Parlamentswahl in Estland 2023

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Die Parlamentswahl in Estland 2023 findet voraussichtlich am 5. März 2023 statt.

Es wird die Wahl zur 15. Legislaturperiode des estnischen Parlaments (Riigikogu) seit der ersten Parlamentswahl in der Republik Estland im November 1920.

Wahlsystem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ablauf der Wahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ein-Kammer-Parlament (estnisch Riigikogu; wörtlich: „Staatsversammlung“) wird für die Dauer von vier Jahren gewählt. Das Parlament hat nach der estnischen Verfassung 101 Abgeordnete.

Wahlberechtigt sind alle estnischen Staatsangehörigen, die am Wahltag mindestens 18 Jahre alt sind. Gewählt werden kann jeder estnische Staatsangehörige, der am letzten Tag der Meldefrist für Kandidaten mindestens 21 Jahre alt ist.

Die Wahl findet nach dem Verhältniswahlrecht statt. Es gilt die Fünf-Prozent-Hürde.

Wahlkreise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um eine regionale Streuung der Abgeordneten zu gewährleisten, ist das Land in zwölf Mehrpersonen-Wahlkreise (valimisringkonnad) eingeteilt, in denen zwischen 5 und 15 Abgeordnete gewählt wurden:

Blick auf das Hauptportal des estnischen Parlaments in Tallinn
# Wahlkreis Sitze Karte
1 Haabersti, Põhja-Tallinn und Kristiine in Tallinn 10
Eesti valimisringkonnad.svg
2 Kesklinn, Lasnamäe und Pirita in Tallinn 13
3 Mustamäe und Nõmme in Tallinn 8
4 Kreis Harju (ohne Tallinn) und Kreis Rapla 15
5 Hiiumaa, Kreis Lääne und Saaremaa 6
6 Kreis Lääne-Viru 5
7 Kreis Ida-Viru 7
8 Kreis Järva und Kreis Viljandi 7
9 Kreis Jõgeva und Kreis Tartu (ohne Stadt Tartu) 7
10 Stadt Tartu 8
11 Kreis Võru, Kreis Valga and Kreis Põlva 8
12 Kreis Pärnu 7

Ausgangslage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Parlamentswahl in Estland 2019
 %
30
20
10
0
28,9
23,1
17,8
11,4
9,8
4,4
1,8
1,2
1,2
0,4

Nach der Wahl waren nur noch fünf statt bislang sechs Parteien im estnischen Parlament vertreten. Die Estnische Freie Partei schied nach nur einer Legislaturperiode aus dem Parlament aus. Zudem verlor die bisherige Regierungskoalition ihre Mehrheit, da alle bisherigen Koalitionspartner Stimmverluste hinnehmen mussten.

Die liberale Reformpartei bleibt stärkste Fraktion im Parlament und konnte die Anzahl ihrer Sitze erhöhen. Nach zuletzt 30 ist sie diesmal mit 34 Abgeordneten vertreten, wobei die absoluten Zugewinne bei den Wählerstimmen allerdings relativ gering ausfielen.

Zweitstärkste Partei wurde wieder die bisher regierende Zentrumspartei. Die Partei musste allerdings vor allem bei ihrer traditionellen Wählerschaft, der russischsprachigen Bevölkerung, Stimmverluste hinnehmen, da diese z. T. nicht mehr zur Wahl ging. In den Tallinner Stadtteilen mit starker russischsprachiger Bevölkerung und im russisch geprägten Kreis Ida-Viru blieb die Zentrumspartei aber auch diesmal wieder stärkste politische Kraft.

Drittstärkste Kraft wurde die Estnische Konservative Volkspartei, die ihre Stimmenanzahl mehr als verdoppeln konnte. Die Partei hatten dabei vor allem mit ihren nationalen, erzkonservativen und populistischen Positionen sowie als Protestpartei (vor der Wahl hatten die meisten anderen Parteien eine Zusammenarbeit ausgeschlossen) Wähler dazugewinnen können. Ihr gelang es, 19 Parlamentssitze zu erreichen.

Die bisher mitregierende konservative Vaterlandspartei musste leichte Verluste hinnehmen. Nachdem man im Vorfeld der Wahl zunächst um den Wiedereinzug in das Parlament zittern musste, hatte man in den letzten Monaten vor der Wahl z. B. mit der Ablehnung des UN-Migrationspakts u. a. im nationalkonservativen Lager noch einmal Stimmen holen können. Der Wiedereinzug ins Parlament gelang somit schließlich mit 12 Sitzen.

