Pasyryk-Teppich

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Der über Jahrtausende gut konservierte, jedoch nicht vollständig erhaltene Pasyryk-Teppich
Schematische Darstellung des Kurgans 5 mit Grabräuberschacht und Eislinse

Der Pasyryk-Teppich oder Pazyryk-Teppich (auch: Gorny-Altai-Teppich) gilt als der älteste erhaltene Teppich der Welt, der in Knüpftechnik hergestellt ist. Der Teppich wurde im 5. oder 4. Jahrhundert v. Chr. gefertigt und ist in der Eremitage in St. Petersburg ausgestellt.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Pasyryk-Teppich wurde 1947 von russischen Archäologen um den Forscher Sergei Iwanowitsch Rudenko im Altai-Gebirge (Südsibirien) an der Grenze zur Äußeren Mongolei gefunden. Rudenko beschäftigte sich mit diversen Kurganen der Region, worunter neben „Tuekta“ und „Basadar“ auch der „Pasyryk“, gleichzeitig Namensgeber des Teppichs, fiel. Der Name des Kunstwerks richtet sich somit nach seinem Fundplatz im Pasyryk-Hochtrockental. Hier wurde der Teppich als Teil des Inventars (Grabbeigabe) einer Grabkammer, des Kurgans 5 („Burial Mound 5“), eines Fürsten der Pasyryk-Stufe der Skythen gefunden. Neben weiteren Funden, darunter auch Filzteppiche, aus dem Grab, die eine Grobeinschätzung der zeitlichen Datierung zuließen, konnte der Teppich letztlich mittels einer 14C-Datierungs-Untersuchung in das 5. oder 4. Jahrhundert v. Chr. datiert werden.[2]

Der Teppich weist eine hohe knüpftechnische Feinheit auf. 360.000 symmetrische Doppelknoten[3] (in heutiger Terminologie sogenannte „türkische Knoten“) verteilen sich auf einen Quadratmeter. Die ursprüngliche Gesamtgröße lag bei 183 x 198 cm, sodass der Teppich ursprünglich über 1,3 Millionen Knoten aufwies.[4] Wissenschaftler vermuten, dass die hochgradig ausgereifte Knüpftechnik bereits zu dieser Zeit das Ergebnis langjähriger Erfahrungen und etablierter Tradition gewesen sein musste.[2] Das Material des Teppich ist Schurwolle. Kette und Schuss bestehen ebenfalls aus reiner Schurwolle mit niedrigem Flor.

Der Teppich lag neben einer Vielzahl weiterer Funde in einem skythischen Fürstengrab, das die russischen Wissenschaftler geöffnet hatten. Es konnte nachgewiesen werden, dass in der Antike bereits Grabräuber den Kurgan aufgebrochen hatten. Viele wertvolle Grabbeigaben hatten sie mitgenommen, nicht jedoch den Pasyryk-Teppich. Aufgrund des gewaltsamen Zugriffs floss Grundwasser in das Grab, das zu einer mächtigen Eislinse gefror. Diese Eislinse schloss die Hinterlassenschaft im Grab in eine konservierende Eisschicht ein, worauf der sehr gute Erhaltungszustand des Teppichs zurückzuführen ist.

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es bestehen unterschiedliche Theorien bezüglich der Herkunft des Teppichs. Volkmar Gantzhorn vermutet eine phrygisch-armenische Herkunft.[5] Aus heutiger Sicht wird folgende Hypothese favorisiert: Nach der Auflösung des Urartäischen Königreiches (nach Boris Borissowitsch Piotrowski war dies gegen 590 oder 585 v. Chr.[6] beziehungsweise nach Auffassung der meisten Forscher bereits im 6. Jahrhundert)[7] vermengten sich versprengte Volksstämme mit den Skythen, woraus die Nation der Armenier resultierte. Es wird vermutet, dass der Teppich im Stammland der Saken (die Archäologie sieht die Saken als mittelasiatische Vertreter der Kultur der Skythen) geknüpft wurde; dies von dort ansässigen Armeniern.[8]

