Paul Heyse

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Paul Heyse, Fotografie um 1885

Paul Johann Ludwig von Heyse (* 15. März 1830 in Berlin; geadelt 1910; † 2. April 1914 in München) war ein deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer. Neben vielen Gedichten schuf Heyse rund 180 Novellen, acht Romane und 68 Dramen. Heyses Biograf Erich Petzet rühmte die „Umfassenheit seiner Produktion“. Die Ausgabe der Werke, die Petzet 1924 besorgte, umfasst drei Reihen von je fünf Bänden, von denen jeder rund 700 Seiten zählt (darin sind nicht alle Werke enthalten). Der einflussreiche Münchener „Dichterfürst“[1] Heyse pflegte zahlreiche Freundschaften und war auch als Gastgeber berühmt.

Theodor Fontane glaubte 1890, dass Heyse seiner Epoche „den Namen geben“ und ein „Heysesches Zeitalter“ dem Goetheschen folgen werde. 1910 wurde Heyse als erster deutscher Autor belletristischer Werke mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elternhaus und Schulzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fotografie des Vaters Karl Wilhelm Ludwig Heyse
Die Mutter Julie Heyse, Zeichnung von unbekannt

Am 15. März 1830 wurde Heyse in Berlin in der Heiliggeiststraße geboren. Der Vater Karl Wilhelm Ludwig Heyse, außerordentlicher Professor für klassische Philologie und Allgemeine Sprachwissenschaft, war von 1815 bis 1817 Erzieher von Wilhelm von Humboldts jüngstem Sohn sowie von 1819 bis 1827 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Mutter, Julie Heyse geb. Saaling, stammte aus der begüterten und kunstinteressierten Familie des preußischen Hofjuweliers Jakob Salomon, der sich nach seinem Übertritt vom Judentum zum Christentum Saaling nannte. Sie war eine Cousine von Lea Salomon, der Mutter von Felix Mendelssohn Bartholdy. In Paul Heyses Elternhaus traf sich die kultivierte Gesellschaft, um sich über Musik und Kunst zu unterhalten.

Heyse war bis 1847 Schüler des renommierten Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums. Sein Reifezeugnis weist ihn als Musterschüler aus. Schon als Gymnasiast trat er mit eigenen poetischen Versuchen hervor und war an der Gründung eines Dichterklubs beteiligt.

Durch die Mutter erlangte Heyse Zutritt zu den künstlerischen Salons Berlins. 1846 lernte er seinen späteren literarischen Mentor kennen, den 15 Jahre älteren Emanuel Geibel, einen damals populären Dichter. Heyse zeigte Geibel seine Gelegenheits- und Liebesgedichte vor. Zwischen den beiden Literaten entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft, aus der auch einige gemeinsame Arbeiten entstanden. Geibel führte Heyse auch in das Haus des Kunsthistorikers und Schriftstellers Franz Kugler ein, der später Heyses Schwiegervater wurde.

Studienjahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seinem Schulabschluss begann Paul Heyse 1847 mit dem Studium der klassischen Philologie in Berlin. Frühlingsanfang 1848, das erste gedruckte Gedicht Heyses, drückt seine Begeisterung für die Märzrevolution aus. Nach einem schwärmerischen Ausflug zu den Studentengarden zog er sich bald wieder aus deren Kreis zurück, vermutlich auch aus Rücksicht auf seine Eltern und Geibel. Er kam in Kontakt mit Jacob Burckhardt, Adolph Menzel, Theodor Fontane und Theodor Storm. 1849 schloss sich ihrem Dichterkreis an, dem Tunnel über der Spree.

Nach zwei Studienjahren in Berlin wechselte er im April 1849 zum Studium der Kunstgeschichte und Romanistik an die Universität nach Bonn. 1850 entschied er sich endgültig für den Dichterberuf und begann seine Dissertation bei Friedrich Diez, dem Begründer der Romanischen Philologie in Deutschland. Wegen einer Liebesaffäre mit der Frau eines seiner Professoren musste Heyse Ostern nach Berlin zurückkehren. Noch im selben Jahr erschien sein Erstling Der Jungbrunnen (Märchen und Gedichte) anonym, vom Vater herausgegeben. Heyse bekam vom Verleger Alexander Duncker ein Manuskript des noch unbekannten Theodor Storm. Seine begeisterte Rezension der Sommergeschichten und Lieder wurde zum Grundstein einer dauerhaften Dichterfreundschaft.

Heyse-Porträt von Adolph Menzel (1853)

1851 gewann Heyse mit seiner Ballade Das Tal von Espigno einen internen Balladenwettstreit des Tunnels. Heyses erste Novelle Marion wurde 1852 im Tunnel ausgezeichnet. Im selben Jahr erschien das später mehrfach vertonte Spanische Liederbuch mit Übersetzungen von Geibel und Heyse. Es war der Beginn einer lebenslangen Übersetzertätigkeit, in der Heyse vor allem als Vermittler der italienischen Literatur (Leopardi, Giusti) Hervorragendes leistete. Um den steifen Umgangsformen im Tunnel zu entgehen, fanden sich einige der Mitglieder im Dezember 1852 im Dichterverein Rütli zusammen.

Reise nach Italien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 1852 war Heyse mit einer Arbeit über den Refrain in der Poesie der Troubadoure promoviert worden. Dank eines preußischen Staatsstipendiums konnte er im Anschluss eine Italienreise zur Untersuchung alter provenzalischer Handschriften unternehmen. In der Bibliothek des Vatikans erhielt er 1852 Hausverbot, weil er sich Notizen von ungedruckten Handschriften machte.

Heyse erlebte in Italien ein glückliches Studienjahr und freundete sich mit zahlreichen Künstlern an, unter anderem mit Arnold Böcklin und Joseph Victor von Scheffel. Unter dem Eindruck der italienischen Landschaft entstanden Werke, die ihn weithin als Schriftsteller bekannt machen, unter anderem die Tragödie Francesca von Rimini. Heyses berühmteste Novelle, L'Arrabbiata (1853), und seine Lieder aus Sorrent (1852/53) erschienen als Beitrag in der Argo, dem Jahrbuch des Rütli.

