Percy Gothein

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Grab in Heidelberg

Percy Paul Heinrich Gothein (* 22. Mai 1896 in Bonn; † 22. Dezember 1944 im KZ Neuengamme) war ein deutscher Schriftsteller und Renaissanceforscher.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Percy Gothein war ein Sohn des Nationalökonomen Eberhard Gothein und dessen Ehefrau Marie Luise Gothein sowie ein Neffe des Politikers Georg Gothein. Er lebte zunächst in Bonn, dann in Heidelberg. Hier fiel er 1910 dem berühmten Dichter Stefan George auf der Straße auf. Es kam zu mehreren Begegnungen, im Mai 1911 durfte Gothein George sogar in dessen Heimat Bingen besuchen. Gothein geriet nun immer mehr in den Bann von Dichtung und Persönlichkeit Georges. Er führte ein Tagebuch über die Begegnungen mit dem Dichter und wurde schließlich 1914 das erste Mal zu einer privaten Lesung eingeladen – er konnte sich nunmehr als Vertrauter fühlen.[1]

Nach dem Abitur nahm Gothein als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil und wurde 1915 durch einen Kopfschuss verletzt.[2] Aus dem Kriegsdienst entlassen, studierte er zunächst Philosophie an den Universitäten von Heidelberg, Berlin und Göttingen, dann Romanistik bei Karl Vossler in München.[3] Anlässlich eines Pfingsttreffens vom 7. bis zum 9. Juni 1919, zu dem Stefan George erstmals nach dem Ersten Weltkrieg nach Heidelberg eingeladen hatte, wurde Gothein schließlich gemeinsam mit Erich Boehringer und Woldemar von Uxkull auch „offiziell“ in den George-Kreis aufgenommen. Im George-Kreis war sein Spitzname „Peter“. Nachdem seine Dissertation in München abgelehnt worden war, weil „die übliche äußere Form einer solchen Arbeit nicht gewahrt“ sei,[4] beendete er das Studium 1923 bei Leonardo Olschki in Heidelberg. Seine Dissertation trug den Titel Die antiken Reminiscenzen der Chansons de geste.

Der Beginn der Freundschaft mit Wolfgang Frommel und die Bildung eines gemeinsamen Freundeskreises, der sich dem Geiste Georges verpflichtet fühlte, veranlassten Gothein, 1923/24 in Berlin und Wertheim ein etwa 450 Seiten starkes (nur in Auszügen in der Zeitschrift Castrum Peregrini veröffentlichtes[5]) Typoskript abzuschließen, das im Kreis meist als „Opus Petri“ tituliert wurde. Es sollte als Erinnerungsbuch das im George-Kreis herrschende Verständnis von Entwicklung und Erziehung durch Dichtung erläutern. Doch dann trennte sich George von ihm – wohl auch, weil Gothein mit seiner Homosexualität zu offen umging.[6] Abschließend soll George bemerkt haben, Gothein habe wohl „zu lange in die Sonne geschaut [...] und [taumle] darum geblendet durch die Straßen. Er habe sich an ihm [George] blind gesehen und darüber den Blick für die Wirklichkeit verloren“.[7] Nachdem Gothein George aber 1931 zu sich nach Bonn eingeladen hatte, soll dieser darüber "außerordentlich gelacht" haben, und es sei "alles verziehen" gewesen.[8]

Ein erstes Habilitationsvorhaben zu Dante[9] führte zu keinem Ergebnis. Deshalb lehrte Gothein 1926 an der Odenwaldschule, bevor er als wissenschaftlicher Assistent am Romanischen Seminar der Universität Bonn und dann bei Leo Spitzer an der Universität zu Köln arbeitete. Seine Habilitationsschrift zum Thema Guarino Veronese und Francesco Barbaro, italienische Gelehrte des 15. Jahrhunderts, wurde nicht angenommen. Trotzdem veröffentlichte er seine Untersuchung 1932 im Verlag Die Runde, den er zwei Jahre zuvor mit Edwin Maria Landau und Wolfgang Frommel in Berlin gegründet hatte. Für den Historiker Stephan Schlak ist Gotheins gescheiterte Karriere exemplarisch für eine ganze Generation:

„Aber gerade sein akademisches Scheitern macht Percy Gothein zu einem lohnenden Forschungsgegenstand. Scheitern ist der große Topos der zwanziger Jahre. Enttäuschte Hoffnungen, gescheiterte Erwartungen waren in der Umbruchphase der Zwischenkriegszeit ein Massenphänomen. In Percy Gotheins stecken gebliebener Karriere spiegelt sich eine junge „überflüssige“ Generation, die nach dem Krieg auf den überfüllten Arbeitsmarkt drängte.[10]

