Parentifizierung

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Parentifizierung oder Parentifikation (lateinisch parentes „Eltern“, facere „machen“) ist ein Begriff aus der Familientherapie, mit dem zumeist eine Umkehr der sozialen Rollen zwischen Elternteilen und ihrem Kind bezeichnet wird. Eine Parentifizierung in diesem Sinne findet statt, wenn sich das Kind aufgefordert und/oder verpflichtet fühlt, seinerseits die nicht-kindgerechte, überfordernde und seine weitere Entwicklung blockierende „Eltern-Funktion“ gegenüber einem oder beiden Elternteil(en) wahrzunehmen.

Im Rahmen familientheoretischer Überlegungen bedeutet eine solche Rollenumkehr eine Störung der familiären Hierarchie und der Generationsgrenzen. Die Auswirkung einer derart verzerrten Familienstruktur auf die weitere Entwicklung des parentifizierten Individuums wird vor allem von Seiten der strukturellen Familientherapie als schädigend beurteilt.[1]

Ursprung und Entwicklung des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erstbeschreibung der Psychodynamik einer Parentifizierung geht auf den ungarischen Psychotherapeuten Iván Böszörményi-Nagy (1965) zurück.[2][3] Er definierte den Begriff neutral als zeitweilige oder dauerhafte subjektive Verzerrung einer Beziehung, in der sich entgegen der objektiven Situation eine Eltern-Kind Beziehung eingestellt habe. Dies kann sowohl innerhalb von Erwachsenenbeziehungen geschehen, als auch in völliger Umkehr des natürlichen Generationsverhältnisses im Eltern-Kindverhältnis. In Erwachsenenbeziehungen kann eine solche Rollenverteilung stabilisierend wirken. Die Auswirkungen einer solchen Umkehr für einen Heranwachsenden können je nach Umstand entwicklungsfördernd oder nachhaltig entwicklungsschädigend sein.[4]

In der Einschätzung der Schädlichkeit der Parentifizierung unterscheidet sich der kontextuelle Ansatz Iván Böszörményi-Nagys von der strukturellen Familientherapie. Ist ein generationsübergreifendes Gerechtigkeitsempfinden Grundlage der Parentifizierungsdynamik (Böszörményi-Nagy, Spark, 1973), so kann nur im konkreten Kontext Schaden und Nutzen solcher Rollenverschiebungen beurteilt werden. Entscheidend sei hier die familiäre Wertschätzung der Kompensationsleistung in Form von „Verdienstkonten“: „Parentifikation wirkt sich nur dort pathogen aus, wo sie im Rahmen des familiären Wertsystems nicht anerkannt wird.“[5] Der Schwerpunkt einer strukturellen Therapie liegt dementgegen auf der Wahrung oder Wiederherstellung einer normativ verstandenen Familienstruktur. Es geht vorrangig darum, „die Generationsgrenzen zu konsolidieren“ und die Eltern „wieder in den Fahrersitz zu hieven.“ Parentifizierung ist hier prinzipiell Ausdruck eines zu behebenden strukturellen Defizits (Salvador Minuchin, 1974).

Die neuere Forschung unterscheidet „adaptive“ und „destruktive“ Formen einer Parentifizierung. Ebenso wird hier eine „instrumentelle“ (ein Kind übernimmt Erwachsenenaufgaben) von einer „emotionalen“ Parentifizierung unterschieden. Letztere wird zugleich als die eher schädigendere Form beurteilt: es handelt sich hier um Eltern, die „vom Kind im Sinne eines Partnerersatzes in unangemessener Weise Liebe und Zuneigung einfordern, sie in ihre persönlichen Probleme altersinadäquat einbeziehen oder sie als Friedensstifter in der Familie fungieren lassen.“[6]

Destruktive Parentifizierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Falle der Parentifizierung verschwimmen hierarchische Grenzen innerhalb des Familiensystems. Es kommt beim Kind zu einer Überhöhung gegenüber Elternteil(en) per Delegation und/oder per selbst initiierter Überhöhung (des Kindes). Es sieht sich unbewusst und aufgrund der (meist ebenfalls unbewussten) Erwartungen, Handlungen und Forderungen jenem Elternteil gegenüber als (un-)entsprechend verantwortlich. Es gerät in eine Parentifizierungsdynamik, wenn es das Elternteil als bedürftig versteht, und es kann einerseits im Dienst der Familie, andererseits im Zeichen des eigenen Ehrgeizes jenem Elternteil gegenüber sich als überragend meinen (z. B. „kleiner Professor“[7]). Transaktionsanalytiker gehen davon aus, dass die Entscheidung des Kindes zu Parentifizierung zu einem bestimmenden Element, einem Skript, seines „Lebensfahrplanes“ werden kann.[8]

