thomas Mann bei ein Paneuropa-Kundgebung in der Berliner Singakademie (1930)

Als historische Mitglieder führt die Paneuropa-Union unter anderem Albert Einstein, Thomas Mann, Franz Werfel, Salvador de Madariaga, Charles de Gaulle, Aristide Briand, Paul Löbe, Konrad Adenauer, Kurt Schuschnigg, Alfons Goppel, Franz Josef Strauß, Bruno Kreisky, Raymond Barre und Georges Pompidou an.

Paneuropa-Bewegung Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Österreichische Mitglieder der Paneuropa-Union bei der Beerdigung Otto von Habsburgs

Die Paneuropa-Bewegung Österreich ist Mitglied der Paneuropa-Union. Sie gliedert sich in die gesamtösterreichische Bundesorganisation und die neun Landesgruppen und wurde von Mitgliedern des ehemaligen Kaiserhauses Habsburg ins Leben gerufen. Untergliederungen sind die hochschulpolitisch aktive Junge europäische Studenteninitiative (JES) und die Paneuropajugend. Präsident ist seit 1986 Karl Habsburg-Lothringen.

Das Ideal der Paneuropabewegung, ein nach christlichen Wertvorstellungen aufgebautes Europa, wird von der Paneuropa-Bewegung Österreich in ihrer Zeitschrift Paneuropa Österreich (vorherige Titel: 1976–1987: Österreich konservativ, 1988–1992: Österreich Paneuropa), in weiteren Publikationen und zahlreichen Veranstaltungen, getreu dem Wahlspruch der Paneuropäer In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas verbreitet.

Die Paneuropa-Bewegung Österreich entstand aus der „Aktion Österreich Europa“, nachdem Otto von Habsburg 1973 Präsident der Paneuropa-Union geworden war. Basierend auf dieser Bindung an das Habsburger-Haus hatte 1967 die erstere noch Monarchistische Bewegung Österreichs geheißen.

1996 geriet die österreichische Paneuropa-Bewegung im Zusammenhang mit dem World-Vision-Spendenskandal indirekt in negative Schlagzeilen. Der ehemalige Geschäftsführer Wolfgang Krones (damals Generalsekretär von Paneuropa-Österreich) und seine Frau, die Geschäftsführerin von „World Vision Österreich - Christliches Hilfswerk“ Martina Taurer-Krones, hatten Spenden des Hilfswerkes zu Paneuropa umgeleitet. Ein Prüfbericht von KPMG bestätigte Geldflüsse von rund 640.000 Schilling, ein Teil davon floss 1996 in den EU-Wahlkampf von Karl Habsburg-Lothringen. Krones und Martina Taurer-Krones wurden 2004 rechtskräftig verurteilt. Erst 2004 zahlte Karl Habsburg jene 36.899 Euro an den Nachfolgeverein World Vision - Gesellschaft für Entwicklungshilfe und Völkerverständigung zurück, die – laut Habsburg ohne sein Wissen – zur Wahlkampffinanzierung gedient hatten.

Verfolgung im Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nationalsozialisten, die den Begründer der Paneuropa-Bewegung nach ihrer Ideologie als „Mischling“ bezeichneten und ihn auch auf Grund der politischen Inhalte seiner Schriften 1938 zur Auswanderung zwangen, verboten die Paneuropa-Union im Jahre 1933. Otto von Habsburg wurde steckbrieflich gesucht und ebenso ins Exil gezwungen, da er sich weigerte Hitler persönlich zu treffen und der NS-Ideologie ablehnend gegenüberstand.[6] Die paneuropäische Idee stand in klarem Kontrast zur Rassenlehre Alfred Rosenbergs und völkischem Gedankengut. Coudenhove-Kalergi wurde als Freimaurer diffamiert und Mitglieder der Paneuropa-Union in Konzentrationslager deportiert.[7]