Heyse in München[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1852 war Emanuel Geibel zum literarischen Ratgeber des bayerischen Königs Maximilian II. berufen worden. 1854 überredete er den König, den jungen Paul Heyse, der damals noch ein talentierter, aber unbekannter Anfänger war, mit einer hohen Pension nach München zu berufen. So erhielt der 24-jährige Heyse von Maximilian II. zu seiner Überraschung das Angebot, für eine jährliche Pension von zunächst 1000 Gulden nach München überzusiedeln und dort zu dichten. Heyse sollte an den vom König veranstalteten Symposien teilnehmen. Zudem wurde ihm ein Vorlesungsrecht an der Universität gewährt (Professur in romanischer Philologie). Nach der Heirat mit Margaretha Kugler (1834–1862) traf Heyse am 25. Mai 1854 in München ein. Bei seiner ersten Audienz beim König überreichte Heyse diesem seine Verserzählungen Hermen. Wie sich später zeigte, musste Heyse seinen Dienstherrn auch auf Reisen begleiten und bei den Teeabenden der Königin lesen. Sein Vorlesungsrecht übte er dagegen nicht aus.

Heyse durfte sich nun zur geistigen Elite des drittgrößten deutschen Teilstaates zählen und ein reges geselliges Leben genießen. Bei den königlichen Gesprächsrunden, den Symposien, saß der junge Dichter gleichberechtigt neben Geibel und Friedrich Bodenstedt, neben den besten Wissenschaftlern Münchens wie dem Chemiker Justus von Liebig, dem Philologen Friedrich Thiersch, den Historikern Heinrich von Sybel und Wilhelm Heinrich Riehl und dem Arzt Max von Pettenkofer. Die Teilnehmer an den Symposien verkehrten häufig mit dem König und zwangloser als mancher Minister.

In der Ehe mit Margaretha geb. Kugler wurden vier Kinder geboren. Der Erstgeborene, Franz, kam am 22. August 1855 zur Welt.

Paul Heyse, ca. 1860

Zwischen 1855 und 1874 war Heyse Mitglied der Zwanglosen Gesellschaft München.[2] Mit den ebenfalls nach München berufenen „Nordlichtern“ Geibel und Riehl gründete er 1856 er den Dichterverein Die Krokodile. Zu den Mitgliedern der Vereinigung gehörte auch der Komponist Robert von Hornstein, in dessen Haus Heyse zeitweise wohnte und dem er einige Libretti lieferte.

In Zürich lernte Heyse 1857 Gottfried Keller kennen, mit dem er schon bald in einen Gedankenaustausch trat, vorwiegend in Form eines Briefwechsels (1859–1888), woraus sich eine dauerhafte Freundschaft entwickelte.[3] Seit Dezember 1854 pflegte Heyse auch eine langjährige Korrespondenz mit Eduard Mörike.

Ab 1859 musste Heyse einige Mitglieder der Familie Kugler versorgen und deshalb den ungeliebten Redakteursposten beim Literaturblatt zum deutschen Kunstblatt annehmen. Er sagte einem verlockenden Angebot des Großherzogs Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach ab, der ihn zur Übersiedlung nach Thüringen bewegen wollte. In diese Zeit fiel der Beginn einer Freundschaft mit dem schwäbischen Dichter Hermann Kurz.

Angeregt durch ein Bild seines Freundes Bonaventura Genelli schrieb Heyse 1860 für die Argo die Novelle Der Centaur. Im selben Jahr erschien die Sammlung italienischer Volkslieder Italienisches Liederbuch, die später von Hugo Wolf unter demselben Titel vertont wurde.

1861 lernte Heyse bei einem Besuch in Wien Grillparzer und Hebbel kennen. Auf Heyses Zureden übernahm der Verleger Wilhelm Hertz Fontanes Balladen in seinen Verlag.

1862 entstand das Schauspiel Ludwig der Bayer. Heyse gab Ein Münchner Dichterbuch zusammen mit Emanuel Geibel heraus. Andrea Delfin erschien in der Sammlung Neue Novellen. Am 30. September 1862 erlag Heyses Frau Margaretha in Meran einer Lungenkrankheit.

1867 heiratete Heyse die junge Münchnerin Anna Schubart (1850–1930). Die Novelle Beatrice erschien. 1868 entzog Ludwig II. Geibel die Pension wegen des Gedichtes An König Wilhelm, das den preußischen König als zukünftigen Kaiser feierte. Daraufhin verzichtete Heyse auf seine eigene Pension und erklärte freimütig, er sei der gleichen Meinung wie Geibel. Von 1868 bis 1870 entstanden Das Mädchen von Treppi, Die Stickerin von Treviso (Novellen), Moralische Novellen und Die Göttin der Vernunft (Tragödie).

Heyse wurde 1871 Mitglied des Bayerischen Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst. Er entwickelte in der Einleitung des Deutschen Novellenschatzes (bis 1876 24 Bände, herausgegeben mit Hermann Kurz) seine Falkentheorie und veröffentlichte Die Stickerin von Treviso (Novelle).

Anfang der 1870er Jahre erwarb Heyse in der Maxvorstadt, nahe der Glyptothek und den Propyläen am Königsplatz, ein 1835 erbautes kleines Wohnhaus, das er 1872–74 von dem Architekten Gottfried von Neureuther zu einer Villa im neoklassizistischen Stil ausbauen ließ. Hier empfing Heyse zahlreiche Freunde und Gäste. Die Heyse-Villa entwickelte sich zu einem Mittelpunkt der Literatur in München. Heyse spazierte täglich mit seinem Hund durch Schwabing. Der Schriftsteller Hans Carossa erinnerte sich, wie respektvoll die Spaziergänger Paul Heyse im Englischen Garten grüßten.

1887 schlug Heyse vor, Ludwig Anzengruber in den Bayerischen Maximiliansorden aufzunehmen. Als der Vorschlag am Einspruch klerikaler Kreise scheiterte, trat Heyse aus dem Orden aus und gab die ehrenvolle Auszeichnung zurück.

Seit 1899 verbrachte Heyse ein Jahrzehnt lang die Winterhalbjahre in seiner Villa in Gardone Riviera am Gardasee. In dieser Zeit schrieb er das Drama Maria von Magdala, Neue Märchen und Das literarische München – 25 Porträtskizzen. Der alternde Dichter legte immer noch viel vor, aber wenig Neues. In seinen Gedichten finden sich Abschiede und sentimentale Rückblicke.

Adolph von Menzel (Mitte), Paul Heyse (links) und seine Frau (rechts), 1902 in Heyses Münchner Wohnung

Im Jahr 1900 veröffentlichte Heyse seine Jugenderinnerungen und Bekenntnisse. Er wurde Münchner Ehrenvorsitzender des Deutschen Goethe-Bundes, außerdem Ehrenmitglied der Deutschen Schillerstiftung. Zu seinem 70. Geburtstag erschienen Sonderhefte (Jugend), Alben und zahlreiche Publikationen. Wilhelm Bölsche, Georg Brandes, Maximilian Harden und Alfred Kerr widmeten ihm, neben vielen anderen, einen Geburtstagsartikel.