Der zweite bisherige Koalitionspartner, die Sozialdemokraten, musste deutliche Verluste in der Wählergunst hinnehmen und wurde mit 10 Sitzen zur kleinsten noch im Parlament vertretene Kraft. Die Partei selber begründete die Verluste vor allem mit der Konkurrenz durch die neu gegründete Partei Estonia 200, die ihrerseits den Einzug ins Parlament knapp verpasste.

Regierungsbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem die Reformpartei die meisten Sitze gewonnen hatte, übernahm sie die Führung bei der Bildung einer neuen Regierung. Deren Vorsitzende Kaja Kallas erklärte, dass sie eine Dreierkoalition mit der Vaterlandspartei und der Sozialdemokratischen Partei oder eine Zweierkoalition mit der Zentrumspartei anstreben werde. Am 6. März kündigte die Reformpartei an, dass sie Gespräche mit der Zentrumspartei aufnehmen werde. Zwei Tage später lehnte die Zentrumspartei das Angebot aufgrund von Meinungsverschiedenheiten in Steuerfragen und dem Vorwurf, dass die Forderungen der Reformpartei zu ultimativ seien, ab. Nach der Ablehnung der Zentrumspartei lud die Reformpartei die Sozialdemokraten und die Vaterlandspartei zu Verhandlungen ein, obwohl sie zwei Tage zuvor gesagt hatte, dass das schlechte Verhältnis zwischen den Parteien in der vorherigen Regierung für eine zukünftige Koalition nicht hilfreich wäre.

Am 11. März erklärte der Vize-Vorsitzende der Zentrumspartei, Jaanus Karilaid, dass man Koalitionsverhandlungen mit der Vaterlandspartei und der rechtspopulistischen Konservativen Volkspartei (EKRE) aufnehmen werde.[1] Die Entscheidung sorgte insbesondere unter Angehörigen der russischsprachigen Minderheit, unter denen die Zentrumspartei traditionell beliebt ist, für Kritik.[2] Als Konsequenz trat der Zentrumsabgeordnete Raimond Kaljulaid am 5. April 2019 aus seiner Partei aus und kündigte an, künftig als Unabhängiger dem Parlament anzugehören.[3] Vor der Wahl hatten alle etablierten Parteien eine Koalition mit der EKRE ausgeschlossen.[4]

Nachdem sie von Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid mit der Regierungsbildung beauftragt worden war, legte Kallas ein Programm für eine Minderheitsregierung mit den Sozialdemokraten vor, scheiterte damit aber am 15. April vor dem Parlament.[5] Dadurch wurde der Weg frei für den Zentrumsvorsitzenden Ratas.[6] Er stellte seine Koalitionsregierung mit Vaterlandspartei und EKRE am 17. April zur Abstimmung und wurde mit 55 Stimmen im Amt bestätigt.[7]

Parteien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Parlament vertreten[8]
Partei Kürzel Politische Ausrichtung Ergebnis 2019 Mandate
Estnische Reformpartei

(Eesti Reformierakond)

RE Liberalismus 28,9 % 34
Estnische Zentrumspartei

(Eesti Keskerakond)

K Sozialliberalismus
Sozialpopulismus
23,1 % 26
Estnische Konservative Volkspartei

(Eesti Konservatiivne Rahvaerakond)

EKRE Nationalkonservatismus
Rechtspopulismus
17,8 % 19
Vaterland

(Isamaa)

I Konservatismus
Christdemokratie
11,4 % 12
Sozialdemokratische Partei

(Sotsiaaldemokraatlik Erakond)

SDE Sozialdemokratie 9,8 % 10
Nicht im Parlament vertreten[8]
Partei Kürzel Politische Ausrichtung Ergebnis 2019
Estland 200

(Eesti 200)

E200 Sozialliberalismus

Wirtschaftsliberalismus

4,4 %
Estlands Grüne Partei

(Erakond Eestimaa Rohelised)

EER Grüne Politik
Sozialliberalismus
1,8 %
Biodiversität Partei

(Elurikkuse Erakond)

EE Grüne Politik
Basisdemokratie
1,2 %
Estnische Freie Partei

(Eesti Vabaerakond)

EV Liberal-Konservatismus
Populismus
1,2 %

Umfragen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kantar Emor-Umfrage vom 26. Januar 2023
 %
40
30
20
10
0
31,5 %
19,1 %
16,0 %
12,4 %
7,6 %
5,6 %
2,9 %
4,9 %
Gewinne und Verluste
im Vergleich zu 2019
 %p
   8
   6
   4
   2
   0
  -2
  -4
  -6
  -8
+2,6 %p
+1,3 %p
−7,1 %p
+8,0 %p
−2,2 %p
−5,8 %p
+1,7 %p
+1,5 %p
Vorlage:Wahldiagramm/Wartung/Anmerkungen
Anmerkungen:
h P: 2,0 % (neu)

