Paraphilie

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Die Paraphilien (griechisch παραφιλία, von pará, „abseits“, „neben“, und philía, „Freundschaft“, „Liebe“) sind eine Gruppe psychischer Störungen, die sich als ausgeprägte und wiederkehrende, von der empirischen „Norm“ abweichende, sexuell erregende Fantasien, dranghafte sexuelle Bedürfnisse oder Verhaltensweisen äußern, die sich auf unbelebte Objekte, Schmerz, Demütigung oder nicht einverständnisfähige Personen wie Kinder beziehen und in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigung bei der betroffenen Person oder ihren Opfern hervorrufen. Was die Paraphilien zu psychischen Störungen und nicht einfach zu extravaganten Vorlieben macht, ist, dass Menschen, die von einer Paraphilie betroffen sind, anderen oder sich selbst Leid zufügen (siehe Definitionen unten).

Wandlungen des Begriffs[Bearbeiten]

Der Begriff wurde von Friedrich Salomo Krauss geprägt,[1] nachdem bereits 1843 der ungarische Arzt Heinrich Kaan unter dem Titel Psychopathia sexualis eine Schrift veröffentlicht hatte, in der er die Sündenvorstellungen des Christentums in medizinische Diagnosen umwandelte. Kritiker sehen Krauss in einer entsprechenden Traditionslinie, die der moralischen Vorstellungswelt seiner Zeit entsprach.

Heute werden Paraphilien als psychische Störungen im DSM-IV-Katalog, sowie unter dem Begriff „Störung der Sexualpräferenz“ (F65) in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision (ICD-10) klassifiziert. Die Diagnose einer sexuellen Vorliebe als Paraphilie ist jedoch umstritten und unterliegt historisch und soziologisch einem kontinuierlichen Wandel, der sich in einer andauernden Überarbeitung und Diskussion seitens der Herausgeber beider diagnostischer Handbücher spiegelt.

Abgrenzung des Begriffs[Bearbeiten]

Wenngleich Überschneidungen möglich sind, sind von der Paraphilie folgende Fachtermini begrifflich abzugrenzen:

  • Devianz und Perversion (letzterer Begriff findet heutzutage kaum noch Verwendung und gilt eher als abwertend bis diskriminierend)
  • Dissexualität: ein „sich im Sexuellen ausdrückendes Sozialversagen“ als ein „Verfehlen der (zeit- und soziokulturell bedingten, damit veränderlichen) durchschnittlich erwartbaren Partnerinteressen“
  • Sexualdelinquenz: ein in erster Linie durch die jeweilige Gesetzgebung und Rechtsprechung definiertes Verhalten

Von Laien werden Paraphilien (auch schon in ihrer subklinischen Form) häufig als Perversionen bezeichnet, wobei sich sowohl die WHO wie auch die APA nachdrücklich gegen die Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen mit „ausgefallenen“ sexuellen Vorlieben ausspricht.

Diagnosen nach ICD-10 und DSM-IV-TR[Bearbeiten]

Klassifikation nach ICD-10
F65 Störungen der Sexualpräferenz
F65.0 Fetischismus
F65.1 Fetischistischer Transvestitismus
F65.2 Exhibitionismus
F65.3 Voyeurismus
F65.4 Pädophilie
F65.5 Sadomasochismus
F65.6 Multiple Störungen der Sexualpräferenz
F65.8 Sonstige Störungen der Sexualpräferenz
F65.9 Störung der Sexualpräferenz, nicht näher bezeichnet
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Die deutsche Textausgabe des 1992 von der WHO herausgegebenen ICD-10, Kapitel V (Internationale Klassifikation psychischer Störungen) unterscheidet sich maßgeblich von den Online-Versionen oder Diagnose-Listen, indem hier die diagnostischen Kriterien der meisten Krankheiten ausführlich formuliert werden, während sie in Online-Ausgaben häufig nur knapp aufgeführt werden und in den ICD-10-Listen teilweise vollkommen fehlen. Aufgrund dessen kommt es in diesem Bereich häufig zu Fehldiagnosen (s. u.).

