Pessimum der Völkerwanderungszeit

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Als Pessimum der Völkerwanderungszeit oder frühmittelalterliches Pessimum (engl. Migration era pessimum[1], Vandal minimum[2] oder Dark ages cold period[3]) werden in verschiedenen Periodisierungen der Klimageschichte klimatische Verhältnisse in Zeiträumen bezeichnet, deren Beginn im Bereich 250–450 n. Chr. und deren Ende meist bei etwa 750 n. Chr. angesetzt wird. Räumlich sind damit in der Regel die Klimaverhältnisse des Mittelmeerraums und Europas, gelegentlich auch Asiens, des Nordatlantikraums oder anderer Teile der Welt gemeint.[3] Die Bezeichnung nimmt Bezug auf die sogenannte Völkerwanderungszeit, die größtenteils in diese Zeiträume fällt. Häufig wird ein Zusammenhang zwischen den tendenziell wechselhaften oder kühlen klimatischen Bedingungen und geschichtlichen Prozessen jener Zeit, wie Migrationsbewegungen, Kriegszügen und dem Ende der Antike sowie dem Untergang bzw. der Transformation des Römischen Reiches, hergestellt.

Begriff und Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beginnend in den 1960er Jahren, in der Frühzeit der Historischen Klimatologie, schlugen Pioniere dieses Zweiges, wie Hubert Lamb oder Emmanuel Le Roy Ladurie, Periodisierungen der Klimageschichte vor, die sie mit Epochen der traditionellen europäischen Geschichtsschreibung in Verbindung brachten.[4]

Der Klimatologe Christian-Dietrich Schönwiese entwarf 1979, unter Rückgriff auf Arbeiten von Hubert Lamb und Hermann Flohn, eine solche Periodisierung der Klimageschichte des Holozän. Darin kennzeichnete er mit dem Begriff „Pessimum der Völkerwanderungszeit“ eine Epoche von 450 bis 700 n. Chr. als niederschlagsreich und kühl, mit verbreiteten Gletschervorstößen. Er zog Parallelen zur sogenannten Völkerwanderung, Kriegszügen und der Einnahme Roms 410. Schönwiese wies ausdrücklich darauf hin, dass der Begriff „Pessimum“ nicht im Sinn „global schlechterer Klimabedingungen“ bzw. als in einem normativen Sinn „schlecht“ fehlinterpretiert werden dürfe.[5][6] In der Periodisierung, wie sie bei Schönwiese zu finden ist, ging ein Optimum der Römerzeit dem Pessimum der Völkerwanderungszeit voraus. Es folgte eine Mittelalterliche Warmzeit.

Im Zusammenhang mit einem Klimapessimum in der Spätantike und dem frühen Mittelalter werden häufig Arbeiten Lambs aus den Jahren 1982 und 1995 zitiert. Lamb kombinierte Indizien, die von damals schon vorhandenen Klimaproxys geliefert wurden, und leitete daraus ab, dass allgemein eher kühle und unstete Klimabedingungen vor allem in Europa geherrscht haben müssten, die er grob in den Zeitraum 400–900 einordnete.[3] Er wies, wie vor ihm schon Edward Gibbon im 18. Jahrhundert oder Ellsworth Huntington und Eduard Brückner zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auf Anzeichen für Dürren in asiatischen Steppengebieten hin, die eine Ursache für die Migration von als „Hunnen“ bezeichneten nomadischen Gruppen Richtung Westen gewesen sein könnten.[7]

Anfänglich waren primär historische Dokumente Grundlage der Diskussionen über Klimaschwankungen und deren Folgen für das römische Reich.[8] Seit Ende des 20. Jahrhunderts sind zunehmend paläoklimatologische Rekonstruktionen erstellt worden, die einen genaueren Aufschluss des Klima in der Zeit geben.[9] Die Untersuchung der Rolle von Klimaschwankungen in Zusammenhang mit dem Ende des römischen Reiches hat in den letzten Jahren einen Aufschwung genommen, wobei Arbeiten aus dem naturwissenschaftlichen Bereich die geschichtswissenschaftlichen klar überwiegen.[10]