Aktuelle Umfragen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(Quelle: [9])

Institut Datum R K EKRE I SDE E200 EER Sonst.
Kantar Emor 26.01.2023 31,5 % 16,0 % 19,1 % 5,6 % 7,6 % 12,4 % 2,9 % 4,9 %

(P: 2,0 %)

Norstat 23.01.2023 31,7 % 21,3 % 18,4 % 5,4 % 7,7 % 12,5 % 1,1 % 1,9 %

(P: 1,4 %)

Norstat 16.01.2023 30,4 % 17,8 % 20,0 % 8,3 % 9,5 % 10,7 % 2,3 % 1 %

(P: 0,7 %)

Kantar Emor 11.01.2023 28 % 18 % 21 % 7 % 10 % 11 % 3 % 2 %

(P: 1 %)

Norstat 09.01.2023 34,2 % 16,9 % 23,3 % 4,8 % 8,4 % 9,2 % 2,2 % 1,0 %

(P: 0,6 %)

Norstat 27.12.2022 31,0 % 16,5 % 22,8 % 9,1 % 5,6 % 10,6 % 2,1 % 2,3 %

(P: 1,2 %)

Norstat 19.12.2022 31,5 % 15,2 % 24,6 % 6,5 % 7,7 % 9,6 % 2,1 % 2,8 %

(P: 0,4 %)

Kantar Emor 16.12.2022 30 % 16 % 18 % 8 % 9 % 14 % 3 % 2 %

(P: 1 %)

Norstat 12.12.2022 31,3 % 15,1 % 27,1 % 8,3 % 6,0 % 8,6 % 1,4 % 2,2 %

(P: 0,8 %)

Norstat 05.12.2022 34,0 % 15,5 % 24,0 % 5,4 % 7,5 % 10,3 % 1,5 % 1,7 %

(P: 1,1 %)

Norstat 28.11.2022 33,6 % 17,0 % 23,7 % 7,0 % 5,4 % 10,6 % 1,5 % 1,2 %

(P: 0,9 %)

Norstat 21.11.2022 32,5 % 18,1 % 24,3 % 8,7 % 5,9 % 8,4 % 1,2 % 0,9 %

(P: 0,3 %)

Kantar Emor 17.11.2022 31% 15 % 22 % 6 % 8 % 14 % 3 % 1,0 %

(P: 1,0 %)

Norstat 08.11.2022 33,7 % 16,8 % 23,6 % 5,9 % 7,9 % 9,1 % 1,1 % 1,9 %

(P: 0,7 %)

Norstat 06.11.2022 33,5 % 15,1 % 25,7 % 8,9 % 5,2 % 8,4 % 1,3 % 1,9 %

(P: 1,1 %)

Norstat 03.11.2022 31,0 % 14,9 % 28,0 % 7,0 % 6,9 % 9,0 % 1,0 % 2,2 %

(P: 1,0 %)

Norstat 26.10.2022 34,2 % 15,3 % 26,3 % 6,8 % 6,2 % 8,6 % 0,5 % 2,1 %

(P: 0,8 %)

Kantar Emor 21.10.2022 28% 14 % 25 % 7 % 8 % 14 % 2 % 2 %

(P: 1 %)

Norstat 19.10.2022 32,2 % 11,6 % 28,8 % 8,9 % 6,4 % 9,0 % 1,7 % 1,4 %

(P: 0,3 %)

Norstat 12.10.2022 32,2 % 13,9 % 27,0 % 6,2 % 7,7 % 9,1 % 1,7 % 2,2 %
Norstat 05.10.2022 33,5 % 11,9 % 27,8 % 8,3 % 5,5 % 9,4 % 1,4 % 2,2 %

(P: 0,7 %)

Norstat 02.10.2022 28,3 % 19,6 % 27,4 % 5,9 % 6,3 % 8,7 % 1,5 % 2,3 %

(P: 0,6 %)

Kantar Emor 23.09.2022 29 % 14 % 23 % 8 % 11 % 11 % 3 % 2 %

(P: 1 %; TULE: 1 %)

Norstat 21.09.2022 30,5 % 16,7 % 27,7 % 6,0 % 6,5 % 9,3 % 3,3 %

(TULE: 1,2 %)