Die American Psychiatric Association hat in ihrer Neuauflage des DSM (DSM-IV-TR, 2000) die diagnostischen Kriterien für die Paraphilien geändert, sodass auch hier eine Diagnose nach einer nicht aktuellen Ausgabe des Manuals fehlerhaft sein kann.

Diagnose nach ICD-10, Störungen der Sexualpräferenz (F65)[Bearbeiten]

  • Erstes Kriterium ist das wiederholte Auftreten intensiver sexueller Impulse und Phantasien, die sich auf ungewöhnliche Gegenstände oder Aktivitäten beziehen.
  • Zweites Kriterium ist, dass man entsprechend den Impulsen handelt oder sich durch sie deutlich beeinträchtigt fühlt.
  • Das dritte Kriterium bestimmt, dass diese Präferenz seit mindestens sechs Monaten besteht.[2]

Diagnose nach DSM-IV-TR, Paraphilie[Bearbeiten]

  • Kriterium A: Über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten wiederkehrende intensive sexuell erregende Phantasien, sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen, die sich 1. auf ungewöhnliche nichtmenschliche Objekte, 2. auf Leiden oder Demütigung von sich selbst oder anderen Menschen oder 3. auf Kinder oder andere Personen beziehen, die nicht einwilligungsfähig oder -willig sind.
  • Kriterium B: Die Person hat auf diese sexuell dranghaften Phantasien oder Bedürfnisse mit einer nicht einwilligungsfähigen oder -willigen Person gehandelt, oder die Phantasien, sexuell dranghaften Bedürfnisse oder Verhaltensweisen verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
  • Kriterium C: Die Kriterien A und B werden nicht ausschließlich während Phasen akuter Intoxikation, manischer Episoden oder Schizophrenie erfüllt und resultieren nicht aus geistiger Behinderung, Demenz, Persönlichkeitsveränderung oder einem medizinischen Krankheitsfaktor.[3]

Diskussionen um die Diagnose der Paraphilien[Bearbeiten]

Die diagnostischen Kriterien (vor allem das Kriterium B des DSM und die analoge Textstelle des ICD-10) werden häufig von Fachleuten sowie Aktivisten kritisiert. In der vorangehenden Ausgabe des DSM (DSM-IV, 1994) ähnelte der Wortlaut des Kriteriums B mehr der im ICD-10 beschriebenen Textstelle. Der Aufruf zur Änderung des Kriteriums ergab sich aus der Diskussion um die sexuelle Vorliebe zu Kindern (Pädophilie, s.u.), da die Diagnose nach APA- und WHO-Richtlinien bei Patienten nicht gestellt werden konnte, die zwar sexuelle Übergriffe auf Kinder begangen hatten, jedoch keinen Leidensdruck entwickelt hatten. Es wurde also auf einem APA-Symposium beschlossen, das Kriterium B (neben dem Leidensdruck) um das Ausleben der sexuellen Präferenz wider den Willen einer anderen Person zu erweitern. Somit konnte nach der Veröffentlichung des DSM-IV-TR im Jahre 2000 die Diagnose der Paraphilie leichter gestellt werden. Eine Anpassung der Kriterien des ICD-10 seitens der WHO blieb bis heute aus.

Laienbegriff und Fehldiagnose[Bearbeiten]

Ähnlich wie bei den meisten psychischen Störungen gibt es auch bei den Paraphilien eine ausgeprägte Grauzone zwischen der von der Gesellschaft etablierten, empirischen Norm und der pathologischen Ausprägung eines von dieser Norm abweichenden Zustandes. Dies findet sich beispielsweise auch in der Unterscheidung zwischen einer Angst (nicht pathologisch) vor einem spezifischen Reiz (z. B. eine Spinne) und einer Phobie (pathologischer Zustand). Daher betonen sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch die American Psychiatric Association, dass sich eine Paraphilie über das psychische Leid definiert und nicht über die normabweichende sexuelle Vorliebe selbst:

„Eine Paraphilie muss unterschieden werden vom nicht pathologischen Einsatz sexueller Phantasien, Verhaltensweisen oder Objekten zur Stimulierung der sexuellen Erregung bei Personen ohne Paraphilie. Phantasien, Verhaltensweisen oder Objekte gelten nur dann als paraphil, wenn sie in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen führen (z. B. wenn sie unverzichtbar sind, zu einer sexuellen Funktionsstörung führen, die Einbeziehung einer nicht einwilligenden oder nicht einwilligunsfähigen Person erfordern, zu juristischen Schwierigkeiten führen, soziale Beziehungen gefährden).“

American Psychiatric Association: [3]

Der Laienbegriff einer Paraphilie unterscheidet sich hiervon deutlich: Wer Gefallen an Erniedrigung findet, andere gerne beim Sex beobachtet oder durch Exkremente oder bestimmte Kleidungsstücke erregt wird, gilt umgangssprachlich bereits als Sadomasochist, Voyeurist, Koprophilist oder Fetischist, also als paraphil. Diese Sexualpräferenzen sind jedoch in den meisten Fällen deutlich subklinisch ausgeprägt und erst ab Erfüllung des Kriteriums B als paraphil zu bezeichnen. Hier ist Aufklärungsarbeit seitens der Fachwelt von großer Bedeutung.

Um diese Diskrepanz zwischen Fach- und Laienverständnis zu umgehen, bezeichnen sich im angloamerikanischen Sprachraum Anhänger ungewöhnlicher Vorlieben als special interest groups („spezielle Interessengruppen“) und verwenden eigene Bezeichnungen wie water sports, scat und sneaks 'n' sox statt den Fachausdrücken Urophilie, Koprophilie und Schuh- und Sockenfetischismus.

Die oben beschriebene Grauzone hat jedoch nicht nur beim Laienbegriff ihre Konsequenzen, sondern führt auch häufig bei nicht geschulten Ärzten und Psychologen zu Fehldiagnosen. Diese Fehldiagnosen sind in den meisten Fällen Diagnosen nach ICD-10. Dies lässt sich aus zwei Gründen erklären:

  • Wie oben erwähnt finden sich in vielen „Kurzausgaben“ des ICD-10 nur knappe bis gar keine diagnostischen Kriterien, weshalb eine ungewöhnliche sexuelle Präferenz aus sich selbst heraus oft als Paraphilie diagnostiziert wird, obwohl sie gar nicht die diagnostischen Anforderungen erfüllt.
  • Eine Diagnosestellung nach ICD-10 ist (im Gegensatz zum DSM) ein hierarchischer Prozess, bei dem Diagnosen (ähnlich einem Entscheidungsbaum) in Klassen mit Subklassen und teilweise weiteren Subklassen unterteilt werden. Demnach müssen erst die diagnostischen Kriterien einer jeweils überstellten Klasse erfüllt werden, bevor eine Klasse „weitergegangen“ werden darf, worin sich nun jedoch die übergeordneten Kriterien nicht ein weiteres Mal aufgelistet finden. Viele Kliniker werden im Rahmen ihrer Ausbildungen nach wie vor nicht in die korrekte Benutzung des ICD-10 eingewiesen, weshalb sie es wie ein Nachschlagewerk benutzen und somit Fehldiagnosen treffen.

So finden sich die Diagnostischen Kriterien für einen Fetischismus beispielsweise nicht unter diesem Kapitel, sondern hier wird nur die Art der sexuellen Präferenz beschrieben. Die klinischen Leitlinien sind übergeordnet bei den Paraphilien (Störungen der Sexualpräferenz) zu finden, weshalb ein Kliniker, der im ICD-10 allein „Fetischismus“ nachschlägt, hier ausschließlich eine Beschreibung der sexuellen Präferenz finden wird, die natürlich auch ein nicht klinischer Patient erfüllen kann. Es muss also bei der korrekten Diagnosestellung erst die Überkategorie F65.x diagnostiziert werden, bevor im Entscheidungsbaum des ICD-10 weiter zur Diagnose F65.0 (Sexueller Fetischismus) weitergegangen werden darf.