Der alte „Dichterfürst“ unterrichtete sich weiter über die Aktivitäten der jüngeren Schriftstellergeneration. Als Literaturkritiker bewahrte er sich den Blick für das qualitativ Gute und Neue. Auch im vertrauten Kreis gab er sachkundige Urteile ab.

Die Stadt München ernannte Heyse 1910 anlässlich seines 80. Geburtstages zum Ehrenbürger. Prinzregent Luitpold verlieh ihm den persönlichen Adelstitel, von dem er jedoch niemals Gebrauch machte. Am 10. Dezember erhielt Heyse als erster deutscher Autor belletristischer Werke den Literaturnobelpreis.

Die Letzten Novellen und die Italienischen Volksmärchen waren 1914 die letzten Arbeiten Heyses. Heyse starb als letzter der großen Erzähler des 19. Jahrhunderts am 2. April 1914, wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er wurde im alten Teil des Münchner Waldfriedhofs begraben (Grab Nr. 43-W-27a/b).

Persönliche Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Heyse war ein Mittelpunkt des literarischen Lebens in Deutschland. In München galt er nicht nur als literarisches Vorbild und einflussreicher Kunstpapst, sondern auch als beliebter Gastgeber. Er engagierte sich als Anwalt der Dichter, der sich für die juristischen und sozialen Anliegen seines Standes einsetzte, und als Mäzen. Zum eigenen Werk kam stets noch die Beschäftigung mit den Manuskripten anderer hinzu.

Dichterverein Die Krokodile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1856 war Heyse maßgeblich an der Gründung des Dichtervereins Die Krokodile beteiligt. Von ihm war die Idee ausgegangen, sich in einem literarischen Salon mit den jüngeren süddeutschen Dichtern auszutauschen und sie zu fördern. In kurzer Zeit entwickelte sich aus den Krokodilen ein reger literarischer Kreis. In dem männerbündischen Verein wurden ähnliche Sitten gepflegt wie in einer Freimaurerloge. Mit Weinlaubkränzen im Haar scherzten die Dichter in einer verschlüsselten, nur Eingeweihten verständlichen Klubsprache. Vorträge und Diskussionen wurden stets als weihevolle Momente behandelt.

Zu den bekannteren Mitgliedern der Vereinigung gehörten neben Geibel und Heyse der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl, Felix Dahn, Wilhelm Hertz, Hermann Lingg, Franz von Kobell, Friedrich Bodenstedt, der Komponist Robert von Hornstein, der Reiseschriftsteller und Kunstmäzen Adolf Friedrich von Schack. (Heyse, Riehl, Dahn, Hertz, Kobell und Bodenstedt waren auch Mitglieder eines anderen Herrenklubs, der Zwanglosen Gesellschaft München.)

Von den Münchner Schriftstellern der älteren Generation genoss zunächst der Lyriker Emanuel Geibel die größte Autorität. Mit dem Weggang Geibels 1868 wurde Paul Heyse zum Anführer des Vereins. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ging jedoch unter seiner Leitung verloren. Die Gruppe fiel in den Jahren 1878 bis 1882 auseinander.

Heyse als Gastgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul Heyse fotografiert Dezember 1878 von Franz Hanfstaengl

1874 war der Umbau des neu erworbenen Wohnhauses in der Münchner Luisenstraße abgeschlossen. Die neoklassizistische Heyse-Villa lag gegenüber der Lenbach-Villa. Am Eingang wurde man von der Statue eines betenden Knaben begrüßt. Max Halbe berichtete: „Es war ein mit Bildern, Büsten, Antiken, Kunstgegenständen und Erinnerungen eines langen Lebens angefülltes Dichterheim.“

Dank seines Talents zur Freundschaft war Heyse zum Gastgeber größerer Gesellschaften prädestiniert. Er sei ein „schöner und gewinnend liebenswürdiger Mann“ gewesen, schrieb die Schriftstellerin Isolde Kurz, ein „Meister der Rede“, von hoher Kultur und mit „wunderbar diplomatischem Auftreten“. Fontane erinnerte sich: „[…] auch der Eitelste empfand es als ein Vergnügen, ihn sprechen zu hören.“ Die zahllosen Aphorismen, die in Heyses Gesamtwerk gesammelt sind, geben einen Eindruck von seinem Geistreichtum.

Im Hause Heyse traf sich fast alles, was Rang und Namen im literarischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Leben Münchens hatte. Mit Michael Bernays, seit 1874 der erste ordentliche Professor in Deutschland für neuere deutsche Literaturgeschichte, hat sich Heyse bis 1897 fast täglich getroffen. Von der Münchner Presse waren Redakteure auflagenstarker liberaler Blätter vertreten, darunter Baron Fritz von Ostini, der als Literaturkritiker der Regionalzeitung Münchner Neueste Nachrichten wirkte und 1896 als Redakteur der Zeitschrift Jugend. Bei Heyse sprachen deshalb auch häufig junge Autoren vor, die den Einfluss des „Künstlerfürsten“ und seines Kreises zu schätzen wussten. Zu ihnen gehörten Frank Wedekind, Isolde Kurz und Joachim Ringelnatz. Der Dichter nahm sich für seine Gäste stets viel Zeit, gab Ratschläge und versuchte zu helfen.

Mit dem Kunsthistoriker, Musikschriftsteller und Novellisten Wilhelm Heinrich Riehl einte ihn eine lebenslang enge Beziehung. Seinen Einladungen folgten auch der frühnaturalistische Dramatiker Max Halbe und der Schriftsteller Ernst von Wolzogen, der Gründer des ersten literarischen Kabaretts in Berlin. Heyse zählte den Wagner-Dirigenten Hermann Levi zu seinen Freunden, ferner den Nationalökonomen Max Haushofer und den Rechtsanwalt Max Bernstein. Seine treuesten Freunde waren Maler. Heyse ist zu den frühen Förderern Bonaventura Genellis, Franz Lenbachs und Arnold Böcklins zu rechnen. Er selbst hat in dieser Kunst erfolgreich dilettiert und auf seinen Reisen viel gezeichnet.

