Paul Aussaresses

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Paul Aussaresses (* 7. November 1918 in Saint-Paul-Cap-de-Joux, Département Tarn; † 3. Dezember 2013[1] in La Vancelle, Département Bas-Rhin) war ein französischer General. Er betätigte sich in seiner Laufbahn vorwiegend als Fallschirmjäger und Instruktionsoffizier. Paul Aussaresses provozierte 2000 eine öffentliche Kontroverse, als er in einem Interview in der Tageszeitung Le Monde zugab, im Algerienkrieg, und dort insbesondere in der Schlacht von Algier, zum Mittel der Folter gegriffen zu haben, und diese auch rechtfertigte.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Militärische Karriere bis zum Endes des Algerienkriegs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aussaresses diente im Zweiten Weltkrieg 1941 als Kadett in Cherchell, Algerien. Er nahm er an der geheimen und nicht staatlich autorisierten Operation Jedburgh teil, welche der deutschen Besatzungsmacht in Belgien, in den Niederlanden und in Frankreich Widerstand bot. Im August 1944 sprang er hinter den deutschen Linien ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Gründungsmitglied des 11. Fallschirmjäger-Sturmregiments (11e régiment parachutiste de choc), das dem Service de Documentation Extérieure et de Contre-Espionnage unterstand und dessen Kommandeur er später wurde. Dieses Kommando hatte er bis 1948 inne. Er nahm anschließend am Französischen Indochinakrieg und am Algerienkrieg teil.

1955 wurde er nach Philippeville, Algerien geschickt. Er diente in der 41. Fallschirmjägerbrigade als Nachrichtenoffizier. Diese Brigade kämpfte gegen algerische Aufständische der Front de Libération Nationale (FLN). Am 20. August 1955 führte die FLN einen Angriff gegen die Polizei von Philippeville durch. Aussaresses behauptete, er hätte von dem Angriff gewusst und so Blutvergießen verhindert. Die FLN konnte hunderte Algerier aus der Landbevölkerung dazu bewegen, mit ihnen unbewaffnet zu marschieren. Aussaresses berichtete, dass er und seine Männer 134 von diesen Männern, Frauen und Kindern töteten.[2]

Im Frühjahr 1956 bereitete er sich auf den Suez-Krieg vor. Er nahm an einem Training in Salisbury teil. Eine Verletzung, die er sich kurz vorher zuzog, verhinderte seinen Einsatz in diesem Krieg.

General Jacques Massu, der Kenntnis von Aussaresses' repressivem Vorgehen in Philippeville erhalten hatte, beorderte ihn zu sich nach Algier, um die FLN zu kontrollieren. Aussaresses trat seinen Dienst in Algier am 8. Januar 1957 an. Während der Schlacht von Algier 1957 fungierte er als ausführende Hand von Massu. Am 28. Januar 1957 ging er brutal gegen einen Streik vor, den die FLN ausgerufen hatte. Die Arbeiter wurden durch Soldaten gewaltsam zur Arbeit gezwungen. Geschlossene Läden wurden aufgebrochen. Im weiteren Verlauf des Jahres 1957 befahl er die Ermordung Larbi Ben M'hidis, eines wichtigen Mitglieds der FLN. Er ließ ihn aufhängen, um einen Selbstmord vorzutäuschen. In einem anderen Fall befahl er die Ermordung Ali Boumendjels, eines einflussreichen algerischen Anwalts. Diesen ließ er aus dem sechsten Stock eines Gebäudes werfen. Frankreich stellte beide Tode als Selbstmord dar. 2000 gab Aussaresses zu, dass beide ermordet wurden.[3]

Nach dem Algerienkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aussaresses blieb nicht bis zum Ende des Krieges in Algerien, im Gegensatz zu anderen Offizieren, die sich der OAS anschlossen. Nach dem Krieg setze er seine erfolgreiche militärische Karriere fort. 1961 wurde er Militärattaché Frankreichs in Washington, gemeinsam mit zehn französischen Veteranen des Algerienkrieges. Er hatte auch Kontakt zur 10. Special Forces Group in Fort Bragg.[4] Dort unterrichtete er die amerikanischen Soldaten über die Lehren aus dem Algerienkrieg, inklusive der Folter.[4] Die Amerikaner studierten das Buch von Colonel Roger Trinquier über subversive Kriegsführung, unter dessen Kommando Aussaresses in Algerien gestanden hatte. Das Buch Trinquiers soll Inspirationsquelle für die Operation Phoenix der Amerikaner während des Vietnamkrieges gewesen sein. Studenten Aussaresses’ sollen dieses Buch dem CIA Agenten Robert Komer geschickt haben.[5]

Aussaresses ging während der Zeit der brasilianischen Diktatur nach Brasilien, wo er enge Beziehungen zum Militär hatte.[6] General Manuel Contreras, dem früheren Geheimdienstchef der chilenischen Diktatur, zufolge trainierten chilenische Offiziere in Brasilien unter Aussaresses.[7] Er lehrte sie den Antiterrorkampf und die Anwendung der Folter, die in den Diktaturen Argentinien, Paraguay und Chile meistens gegen linke Oppositionelle angewendet wurde.