Wissenschaftliche Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Teppichfragment, 3.–4. Jahrhundert, aus Loulan, heute British Museum, London

Bis zum Fund des Pasyryk-Teppichs ging die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler davon aus, dass die ersten geknüpften Teppiche auf die Zeit um Christi Geburt zu datieren seien, denn Funde, die älter waren als die von Aurel Stein und der 4. deutschen Turfanexpedition unter Leitung von Albert von Le Coq entdeckten nomadischen Teppichfragmente aus der Periode zwischen dem 3. bis 6. Jahrhundert n. Chr., waren nicht bekannt. Erste Anzeichen der Knüpfkunst fanden sich in den Ruinen der Oasenstädte Loulan (Bayingolin) und Niya am Südrand des Tarimbeckens. Zwischen diesen und den ältesten aus Vorderasien erhaltenen Teppichen klafft eine enorme Zeitlücke von mehr als 600 Jahren.[8]

Es wurde daher versucht, literarische Quellen heranzuziehen. Die Analyse vermittelte jedoch kein vollständigeres Bild. Arabische und persische Autoren aus dem 8. bis 14. Jahrhundert gaben wenig Informationen über Machart und Aussehen der Teppichkulturen her. Griechische Quellen wiederum beschrieben häufiger die „weichen Teppiche“ der Babylonier und Perser, erhellten die Hintergründe der Entwicklung der Teppichknüpfkunst jedoch ebenso wenig.[8]

Heute wird davon ausgegangen, dass sich die Knüpfkunst aus der Webtechnik heraus entwickelt hat. Die Nomaden ließen sich demnach vom Vorbild fellähnlicher Textilstrukturen leiten und verwendeten ihre Kenntnisse der Knüpfkunst zur Abwehr widriger Witterungsverhältnisse wie Permafrost und Kälte. Man geht weiterhin davon aus, dass es eine Entwicklungszeit von mehreren hundert Jahren gegeben haben muss, um den hohen Standard des Pasyryk zu erreichen,[8] was bedeuten würde, dass die Teppichknüpfkunst möglicherweise bis tief in die Bronzezeit zurückreicht.

Teppichdarstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Detail aus der Bordüre

Das Zentrum (Mittelfeld) des Pasyryk-Teppichs zeigt ein schachbrettartiges, vierundzwanzig Quadrate fassendes sogenanntes „Feldermuster“ (in Persien werden diese Quadrate „Ghab-ghabi“ (Rahmen im Rahmen) genannt). In Deutschland werden derartige Teppiche meist als Gartenteppiche bezeichnet, was daran liegt, dass das Muster an einen (üppig) bewachsenen Garten mit geometrisch gegliederten und einzeln eingefassten Beeten erinnert. Wenngleich die einzelnen Kassetten regelmäßig unterschiedliche Motive aufweisen, folgen sie doch strengen symmetrischen Formen. Diese können variieren und sind quadratischer, rechteckiger oder rhombischer Natur.

Die Vierteilung mancher Gartenteppiche erinnert zudem an die islamische Tradition der „kartografischen“ Darstellung des durch vier Flüsse geteilten Paradieses.[9]

Der Pasyryk-Teppich ist ein nahezu quadratischer Teppich. Sein Musteraufbau unterteilt sich in ein großes Innenfeld und die umlaufenden Bordüren. Das Innenfeld wiederum unterteilt sich horizontal in sechs und vertikal in vier Quadratreihen. Alle Quadrate werden durch eine „Kreuzblume“ (ein stilisiertes Kreuz, ähnlich einem Gilgenkreuz, mit vier Blütenblättern; im persischen auch „Gol-/Gul“-Muster genannt) verziert. Die erste Schmalborte grenzt das Innenfeld nach außen ab und besteht ihrerseits aus (kleinen) Quadraten mit greifähnlichen Figuren. Nach Milhofer weist der Teppich in Stil, Format, Materialwahl, Technik sowie Struktur eine hohe Übereinstimmung mit neuzeitlichen Knüpfarbeiten der trans-kaspischen Turkmenen auf.[10]

Weiterhin weist der Teppich eine breite Bordüre auf, die durch mehrere gemusterte Streifen geziert wird und zwei Friese umgibt. Dabei handelt es sich um einen Elch- und einen Reiterfries im persisch-achämenidischen Stil, weshalb angenommen wird, dass es sich bei dem Teppich um den ältesten Beleg für das „persische“ Knüpfhandwerk handelt.