Parentifizierung der Tochter aus Partnerersatz für ihren Vater

In einem gesunden Umfeld wird zwischen der Eltern- und Kindebene klar unterschieden. Damit muss sich das Kind um Aufgaben und Konflikte auf der Elternebene nicht kümmern, was entlastend für es wirkt. Eltern, die ihre Konflikte auf Elternebene unter sich selbst austragen, ersparen es dem eigenen Kind, Stellung beziehen und damit Loyalität (für den einen/gegen den anderen) wählen zu müssen. Es ist insofern zum Wohle des Kindes, wenn ihm gar nicht erst erlaubt wird, sich (auf Elternebene) einzumischen.[9]

Auch wo ein Kind („nur“) als Partnerersatz (eines Elternteils) fungiert (siehe auch perverses Dreieck/Triangulierung[10]), wird die Generationsgrenze verletzt und auch in so einem Fall wird von Parentifizierung gesprochen.[11]

Psychodynamik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die klassische Variante der Parentifizierung (Delegation) kann als eine Bindungsstörung desjenigen Elternteils (welches an das Kind unbewusst „delegiert“) betrachtet werden. Dabei erwartet die elterliche Bezugsperson gewissermaßen, dass das Kind als verlässlich(er)es Bindungsobjekt zur Verfügung steht, wenn beispielsweise jenes Elternteil selbst unter Parentifizierung leidet. Oder dessen Lebenssituation ist durch problematische Partnerschaften, Trennung und Scheidung, Selbstunsicherheit, Substanzmissbrauch, psychische Störungen oder Krankheiten erschwert. Aufgrund der Eigenproblematik des Elternteils kann das Kind überlastet sein oder das Elternteil wird von ihm als „bedürftig“ aufgefasst.

Häufig kommt es zu einer Weitergabe der „vertauschten Rollen“ über nachfolgende Generationen, da dem parentifizierten Erwachsenen gewissermaßen innerliche Rückendeckung von demjenigen fehlt, dem gegenüber er sich parentifziert zeigt, und er dazu tendiert, diese später nachholend bei seinem eigenen Kind zu suchen.[12]

Parentifizierte Kinder können durch längerfristige Überforderung wichtige Aspekte ihrer eigenen Kindheit (wie z.B. Spontaneität, Lebhaftigkeit, Sorglosigkeit) aufgeben. Dadurch auftretende Defizite in ihrer emotionalen Entwicklung können zu vielgestaltigen und – in manchen Fällen – schwerwiegenden Problemen und Störungen führen. Diese Entwicklungsstörungen aus der Kindheit können sich bis ins Erwachsenenalter auswirken.

Störung von Geben und Nehmen (Ausgleichsstörung) und Parentifizierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Parentifizierung kann nicht nur aus einer Delegation durch Eltern erfolgen, sondern auch aus einem vom Kind missinterpretierten Ausgleichsbedürfnis gegenüber jenem „geschwächten“ Elternteil resultieren („Ausgleichsstörung“). Bert Hellinger dazu wie folgt: „Die Verletzung der Rangordnung zeigt sich in einer Familie vor allem dort, wo ein Kind etwas für seine Eltern übernehmen will, um sie zu retten. Wenn ein Kind wahrnimmt, dass einer seiner Eltern so krank wird, dass er sterben muss, oder dass es zum Beispiel seine Mutter in den Tod zieht oder sie sich umbringen will, sagt es in seinem Herzen: „Lieber ich als du.“ Mit diesem inneren Entschluss offenbart es eine tiefe Liebe. Zugleich erhebt es sich über seine Eltern.“[13] Jener kindliche Versuch der „Übernahme“ (einer Belastung eines Elternteils) kann als „Halten der Treue“ gegenüber Eltern verstanden werden (wonach das Kind unbewusst glaubt, dass es ihm nicht besser als seinen Eltern ergehen dürfe).[14] Das Kind tendiert dazu, bedürftigen Eltern (zurück) zu geben (resp. eine Last abnehmen zu wollen) und sich um diese sorgend (evtl. aufopfernd) zu kümmern.[15]

Symptomatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Fall einer milderen oder nur vorübergehenden Parentifizierung kann dies dem Kind zu erhöhtem Selbstwert, Eigenständigkeit und Verantwortungsgefühl verhelfen. In schweren Fällen können als Langzeitfolgen geringer Selbstwert, Ablösungs- und Identitätsprobleme, Depressionen bis hin zu Suizidtendenzen auftreten.[16]

Intervention[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Kind und Eltern kann psychotherapeutische Hilfe indiziert sein. Sie ist auf Seiten der Eltern jedoch nur erfolgreich, wenn es diesen gelingt, die Verstrickung der Parentifizierung als symptomatisch zu erkennen und zum Wohle des Kindes (bei sich selbst) zu beginnen aufzulösen. Partnerrolle und Elternrolle und -aufgabe müssen bewusst differenziert werden und dürfen in keiner Weise dem Kind angetragen werden.

