Papyrus Egerton 2

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Verso von Fragment 1 des Papyrus Egerton 2, Britisches Museum

Der Papyrus Egerton 2 ist ein aus vier Fragmenten bestehender antiker Papyrus aus Mitte bis Ende des 2. Jahrhunderts in Codex-Form. Das winzige vierte Fragment weist nur einen einzigen Buchstaben aus und ist für die Rekonstruktion nutzlos. Er befindet sich unter der Signatur P.London.Christ.1 im Britischen Museum. Die Schrift enthält vier bis fünf Episoden aus einem sonst unbekannten Evangelium oder einer Sammlung von Jesus-Erzählungen.

Herkunft und Datierung[Bearbeiten]

Der Papyrus wurde in Ägypten gefunden und 1935 erstmals von dem Papyrologen Harold Idris Bell und dem Bibliothekar Theodore Cressy Skeat herausgegeben. Das Papyrusfragment Papyrus Köln VI 255 ist ein Teil derselben Handschrift und ergänzt das erste Fragment des Egerton-Papyrus.[1] Es ermöglichte ein besseres Verständnis und eine verbesserte Übersetzung des ersten Fragments.

Der Papyrus wurde zumeist auf Mitte bis Ende des 2. Jahrhunderts datiert.[2] Klaus Berger und Kurt Erlemann vertreten eine frühe Datierung auf ca. 75 n. Chr.[3] Der Papyrus zählt auf jeden Fall zu den ältesten urchristlichen Handschriften.

Der Papyrus enthält Nomina sacra, wie sie aus dieser Zeit typisch für Bibelhandschriften und theologische Literatur sind. Sprachlich und inhaltlich ähnelt besonders die erste Episode Texten des Johannesevangeliums, enthält aber auch synoptische Elemente. Das zweite Fragment weist Parallelen mit synoptischer Überlieferung auf. Einige Wendungen verraten, dass der Autor nicht aus Palästina stammte. Man vermutet ihn im damaligen Syrien, Kleinasien oder Ägypten.

Inhalt[Bearbeiten]

Die ersten beiden Fragmente enthalten Bruchstücke von vier Texten:

  • ein Streitgespräch mit Gesetzeskundigen und Obersten des jüdischen Volkes über einen angeblichen Gesetzesbruch Jesu. Es endet mit dem erfolglosen Versuch, ihn zu steinigen.
  • die Heilung eines Leprakranken.
  • den Versuch, Jesus mit der Steuerfrage zu provozieren (vgl. Mk 12,13-17 EU).
  • ein Wunder Jesu am Jordan, das sonst nirgends überliefert ist. Hier ist das Fragment stark zerstört, so dass der Text kaum rekonstruierbar ist.

Das dritte sehr kleine Fragment enthält nur wenige isolierte Worte und erlaubt keine Textrekonstruktion.

Literarische Beurteilung[Bearbeiten]

Das Fragment hat Ähnlichkeit zu Johannes und zu den synoptischen Evangelien. Die Gelehrten sind sich in der Beurteilung des Verhältnisses zu den kanonischen Evangelien uneins und zerfallen grob in drei Gruppen. Die einen glauben, dass der Text literarisch abhängig ist, eine andere Gruppe meint es handele sich um eine gleichzeitige konkurrierende Überlieferung und die dritte Gruppe hält es für älter und hält es für möglich, dass Teile davon bei der Entstehung des Johannesevangeliums als Quelle herangezogen wurden.[4]

