Perfektionismus (Psychologie)

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Perfektionismus ist ein psychologisches Konstrukt, das versucht, übertriebenes Streben nach möglicher Perfektion und Fehlervermeidung zu erklären.

Der Perfektionist legt sich selbst auf, die eigenen Handlungen fehlerfrei und vollkommen ausführen zu müssen. Er strebt dabei aber nicht die Perfektion an, weil er sich an der Vollkommenheit erfreut, sondern giert nach Unangreifbarkeit, Sicherheit und Zugehörigkeit. Zentral ist die Angst keine Existenzberechtigung zu haben, wenn nicht ständig Tadelloses und Außergewöhnliches vorgewiesen werden kann. Der Perfektionist ist somit ein unsicherer Mensch, dessen innerer Antrieb die panische Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit ist.[1][2][3]

Die Sehnsucht nach Perfektion bringt den Menschen zu guten Leistungen, ist sie aber durch Angst motiviert, schwenkt es um in den pathologischen Perfektionismus, kann das Leben hemmen und die Person an der eigenen Entfaltung hindern. Häufig wird dadurch das eigene Lebensziel verfehlt. Alfred Adler spricht auch vom „Lebensirrtum“.[2]

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Perfektionsstreben kann im Wesentlichen als ein Konstrukt mit Ausprägungen in zwei Dimensionen aufgefasst werden:

  1. Streben nach Vollkommenheit (perfektionistisches Streben): fasst unter anderem die Eigenschaften hohe persönliche Standards und Organisiertheit zusammen.
  2. Übertriebene Fehlervermeidung (perfektionistische Besorgnis): umfasst u. a. die Eigenschaften Leistungszweifel und Fehlersensibilität, aber auch Angst vor Bewertung, besonders durch Eltern und Schule.[1][2][3]

Das Streben nach Perfektion - wie in der ersten Dimension - stellt dabei den gesunden und funktionalen Anteil dar.[1][2][3]

Sind beide Dimensionen gleichzeitig gegeben, so ist es ein ungesundes oder dysfunktionales Perfektionsstreben und wird auch als Perfektionismus benannt. Hierbei ist es extrinsisch und nicht intrinsisch motiviert.

Nach Covigton und Roberts liegt der Grund darin, dass der Betroffene den Misserfolg als Vermeidungsziel hätte.[2]

Der Perfektionist leugnet und verdrängt die normale fehlerhafte Menschlichkeit. Für ihn wird das Ideal zum Imperativ und das fehlerlose Funktionieren zum Muss.[2] Jemand, der alles perfekt beherrschen würde, hätte eben eine geringere Gefahr zu scheitern.[4] Er ist ständig mit dem Gedanken beschäftigt, was andere von ihm denken könnten, da dies für ihn die essentielle bis hin zur existenziellen Frage ist. In seinen eigenen Augen ist er das (wert), was andere von ihm halten.

Dabei führt laut Bonelli die Verabsolutierung der Leistung zu dieser zwanghaften Fehlhaltung.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits 1956 hat der bekannte Verhaltenstherapeut Albert Ellis den Perfektionismus in die Liste der zwölf irrationalen Überzeugungen aufgenommen. Ellis definierte den Perfektionismus als das absolute Streben nach Perfektion, als Selbstanspruch, vollkommen leistungsfähig und intelligent in möglichst allen Bereichen sein zu müssen.[2]

Traditionell wurde der Perfektionismus mit pathologischen Eigenschaften in Zusammenhang gebracht. Diese Ansicht wird u. a. durch einige empirische Befunde belegt, die allerdings auf einem zweidimensionalen Perfektionismus-Modell basierten. In Patientenstudien wurden erhöhte Perfektionismuswerte in Zusammenhang mit Depressionen, Zwangsstörungen und Essstörungen gebracht, und Studien mit nichtklinischen Probanden zeigten einen Zusammenhang zwischen hohem Perfektionismus und Stress, depressiven Symptomen, Ängstlichkeit und gestörtem Essverhalten.[5]

