Paula Schlier

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Der Schutzumschlag von Paula Schliers 1926 erschienenem Erstlingswerk Petras Aufzeichnungen zeigt ein Porträtfoto der 27-jährigen Autorin

Paula Schlier (* 12. März 1899 in Neuburg an der Donau; † 28. Mai 1977 in Bad Heilbrunn) war eine deutsche Schriftstellerin. Sie lebte vor allem in Bayern, zuletzt in Tutzing am Starnberger See und in Bad Heilbrunn. Ihr Erstlingswerk Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit (1926) gilt als eines der ersten Bücher der Neuen Sachlichkeit mit dem Thema der „Neuen Frau“ und ist eines der ersten Werke des investigativen Journalismus in deutscher Sprache.[1] Darüber hinaus bezieht Schlier bereits hier deutlich Stellung gegen den Nationalsozialismus. Ihr zweites Buch Chorónoz. Ein Buch der Wirklichkeit in Träumen erschien 1928 im renommierten Kurt-Wolff-Verlag, es enthält Traum-Texte, die dem Surrealismus nahe scheinen. 1932 wandte sie sich auch literarisch dem Katholizismus zu. Sie war Mitarbeiterin der von Ludwig von Ficker herausgegebenen österreichischen Zeitschrift Der Brenner, in der auch viele ihrer religiösen Dichtungen erschienen sind.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paula Schlier war das ältere Kind des Militärarztes Heinrich Schlier sen. und seiner Frau Pauline, geb. Puls. Ein Jahr nach ihr wurde ihr Bruder Heinrich Schlier jun. geboren. Anders als ihr Bruder durfte sie kein Gymnasium besuchen, sondern erhielt ihre Ausbildung an der Höheren Töchterschule Gnadental in Ingolstadt. Bereits 1915 meldete sie sich als freiwillige Kriegspflegerin beim bayerischen Roten Kreuz.[3] 1921 ging sie nach München, wo sie als Stenotypistin arbeitete. Bereits im Jänner 1923 erschienen ihre ersten Artikel gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus.[4] Im Herbst 1923 ließ sich als Sekretärin im nationalsozialistischen Blatt Völkischer Beobachter anstellen, um, wie sie sagte, zu prüfen, „ob eine solche Volksbegeisterung wirklich jeder tieferen Berechtigung entbehren könne“.[5] So erlebte sie hautnah den Hitler-Ludendorff-Putschversuch in München 1923 mit. Und: Sie zeichnete alles auf, was sie hörte und sah. Diese Aufzeichnungen erschienen 1926 als Kapitel In der Redaktion der Patrioten in Schliers Erstlingswerk Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit.[6] Der Völkische Beobachter besprach dieses Buch vernichtend. Abseits davon waren die Reaktionen durchwegs positiv, etliche sogar begeistert.[7] Schlier beschreibt in ihrem Buch das Leben von jungen Frauen ihrer Zeit: als Pflegerinnen im Kriegslazarett 1916,[8] als Stenotypistinnen zwischen Hoffnung und Hunger nach 1918, als Leidtragende der Hyperinflation und der politischen Radikalisierung in Bayern 1923.

Bereits in Petras Aufzeichnungen ist die spirituelle und ethische Suche der Autorin deutlich. Unter dem Einfluss von Ludwig Ficker, dem Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner und Verleger des Brenner-Verlags, wandelte sich Schliers Schreibstil und sie wandte sich dem Katholizismus zu.[9] Schlier konvertierte 1932 in Innsbruck.