  • Joachim Jeremias (Neutestamentliche Apokryphen S. 82-85) glaubte, der Autor habe alle vier Evangelien gekannt und frei aus dem Gedächtnis zitiert. Es könne sich um einen Auszug aus einem mit einer Passionserzählung abgeschlossenen Gesamtwerk handeln.
  • John Dominic Crossan (Four other Gospels, S. 65-87) dagegen vertritt die Auffassung, zumindest die Perikope über die Steuerfrage sei älter als die Parallele Mk 12,13-17. Das Fragment sei daher unabhängig von der synoptischen Tradition entstanden und zeige, dass es zeitgleich dazu andere mündliche und schriftliche Überlieferung von Jesus gab.
  • C. H. Dodd (New Gospel) hält die erste Perikope für literarisch vom Johannesevangelium abhängig, während die übrigen Zeilen unabhängig vom NT mündlich tradiert worden seien.
  • John P. Meier sieht gerade im Wortlaut der Steuerfrage Anhaltspunkte für eine spätere Bildung.[5] Der Formulierung der Frage bei Markus, ob es erlaubt sei, „dem Caesar Kopfsteuer zu zahlen“ (Mk 13,14 EU), entspricht in der Egerton-Parallele: „an die Könige zu zahlen, was den Regierenden zukommt“. Diese Verallgemeinerung der an Jesus gerichteten Frage, deren konkreter Sitz im Leben hier eliminiert scheint, deute auf eine spätere Entstehung. C. H. Dodds Erklärung zu den übrigen Stücken hält Meier zwar prinzipiell für denkbar, aber letztlich nicht beweisbar. Ob es sich um eigenständige Jesustraditionen handelt oder um freie Nacherzählungen des synoptischen Stoffs, lasse sich nicht mit hinreichender Sicherheit klären. Auch frei konstruierte Ergänzungen, wie sie aus anderen apokryphen Schriften bekannt sind, ließen sich denken.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Ausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Harold Idris Bell, Theodore Cressy Skeat : Fragments of an Unknown Gospel. London 1935.
  • Wilhelm Schneemelcher: Neutestamentliche Apokryphen I: Evangelien. 6. Aufl. Tübingen 1990 (S. 82–85) (deutsche Übersetzung)
  • Klaus Berger, Christiane Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Frankfurt 1999 (S. 671–672) (deutsche Übersetzung und Kommentar)
  • Stanley E. Porter: Der Papyrus Egerton 2 (P.Egerton 2/P.Lond.Christ 1). In:Christoph Markschies, Jens Schröter (Hrsg): Antike christliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, I. Band Evangelien und Verwandtes. Mohr Siebeck, Tübingen 2012, S. 360–365.
  • Stanley E. Porter: Der Papyrus Köln VI 255 (P. Köln VI 355). In: Markschies Apokryphen, Bd. 1, S. 366–367.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Michael Gronewald: Unbekanntes Evangelium oder Evangelienharmonie (Fragment aus dem 'Evangelium Egerton'). Kölner Papyri, Papyrologica Coloniensia Vol. 7, Band 6, Universität Köln, 1987, S. 136-145.
  • Jon B. Daniels: The Egerton Gospel: Its Place in Early Christianity, Dissertation, The Claremont Graduate School, California (UMI), Ann Arbor 1989.
  • Frederick F. Bruce: Egerton Papyrus 2, in: Ausserbiblische Zeugnisse über Jesus und das frühe Christentum, Brunnen Verlag Giessen, 3. Aufl. 1993, S. 146-149.
  • Kurt Erlemann: Papyrus Egerton 2: “Missing Link” zwischen synoptischer und johanneischer Tradition, in: NTS 42 (1996), S. 12–34.
  • Johannes B. Bauer: „Die Saat aufs Wasser geht auf – PEgerton 2 fr. 2 verso (Bell/Skeat), in: ZNW 97 (2006), S. 280-82.
  • Petr Pokorný, Ulrich Heckel: Einleitung in das Neue Testament. Seine Literatur und Theologie im Überblick. Mohr Siebeck: Tübingen 2007, S. 359-361. ISBN 978-3-16-148011-9
  • Tobias Nicklas: Papyrus Egerton 2, in: Paul Foster (Hg.), The Non-Canonical Gospels. London: T&T Clark, S. 139-149.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Michael Gronewald: Unbekanntes Evangelium oder Evangelienharmonie (Fragment aus dem "Evangelium Egerton"), Kölner Papyri - Vol. VII, Bd. 6, Leverkusen 1987
  2. Markschies, S. 361.
  3. Klaus Berger, Christiane Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Frankfurt 1999, S. 671.
  4. Markschies, S. 362
  5. A Marginal Jew, S. 119-120.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Webseite zum Papyrus Egerton 2, Universität Bremen (Einführung, Bilder, Paläographie, Transkriptionen, englische und deutsche Übersetzung, Bibliographie)