Peripheres Sehen

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Double system.jpg

Peripheres Sehen ist eine Form visueller Wahrnehmung, bei der die Aufmerksamkeit nicht auf die zentrale Stelle der Netzhaut (Fovea) gerichtet ist, sondern die Wahrnehmung dort gelegener Objekte oder Ereignisse durch daneben gelegene (extrafoveale), oder auch weiter entfernte, periphere Areale des Gesichtsfelds erfolgt.[1][2] De facto schaut demnach der Betrachter an dem Objekt vorbei. Im Unterschied zum fovealen Sehen, bei dem die Gesichtslinie des Auges auf das gewünschte Objekt ausgerichtet ist, um die maximale zentrale Sehschärfe auszunutzen, liefert das periphere Sehen ungenauere Seheindrücke, mit spezifischen Einschränkungen beim Mustersehen (Crowding Effekt)[3][1][2][4][5], aber relativ guter Empfindlichkeit gegenüber der Wahrnehmung von Bewegungen.

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Das periphere Sehen ist sehr effizient für die Wahrnehmung von Bewegungen und wegen seiner vorwiegend für hell-dunkel empfindlichen Stäbchen der Netzhautperipherie auch bei äußerst geringer Helligkeit von Nutzen, z. B. beim Sehen in der Nacht. Es kann die Wahrnehmung von Farbnuancen nicht unterstützen, daher werden z. B. auffällige Verkehrssignale blinkend und/oder mit kontrastreichen Farben wie z. B. schwarz/gelb dargestellt. Sein zeitliches Auflösungsvermögen ist in der extremen Peripherie am höchsten, was man leicht feststellen kann, wenn man das helle Bild eines älteren Röhren-Fernsehers ganz aus dem Augenwinkel betrachtet. Das Flackern ist dann sehr viel deutlicher wahrnehmbar als beim direkten Betrachten des Bildes. (Neuere Flachbildschirme eignen sich für diese Demonstration nicht.) Obschon das periphere System mehr als 99,9 % des Gesichtsfelds abdeckt, stehen für seine Informationen nur rund 50 % des Sehnervs sowie etwa 50 % der Fläche des Sehzentrums (Visuelle Kortex) zur Verfügung. Die übrigen 50 % sind für das hochauflösende aber sehr langsame foveale System reserviert.

Eye movements of a chess champion.jpg

Das folgende Beispiel einer Schachspielsituation versucht, die Rolle des peripheren Sehens zu veranschaulichen. Die ovalen Bereiche A, B und C im Bild sind die Teile, die ein Schachmeister (in einer Seminarstudie) im peripheren Sehen – also ohne sie direkt zu fixieren – richtig erkennen konnte. Die Linien zeigen den Pfad der Augenfixationen während 5 Sekunden, in denen er sich die Stellung der einzelnen Figuren einprägte.[6] Das periphere Sehen liefert also einen ersten Gesamteindruck einer Situation, der – sofern er nicht sofort als gefährlich eingestuft wird – einer genaueren Analyse durch das foveale Sehen unterzogen wird. Als Reaktion auf den ersten Eindruck werden dazu die Augen (d. h. ihre Zentrallinie) auf einen zuvor peripher wahrgenommenen Punkt ausgerichtet.

Anwendungsbereiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim täglichen Sehen wird bewusst oder unbewusst das periphere Sehen angewandt, zum Beispiel in jedem Augenblick zur Festlegung des nächsten Fixationspunktes oder um etwas nebenbei zu beaufsichtigen ohne von der Arbeit aufzuschauen. Beim peripheren Sehen kann verschleiert werden, welches Objekt betrachtet wird, und die Blendwirkung einer hellen Lichtquelle ist erträglicher, wenn sie nicht zentral fixiert wird.

Personen mit einem Zentralskotom, beispielsweise bei einer Makuladegeneration, nutzen häufig periphere Netzhautstellen, um Dinge, wenn auch nur sehr unscharf, zu betrachten, die sie mit zentraler Fixation nicht mehr erkennen könnten. In der Augenheilkunde wird dieses Phänomen exzentrische Einstellung genannt.

Peripheres Sehen wird in der Astronomie auch als indirektes Sehen bezeichnet und bezieht sich auf eine spezielle Beobachtungstechnik, um sehr lichtschwache Sterne und flächenhafte Objekte (Nebel) besser erkennen zu können. Dabei blickt man nicht direkt auf das Himmelsobjekt, sondern knapp daran vorbei.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Strasburger, H. (2003b). Indirektes Sehen. Formerkennung im zentralen und peripheren Gesichtsfeld. Göttingen: Hogrefe
  2. a b H. Strasburger, I. Rentschler, M. Jüttner: Peripheral vision and pattern recognition: a review. In: Journal of Vision. 11, Nr. 5, 2011, S. 1-82.
  3. Crowding in der visuellen Wahrnehmung bezeichnet den Effekt, dass Muster in der nahen Gegenwart benachbarter Muster schlechter erkannt werden. Je näher diese benachbarten Muster, desto schlechter ist die Erkennbarkeit des betrachteten Musters. Der Effekt ist im peripheren Sehen besonders ausgeprägt bzw. nimmt mit zunehmender Entfernung vom zentralen (fovealen) Sehen zu, aber spielt auch im zentralen Sehen eine entscheidende Rolle. Z. B. wird Lesen, oder das Erkennung längerer Wörter, in der Regel nicht durch die Auflösung der Netzhaut oder die Sehschärfe, sondern durch den Crowding-Effekt begrenzt. Der Crowding-Effekt gilt inzwischen als die wichtigste Einschränkung des Mustersehens.
  4. Denis G. Pelli, Katharine A. Tillman, Jeremy Freeman, Michael Su, Tracey D. Berger, Majaj Najib J.: Crowding and eccentricity determine reading rate. In: Journal of Vision. 7, Nr. 2, 2007, S. 1-136.
  5. Denis G. Pelli, Katharine A. Tillman: The uncrowded window of object recognition. In: Nature Neuroscience. 2008, Nr. 11(10), 2008, S. 1129-1135.
  6. Bild aus: Hans-Werner Hunziker: Im Auge des Lesers: foveale und periphere Wahrnehmung – vom Buchstabieren zur Lesefreude. Transmedia Stäubli Verlag, Zürich 2006, ISBN 978-3-7266-0068-6; basierend auf Daten aus: Adrianus Dingeman de Groot: Perception and memory in chess; an experimental study of the heuristics of the professional eye. Mimeograph, Psychologisch Laboratorium Universität van Amsterdam, Seminarium September 1969