Dennoch sind die Verhältnisse, im Vergleich zum Zeitraum ab ca. 800, relativ ungenau verstanden. Eine 2017 veröffentlichte Auswertung von 114 Arbeiten, die auf den englischen Begriff Dark Ages (Cold) Period zurückgreifen, ergab ein heterogenes Bild: Zwar befasste sich etwas mehr als die Hälfte mit kühlerem Klima, andere charakterisierten mit dem Begriff auch feuchtere oder trockenere Bedingungen, Windverhältnisse, sonstige Umweltänderungen, in Einzelfällen zum Beispiel auch Gletschervorstöße oder wärmere Temperaturen. Die untersuchten Zeiträume reichten vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis in das 11. Jahrhundert n. Chr., mit einem Kernzeitraum zwischen ca. 400 und 800. Eine einheitliche, klar definierte Bedeutung hat sich bislang nicht etabliert.[3]

Der Historiker John Haldon und andere merkten 2018 an, dass eine derartige Einteilung der Klimageschichte und ihrer Folgen zwar rhetorischen Wert habe, aber der Komplexität des vorliegenden Materials nicht gerecht werde. Eine solche Epochenbildung werde in der Forschung allmählich aufgegeben.[4]

Klimatische Verhältnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Global und Nordhemisphäre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor etwa 5000 Jahren begann, besonders in den mittleren und hohen Breiten der nördlichen Hemisphäre, ein langfristiger Abkühlungstrend von etwas mehr als 0,1 °C pro Jahrtausend, der bis in das 19. Jahrhundert anhielt und durch die gegenwärtige anthropogene globale Erwärmung beendet wurde. Ursache des Abkühlungstrends sind Änderungen der Erdbewegung relativ zur Sonne („orbitaler Strahlungsantrieb“, siehe Milanković-Zyklen),[11] die zu verminderter Sonneneinstrahlung im Norden geführt haben. Wachsende Schnee- und Eisbedeckung sowie Änderungen der Vegetation lassen durch Rückkopplungen, wie etwa eine Eis-Albedo-Rückkopplung, den langfristigen Abkühlungstrend besonders im Norden sichtbar werden.[12] Schwankungen der Sonnenaktivität und Vulkaneruptionen, die das Klima vorübergehend kühlen, sowie interne Variabilität des Klimasystems überlagern diesen langfristigen Trend und führen zu regional unterschiedlich ausgeprägten Klimaschwankungen im Zeitraum von Jahren und Jahrzehnten.

Die spärlich vorhandenen globalen Rekonstruktionen lassen zwar auf eine Störung der relativ warmen Verhältnisse vom Ende des 5. Jahrhunderts n. Chr. bis ca. 700 n. Chr. schließen, eine klar ausgeprägt kühlere Periode ist global aber nicht erkennbar.[13] Einer Rekonstruktion der Temperaturen der letzten 2000 Jahre nördlich 30°N zeigt eine kühlere Periode im Zeitraum 300 – 800 n. Chr., die Abkühlung reicht aber nicht an die der Kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert heran. Über das Ausmaß der Schwankungen gibt es beträchtliche Unsicherheit.[14]

Das Pessimum wurde mit dem Bond-Ereignis 1 vor etwa 1400 Jahren in Verbindung gebracht. Zu dieser Zeit transportierten im Nordatlantik Eisberge vermehrt Gesteinsmaterial nach Süden, das in Sedimenten des Ozeanbodens nachgewiesen werden konnte.[3]

Europa und Mittelmeerraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anomalien der Sommertemperaturen in Europa, 138 v. Chr. – 2003 n. Chr.[15]

In Europa lässt sich eine Periode tendenziell kühlerer Sommertemperaturen zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert rekonstruieren.[15] Insgesamt wurde das Klima feuchter, die Winter wurden kühler. In Nord-, West- und Mitteleuropa sowie im nördlichen Mittelmeergebiet war auch die kalte Jahreszeit mit mehr Feuchtigkeit verbunden. Die Gletscher wuchsen im 5. Jahrhundert.[16] Der Untere Grindelwaldgletscher und andere Schweizer Gletscher erreichten Ausmaße wie später am Ende der Kleinen Eiszeit. Die Römerstraße durch das Val de Bagnes wurde unpassierbar.[7] Das Vorrücken der Gletscher dauerte bis in das 8. Jahrhundert an.[16]