Populärwissenschaftliche Beschreibungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nils Spitzer beschreibt den Perfektionismus als eine innere Überzeugung, dass es absolut zwingend sei, eine Sache perfekt machen zu müssen. Jeder noch so kleine Fehler würde sehr ernste Konsequenzen nach sich ziehen. So kommt es nach Spitzer beim Scheitern zu keiner Selbstabwertung, sondern mögliche Konsequenzen werden „nur“ befürchtet. Dieses absolut Perfekte von sich zu fordern, stellt dabei das Belastende als eine imperative Weise dar.[3] Durch diese starre Organisation mangelt es den Perfektionisten an Spontaneität, da sie im Vorhinein versuchen alles bis ins kleinste Detail durchdacht zu haben.[4]

Covigton und Roberts beschreiben den Misserfolg als Vermeidungsziel. Von Misserfolgsangst unterscheidet sich der Perfektionismus dabei, dass es bei letzterem zur Setzung von hohen und starren Maßstäben kommt. So ist es beispielsweise für einen Perfektionisten ein Muss den Nobelpreis zu erreichen, wohingegen die Höhe des Ziels beim Betroffenen mit Misserfolgsangst egal ist.[4]

Der Psychiater und Neurowissenschafter Raphael M. Bonelli bezeichnet den Perfektionismus ebenso als ein angstvolles Vermeidungsverhalten, bei dem es zum Missverhältnis zwischen „Soll“, „Ist“ und „Muss“ kommt. Bei diesem Schema steht das „Ist“ für die persönliche Realität im Hier und Jetzt. Das „Soll“ stellt das Ideal dar, wo man im Moment noch nicht ist, aber hin will. Es wird persönlich als gut und erstrebenswert gefunden. Eine natürliche Spannung zwischen „Soll“ und „Ist“ ist für den psychisch gesunden Menschen leicht zu ertragen und motiviert ihn dazu, sich weiterzuentwickeln. Ein Perfektionist hingegen erträgt diese Spannung nicht, weil für ihn das (nie vollständig realisierbare) „Soll“ ein permanenter Vorwurf ist, noch nicht perfekt zu sein. So mutiert das „Soll“ zum angstauslösenden „Muss“, das den Handlungsspielraum einschränkt. Hintergrund ist eine überzogene Angst vor Fehlern und der damit verbundenen Kritik, die er ängstlich-verkrampft zu vermeiden sucht. Sich dabei selbst zu hinterfragen, wäre für den Betroffenen undenkbar. Bonelli beschreibt es treffend, dass es dem Perfektionisten dabei nicht um die Perfektion an sich ginge, sondern um die damit verbundene bombensichere Unantastbarkeit.[2]

Durch diese innere Haltung sehen sich Perfektionisten selbst nur dann als wertvoll an, wenn sie von anderen Personen Anerkennung erhalten oder sie erfolgreich sind. Folglich führt es bei Fehlern dazu, sich als uneingeschränkt geliebt und als wertlose, elende Menschen zu fühlen.[4]

Lazarus beschreibt ebenso, dass der Perfektionist bei einem Fehler von sich selbst überzeugt ist, dass er zu komplett nichts tauge. So sieht er sich selbst als Versager in allen Bereichen, egal ob als Sohn, Bruder, Vater oder Freund.[1]

Bonelli weist beim Perfektionisten auch auf das prägende Schwarz-Weiß-Denken hin. Die Alles-oder-nichts-Mentalität ist stets präsent und jeder Fehler sieht der Betroffene als persönliche Bedrohung.[2]

Diagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Drei charakteristische Elemente, die bei Perfektionisten gehäuft auftreten umfassen die extrem hohen Maßstäbe, die Rigidität der Maßstäbe und der leistungsabhängige Selbstwert. Die extrem hohen Maßstäbe werden normalerweise von Außenstehenden als übertrieben und unvernünftig angesehen. Die Rigidität ist die Folge, wenn das Soll zum Muss wird. Der Selbstwert ist für einen Perfektionisten abhängig von der erbrachten Leistung. So gilt für ihn das Gleichnis: Je höher die erbrachte Leistung, desto größer und vor allem sicherer die Liebe und Anerkennung.[1][2]

Wesensmerkmale des Perfektionismus nach Bonelli sind:

Messmethoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Funktionale und dysfunktionale Facetten des Perfektionismus können mit der mehrdimensionalen Perfektionismus-Skala von Frost u. a. (MPS-F) ermittelt werden. Dieser Fragebogen besteht aus 35 Fragen, mit denen die sechs von Frost postulierten Facetten erfasst werden,[6] dieser wurde von Altstötter-Gleich & Bergemann (2006) ins Deutsche übersetzt und validiert.