Norstat 15.09.2022 30,4 % 15,4 % 24,7 % 8,4 % 8,3 % 8,1 % 4,7 %

(TULE: 1,7 %)

Norstat 07.09.2022 31,1 % 13,6 % 22,9 % 8,1 % 9,3 % 11,1 % 2,1 % 1,8 %
Norstat 31.08.2022 32,0 % 16,0 % 24,9 % 7,5 % 6,5 % 9,6 % 1,5 % 2,0 %
Norstat 24.08.2022 35,1 % 15,2 % 20,1 % 9,9 % 7,4 % 9,0 % 2,2 % 1,1 %
Kantar Emor 24.08.2022 31 % 16 % 18 % 7 % 11 % 13 % 2 % 2 %
Norstat 17.08.2022 31,8 % 19,2 % 23,2 % 7,2 % 8,0 % 7,7 % 1,0 % 1,9 %
Norstat 10.08.2022 35,5 % 14,5 % 19,1 % 7,6 % 11,0 % 9,9 % 1,1 % 1,3 %
Norstat 03.08.2022 35,5 % 16,6 % 21,8 % 9,0 % 8,5 % 6,7 % 1,7 % 0,2 %
Norstat 28.07.2022 32,8 % 16,3 % 21,0 % 8,1 % 9,2 % 10,4 % 1,7 % 0,5 %
Kantar Emor 25.07.2022 30 % 15 % 18 % 11 % 9 % 13 % 3 % 1 %
Norstat 20.07.2022 33,9 % 18,0 % 16,8 % 10,7 % 8,8 % 8,3 % 1,7 % 1,8 %
Norstat 13.07.2022 32,4 % 16,9 % 18,5 % 9,8 % 8,1 % 11,5 % 1,8 % 1,0 %
Norstat 07.07.2022 32,5 % 17,9 % 21,1 % 8,0 % 7,6 % 10,5 % 1,6 % 0,8 %
Norstat 22.06.2022 34,1 % 16,0 % 22,6 % 7,6 % 5,8 % 9,9 % 2,1 % 1,9 %
Kantar Emor 16.06.2022 32 % 15 % 18 % 9 % 8 % 15 % 3 % 0 %
Norstat 16.06.2022 35,0 % 16,6 % 21,3 % 8,4 % 6,5 % 9,1 % 1,8 % 1,3 %
Norstat 08.06.2022 33,5 % 20,5 % 20,8 % 6,8 % 5,8 % 10,4 % 2,0 % 0,2 %
Norstat 01.06.2022 34,7 % 16,7 % 19,4 % 6,4 % 7,0 % 13,7 % 0,7 % 1,4 %
Kantar Emor 26.05.2022 33 % 16 % 17 % 7 % 7 % 17 % 3 % 0 %
Norstat 25.05.2022 35,4 % 17,2 % 18,5 % 6,8 % 6,1 % 12,3 % 2,1 % 1,6 %
Norstat 18.05.2022 33,3 % 14,7 % 20,6 % 7,5 % 8,0 % 12,9 % 2,1 % 0,9 %
Norstat 11.05.2022 35,9 % 16,5 % 19,0 % 5,0 % 7,6 % 13,0 % 2,1 % 0,9 %
Parlamentswahl 2019 03.03.2019 28,9 % 23,1 % 17,8 % 11,4 % 9,8 % 4,4 % 1,8 % 2,8 %

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Opinion polls Estonia 2019-2023.svg

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. tt.com: Estland: Zentrumspartei plant rivalisierende Koalitionsgespräche
  2. bloomberg.com: Shock Move Gives Populists a Chance at Government in Estonia
  3. Raimond Kaljulaid quits Centre Party. ERR, 5. April 2019, abgerufen am 14. April 2019. (englisch)
  4. luzernerzeitung.ch: Rassistische Partei in Estland dürfte am Sonntag ihre Stimmen verdoppeln
  5. Reformpartei scheitert mit Regierungsbildung in Estland. Der Standard, 15. April 2019, abgerufen am Tage darauf.
  6. Estlands Präsidentin beauftragt Zentristen Ratas mit Regierungsbildung. Der Standard, 16. April 2019, abgerufen am selben Tage.
  7. Grünes Licht für neue Rechtskoalition in Estland. Der Standard, 17. April 2019, abgerufen am selben Tage.
  8. a b Hääletamis- ja valimistulemus. Abgerufen am 21. September 2022.
  9. Estland: Aktuelle Wahltrends & Sonntagsfragen. Abgerufen am 9. Juni 2022.