Peer Gynt (Schauspielmusik)

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Peer Gynt Opus 23 ist eine Schauspielmusik von Edvard Grieg aus dem Jahre 1875 zu Henrik Ibsens dramatischem Gedicht gleichen Namens. Die Uraufführung von Griegs Auftragswerk fand zusammen mit derjenigen von Ibsens dramatischem Gedicht Peer Gynt am 24. Februar 1876 in Christiania (heute Oslo) statt.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Seite von Ibsens Brief an Grieg vom 23. Januar 1874
Pavillon im Freilichtmuseum Gamle Bergen, in dem Grieg im Sommer 1874 komponierte

Nach der Vorlage der zwischen 1845 und 1848 erschienenen norwegischen Feenmärchensammlung Huldre-Eventyr og Folkesagn von Peter Christen Asbjørnsen verfasste Ibsen das dramatische Gedicht Peer Gynt, das 1867 erschienen ist. Peer Gynt war von Ibsen als reines Lesedrama vorgesehen. Nach dem Erfolg der Dichtung änderte Ibsen seine Meinung und plante, sie zu einem Bühnenstück mit Musik umzuarbeiten. Seinen Plan beschrieb er sehr genau in einem Brief an Edvard Grieg, den er am 23. Januar 1874 in Dresden verfasste, wo er von 1868 bis 1875 lebte:

„Lieber Herr Grieg! Ich richte diese Zeilen an Sie aus Anlaß eines Planes, mit dessen Ausführung ich umgehe, und weswegen ich Sie fragen möchte, ob Sie mitthun wollen. Es handelt sich um Folgendes. Ich beabsichtige, ‚Peer Gynt‘ – von dem jetzt bald eine dritte Auflage erscheinen wird – für die Aufführung auf der Bühne einzurichten. Wollen Sie die erforderliche Musik komponieren? Ich werde Ihnen in aller Kürze andeuten, wie ich mir die Einrichtung des Stückes denke. […]“[1]

Grieg nahm den künstlerisch wie finanziell verlockenden Auftrag sofort an.

Ibsen, der nicht besonders musikalisch gewesen sein soll, schilderte in diesem Brief sehr konkret Vorstellungen, wie die Musik die Wirkung seines Schauspiels steigern solle. Grieg hat sich in seiner späteren Komposition auch recht genau an die Anweisungen Ibsens gehalten.

Grieg begann im Sommer 1874 im Chinesischen Teepavillon in Sandviken, einem Viertel von Bergen, mit der Komposition, wie er am 5. Juli 1874 in einem Brief an Bjørnstjerne Bjørnson schrieb.[2] Erst Ende Juli 1875 stellte er das Werk im dänischen Fredensborg fertig. Die Erkrankung und später der Tod seiner Eltern verhinderten die Proben am Christiania Theater. Zur Uraufführung am 24. Februar 1876 dirigierte der Kapellmeister des Christiania Theaters Johan Hennum, Regie führte der Intendant Ludvig Josephson. Grieg konnte nicht von Bergen nach Christiania reisen und blieb der Aufführung ebenso wie Ibsen fern.

Überarbeitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Edvard Grieg am Klavier und Henrik Ibsen als Zuhörer (Postkarte von 1905)

Im Jahr 1886 wurde das Stück im Dagmar-Theater in Kopenhagen aufgeführt. Für diese neue Inszenierung überarbeitete Grieg das Werk und fügte ihm „Der Brautzug zieht vorbei“ und drei der Norwegischen Tänze, op. 35 hinzu.

Als nach dem schweren Brand im Christiania Theater am 15. Januar 1877, bei dem Dekorationen und Kostüme des Stücks vernichtet worden waren, im Jahr 1892 das Stück wieder aufgenommen wurde, nahm Grieg Änderungen in der Musik „Peer Gynt und der Bucklige“ vor.

Für das 1899 eröffnete Nationaltheatret, wo Peer Gynt ab 1902 aufgeführt wurde, instrumentierte Grieg das Vorspiel zum 1. Akt um.

Wegen seiner Zweifel an der Akzeptanz des Werks außerhalb Norwegens stellte Grieg 1888 und 1891 aus acht Sätzen der Schauspielmusik zwei je viersätzige kurze Orchestersuiten zusammen. Diese beiden Peer-Gynt-Suiten, die auf gesprochene Dialoge, Gesang und Chor verzichten, zählen heute zu seinen populärsten Werken.

Einem Druck der Gesamtpartitur stimmte Grieg nach der Uraufführung nicht zu, da ihm die Orchestrierung missfiel. Erst ein Jahr nach Griegs Tod besorgte 1908 Johan Halvorsen den Druck der Partitur beim C. F. Peters Musikverlag.[3] Diese Ausgabe enthielt nur 23 Nummern, und diese waren nicht in der richtigen Reihenfolge. Eine alle 26 Stücke beinhaltende Partitur erschien erst 1988 mit dem von Finn Benestad herausgegebenen 18. Band der Grieg-Gesamtausgabe.[4]

Originalpartitur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ursprüngliche Partitur op. 23 enthält die folgenden 26 Sätze.[3] Fettschrift bedeutet, dass diese Sätze in den von Grieg zusammengestellten Suiten (op. 46, op. 55) enthalten sind.

