Paul von Thurn und Taxis

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Paul von Thurn und Taxis in der Uniform eines bayerischen Leutnants

Paul Maximilian Lamoral Fürst/Prinz[1] von Thurn und Taxis (* 27. Mai 1843 auf Schloss Donaustauf bei Regensburg; † 10. März 1879 in Cannes, Frankreich) war das dritte Kind von Fürst Maximilian Karl von Thurn und Taxis und dessen zweiter Frau, Mathilde Sophie zu Oettingen-Oettingen und Oettingen-Spielberg (1816–1886).

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul verbrachte seine Kindheit und Jugend, abgesehen von Sommeraufenthalten auf Schloss Donaustauf und Schloss Taxis (Schwäbische Alb), auf Schloss St. Emmeram in Regensburg, dem Hauptsitz der fürstlichen Familie. Dort erhielt er wie die anderen fürstlichen Nachkommen Unterricht von Privatlehrern. Im Rahmen einer mehrtägigen Separatprüfung im Juli 1861 am Regensburger Gymnasium schloss er seine schulische Ausbildung mit dem „Gymnasial-Absolutorium“[2] (= Abitur) und der Endnote „Sehr gut“ ab. Er habe, so heißt es in der Begründung, „durch seine reiche geistige Begabung, durch seine allseitige und gründliche wissenschaftliche Bildung, und überhaupt durch seine ganze, von den trefflichsten Eigenschaften getragenen Persönlichkeit den vortheilhaftesten Eindruck gemacht“. Er war musisch begabt, hatte eine sehr gute Stimme und lernte hervorragend Klavierspielen.

Freund König Ludwigs II. von Bayern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter Bezugnahme auf das traditionell gute Verhältnis des Hauses Thurn und Taxis mit dem Wittelsbacher Königshaus bat Pauls Vater Maximilian Karl bei König Maximilian II. von Bayern für seinen Sohn eine Offiziersstelle. Nachdem Paul bereits in Regensburg militärischen Privatunterricht erhalten hatte, trat er am 15. November 1861 mit 18 Jahren als Unterleutnant (Junior-Leutnant) in das 2. Artillerie-Regiment der Bayerischen Armee (Garnison Würzburg) ein. Am 1. November 1863 wurde er Ordonnanzoffizier Maximilians II. und nach dessen unerwartetem Tod am 10. März 1864 Adjutant seinen Freundes, des nunmehrigen bayerischen Königs Ludwig II. Am 18. Januar 1865 wurde er mit 20 Jahren bei gleichzeitiger Beförderung zum Oberleutnant zum persönlichen Flügeladjutanten des Königs ernannt.

Während eines dreiwöchigem gemeinsamen Aufenthaltes in der Königlichen Villa in Berchtesgaden (September 1963), das die beiderseitigen Eltern arrangiert hatten, schlossen Paul und Kronprinz Ludwig eine enge Freundschaft. Die beiden jungen Männer begeisterten sich Kunst, für Musik, Theater und Literatur. Sie liebten Aufenthalte in der Gebirgswelt und waren hervorragende Reiter. Sie hatten eine humanistische Schulbildung durchlaufen, waren im katholischen Glauben verwurzelt und nahmen ihre religiösen Pflichten ernst. Äußerlich sahen sie sich zum Verwechseln ähnlich.

Paul wuchs im Kreis einer großen Familie unter zahlreichen Halbgeschwistern und Geschwistern auf. Das erforderte Anpassung und Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen anderer. – Ludwig dagegen hatte nie die Möglichkeit, vergleichbare soziale Erfahrungen zu machen. Seine Erziehung war darauf angelegt, ihn in die Rolle des Kronprinzen einzuüben, so dass er bereits in frühen Jahren von anderen ein unterwürfiges Verhalten erwartete. In seiner herausgehobenen Position war er sozial isoliert. Eigenes Fehlverhalten einzugestehen, sich zu entschuldigen oder konstruktiv mit Kritik umzugehen waren Verhaltensweisen, die er nie lernte. In der Person Pauls begegnete ihm ein fast Gleichaltriger, der seinen  Einsamkeitsgefühlen entgegenzuwirken vermochte.