„Der Vergleich mit Weimar und dem Haus am Frauenplan lag nahe“, berichtete der Dramatiker Max Halbe über Heyses Villa: „Hier wie dort war es eine Hofhaltung im Kleinen. Viele Jahre, weit über ein Menschenalter hindurch, war man in München zu Heyse gepilgert wie vordem nach Weimar zu Goethe.“

Beziehungen zu anderen Autoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heyse bot auch über München hinaus zahlreichen zeitgenössischen Autoren Hilfe und Freundschaft. Er ermunterte immer wieder den schwäbischen Dichter Hermann Kurz und stellte schließlich, nach dessen Tod, 1874/75 die Gesamtausgabe zusammen. Bei dem bayerischen König Maximilian II. versuchte Heyse dem damals mittellosen Theodor Fontane eine Stellung zu verschaffen. Theodor Storm verdankte ihm den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst von 1883, die wichtigste Auszeichnung zu seinen Lebzeiten. Diesen beiden Älteren war Heyse bis zu deren Tod ein ebenbürtiger Partner. Manuskripte wurden ausgetauscht und kritisch begutachtet. Anregungen für neue Novellen, aber auch literaturtheoretische Diskussionen finden sich in vielen der Briefe. Dem Umfang nach wurde er Fontanes zweitwichtigster Briefpartner und der wichtigste für Storm und den Dichter Emanuel Geibel.

Heyses Kontakte reichten in alle literarischen Provinzen Deutschlands. In der Schweiz korrespondierten Jacob Burckhardt und Gottfried Keller mit ihm. Heyse war auch mit Turgenew befreundet, und er war einer der ersten, der Dostojewski in Deutschland bekannt machte.

Die Achtung vor seinem vielfältigen Werk konnten ihm auch viele jüngeren Schriftsteller nicht versagen: „Vielleicht nur noch Maupassant gab mir technisch und stilistisch so viel Vorbildliches wie Paul Heyse“, schrieb Ludwig Ganghofer. „Vor mancher Seite seiner Bücher, auf der ich einen erregten Vorgang geschildert fand, konnte ich halbe Tage lang sitzen und nachgrübeln, wie er das fertig brachte: mit den ruhigsten Worten die stärkste Bewegung zu schildern.“

Kulturpolitisches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heyse zögerte nicht, wenn es darum ging, die Rechte der Autoren einzuklagen und das Selbstbewusstsein des Berufsstandes zu stärken. Ab 1855 konnte er als führendes Mitglied der Schillerstiftung, der damals wichtigsten Standesorganisation deutscher Autoren, über die finanzielle Unterstützung bedürftiger Schriftsteller mitentscheiden. 1871 initiierte er die Genossenschaft deutscher Bühnenschriftsteller und Komponisten, die vor allem die Rechtlosigkeit der Autoren beenden sollte. Zur Abwehr der Lex Heinze, eines verschärften Zensurgesetzes, wurde im Jahr 1900 der Goethe-Bund gegründet, Heyse wurde Ehrenvorsitzender in München.

Heyse beteiligte sich 1867 am Aufruf zu einer Nationalspende für Ferdinand Freiligrath und unterstützte 1887 einen Aufruf zur Errichtung eines Heine-Denkmals in Düsseldorf. Bei vielen Anlässen setzte er seine Autorität, sein Talent, aber auch seine Geldmittel ein. Der „Dichterfürst“ war sich nicht zu schade, einen Prolog zum Besten der Wärmstuben in München zu verfassen oder mit dem Gedicht Das Hundegrab von Oxia einen wirksamen Tierschutz anzumahnen.

In seinen Werken kritisierte er Bigotterie, insbesondere die Frömmelei der Kleriker. Mit der Zeit wurde er immer mehr zum selbstbewussten Kritiker der deutschen Kulturpolitik. Ein Beispiel ist sein Verhalten in der Kommission des preußischen Schiller-Preises für das beste dramatische Werk der letzten drei Jahre, mit dem Heyse 1884 selbst ausgezeichnet worden war. Als 1893 Ludwig Fuldas Talisman von Wilhelm II. abgelehnt wurde, offensichtlich wegen der jüdischen Abstammung des Autors, verzichtete Heyse ab 1896 auf das Ehrenamt in der Auswahlkommission.

Politische Einstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heyse war ein Mann der Mitte, ein liberal denkender Bismarckianer. Wie viele seiner Schriftstellerkollegen setzte er in die Reichsgründung große Hoffnungen. Er sah darin die Erfüllung der Ziele der Revolution von 1848. In einer zurückgehaltenen Notiz des Heyse-Biografen Erich Petzet heißt es: „Nach Bismarcks Entlassung war Heyse unversöhnlich und lehnt alles Entschuldigen hierüber ab, auch gegen die besten Freunde. […] Heyse erblickt instinktiv in Wilhelm II. den Verderber Deutschlands.“ Als Bismarck 1892 München besuchte, jubelte auch Heyse im Gedicht dem Ehrengast zu. Er genoss seine Teilnahme an dem geselligen Abend mit dem Fürsten in der Lenbach-Villa.

Trotz seiner Begeisterung für Bismarck vermied Heyse weitgehend das Nationale, für Chauvinismus war er nicht empfänglich. Teilweise lehnte er Bismarcks Politik ab. In der Zeit des Sozialistengesetzes soll er umfangreiche illegale Sendungen der Sozialdemokratie gedeckt haben. Er tat dies wohl aus einer allgemeinen Sympathie für die Unterdrückten und Benachteiligten.

Literarisches Werk und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Gedichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heyse hat zuerst mit seinen Gedichten Aufmerksamkeit erregt, so bei seinen ersten Auftritten im Berliner „Sonntags-Verein“ Tunnel über der Spree. Mit der Ballade Das Tal des Espingo setzte er sich 1851 bei einem Wettstreit im „Tunnel“ gegen Fontanes Tag von Hemmingstedt und Bernhard von Lepels Dänenbrüder durch. Heyses Gedichte konnten sich in den Augen der sachverständigen Dichterkollegen mit den sehr geschätzten Balladen Fontanes messen.

Heyse wurde einer der meistvertonten Lyriker seiner Zeit. Allein vom Gedicht Im Walde sind 32 Notenfassungen bekannt.

Novellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die insgesamt 177 Novellen sind als bedeutendster Teil des Gesamtwerks anzusehen, obwohl Heyse sie eher für ein Nebenprodukt seines Schaffens hielt. Andrea Delfin oder auch Die Stickerin von Treviso gehören neben den Novellen Storms und Kellers zum Besten in dieser Gattung. Die Qualität der Novellen ist jedoch sehr uneinheitlich, was Heyse in seiner Autobiographie Jugenderinnerungen und Bekenntnisse (Berlin 1900) selbst zugab. Die Erzählungen wurden, nach vorausgehender gründlicher Planung des täglichen Arbeitspensums, in einem Zuge niedergeschrieben; im Druck wurden dann nur noch Flüchtigkeitsfehler berichtigt und einige Wörter durch passendere ersetzt. Heyse mied oberflächliche und langatmige Beschreibungen. Viele der jüngeren Autoren, von Thomas Mann bis Isolde Kurz, gehörten zu seinen Lesern.