Haltung zur Folter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aussaresses behauptet in seinem Buch, dass die französische Regierung die Auslöschung der FLN so schnell wie möglich befohlen habe.[8] In Frankreich entfachte dies eine Debatte unter Historikern, ob diese Behauptung wirklich zutreffend sei. Aussaresses äußerte sich im Interview mit Le Monde am 3. Mai 2001 folgendermaßen:

„Die Folter wurde toleriert, wenn nicht sogar gefordert. Justizminister François Mitterrand hatte im Richter Jean Bérard einen Emissär bei Massu, der uns deckte und der umfassendes Wissen dahingehend hatte, was des Nachts geschah.“[3][9]

Aussaresses rechtfertigte die Folter dadurch, dass er sein Entsetzen nach dem Massaker bei der El Haila-Mine schilderte. Er hielt Folter für das kleinere Übel, wenn man damit das größere Übel des Terrorismus bekämpfen könne. Er verteidigte die Folter, weil sie die Möglichkeit biete, schnell an Informationen zu kommen. Weiterhin sei das Rechtssystem ja nur für den Friedensfall geschaffen und nicht für einen Antiterrorkrieg, wie ihn Frankreich in Algerien geführt habe. In einem Interview mit Marie-Monique Robin, beschrieb Aussaresses einige der angewendeten Methoden, unter anderem auch den Einsatz von Todesschwadronen.[10]

Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Human Rights Watch schrieb 2001 einen Brief an Staatspräsident Jacques Chirac und forderte ihn dazu auf, Aussaresses wegen Kriegsverbrechen den Prozess zu machen, mit dem Argument, dass seine Verbrechen auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellten und daher nicht amnestiert werden könnten.[11]

Die Französische Liga für Menschenrechte (Ligue des droits de l’homme) und andere Organisationen verklagten ihn als Nebenkläger im Strafprozess wegen der Entschuldigung von Kriegsverbrechen. Er wurde am 25. Januar 2002 von einem Pariser Strafgericht zu einer Strafe von 7500 Euro verurteilt.[12] Das Pariser Appellationsgericht bestätigte das Urteil am 25. April 2003. Aussaresses Beschwerde beim Kassationshof wurde zurückgewiesen.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aussaresses, General Paul. The Battle of the Casbah: Terrorism and Counter-Terrorism in Algeria, 1955–1957. New York, Enigma Books, 2010.
  • Horne, Alistair. A Savage War of Peace: Algeria 1954–1962. London, Macmillan, 1971.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Umstrittener General Aussaresses gestorben. In: FAZ vom 4. Dezember 2013 (abgerufen am 4. Dezember 2013).
  2. Seite 41, Aussaresses
  3. a b L'accablante confession du général Aussaresses sur la torture en Algérie, Le Monde, 3. Mai 2001
  4. a b Interview of Pierre Messmer by Marie-Monique Robin in Escadrons de la mort - l'école française (ab 18min-19min)
  5. Marie-Monique Robin in Escadrons de la mort - l'école française (ab 21min30)
  6. Marie-Monique Robin in Escadrons de la mort - l'école française (ab 24 min)
  7. Marie-Monique Robin in Escadrons de la mort - l'école française (ab 27 min)
  8. Seite 12, Aussaresses
  9. Französisch: « Quant à l'utilisation de la torture, elle était tolérée, sinon recommandée. François Mitterrand, le ministre de la justice, avait, de fait, un émissaire auprès de Massu en la personne du juge Jean Bérard qui nous couvrait et qui avait une exacte connaissance de ce qui passait la nuit. »
  10. Interview Aussaresses' durch Marie-Monique Robin in Escadrons de la mort - l'école française (ab 8min38)
  11. Human Rights Watch : le gouvernement français doit ordonner une enquête officielle., Human Rights Watch. Memento aus dem Internet Archive vom 16. September 2003.
  12. condamnation du général Aussaresses pour "apologie de crimes de guerre", Ligue des droits de l'homme, Februar 2002.
  13. La condamnation du général Aussaresses pour apologie de la torture est maintenant définitive, Ligue des droits de l'homme, 11. Dezember 2004