Wie man Ludwigs Tagebuchaufzeichnungen[3] und Pauls Briefen an Ludwig[4]  entnehmen kann, erlebte er mit ihm intensive Phasen einer hochgestimmten, zuweilen ekstatisch gesteigerten Freundschaft mit homoerotischer Konnotation[5]. Die erhaltenen Briefe Pauls an Ludwig können sowohl als Freundschafts- wie als Liebesbriefe interpretiert werden. Sie lassen aber keinen eindeutigen Schluss auf tatsächlich vollzogenen homosexuellen Verkehr zu. Die von Paul brieflich mitgeteilten zärtlichen Verhaltensweisen wie Küsse, Umarmungen, Treue- und Liebesschwüre bewegen sich historisch gesehen im Rahmen, ggf. im Randbereich empfindsamer Freundschaften unter Männern im 19. Jahrhundert.- Paul war für Ludwig trotz aller späteren bedauerlichen Ereignisse der einzige kongeniale Freund.

Adjutant Ludwigs II.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ludwig II. mit Mutter Marie, Bruder Otto und Gefolge (Prinz Paul stehend ganz rechts), Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Paul stand an der Seite eines Königs, den sein unvorbereiteter Regierungsantritt im Alter von 18 Jahren überforderte. Sein Selbstbild als  König "von Gottes Gnaden" widersprach der Verfassung Bayerns als einer konstitutionellen Monarchie. Scheu vor der Öffentlichkeit und menschliche Defizite beeinträchtigten seine Regentschaft. Paul erlebte und erlitt die Folgen von Ludwigs Verkennung politischer Realitäten. Obwohl er ihm in dienstlichen Angelegenheiten unterstellt war, übernahm er gegenüber dem vielfach unentschlossenen und von Stimmungen beeinflussten König die Rolle des Ratgebers, der bestrebt war, ihn vor unbedachten Handlungen zu bewahren.

Vom 18. Juni bis 15. Juli 1864 hielt sich Ludwig mit Begleitung im Kurort Kissingen auf, ein gesellschaftliches Ereignis von europäischem Rang. In Begleitung seines Flügeladjutanten begrüßte er den österreichischen Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin Elisabeth, Zar Alexander II. von Russland und Zarin Maria Alexandrowna. Anwesend waren ebenfalls Pauls Mutter Mathilde Sophie und Helene Herzogin in Bayern, zugleich Fürstin von Thurn und Taxis. Damit war Paul wenige Monate nach seinem Dienstantritt auf internationalem Parkett angekommen.

Zum Abschluss des Herbstmanövers 1864 nahm Ludwig als Oberbefehlshaber der bayerischen Armee am 17. September seine erste Militärparade ab. Beteiligt waren 5700 Soldaten aller Ränge und 1600 Pferde. Zur militärischen Entourage des Königs, an der die Truppen vorbeizogen, gehörte auch Paul in farbiger Paradeuniform, denn als  Verbindungsoffizier des Königs zur Armee war er Angehöriger der obersten militärischen Ebene.

Den 20. Geburtstages Ludwigs am 25. August 1865 krönten Paul und Richard Wagner mit einer theatralischen Aktion. Während ein elektrisch beleuchteter Kahn in Form eines Schwans von einem unsichtbaren Drahtseil über den Alpsee in Richtung Schloss Hohenschwangau gezogen wurde, sang Paul in einem Lohengrin-Kostüm Arien aus der gleichnamigen Wagner-Oper, begleitet von 30 Militärmusikern, die sich, von Wagner dirigiert, am Ufer versteckt hielten. Der Komponist hatte Paul zuvor persönlich auf diesen Auftritt vorbereitet. Paul wurde von Ludwig für diese bis November dreimal wiederholten Auftritte überschwänglich gelobt. Die bayerische Presse hingegen kommentierte sie höhnisch als skurrile Kindereien, unwürdig eines Staatsoberhauptes. Sie schadeten dem Ansehen Pauls bei seiner Familie und beim gesamten bayerischen Adel.