Heyse vertrat in seinen Erzählungen zumeist ein unpolitisches Konzept, einen künstlerischen Idealismus. Die Kunst sollte vergolden, veredeln, das Zeitliche „im Licht des Ewigen“ darstellen. Ein Novellentitel von 1864 benennt das Grundmotiv vieler Erzählungen – Die Reise nach dem Glück. Die Figuren in Heyses Novellen und Romanen sind häufig „schöne Seelen“: vorbildliche, edle und künstlerisch empfindende Jünglinge oder selbstlos handelnde „Tat-Frauen“. Der empfindsame, geistig hochstehende Idealist erweist sich bei Heyse als ungeeignet, den Kampf mit dem Niederen und Gemeinen aufzunehmen, er reagiert mit Schweigen und Entsagung. Die Leser identifizierten sich mit diesen zurückgezogenen, in einer „schönen“ Welt der Kunst lebenden Figuren. Die unmoralische und bigotte Gesellschaft lehnten sie ebenso wie der Autor leidenschaftlich ab. Eine bemerkenswerte Entwicklung des Dichters liegt laut Meyers Konversationslexikon (4. Auflage, 1880er Jahre) darin, „daß die späteren Novellen auch herberen Konflikten und einem düsteren Lebenshintergrund nicht mehr ausweichen“. Die Novelle Andrea Delfin behandelt das Thema des gerechten Rächers, der neues Unrecht schafft.

Ein anderer Aspekt ist Heyses Vorliebe für das Einstreuen von „Nuditäten“. Heyse blieb zeitlebens ein erotischer Autor. Sein Ruf als Skandalautor steigerte eher die Reklamewirkung und die Nachfrage nach den sogenannten Familienblättern, in denen Erzählungen von Heyse erschienen (zum Beispiel Die Gartenlaube oder Über Land und Meer).

Heyse erkannte in der Entwicklung der Novelle eine innovative Leistung seiner Generation: „Denn auf dem Gebiet der Novelle hatten wir nicht wie auf anderen von unseren Vätern aus der klassischen Zeit ein reiches Erbe übernommen, das wir hätten ‚erwerben müssen, um es zu besitzen‘. […] Seitdem aber haben wir uns gemüht, an die Novelle höhere Forderungen zu stellen, als daß sie ein müßiges Unterhaltungsbedürfnis befriedige und durch eine Reihe bunter Abenteuer uns ergötze.“

Heyse entwickelte auch eine eigene Novellentheorie. Sie ging als „Falkentheorie“ in die Literaturgeschichte ein, da Heyse sie am Beispiel der Falkennovelle von Boccaccio erläuterte, in der ein verliebter, aber verarmter Jüngling seiner Angebeteten seinen einzigen Besitz, einen Falken, als Essen serviert. Heyse leitete daraus zwei Kategorien ab: Der „Falke“ sei das Besondere, das in jeder Novelle zu finden sein müsse, die „Silhouette“ sei die Konzentration auf dieses Grundmotiv. Diese Theorie, die Heyse 1871 in der Einleitung zum Neuen Deutschen Novellenschatz erstmals darstellte, war nicht wirklich neu und nicht nur auf Novellen anwendbar. Sie war auch für Heyse selbst als Autor und als Herausgeber des Novellenschatzes keine starre Richtlinie. Werner Bergengruen berief sich in der seinerzeit viel gelesenen Novelle Die drei Falken (1937) und auch in seinem Vortrag Novelle und Gegenwart (1962) explizit auf die Falkentheorie.

Romane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Besonders durch seinen ersten Roman Kinder der Welt (1873), der ihn als einen modern denkenden Dichter auswies, wurde Heyse international bekannt. Er zeichnete die Figur Franzelius, einen Sozialisten, als jemanden, der für seine Ideale eine bürgerliche Karriere aufgibt. Die Utopie einer Gesellschaft aus Freidenkern traf das Lebensgefühl der in das neue Reich eingetretenen jungen Generation. Der Schriftsteller Richard Voß begab sich in seiner Begeisterung zur Villa Heyse, um dem Dichter persönlich zu danken. 1900 erinnerte Voß daran, dass sich kaum noch jemand vorstellen könne, wie sehr das Buch – eine „große geistige That“ – beim Erscheinen auf die Jugend gewirkt habe.

Später gab Heyse die „heroischen Illusionen“ auf und entwickelte eine depressive Sicht auf die „kranke […] und ästhetisch confuse“ Zeit. In seinem 1892 veröffentlichten Roman Merlin schimpfte Heyse seitenlang auf die „Mistgabelkunst“ der Moderne. Die Hauptfigur Georg Falkner ließ er sagen: „Aber man mag das Ideal, das Heimweh nach dem Schönen und Großen mit der Mistgabel des Naturalismus noch so hitzig austreiben, es kehrt immer wieder zurück.“ Heyse meinte, hier eines seiner besten Werke geschaffen zu haben. Von literarisch bewanderten Zeitgenossen wurde das Buch vor allem als peinlicher Tendenzroman gegen die Naturalisten aufgefasst.

Dramen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Jugenddrama Francesca von Rimini wurde wegen einiger angeblich freizügiger Passagen in den literarischen Kreisen Berlins lebhaft besprochen.

Mit der Tragödie Die Sabinerinnen gewann Heyse 1859 erstmals einen vom bayerischen König ausgesetzten Literaturpreis. Mit dem Schauspiel Ludwig der Bayer (1862) erfüllte Heyse einen langgehegten Wunsch Maximilians II., ein bayerisches Historiendrama zu schaffen. Das Stück fiel jedoch bei der Aufführung durch.

1864 folgte das Schauspiel in fünf Akten Hans Lange, das in Rügenwalde in Hinterpommern angesiedelt ist und die Legende vom Bauern Hans Lange zum Thema hat, die sich um die Jugend des pommerschen Herzogs Bogislaw X. rankt.[4] Das Thema war zuvor bereits von dem pommerschen Dichter Wilhelm Meinhold (* 1797; † 1851) aufgegriffen worden.[5]

1865 entstanden die Tragödie Hadrian (das Werk erhielt in der griechischen Übersetzung einen Bühnenpreis in Athen), die Tragödie Maria Maroni und das Drama Colberg, das populärste Stück Heyses. Der Autor erhielt nach hunderten Colberg-Aufführungen in ganz Deutschland am 31. März 1890 die Ehrenbürger-Urkunde der Stadt Kolberg. Das Drama erschien bis 1914 in 180 Auflagen. Es war an preußischen Gymnasien Pflichtlektüre und gehörte zum ständigen Repertoire der Schulfeiern an Kaisers Geburtstag oder am Sedantag.