Für das westliche und mittlere Europa – in etwas das Gebiet des heutigen Nordfrankreichs, Deutschlands und der britischen Inseln – zeigte eine Synthese verschiedener Klimaproxys zwischen den Jahren 250 und 470 eine Tendenz zu niedrigeren Sommertemperaturen und zwischen 650 und 800 eine gegenläufige Tendenz. Für die Wintertemperaturen waren die Ergebnisse widersprüchlich. Die Rekonstruktion aus Proxies, die Ganzjahrestemperaturen anzeigen, stimmte eher mit der der Sommertemperaturen überein, wobei aber erheblich Unsicherheiten in der Datierung bestanden. Ein klares Signal des Late Antique Little Ice Age war ebenso wenig erkennbar wie ein einheitlicher Trend in den jährlichen Niederschlägen.[17]

Late Antique Little Ice Age[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außerdem gab es um 535/536 noch eine kurzfristige starke und weltweite Kälteanomalie, die als Late Antique Little Ice Age (deutsch „kleine Eiszeit der Spätantike“, in Anlehnung an die Kleine Eiszeit der Neuzeit) bezeichnet wird. Sie wird auf ein Katastrophenereignis, sehr wahrscheinlich mehrere Vulkanausbrüche, zurückgeführt.[18][3] Auch ein extraterrestrischer Einfluss, etwa von Kometenstaub oder Meteoriten, wurde vorgeschlagen.[19][20] Mehrere seit 2012 veröffentlichte Arbeiten deuten darauf hin, dass vulkanische Eruptionen durch Rückkopplungseffekte, wie der Eis-Albedo-Rückkopplung, zu mehrere Jahrzehnte anhaltenden besonders kühlen Klimaverhältnissen wesentlich beigetragen haben könnten.[18][21]

Auslöser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der vulkanischen Aktivität, besonders in den Jahren 535 und 536, trug möglicherweise eine etwas schwächere Einstrahlung der Sonne zwischen 400 und 700 zu Klimaschwankungen bei. Rekonstruktionen der Sonnenaktivität deuten auf ein ausgeprägtes Minimum im 7. Jahrhundert hin.[3]

Änderungen der Nordatlantischen Oszillation (NAO) Änderungen von 164 bis 180, um 400 und von 500 bis 600 n. Chr. könnten zudem vermehrt Dürren an der Peripherie des Römischen Reiches hervorgerufen haben.[22] Die vorhandenen Rekonstruktionen der NAO liefern aber kein einheitliches Bild.[3]

Historische Berichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wein und Getreide gediehen in nördlichen Gebieten und in Höhenlagen nicht mehr gut. Missernten und die Anfälligkeit für Krankheiten, die Säuglingssterblichkeit und die Sterberate von Kleinkindern und alten Menschen nahmen zu. Stürme und Überflutungen führten zu Landverlusten an der Nordseeküste und in Südengland. In Italien kam es im 6. Jahrhundert zu vielen Überflutungen.

Der Bischof Gregor von Tours berichtet aus den 580er-Jahren aus dem Frankenreich von ständigen starken Regenfällen, Gewittern, Überschwemmungen, Hungersnöten, Missernten und späten Kälteeinbrüchen, denen Vögel zum Opfer fielen. In Norwegen wurden im 6. Jahrhundert 40 % der Höfe verlassen.[23] Der französische Historiker Pierre Riché gibt für die Zeit von 793 bis 880 13 Jahre mit Hungersnöten und Überschwemmungen sowie neun Jahre mit extrem kalten Wintern und Seuchen an.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In die vorgeschlagenen Zeiträume eines Klimapessimums fallen Migrationsbewegungen und Kriegszüge von etwa 375/76 bis 568 n. Chr., die oft als „Völkerwanderung“ bezeichnet werden (in der modernen historischen und archäologischen Forschung gilt die Vorstellung von „wandernden Völkern“ als widerlegt[24][25]) und das Ende bzw. die Transformation des Weströmischen Reichs einhergehend mit einer demografischen Krise. Im 6. Jahrhundert ging die Bevölkerungszahl der Gebiete, die vorher zum Weströmischen Reich gehört hatten, zurück. Neben Kriegen zählten Missernten und Seuchen zu den Ursachen. Viele Dörfer wurden aufgegeben, ehemals genutzte Flächen bewaldeten wieder. Durch Pollenanalyse lässt sich ein allgemeiner Rückgang der Landwirtschaft feststellen.[26] Neue, im 7. Jahrhundert angelegte Siedlungen weisen eine neue Siedlungsstruktur auf und belegen einen Kulturbruch.[27]