Die hohe Zahl an Fehldiagnosen sowie die aus dem Laienbegriff resultierende Stigmatisierung von Personen mit ungewöhnlicher Vorliebe führt zu Abschaffungsgesuchen der kompletten Kategorie F65 seitens einiger Fachleute und Aktivisten. Da die APA jedoch ausdrücklich den Unterschied zwischen nicht pathologischen sexuellen Präferenzen und Paraphilien betont, sieht sie eine Abschaffung der Diagnose nicht vor. “There are no plans or processes set up that would lead to the removal of the Paraphilias from their consideration as legitimate mental disorders.“ (Regier (APA), 2003).

Ich-Syntonie vs. Ich-Dystonie bei Paraphilien[Bearbeiten]

Im Gegensatz zu vielen psychischen Störungen sind die Paraphilien in der Regel Ich-synton. Dies führt in vielen Fällen dazu, dass Paraphile nicht erkannt werden, da sie sich selbst meist nicht als krank empfinden. Demnach entsteht der Leidensdruck (wenn überhaupt) erst spät im Krankheitsverlauf und ist meist sekundär, sprich der Patient leidet nicht unter seiner eigenen Symptomatik, wie bei Ich-dystonen Erkrankungen (z. B. Phobien), sondern er leidet unter Missständen, die sich sekundär aus seiner Krankheit ergeben. Hierzu gehören häufig juristische Folgen, soziale Isolation, finanzielle Schwierigkeiten, Verluste des Arbeitsplatzes, medizinische Krankheitsfaktoren etc., hervorgerufen durch das Auftreten der sexuellen Phantasien, Bedürfnisse oder Verhaltensweisen.

Paraphilien und Persönlichkeit[Bearbeiten]

Die Ursachen für Paraphilien sind bis heute nicht geklärt, obwohl es (wie bei den meisten psychischen Störungen) viele, teilweise sehr divergierende Erklärungsansätze gibt. Eine über Jahrzehnte empirischer Forschung validierte Verbindung findet sich zwischen Sexualität (im Allgemeinen) und Persönlichkeit. Nach den gängigen Persönlichkeitstheorien resultieren menschliche Verhaltensweisen, Denkmuster, Einstellungen etc. zu einem großen Anteil aus der Persönlichkeitsstruktur eines jeden Individuums. Dies lässt sich empirisch überprüfbar auch auf sexuelles Verhalten übertragen.
Aus dieser Überlegung heraus stellen einige Forscher Zusammenhänge zwischen gestörtem Sexualverhalten und Persönlichkeitsstörungen auf. Dies bedeutet jedoch nicht, dass jede Paraphilie mit einer Persönlichkeitsstörung gleichzusetzen ist, sondern vielmehr, dass das gestörte Verhalten, welches viele (nicht alle) Paraphile aufweisen, stark an die Verhältnisse bei Persönlichkeitsstörungen erinnert.
Eine Persönlichkeitsstörung (F60.x) definiert sich aus einer deutlichen Normabweichung in den Einstellungen und dem Verhalten einer Person, wobei diese Normabweichung dauerhaft und gleich bleibend ist, eine ausgeprägte Tiefe und Breite (unabhängig von spezifischen Situationen) aufweist sowie in der Kindheit und Jugend beginnt, sich im Erwachsenenalter manifestiert und in den meisten Fällen als Ich-synton erlebt wird.
Diese Zustände finden sich ebenfalls in einer Gruppe von Paraphilen, deren normabweichendes sexuelles Verhalten extrem ausgeprägt ist, dauerhaft und dominant sowie im Erwachsenenalter (meist stärker werdend) manifest wird. Hierbei empfinden sich die betroffenen Paraphilen nicht als krank, sondern betrachten ihre sexuellen Bedürfnisse als häufig wichtiger als die anderer Menschen, sodass es häufig zu Gesetzesbrüchen kommt (z. B. Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe auf Kinder, Diebstahl, Leichenschändung, Nötigung, Hausfriedensbruch etc.). Für diesen Zustand wurde das Konzept der Paraphilen Persönlichkeit(sstörung) vorgeschlagen, das jedoch noch relativ unerforscht ist und sich bisher größtenteils auf qualitative Forschung und wenige empirische Ergebnisse stützt.
Überschneidungen finden sich auch im Konzept der Dissexualität von Prof. Klaus Michael Beier des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité in Berlin.