Eine Folge von Schliers deutlicher Stellungnahme gegen den Nationalsozialismus – sie änderte ihre politische Haltung auch nach ihrer Konversion zum Katholizismus 1932 nicht – war ihre Verhaftung durch die Gestapo 1942. Ein Psychiatrie-Aufenthalt bewahrte sie vor dem KZ Dachau.[10] Schlier konnte aus der Psychiatrie Eglfing-Haar fliehen und sich bis zum Kriegsende verstecken.[11] Nach 1945 wurde ihre Haft bestätigt, sie gewann einen Prozess gegen den bayerischen Staat wegen Haftentschädigung.[12] Seit 1948 lebte sie in Tutzing am Starnberger See. 1959 heiratete sie den pensionierten Offizier Karl Roßmann. Nach dessen Tod übersiedelte Schlier nach Bad Heilbrunn, wo sie 1977 starb.[13]

Paula Schliers Nachlass wird im Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck aufbewahrt.[14]

2018 wurde ihr Erstlingswerk Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit neu aufgelegt.[15]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Brenner-Verlag, Innsbruck 1926.
  • Chorónoz. Ein Buch der Wirklichkeit in Träumen. Kurt Wolff Verlag, München 1928.
  • Legende zur Apokalypse. Herder Verlag, Freiburg 1949.
  • Das Menschenherz. Otto Müller Verlag, Salzburg 1953.
  • Der Engel der Wüste. Roman. Styria, Graz/Wien/Köln 1974.
  • Die letzte Weltennacht. Schauungen zur Apokalypse. 2. Aufl., Miriam-Verlag, Jestetten 1976, ISBN 3874490955.
  • Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider im Auftrag des Forschungsinstituts Brenner-Archiv. Otto Müller Verlag, Salzburg 2018. ISBN 978-3-7013-1256-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider: Am eigenen Leib (Nachwort). In: Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Hrsg.: Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider. Otto Müller Verlag, Salzburg 2018, S. 150–193.
  2. Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider: Bibliographie Paula Schlier. In: Online-Materialien zu Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Abgerufen am 21. September 2019.
  3. Ursula A. Schneider: Freiwillige Krankenschwester im Ersten Weltkrieg. Paula Schlier, 1918, Lazarett Ingolstadt. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv 33/2014, S. 81–89. 2014, abgerufen am 21. September 2019.
  4. Artikel von Paula Schlier 1923 im Volltext. In: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Materialien online zu Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit (Ausgabe 2018). 20. März 2018, abgerufen am 21. September 2019.
  5. Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Hrsg.: Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider. Otto Müller Verlag, Salzburg 2018, S. 70.
  6. Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Brenner-Verlag, Innsbruck 1926.
  7. Rezensionen zu Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen, 1926. In: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Materialien online zu Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit (Ausgabe 2018). 20. März 2018, abgerufen am 21. September 2019.
  8. Paula Schlier: Das Lazarett (Ausschnitt). In: Petras Aufzeichnungen. Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit (Ausgabe 2018). 10. Mai 2019, abgerufen am 21. September 2019.
  9. Ursula A. Schneider: Das „weibliche Ingenium“. Ludwig Fickers ästhetisches Konzept der zwanziger und dreißiger Jahre. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv 14/1995, S. 78–100. In: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Universität Innsbruck. 1995, abgerufen am 21. September 2019.
  10. Paula Schlier: Gestapo-Internierung. In: Brenner-Archiv Digital. Mai 1993, abgerufen am 21. September 2019.
  11. Paula Schlier: Gestapo-Internierung. In: Brenner-Archiv Digital. Mai 1993, abgerufen am 21. September 2019.
  12. Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider: An eigenen Leib (Nachwort). In: Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Hrsg.: Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider. Otto Müller Verlag, Salzburg 2018, S. 177.
  13. Annamaria Foppa: Paula Schlier. Versuch einer Monographie. Innsbruck: phil. Diss. 1986. In: Brenner-Archiv Digital. 1986, abgerufen am 21. September 2019.
  14. Nachlassverzeichnis Paula Schlier. In: Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Universität Innsbruck. Abgerufen am 21. September 2019.
  15. Paula Schlier: Paula Schlier: Petras Aufzeichnungen oder Konzept einer Jugend nach dem Diktat der Zeit. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider im Auftrag des Forschungsinstituts Brenner-Archiv. Otto Müller Verlag, Salzburg 2018.