Rekonstruktion menschlicher Körpergröße vom 1. bis in das 18. Jh.[28]

Für die einfache Bevölkerung muss diese Phase nicht durchweg mit schlechteren Lebensbedingungen verbunden gewesen sein.[24] Zum Beispiel spricht eine Zunahme der Körpergröße bis in das 6. Jahrhundert für eine bessere Proteinversorgung in Nord- und Zentraleuropa.[9][28] Die regionalen Auswirkungen waren dabei jedoch stark unterschiedlich ausgeprägt. So konnte für die Oderregion eine nahezu vollständige Entsiedlung ab der Mitte des 6. bis einschließlich des 7. Jahrhunderts festgestellt werden, die dort mit allgemein schwierig zu bearbeitenden Ackerstandorten und dem stark kontinental ausgeprägten Klimaverhältnissen mit besonders drastischen Klimafluktuationen in Verbindung stand.[29] Dahingegen ist in den ehemals römischen Grenzregionen unmittelbar nordöstlich des Limes, z. B. am mittleren Main, eine deutliche Bevölkerungszunahme durch phasenweise Immigration in demselben Zeitraum anhand der Zunahme entsprechender archäologischer Befunde dokumentiert.

Einige Klimaforscher und Historiker sehen die Klimaverhältnisse als einen möglichen partiellen Einflussfaktor bei den geschichtlichen Ereignissen und Prozessen jener Zeit an.[30][31] Verschiedene Wege eines Einflusses sind vorgeschlagen worden:[32][33]

  • Verwundbarkeit der agrarisch geprägten Gesellschaften gegenüber Klimaschwankungen,
  • das Auftreten und eine größere Verbreitung von Seuchen,
  • klimainduzierte Wanderungsbewegungen.

Landwirtschaftliche Produktivität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Henry Diaz und Valerie Trouet weisen auf eine möglicherweise starke Variabilität des Klimas zwischen 250 und 550 n. Chr. hin. Klimarekonstruktionen aus Baumringen im Gebiet des heutigen Deutschlands, Frankreichs und der österreichischen Alpen lassen starke hydroklimatische Schwankungen im Zeitraum von Jahrzehnten erkennen. Solchen raschen Schwankungen konnten die Gesellschaften nur schwer mit sozialen und technischen Innovationen begegnen. Die damals verbreiteten Getreidearten Weizen und Gerste waren anfällig für Dürren. Zudem waren sie vom Anbau von Oliven und Wein auf weniger ertragreiche Böden verdrängt worden. Insgesamt könnten Schwankungen der Regenmengen und anderer Faktoren die landwirtschaftliche Prdouktivität stark beeinträchtigt haben.[32]

Seuchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wechsel zwischen trockenen und sehr feuchten Dekaden könnte, in Verbindung mit Entwaldung und der Erschließung von Sümpfen, die Verbreitung von Malaria begünstigt haben. Die Krankheit trat gehäuft in der Erntezeit im Spätsommer und Frühherbst auf. Erkrankten gehäuft Landarbeiter, verringerte dies die landwirtschaftliche Produktivität zusätzlich.[32][33]

Die Lepra breitete sich in dieser Zeit in Mitteleuropa aus.[33] Kühleres, feuchteres Klima kann dazu führen, dass Menschen sich eher mit Krankheiten anstecken, die durch Tröpfcheninfektion übertragen werden. zu diesen Krankheiten gehören Tuberkulose, Lepra und Pocken. Ein historisch signifikanter Zusammenhang gilt aber nicht als gut gesichert.[34]

Der US-amerikanische Historiker Kyle Harper stellte Zusammenhänge zwischen der Antoninischen Pest (165–180), der Cyprianischen Pest (250–271) – beides wahrscheinlich Pockenausbrüche – und besonders der Justinianischen Pest (wahrscheinlich Lungenpest), Klimaschwankungen und den geschichtlichen Entwicklungen her. Die Justinianische Pest erreichte von Nordostafrika her im Jahr 541 den ägyptischen Küstenort Pelusium und ein Jahr später Konstantinopel, wenige Jahre nach den Vulkanausbrüchen in der zweiten Hälfte der 530er Jahre. Kühles, feuchtes Klima des Late Antique Little Ice Age könnte die Ausbreitung von Rattenflöhen, Überträger der Pest, und Ratten ermöglicht haben.[35] Diese Pandemien könnte nicht nur zum Ausfall von Arbeitskräften und zu Wirtschaftsrückgängen geführt,[32] sondern auch das römische Militär wesentlich geschwächt haben.[33]