„Zur – soweit wie möglich moralisch neutralen – Kennzeichnung dieses zentralen Aspektes bietet sich der Begriff ‚Dissexualität‘ an als ein ‚sich im Sexuellen ausdrückendes Sozialversagen‘, welches verstanden wird als Verfehlen der (zeit- und soziokulturell bedingten, damit veränderlichen) durchschnittlich erwartbaren Partnerinteressen.“

Beier, 1995

Häufige Paraphilie-Formen[Bearbeiten]

Die meisten der bekanntesten Paraphilien werden in beiden diagnostischen Handbüchern als eigene Klassen geführt, nur einige der im Folgenden aufgeführten Formen sind in die Restkategorien eingeordnet. Da das DSM-IV keine eigenen Diagnoseschlüssel vorsieht – die dort angegebenen sind lediglich die alten Schlüssel des ICD-9 –, werden hier der Einfachheit halber nur die Kodierungen nach ICD-10 angegeben.

F65.0 Fetischismus[Bearbeiten]

Fetischismus bezeichnet die sexuelle Fixierung auf unbelebte Gegenstände, die als Ersatzobjekt für den gewöhnlichen Sexualakt mit Partner dienen. Typische sexuelle Fetische sind Kleidungsstücke. Ausdrücklich für den sexuellen Gebrauch bestimmte Hilfsmittel wie Vibratoren sind von der Diagnose ausgenommen. Die Fixierung auf bestimmte Körperteile wird demgegenüber als Partialismus, eine Erregung durch Leichenteile als Nekrophilie bezeichnet.

Fetischismus darf nach ICD-10 nur dann diagnostiziert werden, wenn er so ausgeprägt ist, dass er die wichtigste oder sogar einzige Quelle sexueller Erregung darstellt und den Geschlechtsverkehr für den Betroffenen fast zwanghaft oder qualvoll werden lässt. Das Einbeziehen von Zusatzmaterial in den Geschlechtsverkehr, etwa bei Rollenspielen mit Verkleidung, gilt nicht als sexueller Fetischismus, wenn die Diagnosestellung von F65.x nicht erfüllt ist. Ebenso wenig handelt es sich um Fetischismus, wenn bei der Selbstbefriedigung ein Gegenstand herangezogen wird, um die Erinnerung an den Besitzer wachzurufen, also beispielsweise ein getragener Slip des Partners.

F65.1 Fetischistischer Transvestismus/Transvestitischer Fetischismus (DSM)[Bearbeiten]

Bei Transvestitischem Fetischismus (die DSM-Bezeichnung führt zu weniger Verwirrung) wird die sexuelle Erregung allein aus dem Anziehen der Kleidung des anderen Geschlechts gewonnen. Dies ist deutlich abgrenzbar von sowohl Transsexualität als auch klassischen Transvestismus sowie den anderen Verhaltensweisen des Transgender-Spektrums, bei dem das Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts nicht an eine sexuelle Stimulation gekoppelt ist. Im Gegensatz zu Transgendern berichten transvestitische Fetischisten häufig davon, dass sie die Kleidung des anderen Geschlechts nach dem Orgasmus oder dem Abklingen der sexuellen Erregung ausziehen (ICD-10).