Die Beziehung zwischen Paul und Ludwig erreichte ihre größte Intensität in jenen Monaten des Jahres 1866, in denen der Krieg des Deutschen Bundes gegen Preußen vorbereitet, geführt und verloren wurde. Bis zuletzt wollte Ludwig seinem Volk einen Krieg ersparen. Er gab schließlich dem politischen Druck nach, zog sich aber ab Juni wochenlang in Begleitung Pauls Paul nach Schloss Berg und auf die  Roseninsel im Starnberger See zurück. Die Bayern sahen sich von ihrem König im Stich gelassen. Paul erkannte das politisch unkluge Verhalten Ludwigs. Dennoch fühlte er sich verpflichtet, an seiner Seite zu bleiben und den Freund in seiner depressive Phase aufzuheitern. Es gelang ihm zusammen mit Richard Wagner im Hintergrund, den König von seiner Rücktrittsabsichte abzubringen[6].  - Die öffentliche Berichterstattung über die Rückzüge Ludwigs in Begleitung Pauls war verheerend.

Spannungen und Krisen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Beziehung zwischen Paul und Ludwig war immer wieder Krisen ausgesetzt. Von Anfang an regte sich unter den Hofbeamten Widerstand gegen ihn, weil er in seiner Schlüsselposition zur rechten Hand des Königs und zu dessen Sprachrohr avanciert war: "An die Stelle der Herren von Pfistermeister, Lutz und Hoffmann [hochrangige Beamte des königlichen Kabinetts] aber ist der blutjunge, gleich unerfahrene Flügel-Adjutant Fürst Taxis getreten. Er vermittelt jetzt die Gnaden allein" [7]. Er wurde mehrfach bei Ludwig durch Zuträger denunziert, erstmals im Herbst 1863[8].  Hinzu kamen die unberechenbaren Gefühlsschwankungen Ludwigs und dessen Unfähigkeit, mit Kritik umzugehen. Vermutlich war Paul der Einzige im Umfeld des Königs, der es wagte, ihm zu widersprechen. Ihr trotz aller Treuebekundungen krisenanfälliges Verhältnis eskalierte im Frühjahr 1866, doch noch einmal kam es zur Versöhnung[9].

 Das Spannungsverhältnis zwischen zärtlicher Freundschaft auf Augenhöhe und abhängiger dienstlicher Stellung charakterisierte Pauls Situation von Anfang an. Die mit diesem Konfliktpotenzial gegebene Brisanz unterschätzte er. Da sich in seiner Doppelfunktion Privates und Dienstliches unentwirrbar mischten, war Paul unentwegt im Einsatz. Ludwig verlangte die sofortige Umsetzung seiner privaten Wünsche und dienstlichen Anweisungen. Gleichzeitig neigte er zur Nachtarbeit und legte mit Paul weite Entfernungen per Pferd auch nachts zurück, so dass sich bei Paul tagsüber Ermüdungsphasen einstellten[10].

Während eines mehrtägigen Gebirgsausfluges stürzte Ludwig am 7. September 1866 mit seinem Pferd bei Böbing/Oberbayern auf den neben ihm reitenden Paul[11], der eine "nicht unbedeutende Kopfverletzung" erlitt[12], vermutlich eine schwere Gehirnerschütterung und weitere Verletzungen. Ludwig fürchtete in den folgenden "schwarzumflorten Stunden" [13] um das Leben Pauls, begleitete dessen Transport per Zug bis Starnberg und besuchte den langsam Genesenden täglich in seiner Münchener Wohnung in der Türkenstraße 82. Nach drei Wochen nahm Paul seinen Dienst wieder auf, er kam aber auf Grund seiner geschwächten Konstitution mit der Erledigung von Aufträgen Ludwigs in Verzug.

Paul – Ludwig II. – Richard Wagner - Cosima von Bülow[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ludwig hatte seinen Lebenssinn mit Richard Wagner und seinem  musikalischen Werk untrennbar verbunden, wie u. a. sein Brief vom 17. August 1866 an seine Cousine Sophie Herzogin in Bayern zeigt: "Sein [= Wagners] Todestag ist auch der meine. – Das ist sicher, denn die Liebe zu ihm, die der Grund meiner Wonnen und Leiden ist, ward in mir zum religiösen Cultus, ohne ihn kann ich nicht leben."[14]und  begeisterte Paul für Wagners Musik. Er war einer der wenigen Adeligen in Bayern, der zum politisch wie musikalisch umstrittenen Komponisten stand. In Wagner sah er darüber hinaus einen Freund, dem er sich mit seinen Ängsten um Ludwig und auch mit eigenen Problemen anvertraute. Ihn fragte er z.B. um Rat, ob er die ihm von Ludwig angetragene Intendanz des Münchener Residenz- und Nationaltheaters annehmen solle. Als "Wagnerianer" markiert, nahm er die dadurch bedingte Beschädigung seines Ansehens in der eigenen Familie und bei seinen Standesgenossen in Kauf.