Einfluss auf Migration[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon Edward Gibbon sah in seinem 1776–1789 veröffentlichten einflussreichen, aber als überholt geltenden Geschichtswerk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire Klimaänderungen als Mitauslöser von Migration in Richtung der römischen Grenzen.[36] Der deutsche Geograf und Klimatologe Eduard Brückner vermutete, nachdem er in Zentralasien Indizien für eine Trockenperiode im 3. Jh. gefunden hatte, in den 1910er Jahren, dass diese eine Migrationsbewegung Richtung Europa verursacht haben könnte.[37] Anhaltende Dürren werden nach wie vor als möglicher Gründe für die Vorstöße von Hunnen Richtung Europa diskutiert. Diese nomadisch in zentralasiatischen Steppenregionen lebenden Gruppen waren wahrscheinlich verwundbar gegenüber langanhaltenden Dürren und könnten von fruchtbareren Weiden im Westen angezogen worden sein.[32] Auch Kälteeinbrüche und damit verbundene Hungersnöte könnten zu der Migration beigetragen haben.

Allerdings zog sich die Völkerwanderung über zwei Jahrhunderte hin und begann zur Zeit eines klimatischen Optimums.[27] Der Schweizer Klimatologe Heinz Wanner nennt, unter Rückgriff auf die Terminologie des Push-Pull-Modells der Migration, als möglichen zusätzlichen Push-Faktor Bevölkerungsdruck, zu dem zunächst klimatisch günstige Phasen beigetragen haben könnten, oder als möglichen Pull-Faktor die Kunde von günstigeren Klima- und Lebensbedingungen andernorts. Ob Klimaveränderungen entscheidend für die massiven Wanderungen verschiedener Völkergruppen waren, lasse sich nicht schlüssig beantworten.[38]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael McCormick, Ulf Büntgen, Mark A. Cane, Edward R. Cook, Kyle Harper, Peter Huybers, Thomas Litt, Sturt W. Manning, Paul Andrew Mayewski, Alexander F. M. More, Kurt Nicolussi, Willy Tegel: Climate Change during and after the Roman Empire: Reconstructing the Past from Scientifc and Historical Evidence. In: Journal of Interdisciplinary History. 2012, doi:10.1162/JINH_a_00379 (mitpressjournals.org [PDF; 1000 kB]).
  • Kyle Harper: Climate, Disease and the Fate of Rome. Princeton University Press, 2017, ISBN 978-0-691-16683-4 (siehe dazu auch die kritischen Kommentare von John Haldon u. a.: Plagues, climate change, and the end of an empire: A response to Kyle Harper's The Fate of Rome (1)-(3). In: History Compass. 2018).