  • Akt I
  1. Im Hochzeitshof (Vorspiel)
  2. Halling (2. und 3. Szene)
  3. Springar (3. Szene)
  • Akt II
  1. Der Brautraub. Ingrids Klage (Vorspiel)
  2. Peer Gynt und die Sennerinnen (3. Szene)
  3. Peer Gynt und die Grüngekleidete (Einleitung zur 5. Szene)
  4. Peer Gynt: „Am Reitzeug erkennt man die fürnehmen Leute!“ (Schluss der 5. Szene)
  5. In der Halle des Bergkönigs (6. Szene)
  6. Tanz der Bergkönigstochter (6. Szene)
  7. Peer Gynt von Trollen gejagt (6. Szene)
  8. Peer Gynt und der Bucklige (7. Szene)
  • Akt III
  1. Åses Tod (Vorspiel und 4. Szene)
  • Akt IV
  1. Morgenstimmung (Vorspiel)
  2. Dieb und Hehler (5. Szene)
  3. Arabischer Tanz (6. Szene)
  4. Anitras Tanz (6. Szene)
  5. Peer Gynts Serenade (7. Szene)
  6. Peer Gynt und Anitra (8. Szene)
  7. Solvejgs Lied (10. Szene)
  8. Peer Gynt vor der Memnonsäule (Einleitung zur 11. Szene)
  • Akt V
  1. Peer Gynts Heimkehr. Stürmischer Abend auf dem Meer (Vorspiel)
  2. Der Schiffbruch (zwischen 1. und 2. Szene)
  3. Solvejg singt in der Hütte (5. Szene)
  4. Nachtszene (6. Szene)
  5. Pfingstlied „O Morgenstunde“ (10. Szene)
  6. Solvejgs Wiegenlied (10. Szene)

Die beiden von Grieg aus der Schauspielmusik neu zusammengestellten Suiten umfassen die folgenden Sätze: Morgenstimmung, Åses Tod, Anitras Tanz, In der Halle des Bergkönigs (Suite Nr. 1, op. 46) sowie Der Brautraub – Ingrids Klage, Arabischer Tanz, Peer Gynts Heimkehr, Solvejgs Lied (Suite Nr. 2, op. 55).

Aufführungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesamtaufführungen von Griegs Peer Gynt mit Ibsens Originaltext sind relativ selten, zumal die vollständige Partitur, die mehrere Lieder und Chorwerke umfasst, erst seit Ende der 1980er Jahre verfügbar ist.

Im Frühjahr 2001 führte das MDR Sinfonieorchester Peer Gynt in einer „Fassung für den Konzertgebrauch“ nach der Übersetzung von Christian Morgenstern mit Klaus Maria Brandauer als Erzähler auf, die nur 21 Stücke umfasste.[5] Die für das Ereignis angepasste Version der Schauspielmusik wurde unter der Leitung von Thomas Hengelbrock, wiederum mit Brandauer und Schülern aus dessen Theaterschule, zur Eröffnung des Schleswig-Holstein Musikfestivals 2012 aufgeführt.[6]

Im theatralischen Zusammenhang mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich hatte der österreichische Schriftsteller Franzobel bereits im Herbst 2004 beim Musik-Festival Grafenegg zu Griegs Musik einen Text in „gebündelter Form“ für einen Sprecher geschaffen.[7] In dieser Form wurde das Werk auch im Januar 2013 vom MDR Sinfonieorchester mit Ben Becker als Sprecher aufgeführt.[8]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Peer Gynt (Grieg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Julius Elias, Halvdan Koht (Hrsg.): Briefe von Henrik Ibsen. S. Fischer Verlag, Berlin 1905
  2. Edvard Grieg til besvær. In: Bergens Tidende vom 22. Mai 2005
  3. a b Dan Fog, Kirsti Grinde, Øyvind Norheim: Edvard Grieg. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis (1843–1907). (Edition Peters 11095), C. F. Peters/Henry Litolffs Verlag, Frankfurt (Main), Leipzig, London, New York 2008, ISBN 978-3-87626-990-0
  4. Edvard Grieg Gesamtausgabe, Band 18: Dramatische Musik – Peer Gynt op. 23. Besetzung: 5 Sopran, Bariton, 2 Bass, gemischter Chor, Orchester. (Edition Peters 8518 A, Deutsch/Norwegisch), C. F. Peters, Frankfurt (Main) 1988, ISMN 979-0-0141-0269-2
  5. Lothar Schmidt: Edvard Grieg, Henrik Ibsen. Peer Gynt. In: LeipzigAlmanach Das Online-Feuilleton vom 11. März 2001
  6. [1] NDR-Mediathek zu diesem Konzert
  7. Franzobel: Peer Gynt. Textintermezzi zur Grieg-Symphonie. Nach Ibsen. In: manuskripte Zeitschrift für Literatur, 44. Jahrgang, Heft 166 (September 2004), S. 66–69, ISSN 0025-2638
  8. Andreas Ruf: Fragmente des Wahnsinns. „Peer Gynt“ mit Sprecher Ben Becker beim MDR-Matinée-Konzert im voll besetzten Gewandhaus. In: Leipziger Volkszeitung vom 21. Januar 2013, S. 7