In geheimen Missionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Ausweisung Wagners aus Bayern am 10. Dezember 1865 wuchs Pauls Bedeutung für den König, weil er ihm mehrmals als geheimer Bote und Vermittler nach Tribschen am Vierwaldstädter See diente, dem Schweizer Aufenthaltsort Wagners. Ludwig setzte alles daran, sich die Schaffenskraft Wagners zu erhalten und seine Opern aufführen zu lassen. Paul war sein vertrauenswürdiger Berichterstatter und überbrachte Ludwig die Originalpartitur der "Walküre". Wagner und Cosima hatten größtes Interesse daran, sich das Wohlwollen Ludwigs mit allen – selbst erpresserischen - Mitteln zu erhalten. Gemeinsam verhinderten Wagner und Paul Ludwigs Rücktritt sowie dessen geplantes Exil in der Schweiz und brachten ihn zur personellen Umbesetzung seines Kabinetts, das die finanziellen Zuwendungen an den Komponisten immer wieder blockierte.

Unter dem Pseudonym Friedrich Melloc reiste Paul am 6. August 1866 nach Tribschen, um im Auftrag Ludwigs Wagner zu bewegen, nach München zurückzukehren. Wagner lehnt ab. Der folgende Brief an Ludwig ist vom 7. August 1866 datiert: „Ich habe gerade den intimen Zirkel der lieben Freunde [= Richard Wagner und Cosima] verlassen und ich ging zu dem gemütlichen kleinen Zimmer, wo wir gemeinsam waren … Eine schöne Erinnerung! … Er und Frau Vorstel [= Wagner und Cosima] übermitteln ihre ergebensten Grüße. Gott schütze dich und behüte dich auf dem Thron. Das ist ihr Wunsch und auch mein eigener, denn nur so können wir unser hohes Ideal erreichen. …“ [15]

Paul von Thurn und Taxis als Lohengrin

Entlassung und Verbannung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Wirkung vom 7. November 1866 wurde Paul seiner Stellung beim König enthoben und zum 3. Reitende Artillerieregiment versetzt, wobei ihm "die allerhöchste Anerkennung seiner Dienstleistung"[16] ausgesprochen wurde. Er tritt jedoch dort seinen Dienst nicht an, eine Tatsache, die ihm später als Fahnenflucht ausgelegt wurde..[17] Am 18. Januar 1867 erfolgt auf seinen Antrag hin seine offizielle Entlassung aus dem Miitärdienst. Paul konnte sich seine plötzliche Verbannung aus der Nähe Ludwigs nicht erklären, wie sein in diesem Zusammenhang geschriebener Brief zeigt:

„Mein einzig geliebter Ludwig! Mein Alles!

Was in aller Heiligen Namen hat Dir Dein Friedrich denn gethan! Was hat er denn so Hartes gesagt, das keine Hand, keine gute Nacht, ja daß kein Wiedersehen Ihm heute mehr vergönnt? Wie ich mir zu Muthe, kann ich Dir nicht schildern. Meine bebende Hand mag Dir die innere Bewegung kund thun. Ich wollte Dich nicht kränken. Vergib, sei mir wieder gut, sonst fürchte ich das Ärgste, so halte ich es nicht aus. Mögen meine Töne versöhnend zu Dir aufsteigen. Amen! Vergib deinem unglücklichen Friedrich.[18]

In keinem offiziellem Dokument wurden die Gründe für Pauls Entlassung genannt. Es gibt aber klare Indizien im Briefwechsel zwischen Ludwig und Cosima[19], die darauf hindeuten, dass Paul sowohl für Ludwig wie für Richard Wagner und Cosima von Bülow zu einer ernsten Gefahr geworden war.