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael J. Decker: Approaches to the environmental history of Late Antiquity, part II: Climate Change and the End of the Roman Empire. In: History Compass. doi:10.1111/hic3.12425. Ähnlich Pessimum of the migration time in: Jörg F. W. Negendank: The Holocene: Considerations with Regard to its Climate and Climate Archives. In: Hubertus Fischer u. a. (Hrsg.): The Climate in Historical Times. 2004, ISBN 978-3-642-05826-4, doi:10.1007/978-3-662-10313-5_1.
  2. Joel D. Gunn: Introduction: A Perspective from the Humanities-Science Boundary. In: Human Ecology. März 1994, doi:10.1007/BF02168760.
  3. a b c d e f g h Samuli Helama, Phil D Jones, Keith R Briffa: Dark Ages Cold Period: A literature review and directions for future research. In: The Holocene. Februar 2017, doi:10.1177/0959683617693898.
  4. a b John Haldon, Hugh Elton, Sabine R. Huebner, Adam Izdebski, Lee Mordechai, Timothy P. Newfield: Plagues, climate change, and the end of an empire: A response to Kyle Harper's The Fate of Rome (1): Climate. In: History Compass. November 2018, doi:10.1111/hic3.12508.
  5. Christian-Dietrich Schönwiese: Klimaschwankungen (= Verständliche Wissenschaft. Band 115). Springer, Berlin, Heidelberg, New York 1979, S. 75–84.
  6. Christian-Dietrich Schönwiese: Klimaänderungen: Daten, Analysen, Prognosen. Springer, Berlin, Heidelberg, New York 1995, ISBN 3-540-59096-X, S. 79–92.
  7. a b Hubert Lamb: Climate, History, and the Modern World. 2. Auflage. Routledge, 1995, ISBN 0-415-12734-3, S. 144–154.
  8. Michael McCormick, Ulf Büntgen, Mark A. Cane, Edward R. Cook, Kyle Harper, Peter Huybers, Thomas Litt, Sturt W. Manning, Paul Andrew Mayewski, Alexander F. M. More, Kurt Nicolussi, Willy Tegel: Climate Change during and after the Roman Empire: Reconstructing the Past from Scientifc and Historical Evidence. In: Journal of Interdisciplinary History. 2012, doi:10.1162/JINH_a_00379.
  9. a b Michael J. Decker: Approaches to the environmental history of Late Antiquity, part II: Climate Change and the End of the Roman Empire. In: History Compass. doi:10.1111/hic3.12425.
  10. Werner Marx, Robin Haunschild, Lutz Bornmann: Climate and the Decline and Fall of the Western Roman Empire: A Bibliometric View on an Interdisciplinary Approach to Answer a Most Classic Historical Question. In: Climate. 2018, doi:10.3390/cli6040090.
  11. Information from Paleoclimate Archives: Observed Recent Climate Change in the Context of Interglacial Climate Variability und Regional Changes During the Holocene - Temperature - Northern Hemisphere Mid-to-High Latitudes. In: Intergovernmental Panel on Climate Change [IPCC] (Hrsg.): Fünfter Sachstandsbericht (AR5). 2013, 5, Executive Summary, und 5.5.1.1.
  12. Shaun A. Marcott u. a.: A Reconstruction of Regional and Global Temperature for the Past 11,300 Years. In: Science. Band 339, 8. März 2013, doi:10.1126/science.1228026.
  13. Heinz Wanner, L. Mercolli, M. Grosjean und S. P. Ritz: Holocene climate variability and change; a data-based review. In: Journal of the Geological Society. 2014, doi:10.1144/jgs2013-101.
  14. Fredrik Charpentier Ljungqvist: A new reconstruction of temperature variability in the extra‐tropical northern hemisphere during the last two millennia. In: Geografiska Annaler: Series A, Physical Geography. Nr. 3, 2010, doi:10.1111/j.1468-0459.2010.00399.x.
  15. a b Jürg Luterbacher u. a.: European summer temperatures since Roman times. In: Environmental Research Letters. 2016, doi:10.1088/1748-9326/11/2/024001 (HTML).
  16. a b Olga N. Solomina u. a.: Glacier fluctuations during the past 2000 years. In: Quaternary Science Reviews. 2016, doi:10.1016/j.quascirev.2016.04.008.
  17. Dana F.C. Riechelmann, Marjolein T.I.J. Gouw-Bouman: A review of climate reconstructions from terrestrial climate archives covering the first millennium AD in northwestern Europe. In: Quaternary Research. Oktober 2018, doi:10.1017/qua.2018.84.
  18. a b Ulf Büntgen u. a.: Cooling and societal change during the Late Antique Little Ice Age from 536 to around 660 AD. In: Nature Geoscience. 2016, doi:10.1038/ngeo2652 (PDF).