Gothein übersetzte Francesco Barbaros Buch von der Ehe und schrieb 1934–1935 an einem längeren Text über Die Rangstufen in der Welt Stefan Georges. Anfangs „leicht angebräunt“,[11] bekam er in der Zeit des Nationalsozialismus wegen der Abstammung seines Vaters bald Schwierigkeiten; außerdem wurde mehrmals aufgrund des Paragraphen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, gegen ihn ermittelt, bis er schließlich Berlin verließ.[12] Auf dem Motorrad durchquerte er weite Teile Deutschlands, der Schweiz und Italiens. Ein Freund beschrieb eine Reise mit Gothein: „Für Percy war das Motorradfahren eine Leidenschaft; er erklärte, es habe etwas ‚Mythisches‘. [... Auf Percys Maschine] zitterte ich. Er nahm die Hand von der Lenkstange, hielt sie vor den Mund und rief einem über die Schulter zu: ‚Wenn wir jetzt stürzen, bleibt nur noch ein Fettfleck übrig!‘“.[13] Er lebte dann längere Zeit in Italien, vor allem in Venedig und Florenz. In dieser Zeit arbeitete er über Zacharias Trevisan, das staatsmännische Vorbild Francesco Barbaros, und dessen Schüler Ludovico Foscarini.

Nach einem Besuch in Frommels Castrum Peregrini in Amsterdam im November 1943 kam er im Februar 1944 – auch „im Auftrag des deutschen Widerstands“ bzw. des Kreisauer Kreises, dem Theodor Haubach angehörte[14] – erneut nach Amsterdam. Hier erschien 1944 sein Gedicht Tyrannis, das Tyrannenmord und Freundesethos zum Thema hat und deshalb als schon 1939 erschienene Übertragung eines gewissen Peter von Uri aus dem Griechischen getarnt wurde. Auf einer Reise nach Südholland geriet er am 25. Juli 1944 in Ommen in eine Polizeikontrolle und wurde, weil er seine Kontaktadressen nicht preisgeben wollte, zunächst in das niederländische Konzentrationslager Kamp Erika,[15] dann in das KZ Sachsenhausen und schließlich am 16. Oktober 1944 als politischer Häftling in das KZ Neuengamme gebracht, wo der große, kräftige Mann schon zwei Monate später umkam.[16]

Sein Grabmal befindet sich auf dem Heidelberger Bergfriedhof.

Nach seinem Tod fungierte Gothein als ein wichtiges Legitimationsmittel für Wolfgang Frommel und sein Castrum Peregrini: Frommel, der das Castrum Peregrini als Nachfolgekreis des George-Kreises verstanden wissen wollte, hatte selbst nicht mit George in Kontakt gestanden. Gothein, mit dem er lange befreundet gewesen war, diente ihm daher als Beweis für eine direkte Linie zwischen den beiden Kreisen. Seine Aufzeichnungen aus der Zeit mit Stefan George, das sogenannte Opus Petri, wurde in Amsterdam wie ein Schatz gehütet und nicht herausgegeben.[17]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Autor
  • Die antiken Reminiszenzen in den Chansons de Geste. In: Zeitschrift für französische Sprache und Litteratur 50, 1927, S. 39–84.
  • Francesco Barbaro. Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig. Die Runde, Berlin 1932. (Digitalisierte Ausgabe unter: urn:nbn:de:s2w-6320)
  • Zaccaria Trevisan il vecchio. La vita e l'ambiente. La Reale Deputazione Editrice, Venezia 1942. (Digitalisierte Ausgabe unter: urn:nbn:de:s2w-6333)
  • Zacharias Trevisan – Leben und Umkreis. Pantheon, Amsterdam 1944.
  • Peter Uri (d. i. Percy Gothein): Tyrannis. Scene aus altgriechischer Stadt. Aus dem Griechischen. Pegasos, o.O. 1939 [in Wirklichkeit: Pantheon, Amsterdam 1944]. (Digitalisierte Ausgabe unter: urn:nbn:de:s2w-5891)
  • Die Gedichte. In: Castrum Peregrini [Gedenkschrift]. Amsterdam 1945, S. 9–47.
  • Begegnungen mit dem Dichter. Aus einem Erinnerungsbuch. Castrum Peregrini Presse, Amsterdam 1953.
Übersetzer
  • Francesco Barbaro: Das Buch von der Ehe (De re uxoria). Deutsch v. Percy Gothein. Die Runde, Berlin 1933. (Digitalisierte Ausgabe unter: urn:nbn:de:s2w-6179)
Briefe