Die Aufführung des religiösen Dramas Maria von Magdala (1899) wurde im Jahr 1901 von der preußischen Zensur verboten. Daraufhin setzte eine große Solidaritätsbewegung zugunsten des Dichters ein. In München, wo die mächtige ultramontane Zentrumspartei das Theaterleben restriktiv kontrollierte, wurde sogar, um sich von Berlin abzugrenzen, eine Aufführung erlaubt. Der Zensurprozess in Preußen zog sich bis 1903 hin.[6]

Autobiografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heyses Jugenderinnerungen und Bekenntnisse (1900) sind eine spannende Autobiografie. Der Dichter, selbst ein Prominenter, der viel in den arrivierten Kreisen verkehrte, lieferte genaue Beschreibungen berühmter Männer seiner Zeit, unter anderem literarische Porträts der Freunde Adolph Menzel und Emanuel Geibel, Theodor Fontane und Hermann Kurz, Ernst Wichert und Ludwig Laistner. Ähnlich wie Goethe in Dichtung und Wahrheit beschränkte Heyse sich nicht auf private Episoden, sondern legte im Bewusstsein seiner öffentlichen Rolle eine Bilanz des 19. Jahrhunderts vor. Die Erzählung seines Lebens ist zugleich ein aufschlussreiches Dokument über die Verhältnisse in Berlin und München.

Heyse als Wiederentdecker Italiens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heyse kann als der Wiederentdecker Italiens in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts gelten. Italien und Deutschland nannte er seine beiden Vaterländer. Durch Heyses Vermittlung ist die seinerzeit neuere italienische Literatur in Deutschland bekannt geworden. Als unermüdlicher Übersetzer aus dem Italienischen und als Herausgeber des Novellenschatzes des Auslandes (1872/1903) hat Heyse viel zum kulturellen Austausch beigetragen. In den Jahren von 1889 bis 1905 erschien seine Anthologie mit italienischen Dichtern seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in fünf Bänden. Darin finden sich Übersetzungen von Gedichten Manzonis, Leopardis und D’Annunzios. Mit den von ihm nacherzählten italienischen Volksmärchen sicherte er auch dieser Literatur einen Platz in Deutschland. Eine von Heyse ins Deutsche übertragene Sammlung volkstümlicher italienischer Gedichte wurde von Hugo Wolf unter dem Namen Italienisches Liederbuch vertont.

Auch mit seinen Novellen hat es Heyse verstanden, den Deutschen Land und Leute, Sprache und Geschichte näher zu bringen. Er vermittelte seine Landeskenntnis unterhaltsam in der Form der Erzählung. Nicht zuletzt seine italienischen Mädchengestalten waren beliebt, etwa die Laurella aus L'Arrabbiata (1853) oder die Titelfigur der Novelle Nerina (1875).

Lieblingsautor der Deutschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heyse war seit den 1860er Jahren ein Lieblingsautor der Deutschen. Für das deutsche Bürgertum war er der Garant für eine formvollendete Poesie, die den klassischen Idealen des „großen“ Goethe nachfolgte und sie zugleich für die Gegenwart bewahrte. Er war auch ein gern gelesener Autor für die Arbeiterschaft, die Franz Mehring in einem Aufsatz ausdrücklich vor dem in seinen Klassenschranken befangenen Dichter warnte. Sein erster Roman Kinder der Welt verhalf ihm zu hoher Popularität. In Kunsthandlungen hing schon zu Lebzeiten Heyses dessen Bild.

In den literarischen Journalen Deutschlands nahm man Heyse während seiner produktivsten und erfolgreichsten Schaffensphase zur Kenntnis, aber auffällig wenige Rezensionen einzelner Werke erschienen. Heyse wurde dennoch von seinen Lesern verehrt. Zu Heyses runden Geburtstagen wurden Unmengen von Glückwünschen und Würdigungen formuliert. Werner Martin dokumentierte 112 Beiträge zum 70. Geburtstag Heyses (1900) und 99 Beiträge zum 80. Geburtstag (1910), wozu noch 17 Artikel anlässlich der Nobelpreisverleihung zu rechnen sind.

Um 1900 hatte Heyse den Höhepunkt seines Ruhmes jedoch überschritten. Die Jüngeren lehnten ihn als einen Vertreter der älteren Dichtergeneration ab. Dem jungen Joachim Ringelnatz bereitete es bei einem Besuch Probleme, dem Dichter auf die Frage „Was kennen Sie zum Beispiel?“ wenigstens dessen einst populäres Lied von Sorrent vorzutragen. Als Hans Carossa um 1897 mit der Lektüre des Romans Kinder der Welt begann, kam er kaum über das erste Drittel hinweg. Im Simplicissimus, der besten Satirezeitschrift vor dem Ersten Weltkrieg, erscheint Heyse bloß noch als Karikatur.

Kritik an Heyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heyse war frühzeitig ein Gegner des Naturalismus. Schon 1882 widmete er den Naturalisten im Neuen Münchner Dichterbuch ein Spottgedicht, in dem er sie als „Crapüle“ (Gesindel) verächtlich machte. Ein Stimmungsumschwung gegen Heyse setzte 1885 ein, als die naturalistischen Autoren der Zeitschrift Die Gesellschaft Heyse in das Zentrum literarischer Debatten rückten. Für das Jahr 1885 verzeichnet die Heyse-Bibliographie erstmals zehn Aufsätze über den Dichter, davon allein sieben in der neu gegründeten Gesellschaft, der bis 1889 wichtigsten frühnaturalistischen Zeitschrift. Der in München lebende Schriftsteller Michael Georg Conrad forderte hier ein Ende der „Surrogatfabrikation“ der sogenannten Familienblätter. Obwohl Conrad selbst dem Jahrgang 1846 angehörte, war der Generationskampf – die Ablösung Heyses – eines der Generalthemen der Gesellschaft. Der einflussreiche „Künstlerfürst“ Heyse musste nach Ansicht der Naturalisten bekämpft werden, da „dessen Bedeutung und Einzigkeit nur in einem bestimmten Münchener Milieu von engbeschränktem Schönheitsempfinden und duseliger Behäbigkeit sich zu entfalten vermochte“, so Conrad. Die Heyse-Feindschaft wurde auch von den Berliner Mitarbeitern der Gesellschaft, Conrad Alberti und Karl Bleibtreu, übernommen.