Wird innerhalb eines Klienten-Helfer-Verhältnisses eine Parentifizierungstendenz reinszenziert (siehe auch Gegenübertragung), also vom Helfer die Position der „besseren Eltern“ gegenüber dem Klienten zu bedienen gesucht, ist dies kontraproduktiv, wenn es nicht erkannt und ausgeglichen wird.[17][18]

Dysfunktionale Stabilisierung im Erwachsenen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Noch problematischer ist eine Stabilisierung der Parentifizierungsdynamik im Erwachsenen(alter) und dann um so schwerer aufzulösen.[19]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ivan Boszormenyi-Nagy, I. Spark (1978): Unsichtbare Bindungen. Die Dynamik familiärer Systeme. Klett-Cotta, 10. Auflage, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-608-94840-0
  • Frank Graf: Parentifizierung. Die Last, als Kind die eigenen Eltern zu bemuttern. In: Sabine Walper, Reinhard Pekrun: Familie und Entwicklung. Aktuelle Perspektiven der Familienpsychologie. Hogrefe 2001, ISBN 978-3-801-71420-8
  • Karl Haag: Wenn Mütter zu sehr lieben. Verstrickung und Missbrauch in der Mutter-Sohn-Beziehung. Kohlhammer 2006, ISBN 978-3-170-19029-0
  • Salvador Minuchin (1974): Familie und Familientherapie. Freiburg (Lambertus), 1977