F65.2 Exhibitionismus[Bearbeiten]

Exhibitionisten erreichen ihre sexuelle Erregung durch das Zeigen des Genitals (häufig in Kombination mit Selbstbefriedigung), wobei es ihnen nicht auf das Hervorrufen eines sexuellen Kontaktes ankommt, sondern sie das Erschrecken oder die Angst ihrer Opfer meistens als erregend empfinden. Der Exhibitionist ist typischerweise kein Vergewaltiger.

F65.3 Voyeurismus[Bearbeiten]

Voyeure empfinden sexuelle Erregung beim Beobachten Anderer bei sexuellen oder masturbatorischen Handlungen bzw. in unbekleidetem Zustand. Aufgrund ihrer Paraphilie machen sie sich häufig der sexuellen Nötigung oder des Hausfriedensbruches strafbar. Das Betrachten eigens zur sexuellen Stimulation hergestellten Materials (Pornographie) wird in der Regel nicht als Voyeurismus klassifiziert.

F65.4 Pädophilie[Bearbeiten]

Siehe ausführlicher im Hauptartikel zur Pädophilie unter dem dortigen Abschnitt Grundlagen.

Bei der Pädophilie richtet sich das sexuelle und emotionale Interesse ausschließlich oder überwiegend auf Kinder im prä- oder frühpubertären Alter. In Abgrenzung dazu wird die sexuelle Erregung durch postpubertär männliche Kinder und Jugendliche häufig als Ephebophilie (Neigung erwachsener Frauen und Männern zu pubertären Jungen) oder Parthenophilie (Neigung erwachsener Frauen und Männern zu pubertären Mädchen) bezeichnet.

Laut ICD 10 und DSM-IV-TR rechtfertigt eine einmalige sexuelle Handlung mit einem Kind nicht die Diagnosestellung einer Pädophilie.[4]

Die Frage der medizinisch-psychologischen Einordnung bzw. deren Voraussetzungen sollte allerdings nicht mit einer strafrechtlichen oder ethischen Bewertung verwechselt werden. Sexuelle Handlungen mit Personen unter einem gewissen Alter sind nach dem Recht praktisch aller Staaten Straftaten.

Siehe hierzu (insbesondere auch zu kriminologischen Aspekten wie den Folgen für die Opfer) im Artikel Sexueller Missbrauch von Kindern.

F65.5 Sadomasochismus[Bearbeiten]

Sadomasochismus ist nach Definition F65.5 eine Kontraktion der Termini Sexueller Sadismus und Sexueller Masochismus
und umfasst auch einvernehmliches Sexualverhalten, welches häufig als BDSM abgegrenzt wird. Beide Begriffe gehen auf Bücher zurück, in denen die jeweilige Spielart exzessiv beschrieben wurde:

Aus dieser Sicht beschreibt Sadomasochismus Zufügen oder das lustvolle Dulden von Schmerzen, Fessel, Erniedrigung oder Zufügen anderer, üblicherweise als belastend empfundener seelischer Qualen, zur sexuellen Stimulation. Sadomasochismus kann also viele verschiedene Facetten annehmen, bei denen es nicht immer um die Zufügung körperliche Schmerzen geht. (vergleiche Lustschmerz).

Eine Sonderform des sexuellen Masochismus im weitesten Sinne ist die sogenannte Sexual Asphyxia, bei der sexuelle Erregung durch eine Reduktion der Blutzufuhr zum Gehirn (meist durch Selbst-Strangulation) bewirkt wird. Diese Form der Stimulation kann sowohl beim Sex wie auch bei der Selbstbefriedigung erfolgen.
Sexual Asphyxia ist jedoch nicht eindeutig den Paraphilien zuzuordnen, da nicht geklärt ist, ob es sich wirklich um eine Normabweichung handelt. Es gibt Anzeichen dafür, dass eine Reduktion der Sauerstoffkonzentration im Blut tatsächlich sexuell erregend wirkt. Ein Indiz ist die Wirkung von Amylnitrit (Poppers). Die APA berichtet von etwa 2 Todesfällen pro Million Menschen im Jahr durch sexuelle Selbst-Strangulation.