Der MPS-F basiert zum Teil auf früheren eindimensionalen Ansätzen.

  • Burns Perfectionism Scale von Burns, 1980.
  • Eating Disorder Inventory (EDI), Perfektionismus Subskala von Garner u. a., 1991.
  • Measure Obsession and Compulsions (MOCI) von Rachman und Hodgson, 1980.

Zwei-Facetten-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Don E. Hamachek (1978) schlug die Differenzierung des Perfektionismus in einen normalen (funktionalen) und einen neurotischen (dysfunktionalen) Typus vor.[7] Heute allerdings wird der funktionale Typ nach Hamachek "Gewissenhaftigkeit" genannt, sein neurotischer (oder dysfunktionaler) Typus wäre der eigentliche Perfektionismus.[8]

Sechs-Facetten-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Randy O. Frost und Kollegen haben 1990 ein Modell mit sechs Facetten des Perfektionismus herausgearbeitet:

  • hohe persönliche Standards,
  • Organisiertheit,
  • Fehlersensibilität,
  • leistungsbezogene Zweifel,
  • Erwartung der Eltern und
  • Kritik durch Eltern.[6]

Dieses Modell impliziert, dass Perfektionisten sich hohe Standards setzen, über eine ausgeprägte Werteordnung und Organisiertheit verfügen, Fehler zu vermeiden versuchen, Unentschlossenheit zeigen und großen Wert auf die vergangene bzw. aktuelle Bewertung durch die Eltern legen.

Drei-Facetten-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Psychologen Paul L. Hewitt und Gordon L. Flett stellten 1991 ein Drei-Facetten-Modell vor. Sie unterscheiden drei Arten des Perfektionismus in zwei Stufen: Die erste Stufe ist die Frage, von welcher Quelle die hohen Ansprüche ausgehen, und die zweite Stufe studiert, an welche Person sie sich richten. Daraus ergeben sich die drei Arten des Perfektionismus:

  • selbstorientierter Perfektionismus,
  • sozial vorgeschriebener Perfektionismus und
  • fremdorientierter Perfektionismus.

„Bauch-Kopf-Herz“ - Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bonelli beschreibt in seinem Buch „Perfektionismus“ ein sogenanntes „Bauch-Kopf-Herz“ - Modell. Er unterteilt demnach den Menschen in drei Ebenen.

  • Bauch: hier sind die Emotionen, Leidenschaften und Gefühle zu finden, wobei sie weder gut noch schlecht sind, sie urteilen und denken nicht. Das Bauchprinzip ist die Lustmaximierung und die Unlustvermeidung.
  • Kopf: hier ist die Vernunft, Logik und Nützlichkeit zu finden. Der Kopf versucht Probleme zu analysieren, Lösungen zu finden und die Wirklichkeit zu erklären.
  • Herz: ist die Entscheidungsmitte und das Freiheitsorgan. Es macht den Menschen aus, da es den Willen und auch das Gewissen beinhaltet. Das Herz gibt das langfristige Ziel vor, ist der Ort der persönlichen Entscheidung und unterscheidet zwischen Gut und Böse.[2]

Das Problem des Perfektionisten ist der übermäßig groß proportionierte Bauch, dessen Geisel die Vernunft ist und das Herz unterliegt ihm ebenso. Dabei ist Angst das mächtige Bauchgefühl, das alle anderen Instanzen überschattet.[2]

Perfektionismus und Persönlichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stumpf und Parker stellen einen hohen Zusammenhang zwischen dem Perfektionismus und den Big Five heraus. So korrelieren funktionale Perfektionismus-Facetten wie hohe persönliche Standards und Organisiertheit mit Gewissenhaftigkeit. Dagegen korrelieren dysfunktionale Facetten wie leistungsbezogene Zweifel und Fehlersensibilität mit Neurotizismus.[9]

