Parawissenschaft

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Der Ausdruck Parawissenschaften (griechisch para- „neben, darüber hinaus“) bezieht sich auf Erkenntnisansprüche, die sich am Rande oder außerhalb der akademischen Wissenschaften befinden.[1]

Parawissenschaft bezeichnet meist einen Oberbegriff für einerseits Pseudowissenschaften und andererseits Ansprüche auf alternative Erkenntnisse, die selbst gerade keinen Anspruch erheben, überhaupt wissenschaftlich zu sein. Auch für Letztere wird in dieser wertenden Verwendung ausgesagt, dass die dabei beanspruchten alternativen Erkenntnisse irrig seien.[2] Wird ein Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhoben, dann wird eine Parawissenschaft direkt als Pseudowissenschaft bezeichnet.[3]

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „Parawissenschaft“ wurde im deutschen Sprachraum erst in den 1980er Jahren gebräuchlich.[4] Der Biologe und Wissenschaftstheoretiker Martin Mahner schlägt diese Definition vor: "Eine Parawissenschaft (gr. para: neben) ist ein außerhalb der Wissenschaften (aber nicht unbedingt außerhalb des Universitätsbetriebes) angesiedelter Erkenntnisbereich, dessen Theorie und Praxis weitgehend auf illusionärem Denken beruhen. Damit kann der Anspruch eines solchen Erkenntnisunternehmens, verlässliches Wissen über Welt oder Mensch zu erlangen oder erlangt zu haben, nicht eingelöst werden."[5]

Eine andere Definition stammt von Edgar Wunder. Danach verstehe man unter Parawissenschaften „Aussagensysteme, die explizit oder implizit den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit oder auf Überprüf- beziehungsweise Belegbarkeit mit Methoden der Wissenschaft stellen, bei denen jedoch der mehr oder minder starke Zweifel besteht, ob sie diesen Anspruch auch einlösen können“.[6] Demnach sei Parawissenschaft kein wertender Begriff: Eine Parawissenschaft könne sich entweder als Protowissenschaft (als eine Wissenschaft „im Werden“) oder als Pseudowissenschaft erweisen. Ein Beispiel für eine ehemalige Protowissenschaft ist Wegeners Kontinentaldrifthypothese, die lange Zeit als reine Spekulation betrachtet wurde und schließlich nach ihrer Bestätigung in der Plattentektonik aufging, einem Teil der Wissenschaft Geologie. Ein Beispiel für eine Pseudowissenschaft ist aus heutiger Sicht die Phrenologie.

Daneben wird die Bezeichnung „Parawissenschaft“ auch so verwendet, dass sie sich auf die Erforschung sogenannter Para-Phänomene bezieht, also vom untersuchten Phänomen her definiert wird, oder dass sie „nicht institutionalisierte Formen von Wissenschaft“ kennzeichnen soll.[4] Diese Sprachgebräuche konnten sich jedoch nicht etablieren.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerald L. Eberlein (Hg.): Kleines Lexikon der Parawissenschaften, 1995.
  • Gerald L. Eberlein: Schulwissenschaft, Parawissenschaft, Pseudowissenschaft. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1997, ISBN 3-804-71168-5.
  • Irmgard Oepen/Krista Federspiel/Amardeo Sarma: Lexikon der Parawissenschaften. Lit Verlag, Münster 1999, ISBN 3-825-84277-0.
  • Daniel Boy/Guy Michelat: Croyances aux parasciences: dimensions sociales et culturelles. Revue Française de Sociologie, Band 27, Nr. 2 (April–Juni 1986). Éditions OPHRYS et Association Revue Française de Sociologie (französisch).
  • Gérard Chevalier: Parasciences et procédés de légitimation. Revue Française de Sociologie, Band 27, Nr. 2 (April–Juni 1986) (französisch).
  • Brian Inglis: Science and Parascience. A History of the Paranormal from 1914–1939. Hodder and Stoughton, London 1984.Hauptsächlich zur Geschichte der Parapsychologie, u. a. zu „Margery“, der Society for Psychical Research unter Sidgwick, J. B. Rhine
  • Art. Anomalistik. In: Siegfried Lamnek,/Gerd Reinhold/Helga Recker (Hgg.): Soziologielexikon. Wissenschaftsverlag Oldenbourg, München 2000, ISBN 3-486-25440-5, S. 16–19.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. z. B. John Ziman: Real Science: What it Is, and what it Means. Cambridge University Press 2000, S. 269: „folk epistemology holds that scientific knowledge is full of 'mysteries' and 'marvels' […] academic science is surrounded by a penumbra of parascience, where such mysteries and marvels are elaborately interwoven.“
  2. Vgl. zur vorstehenden Begriffsbestimmung Martin Mahner: Demarcating Science from Non-Science. in: T. A. F. Kuipers (Hrsg.): Handbook of the Philosophy of Science. Band 1: General Philosophy of Science – Focal Issues. North Holland, Amsterdam 2007, S. 515–575, hier S. 547 f. mit weiteren Nachweisen. Ähnlich unterscheidet z. B. auch Jan Such: Multiformity of Science. Rodopi, Amsterdam-New York 2003, S. 171.
  3. Martin Mahner: Parawissenschaft – Pseudowissenschaft, abgerufen am 21. Mai 2012.
  4. a b E. Wunder: Parawissenschaft – was ist das? In: Skeptiker. Band 10, 1997, S. 125–130.
  5. http://www.gwup.org/infos/themen/698-parawissenschaften-und-pseudowissenschaften
  6. Wunder, a.a.O., S. 125.