Ludwig hatte in einer am 12. Juni 1866 unterzeichneten und umgehend in der Presse veröffentlichten "Ehrenerklärung"[20] Cosima und Wagner gegen alle Anschuldigungen verteidigt, in einem ehebrecherischen Verhältnis zu leben. Paul dürfte bei seinen folgenden Aufenthalten in Tribschen aber erkannt haben, dass die mit Hans von Bülow verheiratete Cosima nicht nur die Haushälterin und Sekretärin des noch mit seiner Frau Minna verheirateten Wagner, sondern seine Dauergeliebte war. Paul schlug sich als Freund auf die Seite Ludwigs und informierte ihn offenbar über die wahren Verhältnisse in Tribschen, da er ihn vor weiterer Lächerlichkeit in der Öffentlichkeit bewahren wollte, die längst besser informiert war. Ludwig konnte diese Wahrheit nicht akzeptieren und äußerte sich Cosima gegenüber, Paul "stieß alle Welt vor den Kopf, überhob sich auf eine unverantwortliche Art, suchte sogar seine früheren Freunde  [= Wagner und Cosima] durch Anschwärzungen in ungünstiges Licht zu stellen"[21]. Ludwig hatte sich "das geradezu metaphysische Ideal einer geschlechtslosen trinitarischen Beziehung zwischen Wagner, Cosima und sich selbst gebildet"[22]. Nun sah er die Realisierung seines von irdischen Trieben freien Kunst-Königtums aufs äußerste gefährdet, das er mit dem idealisierten Leben Wagners und dessen Musik untrennbar verknüpft hatte.  

Die Mitteilung Ludwigs an Cosima, Paul denunziere sie und Wagner, versetzte beide in Angst und Schrecken. In Absprache mit Wagner demontierte Cosima bei Ludwig den zuvor hochgelobten "treuen Friedrich", sie bezichtigte ihn einer "rohen", bzw. "unfertigen Natur", der "Anmaßung" und "Zudringlichkeit". Sie unterstellte ihm, seine Begeisterung für Wagner sei nie echt, sondern vorgetäuscht gewesen[23].

Ludwig entzogt sich jeder Aussprache mit Paul, er ließ ihn ein für allemal fallen. Damit wurde Paul Opfer einer sich früh ausprägenden Verhaltensweise Ludwigs, Menschen zunächst an sich zu ziehen, sie für sich zu begeistern, sie für seine Zwecke zu benutzen, sich aber bei Verstimmungen und in Krisensituationen abrupt von ihnen zu trennen und sie anschließend zu verunglimpfen. - Vergleichbar verhielt er sich in Übereinstimmung mit Wagner und Cosima gegenüber der zunächst hoch verehrten Sängerin Malvina Schnorr von Carolsfeld. Sie hatte zeitlich parallel zu Paul den König ebenfalls auf Grund eigener Anschauung über die ehebrecherische Beziehung zwischen Wagner und Cosima aufklärte. Malvina und Paul wurden von Cosima in einem Atemzug genannt und als niedrige Charaktere abgewertet.

Paul von Thurn und Taxis in der Uniform eines bayerischen Flügeladjutanten

Heirat und Ausschluss aus der fürstlichen Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul von Thurn und Taxis (oben) mit seiner Familie anlässlich der Silberhochzeit seiner Eltern am 24. Januar 1864

Elise Kreuzer: Schauspielerin, Sängerin und Geliebte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Theatersaison 1865/1866 lernte Paul die 20jährige Schauspielerin und Sängerin Elise Stephanie Kreuzer kennen, die nach mehreren Engagements an Theatern im Gebiet der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn den Sprung an das Münchener "Actien-Volks-Theater"(heute Staatstheater am Gärtnerplatz) geschafft hatte. Geboren am 8. September 1845 in Mannheim, stammte sie aus einer Künstlerfamilie. Ihre Mutter Amalie Fischer (geb. in Prag am 15. August 1814) war Sängerin, ihr Vater Heinrich Kreuzer (geb. in Wien am 29. August 1817) ein damals berühmter Tenor.

Bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Actien-Volks-Theater übernahm sie Sprech- und Gesangsrollen in 24 verschiedenen Stücken, insbesondere in Operetten von Jaques Offenbach und Franz von Suppé[24]. Ludwig hat sie bei einem Besuch des Theaters in einer humoristischen Hosenrolle erlebt[25], ohne von Paul eingeweiht worden zu sein, dass deiner der Agierende auf der Bühne seine Geliebte war. Von Paul aufbewahrte Atelierfotos zeigen Elise sowohl in modischer Ausgehkleidung als auch in ungezwungen-sinnlicher Ruhelage[26].

Die Liebesbeziehung zwischen Paul und Elise und ihre Schwangerschaft konnten geheim gehalten werden. Ende Januar 1867 verließen beide München, gingen nach Bern (Schweiz), wo am 31. Januar ihr gemeinsamer Sohn Heinrich geboren wurde [27]. Nun erschienen in bayerischen Zeitungen Aufsehen erregende Meldungen über die Absicht des ehemaligen königlichen Flügeladjutanten, eine (zunächst nicht namentlich genannte) Schauspielerin des Actien-Volks-Theaters zu ehelichen – in Adelskreisen ein Skandal.

Elise eine Jüdin?[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der öffentliche Skandal war umso größer, als in der Presse Artikel mit dem Hinweis erschienen, die Geliebte sei eine Jüdin, z.B. im "Münchener Tages-Anzeiger" vom 20. Februar 1867: "Die Vermählung ist noch nicht erfolgt, da die Geliebte des Fürsten eine Jüdin ist und sich erst der Taufe unterziehen wird". Tatsache ist, dass ihre Mutter evangelisch, ihr Vater mosaischen Glaubens war. Sie ließen ihre fünf Kinder nach deren Geburt jeweils evangelisch taufen. Nach christlicher Anschauung war Elise Christin, gleichwohl wurde sie öffentlich gewöhnlich als jüdische Sängerin bezeichnet, nicht nur in Bayern. Die beiden Antisemiten Wagner und Cosima sahen sich in ihrer aus anderen Gründen bereits vollzogenen Abwertung Pauls noch einmal bestätigt. Ludwig, der den bayerischen Juden generell freundlich begegnete, ließ sich Cosima gegenüber– möglicherweise als Zugeständnis an die "Freunde" in Tribschen – zu folgender Aussage hinreißen: "[...] wie kann man eine glänzende Stellung so aufgeben [gemeint ist Pau], einen alten Namen von gutem Klang so verunzieren, um einer leichtsinnigen, hässlichen Jüdin nachzulaufen. O sancta simplicitas" [28]

Heirat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul und Elise heirateten am 7. Juni 1868 in der katholischen Kirche "St. Petrus in Ketten" in Astheim b. Trebur[29]. Das Fürstenhaus hatte zuvor einen Vertrag mit Paul ausgehandelt, bzw. ihm diktiert, der am 9. Februar 1868 in Aachen in Anwesenheit des aus Regensburg angereisten fürtlichen Amtsrichters Heinrich unterzeichnet worden war. Dieser Vertrag[30] enthielt u.a. folgende Regelungen: Paul wurde aus der Dynastie Thurn und Taxis ausgeschlossen. Er verlor seinen fürstlichen Titel und Familiennamen, gleichzeitig seinen Anteil am Stammvermögen des Fürstenhauses und seine ihm rechtlich zustehende "Apanage". Stattdessen wurde ihm eine freiwillige "Sustentation" von pro Jahr 6.000 Gulden in bayerischer Währung zugesprochen. Nach seinem Tod sollten Elise 3.000 Gulden auf Lebenszeit gewährt werden. -  Am 17. Juni 1868 ließ Ludwig II. seinen ehemaligen Freund in den Freiherrenstand unter dem neuen Namen "von Fels" erheben[31]

Ziel Maximilian Karls war es, jede erkennbare Verbindung Pauls zum Fürstenhaus zu kappen sowie Paul und seine Nachkommen aus der fürstlichen Linie auszuschließen. Er sah durch die unebenbürtige Liebesheirat seines Sohnes mit einer Bürgerlichen, zumal einer angeblich jüdischen Theaterkünstlerin, seine Dynastie erheblich beschädigt. An seinen Vetter schrieb er am 13. August 1868: "Mein Sohn Paul war trotz aller Bemühungen nicht zu bewegen, sein Verhältnis mit einer Person aufzugeben, welche leider in jeder Beziehung der Ehre meines Hauses und Namens widerstreitet"[32]. Hinzukam, dass Elise als Ehefrau mit Pauls Zustimmung ihre Theaterkarriere fortsetzen wollte und Paul beabsichtigte, ans Theater zu gehen.