Perfektionismus und Zwangserkrankung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verwandtschaft zwischen Zwangserkrankungen und dem Perfektionismus ist im Hinblick auf das Handeln klar erkennbar. So bilden zwangsneurotisches Denken und Handeln oft dazu, um Unangenehmes zu vermeiden. Bei den Zwangserkrankungen findet sich ein innerer Drang bestimmte Gedanken immer wieder zu durchlaufen. Gleich ist es beim Perfektionisten, bei dem ebenso ein inneres Muss zur Geltung kommt. Sie zeichnen sich gleichzeitig durch eine zwanghafte Persönlichkeitsstruktur aus, so auch durch Rigidität.[2]

Im DSM-V ist Perfektionismus das zweite von acht Diagnosekriterien bei der zwanghaften Persönlichkeitsstörung.

Perfektionismus und Narzissmus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bonelli greift für die Erklärung dieser zwei Mechanismen das Modell des Um-Sich-Kreisens auf. Der Narzisst kreist dabei selbstverliebt um sich und wertet alles auf, was mit seiner eigenen Person zu tun hat. Der Perfektionist hingegen kreist ebenfalls um sich, allerdings ängstlich. Er denkt dabei ständig darüber nach, wie er auf andere Personen wirke, ob er gut genug sei und möchte von allen geliebt sowie wertgeschätzt werden.[2]

Ursachen / Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sowohl der psychologische Faktor »Neurotizismus« als auch die »Gewissenhaftigkeit«, die beide mit dem Perfektionismus zusammenhängen, sind zu etwa 50 Prozent genetisch determiniert. So kann eine gewisse Neigung zum Perfektionismus angeboren sein.[10] Eine Zwillingsstudie von Tozzi stellte einen moderaten genetischen Effekt heraus.[11]

Zweitens ist Perfektionismus durch Umwelteinflüsse, also in erster Linie durch die Erziehung und die Peers (Gleichaltrigen), verstärkbar.[10] So kann er durch ein Verhalten der Eltern, das zum einen hohe Standards setzt und zum anderen zu wenig Wärme und Akzeptanz schenkt, verstärkt werden.[12]

Auf der dritten Ebene ist perfektionistisches Verhalten auch ein angstvolles Vermeiden, gegen oder für das man sich entscheiden kann. Hier ist auch der Ansatz der Psychotherapie.[10]

Verbreitung / Häufigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nicht nur die Leistungsfähigkeit und die äußere Erscheinung unterliegen der allgegenwärtigen Optimierungspflicht - auch die innere Erscheinung soll ständig verbessert werden: Jeder hat heute auch an seiner Kreativität, der emotionalen Intelligenz oder anderen Erscheinungsformen des Mentalen zu arbeiten. Der Perfektionismus ist der derzeitige Zeitgeist.[2]

Der Psychiater Raphael M. Bonelli postuliert in seinem Buch, dass wir derzeit in einer Gesellschaft leben, für die Leistung wichtiger sei, als das eigene Leben. Die Ideologie des Perfektionismus laute „Leute, die nichts hinkriegen, sind ihr Geld nicht wert“ und dadurch würde der Mensch nach seiner Arbeit wertmäßig definiert werden. Folglich sei jeder das wert, was andere von ihm denken wert zu sein. Das Selbstbild orientiere sich nur mehr am Fremdbild. Eine weitreichende Folge daraus ist, der pathologisch, perfektionistische Gedanke, dass ein Leben nur mehr „lebenswert“ und erfüllend sein könne, wenn der Mensch zu ständiger Leistung fähig sei. Hierbei nennt Bonelli das Beispiel eines Kindes mit Down-Syndrom. Es kann subjektiv auch noch so glücklich sein, so würde es trotzdem heutzutage eher bemitleidet werden, es weil leistungsmäßig stets unter dem Durchschnitt sein werde.[2]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spezifische Diathese-Stressmodelle gehen davon aus, dass perfektionistisches Streben und perfektionistische Besorgnis als Stressoren wirken und unterschiedlich mit Stressreaktionen assoziiert sind.[13]

In klinischen Studien wird (dysfunktionaler) Perfektionismus mit Störungsbildern wie Alkoholismus, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Depression, Angst- und Zwangsstörungen, sexuelle Funktionsstörungen sowie Suizidgedanken in Verbindung gebracht.[5]