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl.: Eintrag: Parentifikation. In: Fritz B. Simon, Ulrich Clement, Helm Stierlin: Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular. Kritischer Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-94395-1, S. 255–256, hier S. 256 (Seitenansicht in der Google-Buchsuche)
  2. Vgl.: Eintrag: Parentifikation. In: Fritz B. Simon, Ulrich Clement, Helm Stierlin: Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular. Kritischer Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-94395-1, S. 255–256, hier S. 256 (Seitenansicht in der Google-Buchsuche)
  3. Vgl. Iván Böszörményi-Nagy: Unsichtbare Bindungen. Die Dynamik familiärer Systeme. Stuttgart 1981 (dt. Erstausgabe 1973).
  4. Vgl. Agnieszka Aleksandra Hausser: Die Parentifizierung von Kindern bei psychisch kranken und psychisch gesunden Eltern und die psychische Gesundheit der parentifizierten Kinder (PDF; 2,4 MB), S. 18–23, Dissertation, Hamburg 2012.
  5. Vgl.: Eintrag: Parentifikation. In: Fritz B. Simon, Ulrich Clement, Helm Stierlin: Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular. Kritischer Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-94395-1, S. 255–256
  6. Vgl. Agnieszka Aleksandra Hausser: Die Parentifizierung von Kindern bei psychisch kranken und psychisch gesunden Eltern und die psychische Gesundheit der parentifizierten Kinder (PDF; 2,4 MB), S. 21, Dissertation, Hamburg 2012.
  7. Maarten Kouwenhoven, Rolf R. Kiltz, Ulrich Elbing: Schwere Persönlichkeitsstörungen. Transaktionsanalytische Behandlung nach dem Cathexis-Ansatz. Wien 2002, S. 60.
  8. Maarten Kouwenhoven, Rolf R. Kiltz, Ulrich Elbing: Schwere Persönlichkeitsstörungen. Transaktionsanalytische Behandlung nach dem Cathexis-Ansatz. Wien 2002, S. 60.
  9. Fritz B. Simon, Ulrich Clement, Helm Stierlin: Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular. Kritischer Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden. Stuttgart 2004. S. 255: „Die meisten familientherapeutischen Autoren sehen als eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren einer Familie (siehe auch gesunde/funktionale Familien) die Wahrung der familiären Hierarchie an. Sie beinhaltet, daß sich die elterlichen und kindlichen Subsysteme eindeutig gegeneinander abgrenzen. In Familien, deren Kinder parentifiziert sind, ist dies nicht der Fall.“
  10. Vgl. K. von Sydow: Systemische Psychotherapie mit Familien, Paaren und Einzelnen. In: Psychotherapie: Ein Lehrbuch für Ärzte und Psychologen. Berlin und Heidelberg 2000, S. 303.
  11. Regina Rettenbach, Claudia Christ: Die Psychhotherapie-Prüfung. Stuttgart 2014, S. 116.
  12. Vgl. P. Joraschky: Die System- und Strukturdiagnose. In: Handbuch der Familiendiagnostik. (Hg. Manfred Cierpka) Berlin und Heidelberg 1996, S. 331: „Eltern, die ihre Kinder parentifizieren, sind meist selbst parentifiziert worden. Eltern, deren eigene kindliche Bedürfnisse in ihrer Herkunftsfamilie nicht befriedigt werden konnten, tragen diese an ihre Kinder heran. [...] Die Parentifizierung der Kinder kann letztlich als ein Versuch der Eltern angesehen werden, ihre eigenen infantilen Beziehungsmuster zu ihren Eltern in idealisierter Abwandlung in den gegenwärtigen Beziehungen zu ihren Kindern wieder aufleben zu lassen.“
  13. Bert Hellinger: Das Familienstellen von den Anfängen bis jetzt, „Lieber ich als du“.
  14. Vgl. Franz Stimmer (Hrsg.): Suchtlexikon, München 2000, S. 242.
  15. Gisela Crusius, Jutta Salomon: Häusliche Pflege zwischen Zuwendung und Abgrenzung. Wie lösen pflegende Angehörige ihre Probleme? Köln 2009, S. 36 f.
  16. Albert Lenz: Interventionen bei Kindern psychisch kranker Eltern: Grundlagen, Diagnostik und therapeutische Maßnahmen. Göttingen 2008, S. 31: „Die Langzeitfolgen der Parentifizierung reichen von Depressivität einem fragilen Selbstwertgefühl, Ablösungs- und Identitätsproblemen bis hin zu suizidalem Verhalten [...] Fullinwider-Bush und Jacobvitz (1993) weisen darauf hin, dass Grenzverletzungen in der Herkunftsfamilie die Herausbildung einer autonomen Ich-Identität gefährden.“
  17. Vgl. Manfred Clemenz: Psychoanalytische (gruppenanalytische) Gruppenselbsterfahrung in berufshomogenen Gruppen. In: Psychoanalyse in der Weiterbildung. Zur Professionalisierung sozialer Arbeit. Opladen 1992, S. 18.
  18. Vgl. Bert Hellinger: „Viele Helfer, zum Beispiel in der Psychotherapie und in der Sozialarbeit, meinen, sie müssten denen, die bei ihnen Hilfe suchen, helfen wie Eltern ihren kleinen Kindern. Umgekehrt erwarten viele, die Hilfe suchen, dass diese Helfer sich ihnen zuwenden wie Eltern ihren Kindern, um von ihnen nachträglich das zu bekommen, was sie von ihren Eltern noch erwarten und fordern. Was geschieht, wenn Helfer diesen Erwartungen entsprechen? Sie lassen sich ein auf eine lange Beziehung. Wohin führt diese Beziehung? Die Helfer kommen in die gleiche Lage wie die Eltern, an deren Stelle sie sich durch diese Art des Helfen-Wollens gesetzt haben. Schritt für Schritt müssen sie den Hilfe Suchenden Grenzen setzen und sie enttäuschen. Diese entwickeln dann den Helfern gegenüber oft die gleichen Gefühle, die sie vorher gegenüber ihren Eltern hatten. Auf diese Weise werden Helfer, die sich an die Stelle der Eltern gesetzt haben und vielleicht sogar die besseren Eltern sein wollten, für die Klienten ihren Eltern gleich. Viele Helfer bleiben aber in der Übertragung und Gegenübertragung von Kind zu Eltern gefangen und erschweren damit den Klienten den Abschied sowohl von ihren Eltern als auch von ihnen.“ (In: Ordnungen des Helfens, Die dritte Ordnung des Helfens)
  19. Peter Osten: Integrative Diagnostik bei Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen. In: Integrative Suchttherapie. Theorie, Methoden, Praxis, Forschung (Hg. Petzold, Schay, Ebert), Wiesbaden 2007, S. 247: „Im Modus der Parentifizierungsdynamik steht das eigene Wohl des Kindes nicht an erster Stelle, sondern das der Eltern oder der ganzen Familie. Das Kind weiß nicht um die Langzeitwirkung seines (zu frühen) „beelternden“ Verhaltens, es weiß nicht um die Konsequenzen, die ihm hieraus erwachsen werden, und es weiß nicht um den Zeithorizont seines Tuns (es kann nicht denken: „ich mach´ das jetzt mal, bis ich 18 bin und ausziehe, dann lassen wir das wieder“); es handelt aus Not. Im infantilen Erleben sorgt das zunächst für eine Beruhigung, eine gewisse Befriedigung, manchmal sogar für „Stolz“, weil die Kinder sich glücklich fühlen, etwas tun zu können oder zumindest froh sind, nicht dadurch schuldig zu werden, daß sie nichts tun (ein verhaltensauffälliges Kind: „wenn ich Mama glücklich mache, wird alles gut“). Wenn sich diese Konstellation im Erwachsenen dysfunktional stabilisiert, wirkt sie von daher nach innen hin wie ein „Versprechen“ des Kindes, das nicht leicht – und nur von innen heraus – aufzulösen ist (wie ein Loyalitätskonflikt).“