In dem Konflikt zwischen Vater und Sohn standen sich zwei unterschiedliche Lebenskonzepte gegenüber. Das von Maximilian Karl orientierte sich an tradierten Standesnormen und dynastischem Denken[33]. Demgegenüber orientierte sich Paul an einem individuell zu entwickelnden Lebensentwurf mit ungewissem Ausgang und räumte dem "Eigen-Sinn" den Vorrang ein. Dafür zahlte er einen hohen Preis.

Paul von Thurn und Taxis, Kissingen 1864 (Privatarchiv Sylvia Alphéus)

Nachdem sein Vater am 10. November 1871 gestorben war, wurde Pauls Schwägerin Helene von Thurn und Taxis das inoffizielle Oberhaupt der Familie, bis ihr Sohn Maximilian Maria am 24. Juni 1883 volljährig wurde. Bekannt für ihre diplomatischen Fähigkeiten, versuchte sie, nach Zeitungsberichten von 1874, Paul und König Ludwig II. wieder auszusöhnen. Dies wurde jedoch aus unbekannten Gründen nicht realisiert.

1877/78 war Elise die Primadonna im Theater Freiburg. Nach Baring-Gould forderte sie von ihrem Mann, ihr stets dann, wenn sie auftrat, einen Strauß auf die Bühne zu ihren Füßen zu werfen, und seine Freunde waren angehalten, das Gleiche zu tun.

Kurze Zeit später steckte Paul sich mit Tuberkulose an und ging mit seiner Frau nach Lugano, wo sich sein Zustand verschlechterte. Elise hatte dort eine Liaison mit einem preußischen Offizier, der im gleichen Hotel abgestiegen war, und brannte mit ihm durch.

Pauls und Elises Sohn Heinrich von Fels heiratete 1897 die Schauspielerin Maria von Scarpatetti und adoptierte mit ihr 1930 die gemeinsame Haushälterin Elise Emma Leucke (* 6. August 1911 Leitz-Glinde b. Magdeburg), die im Juni 1931 den Gutsbesitzer Emil Rüdebusch aus Huntlosen b. Oldenburg heiratete. Anschließend zogen Heinrich, seine nunmehr verheiratete Adoptivtochter Elise Rüdebusch und seine Mutter Elise von Fels-Cabisius Elise auf das Gut Huntlosen. Elise von Fels-Cabisius starb dort 1936, Heinrich 1955 und Eiise Rüdebusch 1971.

Paul von Thurn und Taxis starb mit 35 Jahren am 10. März 1879 in Cannes, wo er auf dem Friedhof Cimetière du Grand Jas, Allée du Silence-Nr. 33 unter dem Namen Paul de Fels begraben wurde.

Ehrung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • August 1864: Russischer Orden der Heiligen Anna III. Klasse
  • Februar 1865: päpstlicher Malteser-Ritter-Orden
  • Februar 1866: Ritterkreuz I. Klasse des Großherzoglich-Hessischen Philipp-Ordens