Perfektionisten vergleichen sich ständig mit anderen, denen Spitzenleistungen gelingen und erfahren dadurch eine depressive Stimmung bis hin zur Depression. Sie messen sich dabei an der besten Leistung, die jemals erbracht wurde (Leahy, 2007).[4]

Studien konnten bereits den Zusammenhang zwischen Depression und Perfektionismus aufzeigen. So waren nicht alleinig die hohen und starren Maßstäbe ursächlich, sondern die Kombination mit dem erfolgsabhängigen Selbstwert (Flett und Hewitt, 2004).[4]

Der Perfektionist kann nicht daran glauben, liebenswert zu sein. Er ist felsenfest überzeugt, dass er sich die Liebe erst durch eigen erbrachte Leistung verdienen muss. Dabei gilt die Gleichung: Je höher die Leistung, desto liebenswerter ist er. Er fühlt sich in keiner Lebenslage wirklich zugehörig, sondern muss ständig Leistung vorweisen können, um in seinen Augen nicht komplett ausgestoßen zu werden. Bekommt er einmal unverdiente Zuneigung, so ist er ganz überrascht. Der Betroffene kann es aber trotzdem nicht annehmen, weil er sofort daran denkt, wie er das quasi wieder „ableisten“ kann.[2]

Der Hintergrund des Zusammenhangs zwischen perfektionistischem Denken und Fühlen einerseits und psychischen Krankheiten andererseits ist nach Bonelli der erhöhte innere Disstress bei Perfektionisten.[2]

Personen mit hoher Ausprägung von Gewissenhaftigkeit hingegen begegnen Stress mit aktiven Copingstrategien, wodurch sie ihr Stresserleben reduzieren und positive Verstärkung erfahren, was ihre Befindlichkeit verbessert und ihre Anfälligkeit für psychische Störungen senkt. Therapeutisch sinnvoll ist also das psychotherapeutische Umwandeln von dysfunktionalen, neurotischen Perfektionsstreben (d. h. Perfektionismus) in funktionales, gesundes Perfektionsstreben (d. h. Gewissenhaftigkeit).

Auch der Bereich der Essstörung ist geprägt von perfektionistischen Patienten. Dabei zählt das Abnehmen als Leistung. Die Patienten bemerken, je mehr sie abnehmen, desto mehr Aufmerksamkeit bekommen sie. So geht Anorexia nervosa gehäuft mit Perfektionismus einher. Gerade hier ist klar ersichtlich, was Ijzermans und Bender (2013) bereits ausgesagt haben: „Das Schlimmste, was einem Perfektionisten passieren kann, ist fortwährender Erfolg“.[2] (Fairburn et al. 2003; Ijzermans und Bender 2013)

Der Perfektionist versucht sich durch angebliche Perfektion eine Fassade zu errichten und sich dahinter zu verstecken, um nicht angreifbar zu sein. Dabei spielt er eine Rolle und gewöhnt sich so sehr an sie, bei der er selbst nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist. Das führt laut Bonelli zur Verdrängung, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf.[2]

Durch die ständige Angst vor Fehlern, Kritik und von anderen in Frage gestellt zu werden, steigt der innere Druck. Folglich kann es zu Unzufriedenheit, Verbitterung und Selbstverachtung kommen. Bonelli beschreibt diese Situation so, dass vor lauter „Sicherheit“ das Leben verloren ginge. Die persönliche Weiterentwicklung wird dadurch verhindert und der eigene Handlungsspielraum verengt sich massiv. So endet Perfektionismus oft im Burn-out, weil das Ziel allen gefallen zu wollen, schlicht und einfach unerreichbar bzw. unmöglich ist.[2]

Begleitprobleme (Komorbiditäten)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Studien (Flett et al. 2012) konnten zeigen, dass Perfektionismus mit einer geringeren Lebenserwartung einhergeht. Als Ursache wird eine Korrelation zum höheren Stressniveau vermutet, welches längerfristig höher als normal gegeben ist.[1][2][4]

Werden Perfektionisten auf ihre Fehler aufmerksam gemacht, so verfallen sie in Grübeln und Verzweiflung. Dies senkt wiederum die Aufgabenleistung.[2][4]