Der Münchner Naturalismus war weniger eine neue literarische Richtung als ein von Intellektuellen geführter Kampf gegen neureiche Gründerzeit-Mentalität, kulturelle Stagnation und Schöngeisterei, gegen falsche Frömmigkeit und die Verlogenheit der öffentlichen Moral. Ein halbwegs geschlossenes Programm oder ein literarisches Werk, an dem die geforderte Erneuerung sichtbar werden würde, ging aus dem Kreis um Michael Georg Conrad nicht hervor. Stilistisch und formal boten die Texte kaum etwas Neues gegenüber den so heftig befehdeten traditionellen Erzählweisen. Neu war der aggressive Ton, mit dem die Gruppe – bald auch gegen die Berliner Naturalisten um Gerhart Hauptmann – auf sich aufmerksam machte.

Auffallend ist, dass Heyse zu Beginn noch eine gewisse Gerechtigkeit widerfuhr. Bleibtreu handelte ihn 1886 in seiner Programmschrift Revolution der Litteratur als einen immerhin bedeutenden, erotischen Epiker ab. Nachdem Conrad und seine Mitarbeiter bald den Wert eines „Feindbildes Heyse“ für die eigene Profilierung erkannt hatten, galt Heyse bei den Münchner Naturalisten nur noch als Epigone ohne eigene Kreativität, seine Sprache sei „geistesarm“, die Figuren „flach und reizlos“, die psychologische Technik „roh und leichtfertig“. Alberti kritisierte ihn als „Fälscher der schlimmsten Sorte“. Bemängelt wurden Heyses Stoffwahl und seine Motivierungen. Er sei angeblich mitleids- und interessenlos, seine Sprache wirke feminin und altersschwach. Konrad Alberti sah in Heyse 1889 ausdrücklich nicht nur den einzelnen Menschen, sondern ein „Symbol“. Seine Kritik mündete in dem viel zitierten, später von ihm selbst zurückgenommenen Satz: „Heyse lesen, heißt ein Mensch ohne Geschmack sein – Heyse bewundern, heißt ein Lump sein.“ Die heftigen und zum Teil mit viel Witz vorgetragenen Schmähungen der Heyse-Gegner wirken in literaturgeschichtlichen Darstellungen der Gegenwart nach.

Es blieb nicht bei einer ästhetischen Debatte über bessere Literatur. Die Person des „Künstlerfürsten“ – seine teilweise jüdische Herkunft, seine „Schönmännlichkeit“, seine Charaktereigenschaften, seine angebliche „Honorargeilheit“ – wurde angegriffen. In den berechtigten kritischen Einwänden schwang immer eine gehörige Portion Neid mit. So heißt es bei Bleibtreu mit Bezug auf Heyse: „Wißt ihr, worauf es ankommt, daß heutzutage ein Goethe […] sich entwickelt? Auf den Beutel desselben oder auf sein Strebertalent, auf weiter nichts.“ Die Fehde zwischen Heyse und Conrad dauerte lange an. Conrad nutzte seinen Roman Majestät (1912) zu etlichen Seitenhieben gegen Heyse.

Postume Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Berlin und München wurde jeweils eine Straße nach Heyse benannt.

In den von Revanchegefühlen erfüllten Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg stießen sich nationalistisch gesinnte Leser an dem Weltbürger Heyse, der zudem noch von der Mutter her jüdischer Abstammung war. Als Heyses Schauspiel Colberg 1943/44 von Veit Harlan in weiten Teilen als Vorlage für das Drehbuch des NS-Durchhaltefilms Kolberg benutzt wurde, durfte dies nicht öffentlich erwähnt werden.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1855: Novellen. Hertz, Berlin (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  • 1859: Tragödie Die Sabinerinnen
  • 1860: Novelle Der Centaur (neu bearbeitet 1870 unter dem Titel Der letzte Centaur)
  • 1860: Italienisches Liederbuch, eine Sammlung italienischer Volkslieder
  • 1862: Schauspiel Ludwig der Bayer
  • 1862: Novelle Andrea Delfin, erschienen in der Sammlung Neue Novellen (Andrea Delfin wurde 1927 unter der Nr. 86/2 in die Insel-Bücherei übernommen)
  • 1862: Ein Münchner Dichterbuch (als Herausgeber, zusammen mit Emanuel Geibel)
  • 1864: Gesammelte Novellen in Versen (erweitert 1870)
  • 1864: Meraner Novellen
  • 1864: Schauspiel Hans Lange
  • 1865: Tragödie Hadrian
  • 1865: Tragödie Maria Maroni
  • 1865: Novelle Die Witwe von Pisa
  • 1865: Drama Colberg
  • 1866: Gedicht Frauenemancipation, eine „Fastenpredigt“
  • 1866: Novelle Auferstanden
  • 1873: Roman Kinder der Welt (vorabgedruckt 1872 in der Berliner Spenerschen Zeitung), Heyses erster Roman
  • 1882: Troubadour-Novellen
  • 1883: Novelle Unvergeßbare Worte
  • 1899: Drama Maria von Magdala
  • 1900: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse (Autobiografie)

Editionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul Heyse: Gesammelte Werke (Gesamtausgabe). Hrsg. von Markus Bernauer und Norbert Miller. Hildesheim: Olms 1984 ff.
  • Paul Heyse: Der Centaur. Italienische Novellen. Hrsg. von Mirko Gemmel. Nachwort von Norbert Miller. Berlin: Ripperger & Kremers 2014, ISBN 978-3-943999-19-8.
  • Paul Heyse: Liederquelle, Traum und Zauber. Ausgewählte Gedichte. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Walter Hettche. München: Allitera 2013.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fritz Martini: Heyse, Paul. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 9, Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-00190-7, S. 100–102 (Digitalisat).
  • Roland Berbig und Walter Hettche (Hrsg.): Paul Heyse. Ein Schriftsteller zwischen Deutschland und Italien. Lang, Frankfurt am Main 2001 (Literatur – Sprache – Region 4), ISBN 3-631-37378-3.
  • Walter Hettche: Theodor Storm und Paul Heyse. Literarische und biographische Aspekte einer Dichterfreundschaft. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt. 1995, S. 39–57.
  • Urszula Bonter: Paul Heyse. Hofdichter und Publikumsschriftsteller. In: Die höchste Ehrung, die einem Schriftsteller zuteil werden kann. Deutschsprachige Nobelpreisträger für Literatur, hrsg. von Krzysztof Ruchniewicz und Marek Zybura. Neisse, Dresden 2007, S. 61–88, ISBN 978-3-940310-01-9.
  • Wolfgang Beutin: Das Wirkliche zur Schönheit läutern. In: Preisgekrönte. Zwölf Autoren und Autorinnen von Paul Heyse bis Herta Müller. Ausgewählte Werke, sprachkritisch untersucht. Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2012, ISBN 978-3-631-63297-0, S. 31–53.