Verfolgung in sozialistischen Systemen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sozialistische Diktaturen wie die DDR und die Sowjetunion bekämpften die Paneuropa-Bewegung als „rechtskonservativ und monarchistisch“. Die DDR-Führung sah in der Paneuropa-Bewegung, die eine klare Haltung gegen die Unterdrückung der Freiheit in der Sowjetunion und in deren Satellitenstaaten einnahm, ihr Feindbild des Kapitalismus und des Chauvinismus und eine Bedrohung für ihren Staat (Paneuropa-Picknick). Die Paneuropa-Union, die Paneuropa-Jugend und das Brüsewitz-Zentrum standen danach unter ständiger Beobachtung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Insbesondere ihre christliche und konservative Ausrichtung machten sie zur Zielscheibe für Repression. Der europäischen Einigung, dem Kernanliegen der PEU, stand die SED äußerst skeptisch gegenüber.[8]

Kritik nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Europa-Union Deutschland grenzte sich von der Paneuropa-Union in den 1950er-Jahren ab.[9] Meinungsunterschiede zwischen den beiden föderalistischen Bewegungen bestanden vor allem wegen der transatlantischen Ausrichtung der Europa-Union, während die PEU eher den Standpunkt des Gaullismus vertrat. Heutzutage sind diese Unterschiede jedoch kaum noch spürbar.

Der Journalist Stefan Mayr stufte sie 2010 in der Süddeutschen Zeitung darüber hinaus als „erzkonservativ“ ein.[10] Die Bundeszentrale für politische Bildung sieht sie hingegen als konservative Kraft unter den europafreundlichen Bewegungen.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vanessa Conze: Das Europa der Deutschen. Ideen von Europa in Deutschland zwischen Reichstradition und Westorientierung (1920-1970); Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2005; ISBN 978-3-486-57757-0 Auszüge online bei google books
  • Otto von Habsburg: Die Paneuropäische Idee. Eine Vision wird Wirklichkeit. Amalthea, Wien 1999 ISBN 3-85002-424-5
  • Anita Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi und die Paneuropa-Bewegung in den zwanziger und dreißiger Jahren. Böhlau, Wien 2004 ISBN 3-205-77217-2
  • Richard N. Coudenhove-Kalergi: Pan-Europa. Der Jugend Europas gewidmet. Amalthea, München 1987 ISBN 3-85002-239-0.
  • Richard N. Coudenhove-Kalergi: Die Europäische Nation. Deutsche Verlagsanstalt 1953
  • Richard N. Coudenhove-Kalergi: Totaler Staat, Totaler Mensch. Paneuropa-Verlag Glarus (jetzt Augsburg) 1937
  • Anne-Marie Saint-Gille: La "Paneurope". Un débat d'idées dans l'entre-deux-guerres. Reihe: Monde germanique. Presses Universitaires de France PU, Paris-Sorbonne 2003 ISBN 2840502860 (über die Zeit 1920 - 1940)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Paneuropa-Union – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatTilman Lüdke: Pan-Ideologien. In: Europäische Geschichte Online. 30. August 2012, abgerufen am 1. Oktober 2014 (deutsch).
  2. Oliver Burgard: Europa von oben. - Warum die politischen Initiativen für eine Europäische Union nach dem Ersten Weltkrieg scheiterten. In: Zeit Nr. 3 vom 13. Januar 2000
  3. Siehe http://www.ronsperg.de/Coudenhove3.htm
  4. französische wikipedia Dort heißt es: er wurde im Dezember 2004 auf Vorschlag seines Vorgängers Otto von Habsburg zu seinem Nachfolger gewählt.
  5. Alle Zitate in diesem Teil aus http://www.paneuropa.org/de/bambprg.pdf
  6. http://de.paneuropa.org/index.php/pan/geschichte
  7. vgl. Schwarz 1938 (mit Vorwort von Reinhard Heydrich) [1]
  8. Joachim Scholtyseck: Die Aussenpolitik der DDR. 2003, S. 5 f.
  9. vgl. insb. Conze 2001: 204 online bei google books
  10. Stefan Mayr: Umzug ins Franziskanerinnen-Kloster: Mixa findet ein neues Zuhause. In: Süddeutsche Zeitung vom 19. Juli 2010 [2]
  11. http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/177182/paneuropa-union