Perfektionismus stellt nach Egan et al. (2011) generell einen bedeutenden Vulnerabilitätsfaktor dar. So kann Perfektionismus unter anderem auch bis hin zu Selbstmordgedanken und Suizidversuchen führen.[2][4]

Humor ist ebenso bei Perfektionisten eine Mangelware. Sie sind ständig mit ihren Gedanken rund um ihre eigene Person beschäftigt, sodass ihr ganzes Leben quasi zu einer Abfolge ständiger Prüfungen wird.[2][4]

Perfektionismus tritt auch in der Erziehung auf. So erkennen viele irgendwann, dass sie ihre eigenen Ansprüche nicht erfüllen können und wälzen dies in Folge auf ihre eigenen Kinder um. Sie wollen ein perfektes Kind, denn in ihren Augen ist die Logik die, dass wenn das Kind perfekt ist, gleichzeitig es auch die Eltern sind. Bonelli verschärft dieses Begleitproblem mit dem Satz, dass perfektionistische Eltern denken, sie hätten nur dann nicht versagt, wenn ihr Kind perfekt wäre.

Therapie / Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bonelli liefert in seinem Buch „Perfektionismus“ die Therapie in drei Schritten.

  1. Entlarvung des Perfektionismus als irrationales Bauchgefühl: Erst die Bewusstmachung ermöglicht die Fähigkeit es als „inneres Dogma“ analysieren zu können.
  2. Entmachtung des eigenen Leistungsdenkens: Hierbei soll aufgezeigt werden, dass die gesetzten Ziele unerreichbar, durchschnittliche Leistung ganz gewöhnlich und Fehler normal sind.
  3. bewusste Annahme der eigenen Unvollkommenheit mit dem Herzen: Dies bezeichnet Bonelli auch als „Imperfektionstoleranz“ und ist die Selbstannahme im Bewusstsein der eigenen Fehlerhaftigkeit, Mittelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit. Diese Imperfektionstoleranz befreit somit den Betroffenen von seinem Kontrollzwang, dem Anspruch auf Fehlerlosigkeit, der Verbitterung und Fremdbeschuldigung. Dies ist der entscheidende und auch größte Schritt hin zur inneren Freiheit.[2]

Die innere Freiheit kann somit als Behandlungsziel genannt werden, denn sie verleiht erst die Unbeschwertheit und natürliche Autorität, macht flexibel und unabhängig von der Meinung anderer.[2]

Spitzer legt ähnlich bei der Therapie des Perfektionismus drei hauptsächliche Therapieziele dar:

  1. Senkung der sehr hohen Ansprüche (sich selbst keine unerreichbaren Ziele setzen)
  2. Flexibilität bei den starren Ansprüchen
  3. Entwicklung eines erfolgsunabhängigen Selbstwerts.[1]

Ein wesentlicher Punkt ist, dass es in der Therapie nicht darum geht, die Maßstäbe zu senken. Shafran et al. nennt als wirkliches Therapieziel die Abhängigkeit des Selbstwertgefühls von Leistung anzugehen (Shafran et al., 2010).

Durch das Erlernen von Flexibilität während der Therapie, fällt es den Betroffenen leichter sich an den ständig wechselnden Lebensumständen anzupassen und werden dadurch für den Therapeuten spürbar freier. Dabei bedeutet die Flexibilität nicht die hohen Ziele aufzugeben, sondern diese als „Soll“ und nicht als „Muss“ sehen zu können. D.h. nach Perfektion zwar zu streben, aber sich eine akzeptierende Haltung gegenüber Fehlern aufzubauen. Bei Bonelli wird genau dies „Imperfektionstoleranz“ genannt.[1][2]

Der Psychotherapeut muss in der Therapie darauf achtgeben, dass der Betroffene nicht versucht die Therapie selbst perfekt zu erfüllen, der ideale Patient zu sein und im Grunde nur dem Therapeuten gefallen möchte. Hinzu kommt eine ständige Angst vom Therapeuten abgelehnt zu werden, weil man nicht gut genug für ihn sei und ihn dadurch enttäuschen könnte. Der Perfektionist legt sich typischerweise im Vorfeld eine Struktur fest und versucht alle möglichen Szenarien durchzudenken, um auf alles vorbereitet sein zu können. Dadurch wird für den Perfektionisten die eigentlich hilfreiche Psychotherapie zur ständigen Prüfung. (Lundh, 2004)[1][2]