  19. Dallas H. Abbott, Dee Breger, Pierre E. Biscaye u. a.: What caused terrestrial dust loading and climate downturns between A.D. 533 and 540? In: Geological Society of America Special Papers. Nr. 505, 2014, doi:10.1130/2014.2505(23).
  20. Dallas H. Abbott, S. N. Martos, H. Elkinton, R. Fleming, A. Garcia, A. R. Chivas, D. Breger, S. Haslett und M. R. Kaplan: Did Two Bolide Fragments Strike the Gulf of Carpentaria around 1500 Years Ago? In: AGU Fall Meeting Abstracts. Band 1, Dezember 2009, S. 1436.
  21. Matthew Toohey u. a.: Climatic and societal impacts of a volcanic double event at the dawn of the Middle Ages. In: Climatic Change. 2016, doi:10.1007/s10584-016-1648-7.
  22. B. Lee Drake: Changes in North Atlantic Oscillation drove Population Migrations and the Collapse of the Western Roman Empire. In: Scientific Reports. April 2017, doi:10.1038/s41598-017-01289-z.
  23. Behringer, 2007, S. 138 „In Norwegen […] zeichnen sich zwei Perioden ab, in denen jeweils ca. 40 % der Höfe verlassen wurden: einmal im 6. Jahrhundert […] und erneut seit 1300 […]“. Behringer nennt als Quelle Eva Österberg u. a. „Desertion and land colonization in the Nordic countries c. 1300-1600“, Almqvist & Wiksell International, 1981, ISBN 9122004319.
  24. a b Philipp von Rummel, Hubert Fehr: Die Völkerwanderung. Theiss, 2011, ISBN 978-3-8062-2283-8, S. 9 ff., 164.
  25. Walter Pohl: Die Völkerwanderung: Eroberung und Integration. W. Kohlhammer, 2002, ISBN 978-3-17-014518-4.
  26. Bernd Zolitschka, Karl-Ernst Behre, Jürgen Schneider: Human and climatic impact on the environment as derived from colluvial, fluvial and lacustrine archives—examples from the Bronze Age to the Migration period, Germany. In: Quaternary Science Reviews. Januar 2003, doi:10.1016/S0277-3791(02)00182-8.
  27. a b Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Klimas. 2007, S. 92–94.
  28. a b Nikola Koepke, Joerg Baten: Climate and its Impact on the Biological Standard of Living in North-East, Centre-West and South Europe during the Last 2000 Years. In: History of Meteorology. 2005 (meteohistory.org [PDF; 117 kB]).
  29. Armin Volkmann: Siedlung - Klima - Migrationen: Geoarchäologische Forschungen zur Oderregion zwischen 700 vor und 1000 nach Chr. mit Schwerpunkt auf der Völkerwanderungszeit. Studien zur Archäologie Europas. Habelt, Frankfurt 2013, ISBN 978-3-7749-3832-8.
  30. Christian-Dietrich Schönwiese: Klimaänderungen. Springer, Berlin 1995, S. 83–86, ISBN 354059096X
  31. In der geschichtswissenschaftlichen Migrationsforschung spielen mögliche Klimaeinflüsse eine geringere Rolle: Franz Mauelshagen: Migration and Climate in World History. In: Sam White, Christian Pfister und Franz Mauelshagen (Hrsg.): The Palgrave Handbook of Climate History. palgrave macmillan, ISBN 978-1-137-43019-9, S. 413.
  32. a b c d e Henry Diaz, Valerie Trouet: Some Perspectives on Societal Impacts of Past Climatic Changes. In: History Compass. 2014, doi:10.1111/hic3.12140.
  33. a b c d Kyle Harper: Climate, Disease and the Fate of Rome. Princeton University Press, 2017, ISBN 978-0-691-16683-4.
  34. Monica H. Green: Climate and Disease in Medieval Eurasia. In: Oxford Research Encyclopedia Asian History. Juni 2018, doi:10.1093/acrefore/9780190277727.013.6.
  35. Anthony J McMichael: Extreme weather events and infectious disease outbreaks. In: Virulence. Juli 2015, doi:10.4161/21505594.2014.975022.
  36. Franz Mauelshagen: Climate as a Scientific Paradigm – Early History of Climatology. In: Sam White, Christian Pfister, Franz Mauelshagen (Hrsg.): The Palgrave Handbook of Climate History. palgrave macmillan, 2018, ISBN 978-1-137-43019-9, S. 579–580, doi:10.1057/978-1-137-43020-5.
  37. A. F.: Klimaschwankungen und Völkerwanderungen in der alten Welt. In: Naturwissenschaften. Band 4, Nr. 16, April 1916, S. 214–215, doi:10.1007/BF01497640 (berichtet von einem Vortrag Brückners vor der Jahresversammiung der K. K. Geographischen Gesellschaft in Wien).
  38. Heinz Wanner: Klima und Mensch – Eine 12'000-jährige Geschichte. Haupt, 2016, ISBN 978-3-258-07879-3, Die europäische Völkerwanderung – hat das Klima mitgespielt?, S. 219–222.