Vierundzwanzig Elche umlaufen im ersten Fries fortlaufend repetitiv den Teppich im Uhrzeigersinn. Die nächste Borte besteht wieder aus dem Kreuzblumenmotiv, das im großen Innenfeld sich auf die Quadrate verteilte. In der äußersten Borte taucht eine Prozession von achtundzwanzig Pferden mit ihren Reitern auf. Sie laufen entgegengesetzt zu den Elchen.[11] Auf dem Teppich sind durch die Reiter mehrfach menschliche Darstellungen zu sehen. In der Wissenschaft gilt dies als für die skythische Kunst eher ungewöhnlich.[12] Es handelt sich um schnauzbärtige Reiter mit Umhang und „Goryt“ (Pfeilköcher und Bogenbehälter) auf einem Pferd mit geflochtenem Schwanz und gestutzter Mähne. Die Darbietung ist auffällig polychrom.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ignaz Schlosser, Der schöne Teppich in Orient und Okzident, Keysersche Verlagsbuchhandlung, Heidelberg, 1960.
  • Hermann Parzinger: Die frühen Völker Eurasiens. Vom Neolithikum bis zum Mittelalter. Historische Bibliothek der Gerda-Henkel-Stiftung, Band 1. Beck, München, 2006, S. 588 ff. Abb. 194–198. ISBN 978-3-406-54961-8
  • Sergei Iwanowitsch Rudenko: Kultura naselenija Gornogo Altaja w skifskoje wremja. Moskau/Leningrad, 1953.
  • Sergei Iwanowitsch Rudenko: Der zweite Kurgan von Pasyryk. Verlag für Kultur und Fortschritt, Berlin 1951.
  • C. Parham, How Altaic/Nomadic Is the Pazyryk Carpet? In: Oriental Rug Review 13/5, June-July 1993, S. 34–39.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stefan Mecheels, Herbert Vogler, Josef Kurz: Kultur- & Industriegeschichte der Textilien, Wachter, 2009, S. 113.
  2. a b Mahmoud Rashad, Dumont Kunst Reiseführer Iran, S. 120.
  3. Wilfried Menghin, Im Zeichen des goldenen Greifen: Königsgräber der Skythen, Prestel, 2007, S. 126: "Er wurde mit symmetrischen Doppelknoten (sogenannten türkischen Knoten) geknüpft. [...] Der Teppich hat eine sehr dichte Textur und ist ein seltenes Exemplar der vorder- und mittelasiatischen Knüpfkunst jener Zeit."
  4. Knüpfdichte
  5. Volkmar Gantzhorn: Orientalische Teppiche. Benedikt Taschen, Köln 1998, ISBN 3-8228-0397-9, S. 50 f.
  6. Herleitung aus Jer 51,27 LUT Jeremia 51, 27, in der Ararat (Urartu) neben Minni und Aschkenas (gewöhnlich als Skythen gedeutet) gegen Babylon zu Feld zieht
  7. Adam T. Smith: The Making of an Urartian Landscape in Southern Transcaucasia: A Study of political Architectonics. In: American Journal of Archaeology 103, 1999, S. 50.
  8. a b c d Amir Pakzad, Ursprung der Teppichknüpfkunst
  9. Karl Schlamminger, Peter Lamborn Wilson: Weaver of Tales. Persian Picture Rugs / Persische Bildteppiche. Geknüpfte Mythen. Callwey, München 1980, ISBN 3-7667-0532-6, S. 141–144, 148–151 und öfter.
  10. S. A. Milhofer, Orient-Teppiche, Fackelträger-Verlag 1966, S. 152.
  11. Rudenko 1970, S. 289.
  12. Hermann Parzinger, Die Skythen, S. 53–54.