Die Definition des F65.5 widerspricht der der Autoren des DSM-IV und führte international zu Protesten und der Gründung von Organisationen, die sich die Abschaffung dieser aus ihrer Sicht diskriminierenden Definition zum Ziel gesetzt haben.[5]

F65.6 Multiple Störungen der Sexualpräferenz[Bearbeiten]

Paraphilien treten nicht immer isoliert auf, sondern können häufig in Kombination bei Patienten beobachtet werden. Die häufigsten Kombinationen bestehen aus Fetischismus, Transvestismus und Masochismus.

F65.8 Sonstige Störungen der Sexualpräferenz[Bearbeiten]

Paraphilien in ihrer Gesamtheit sind sehr selten, weshalb nicht jede einzelne Paraphilie ihre eigene diagnostische Kodierung erhält. Somit fehlt die Kategorie F65.7, und alle weiteren Formen von Paraphilie werden unter F65.8 subsumiert. Dazu zählen:

Frotteurismus[Bearbeiten]

Auch als Frottage bezeichnet bereitet es dem Patienten sexuelle Erregung, seinen Körper (meist in der Öffentlichkeit) an denen anderer, unbekannter Personen zu reiben. Frotteurismus ist jedoch klinisch zu vernachlässigen, da es in seiner Reinform keine Gefährdung Dritter darstellt, besonders aufgrund der Tatsache, dass das Reiben häufig von den „Opfern“ gar nicht wahrgenommen wird, da es meist in Menschenmengen stattfindet (z. B. in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Kaufhäusern). Darüber hinaus klingt Frotteurismus laut APA (1994) üblicherweise nach dem 25. Lebensjahr ab.

Zoophilie[Bearbeiten]

Früher wurde der Begriff der Sodomie oft benutzt, um sowohl sexuelle Handlungen an Tieren als auch den Analverkehr zwischen Männern zu bezeichnen und damit beides abzuwerten. Daher wird heute unmissverständlich von einer Zoophilie gesprochen, wenn Tiere Objekte sexueller Erregung oder Befriedigung sind.

Nekrophilie[Bearbeiten]

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Nekrophilie bezeichnet sexuelle Handlungen an menschlichen Leichen.

Obwohl die Nekrophilie eine eher seltene Form der Paraphilie ist, lassen sich jedoch unterschiedliche Richtungen nekrophiler Handlungen beobachten:

  • Die wohl gefährlichste Form von Nekrophilie ist die Vorliebe für frische Leichen. Dies ergibt sich daraus, dass es hierbei im wahrsten Sinne des Wortes zu Beschaffungskriminalität kommt, sprich zu Morden an anderen, um an eine frische Leiche zu gelangen. Einer der berüchtigtsten nekrophilen Mörder des 20. Jahrhunderts, Jeffrey Dahmer, beschrieb mehrfach eine massive sexuelle Erregung durch die Wärme der Eingeweide seiner Opfer. Häufig befriedigen sich diese Nekrophilen bis zu einem gewissen Verwesungsgrad ihrer Opfer, bevor sie die Leichen entsorgen und erneut morden. Aufgrund des Falles von Armin Meiwes hat im Frühjahr 2005 der deutsche Bundesgerichtshof entschieden, dass das Töten eines Menschen mit dem Ziel, sich anschließend entweder an der Leiche oder an Bild- und Tonmaterial der Tötung zu erregen, auch das Mordmerkmal der Tötung zur Befriedigung des Geschlechtstriebes erfüllt.
  • Eine andere Vorliebe von Nekrophilen sind teilweise verweste Leichen. Die Objekte der sexuellen Begierde werden daher ähnlich wie bei der letzten Gruppe auf Friedhöfen exhumiert. Es zeigt sich, dass viele Nekrophile dieser Gruppierung häufig explizit Berufe wählen, in denen ihnen das Herankommen an Leichen erleichtert wird (z. B. Bestatter)
  • Die letzte Gruppierung erfährt sexuelle Befriedigung durch Handlungen an bereits skelettierten Leichen, die meist auch auf Friedhöfen exhumiert werden.