Bibliographie

  • Werner Martin (Hrsg.): Paul Heyse – eine Bibliographie seiner Werke. Mit einer Einführung von Norbert Miller. Olms, Hildesheim 1978 (Bibliographien zur deutschen Literatur 3), ISBN 3-487-06573-8 (187 Seiten).

Zu den Novellen

  • Rainer Hillenbrand: Heyses Novellen: ein literarischer Führer. Lang, Frankfurt am Main 1998, 991 Seiten, ISBN 3-631-31360-8. (Hillenbrand benennt die seiner Meinung nach 17 besten Novellen Heyses.[7])
  • Rolf Füllmann: Die symbolischen Wunden. Paul Heyses Novellen und das weibliche Begehren. In: Veszprémi Egyetem: Studia Germanica Universitatis Vesprimiensis, ISSN 1417-4340
    • Teil 1: Frauengestalten zwischen Fantastik und Exotik. In: Bd. 2 (1998), Heft 2, S. 145–166.
    • Teil 2: Selbstbewußte Weiblichkeit in literarischen und essayistischen Texten. In: Bd. 3 (1999), Heft 1, S. 37–57.
  • Torsten Hoffmann: In Blut schwimmen. Liebe und Gewalt in Paul Heyses unterschätzter Novelle 'L’Arrabbiata'. In: literatur für leser 32 (2009), S. 135–148.
  • Nicole Nelhiebel: Epik im Realismus. Studien zu den Versnovellen von Paul Heyse. Igel-Verlag Wissenschaft, Oldenburg 2000 (Literatur- und Medienwissenschaft 73), Uni Bremen Diss. 1999, ISBN 3-89621-104-8.

Zu weiteren Teilen und Aspekten des Werks

  • Sebastian Bernhardt: Das Individuum, die Normen und die Liebe im erzählerischen Gesamtwerk Paul Heyses, Ergon Verlag, Würzburg 2013. 250 Seiten, ISBN 978-3899139730.
  • Urszula Bonter: Das Romanwerk von Paul Heyse. Königshausen & Neumann, Würzburg 2008. 262 Seiten.
  • Gabriele Kroes-Tillmann: Paul Heyse Italianissimo. Über seine Dichtungen und Nachdichtungen. Königshausen & Neumann, Würzburg 1993, ISBN 3-88479-787-5.
  • Jürgen Joachimsthaler: Wucherblumen auf Ruinen. Nationalliterarische (Des)Integration bei Paul Heyse. In: Maria K. Lasatowicz, Jürgen Joachimsthaler (Hrsg.): Nationale Identität aus germanistischer Perspektive. Opole 1998, S. 217–254.

Zu den Briefwechseln

  • Fridolin Stähli (Hrsg.): "Du hast alles, was mir fehlt ..." Gottfried Keller im Briefwechsel mit Paul Heyse. Th. Gut & Co., Stäfa (Zürich) 1990, ISBN 3-85717-062-X.
  • Jacob Bernays: „Du, von dem ich lebe!“ Briefe an Paul Heyse. Hrsg. von Wiliam M. Calder III und Timo Günther. Wallstein, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0743-8 (mit zwei Briefen von Heyse an Bernays).
  • Walter Hettche: Paul Heyses Briefwechsel. Möglichkeiten der Edition, dargestellt am Beispiel der Korrespondenz mit Berthold Auerbach. In: Euphorion 89 (1995), S. 271–321.
  • Walter Hettche: Literaturpolitik. Die „Münchner literarische Gesellschaft“ im Spiegel des Briefwechsels zwischen Paul Heyse und Ludwig Ganghofer. In: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 55 (1992), H. 3, S. 575–609.
  • Der Briefwechsel zwischen Karl Frenzel und Paul Heyse. Hrsg. v. Walter Hettche. In: Berliner Hefte zur Geschichte des literarischen Lebens. 6 (2004), ISSN 0949-5371, S. 105–123.

Zu den Tagebüchern

  • Roland Berbig und Walter Hettche: Die Tagebücher Paul Heyses und Julius Rodenbergs. Möglichkeiten ihrer Erschließung und Dokumentation. In: Jochen Golz (Hrsg.): Edition von autobiographischen Schriften und Zeugnissen zur Biographie. Internationale Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition an der Stiftung Weimarer Klassik, 2.-5. März 1994, autor- und problembezogene Referate. Niemeyer, Tübingen 1995 (Beihefte zu editio, Band 7), S. 105–118.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  Wikiquote: Paul Heyse – Zitate
 Commons: Paul Heyse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Paul Heyse – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heyse wurde und wird oft als „Dichterfürst“ bezeichnet. Vgl. Sigrid von Moisy: Paul Heyse. Münchner Dichterfürst im bürgerlichen Zeitalter. Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek, 23. Januar bis 11. April 1981. Beck, München 1981 (Ausstellungs-Kataloge der Bayerischen Staatsbibliothek 23), ISBN 3-406-08077-4.
  2. Zwanglose Gesellschaft: Hundertfünfzig Jahre Zwanglose Gesellschaft München 1837-1987, Universitätsdruckerei und Verlag Dr. C. Wolf und Sohn KG, München 1987, 159 Seiten
  3. Briefwechsel von Gottfried Keller, siehe unter Paul Heyse
  4. Schauspiel Hans Lange bei Google Books
  5. Wilhelm Meinhold: Bogislaw der Große (X.), Herzog von Pommern, und der Bauer Hans Lange, Romanze in drei Abteilungen, Handlungsjahr 1474. In: O. L. B. Wolff: Enzyklopädie der deutschen Nationalliteratur, 5. Band, Leipzig 1840, S. 218 ff.
  6. Andreas Pöllinger: Der Zensurprozeß um Paul Heyses Drama «Maria von Magdala» (1901–1903). Ein Beispiel für die Theaterzensur im Wilhelminischen Preußen. Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, Band 44, Frankfurt/Main u. a. 1989, ISBN 978-3-631-42053-9.
  7. Vgl. „Die 17 besten Novellen von Paul Heyse“. In: Der Umblätterer, 15. März 2011.