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. In allen amtlichen Quellen zur Person Pauls, die im Bayerischen Hauptstaatsarchiv vorliegen, wird für ihn der Titel "Fürst" verwendet. Seine Briefe unterzeichnet er, solange er diesen Titel trägt, stets mit "Fürst", auch diejenigen, die er an das Fürstenhaus in Regensburg richtet. In den zahlreichen Artikeln in der bayerischen Presse, die ihn als Begleitperson Ludwigs II. erwähnen, wird er immer "Fürst Paul von Thurn und Taxis" oder verkürzt "Fürst Taxis" genannt. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts führt das Fürstenhaus die Unterscheidung "Fürst" für den Regierenden Chef des Hauses und "Prinz"/"Prinzessin" für die übrigen Nachkommen ein.
  2. Detail page - Archivportal-D. Abgerufen am 21. Mai 2018.
  3. Vgl. Sylvia Alphéus, Lothar Jegensdorf: Fürst Paul von Thurn und Taxis. Ein eigensinniges Leben. Allitera, München, S. 316.
  4. Paul von Thurn und Taxis: Briefe an Ludwig II. In: Bayerisches Hauptstaatsarchiv - Geheimes Hausarchiv der Wittelsbacher. Kabinettsakten Ludwigs II. 89.
  5. Vgl. die Erörterung dieses Themenkomplexes bei Alphéus/Jegensdorf unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes, S. 109–126; hier auch Abdruck und Interpretation von sechs Briefen Pauls an Ludwig aus den Monaten April/Mai 1866.
  6. Sämtliche Belege für Ludwigs Rücktrittsabsichten und die Verhinderung seines Rücktritts bei Alphéus/Jegensdorf, S. 165–167.
  7. Landshuter Zeitung vom 25. September 1866
  8. Vgl. Bayerisches  Hauptstaatsarchiv – Geheimes Hausarchiv der Wittelsbacher, Kabinettsakten Ludwigs II. 66.
  9. Ebendort.
  10. Ludwig notiert z. B. am 1. September in seinem Tagebuch: "Friedrich sehr müde".
  11. Schad, Martha (Hrsg.): Cosima Wagner und Ludwig II. von Bayern: Briefe. Eine erstaunliche Korrespondenz. Bergisch-Gladbach 1996, S. 253.
  12. "Neuer Bayerischer Kurier" vom 12. September 1866
  13. Ludwig II., Tagebücher -Auszüge, BayHStA-GHA, Kabinettsakten Ludwigs II. 68
  14. BayHStA, Briefe an Sophie Herzogin in Bayern. Kabinettsakten Ludwigs II. 88
  15. Chapman-Huston: The Mad King of Bavaria. Dorset Press, New York 1990, S. 109 f.
  16. BayHStA-Kriegsarchiv: Personalakte 09547
  17. Militärgeschichtliches Forschungsamt (Deutschland West): Militärgeschichtliche Mitteilungen. Volumes 16–20. 1970, S. 101
  18. BayHStA-GHA, Kabinettsakten Ludwigs II. 89.
  19. Cosima Wagner und Ludwig II. von Bayern: Briefe. Eine erstaunliche Korrespondenz. Hrsg.: Schad, Martha. Bergisch Gladbach 1996.
  20. Richard Wagner: Sämtliche Briefe. Hrsg.: Im Auftrag der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth herausgegeben von Andreas Mielke. 18: Briefe des Jahres 1866. Wiebaden, Leipzig, Paris 2008, S. 170 ff., 331 ff.
  21. Briefe Ludwigs an Cosima vom 20. Oktober und 20. November 1866
  22. Borchmeyer, Dieter: Richard Wagner. Werk - Leben - Zeit. Stuttgart 2013, S. 241.
  23. Vgl. Cosimas Briefe an Ludwig vom 25. November 1866, 5. und 10. Januar 1867).
  24. Vgl. Bayerische Staatsbibliothek München. bavarica digitale sammlungen: Theaterzettel1866-1867.
  25. Vgl. Alphéus-Jegensdorf, S. 213-216.  
  26. Ebendort, S. 221.
  27. Vgl. Taufurkunde der Kirche St. Peter in Bern, Staatsarchiv des Kantons Bern, Sign. K Bern 91, S- 170f, Nr. 434.
  28. Brief vom 23. September 1867. In: Cosima Wagner und Ludwig II. von Bayern. Eine erstaunliche Korrespondenz. Hrsg. von Schad, Martha. Bergisch Gladbach 1996, S. 428.
  29. Vgl. Pfarrarchiv, Heiratseintrag im "Copulations-Protokoll, Buch IV, 1868 Nr. 10.  
  30. BayHStA-Adelsarchiv, Adelsmatrikel, Adelige F 59.
  31. Ebendort.
  32. Ebendort.  
  33. Vgl. Doll, Eva-Carolina: Handlungsstrukturen. Die Standesherrschaft Thurn und Taxis in der Epochenschwelle zum 19. Jahrhundert unter Fürst Maximilian Karl. Regensburg 2017.