Häufig befriedigen sich Nekrophile auch mit Leichenteilen, meist aufgrund der Tatsache, dass der Verwesungsprozess bereits zu weit fortgeschritten ist, um die ganze Leiche zu „verwenden“ oder zu transportieren.

Es gibt im Internet eine Vielzahl an Foren, in denen Nekrophile sich austauschen, Tipps und Tricks vergeben oder sich gegenseitig ihre Erlebnisse schildern. Nekrophilie findet darüber hinaus in vielen Kunstformen ihren Platz, wie in Filmen oder Musik. Ein Sänger, der das Thema Nekrophilie häufig in Titeln wie Cold Ethyl oder I Love The Dead besingt, ist Alice Cooper.

Acrotomophilie und Apotemnophilie[Bearbeiten]

Unter Acrotomophilie versteht man sexuelle Erregung durch Umgang mit amputierten Menschen, Apotemnophilie ist ein sexueller Lustgewinn durch Amputation. Beide Begriffe wurden 1977 vom amerikanischen Psychologen John Money im selben Artikel geprägt. Money beschrieb darin zwei Fälle von Patienten, die sich jeweils gesunde Gliedmaßen amputieren lassen wollten, und erklärte dieses Verlangen mit sexuellen Wünschen.

Diese Argumentation ist jedoch umstritten, da es in keinem der Fälle (weder bei Money noch bei zahlreichen darauf folgenden) wirklich um einen sexuellen Lustgewinn durch die Amputation ging. Die Einordnung der Apotemnophilie unter den Paraphilien ist daher nach Meinung vieler Fachleute nicht haltbar. Heute wird häufiger der Begriff „BIID“ verwendet (Body Integrity Identity Disorder).

Diese Formen sexueller Präferenz sind vor allem durch das Buch A Leg To Stand On von Oliver Sacks bekannt geworden, obwohl dort keiner der beiden Zustände ausdrücklich beschrieben wird.

Weitere[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Volkmar Sigusch: Neosexualitäten. Über den Wandel von Liebe und Perversion. Campus Verlag, Frankfurt / New York 2005, ISBN 3-593-37724-1.
  • Volkmar Sigusch: Vom Nutzen des Perversen. Süddeutsche Zeitung vom 8. April 2008.
  • Brigitte Vetter: Pervers, oder? Sexualpräferenzstörungen. 100 Fragen, 100 Antworten. Ursachen – Symptomatik – Behandlung. Hans Huber, Bern 2009, ISBN 978-3-456-84672-9.

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Janssen, D.F. (2014). How to “Ascertain” Paraphilia? An Etymological Hint. Archives of Sexual Behavior, in press. http://dx.doi.org/10.1007/s10508-013-0251-5
  2. H. Dilling et al. (Hrsg.): ICD-10. Kap. V (F) Forschungskriterien. Übersetzt von E. Schule-Markwort und W. Mombour. Erste Auflage. Huber , Bern/Göttingen/Toronto/Seattle 1994
  3. a b American Psychiatric Association: Diagnostic and statistical manual of mental disorders. Vierte Auflage. Washington (DC) 2000
  4. Hans-Ludwig Kröber, Dieter Dölling, Norbert Leygraf, Henning Sass (Hrsg.): Handbuch der forensischen Psychiatrie : Band 2: Psychopathologische Grundlagen und Praxis der forensischen Psychiatrie im Strafrecht, Springer 2011, ISBN 978-3-7985-1447-8, S. 483 nach Auszug bei google-books.
  5. vgl. Die Kritik des AK Psychologie und Sexualwissenschaft der Bundesvereinigung Sadomasochismus e.V., online unter Inhaltliche Arbeit an der „ ICD-10-GM“.