von bzw. an Percy Gothein befinden sich im Letterkundig Museum, Den Haag; Stefan George-Archiv, Stuttgart; Deutsches Literaturarchiv, Marbach.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Donald O. White, "Castrum Peregrini and the Heritage of Stefan George," Diss. Yale University 1963
  • Günter Baumann: Dichtung als Lebensform. Wolfgang Frommel zwischen George-Kreis und Castrum Peregrini. Königshausen & Neumann, Würzburg 1995, Kap. 3 und passim.
  • Stefan George/Friedrich Gundolf: Briefwechsel, hg. v. Robert Boehringer mit Georg Peter Landmann. Küpper vormals Bondi, München/Düsseldorf 1962
  • Lothar Helbing/Claus Victor Bock (Hrsg.): Stefan George. Dokumente seiner Wirkung. Aus dem Friedrich Gundolf Archiv der Universität London. Castrum Peregrini 111–113, Amsterdam 1974.
  • Thomas Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. Pantheon, München 2008.
  • Karlhans Kluncker: Percy Gothein. Humanist und Erzieher. Das Ärgernis im George-Kreis. Castrum Peregrini 171–172, Amsterdam 1986.
  • Perdita Ladwig: Venedig als Norm. Spuren einer Selbstthematisierung im Werk Percy Gotheins. In: Claus-Dieter Krohn u.a. (Hg.): Autobiografie und wissenschaftliche Biografik. edition text + kritik, München 2005, S. 195–207.
  • Wolfgang Leiser: Gothein, Percy Paul Heinrich. In: Bernd Ottnad (Hg.): Badische Biographien. Neue Folge. Bd. 1, Kohlhammer, Stuttgart 1982, S. 140-141 (E-Text)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zur ersten Phase in der Beziehung zu George v. a. Karlauf: Stefan George, S. 420–426.
  2. Marie Luise Gothein: Eberhard Gothein. Ein Lebensbild, seinen Briefen nacherzählt. Kohlhammer, Stuttgart 1931, S. 260.
  3. Zur Studienzeit in München in den Jahren 1921 und 1922 vgl. Gerda Walther: Zum anderen Ufer. Vom Marxismus und Atheismus zum Christentum. Reichl, Remagen 1960, S. 297–320.
  4. Percy Gothein: Letzte Universitätsjahre .... In: Castrum Peregrini 6, 1956, H. 26, S. 7–32, hier S. 26.
  5. Vgl. Castrum Peregrini, Heft 1, 1951; Heft 11, 1953; Heft 21, 1955 und Heft 26, 1956. Die Auszüge sind jedoch „zum Teil stark redigiert und ‚gereinigt‘“ (so Karlauf: Stefan George, S. 718, Anm. 82).
  6. Zur Trennung von George vgl. Karlauf: Stefan George, S. 540–546.
  7. Vgl Rudolf Eilhard [d. i. Wolfgang Frommel], in: Castrum Peregrini 21, S. 57–72, hier S. 71. Zitiert nach Karlauf: Stefan George, S. 546.
  8. H.-J. Seekamp u.a.: Stefan George. Leben und Werk. Eine Zeittafel. Castrum Peregrini,Amsterdam 1971, S. 377.
  9. Victor Klemperer: Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum, 2 Bände, herausgegeben von Walter Nowojski, Aufbau-Verlag, Berlin 1996, Band 1, S. 881 f.
  10. Stephan Schlak: Percy Gothein und die Entdeckung des politischen Humanismus. In: Andreas Ranft, Markus Meumann (Hrsg.): Traditionen – Visionen. 44. Deutscher Historikertag in Halle an der Saale vom 10. bis 13. September 2002. Berichtsband. Oldenbourg, München 2003, S. 152
  11. Edgar Salin: Um Stefan George. Erinnerung und Zeugnis. 2. erw. Aufl., Küpper vormals Bondi, München/Düsseldorf 1954, S. 312; vgl. Percy Gothein: Cavour und Mussolini. In: Berliner Tageblatt, 15. Juli 1934; Baumann: Dichtung als Lebensform, S. 194 f. u. 317 f.; Karl Löwith: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933: ein Bericht. Metzler, Stuttgart 1986, S. 19; Michael Philipp: "Vom Schicksal des deutschen Geistes" .... Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1995, S. 130–132.
  12. Karlauf: Stefan George, S. 546 u. 744, Anm. 113, 114.
  13. Michael Thomas [d. i. Ulrich Holländer]: Deutschland, England über alles. Rückkehr als englischer Besatzungsoffizier, München/Zürich 1987, S. 192, 199; hier zitiert nach Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben, C. H. Beck, München 2009, S. 188f., Anm 2.
  14. Friedrich W. Buri: Ich gab dir die fackel im sprunge. W. F. Ein Erinnerungsbericht, hg. v. Stephan C. Bischoff. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2009, S. 147; vgl. Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. Ein Bericht. Amsterdam 1942–1945. Castrum Peregrini 166–167, Amsterdam 1985, S. 96–98; Frederik Carel Gerretson und Pieter C. A. Geyl: Briefwisseling, Bosch & Keuning, Baarn 1979–1981, Bd. 5, S. 60 und 62, Anm. 20; Karlhans Kluncker: Das geheime Deutschland. Über Stefan George und seinen Kreis. Bouvier, Bonn 1985, S. 141 u. 144 f.
  15. Vgl. Bock: Untergetaucht unter Freunden, Kap. XII
  16. Archive der Konzentrationslager Sachsenhausen und Neuengamme; ausführlich bei Castrum Peregrini. ‘The pilgrim’s castle’. In: http://www.bevrijdingintercultureel.nl/eng/homoseksuelen.html#peregrini (Memento vom 19. Juni 2012 im Internet Archive).
  17. Vgl. etwa Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben, C. H. Beck, München 2009, S. 214.