In der Therapie muss herausgearbeitet werden, dass er bei einem Fehler nicht als fehlerhaftes Geschöpf ohne Existenzberechtigung gilt, sondern dass es völlig normal, menschlich und somit kein Untergang ist.[2]

Nach Bonelli liegt das Glück eines jeden Perfektionisten in der Entdeckung und Annahme der Unvollkommenheit.[2]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • C. Altstötter-Gleich, N. Bergemann: Testgüte einer deutschsprachigen Version der Mehrdimensionalen Perfektionismus Skala von Frost, Marten, Lahart und Rosenblate (MPS-F). In: Diagnostica. 52, (2006), S. 105–118.
  • J. Stoeber, K. Otto: Positive Conceptions of Perfectionism: Approaches, Evidence, Challenges. In: Personality and Social Psychology Review. 10, (2006), S. 295–319.
  • R. M. Bonelli: Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird. Pattloch-Verlag, München 2014, ISBN 978-3-629-13056-3.
  • N. Spitzer: Perfektionismus und seine vielfältigen psychischen Folgen. Ein Leitfaden für Psychotherapie und Beratung. Springer Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3662474754.
  • N Spitzer: Perfektionismus überwinden. Müßiggang statt Selbstoptimierung. Springer Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3662531853.
  • C. Altstötter-Gleich, F. Geisler. Perfektionismus. Mit hohen Ansprüchen selbstbestimmt leben. Balance Buch + Medien 2017, Köln 2017, ISBN 978-3867391658.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i Nils Spitzer: Perfektionismus und seine vielfältigen psychischen Folgen. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 2016, ISBN 978-3-662-47475-4.
  2. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z aa ab ac ad ae af ag Raphael M. Bonelli: Perfektionismus. Pattloch Verlag, München 2014, ISBN 978-3-629-13056-3.
  3. a b c d Nils Spitzer: Perfektionismus überwinden. Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg 2017, ISBN 978-3-662-47475-4.
  4. a b c d e f g h i j Sonja Hollas: Psychotherapie der Misserfolgsangst. Springer-Verlag, Deutschland 2020, ISBN 978-3-662-61141-8.
  5. a b Andrea Wieser in Tiroler Tageszeitung vom 4. Dezember 2014 Wenn die Latte zu hoch liegt Gesichtet am 24. Dezember 2014.
  6. a b R. O. Frost, P. Marten, C. Lahart, R. Rosenblate: The dimensions of perfectionism. In: Cognitive Therapy and Research. 14 (1990), S. 449–468.
  7. Don E. Hamachek: Psychodynamics of normal and neurotic perfectionism. In: Psychology: A Journal of Human Behavior. 1978 Feb Vol 15(1), S. 27–33.
  8. Hartmut Volk in Der Standard vom 4. Dezember 2014 Raus aus der Perfektionismusfalle Gesichtet am 24. Dezember 2014.
  9. H. Stumpf, W. D. Parker: A hierarchical structural analysis of perfectionism and its relation to other personality characteristics. In: Personality and Individual Differences. 28 (2000), S. 837–852.
  10. a b c R. M. Bonelli: Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird. Pattloch-Verlag, München 2014, S. 167 ff.
  11. F. Tozzi, S. Aggen, B. Neale, C. Anderson, S. E. Mazzeo, M. C. Neale, C. M. Bulik. The structure of perfectionism: A twin study. In: Behavior Genetics. 34, (2004), S. 483–494.
  12. G. L. Flett, P. L. Hewitt, J. M. Oliver, S. MacDonald: Perfectionism in children and their parents: A developmental analysis. In: G. L. Flett, P. L. Hewitt (Hrsg.): Perfectionism: Theory, research, and treatment. APA, Washington 2002.
  13. Elisabeth Zurecka, Christine Altstötter-Gleich et al.: It depends: Perfectionism as a moderator of experimentally inducedstress Elsevier 2013