Peter C. Gøtzsche

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Peter Christian Gøtzsche (* 26. November 1949) ist ein dänischer Medizinforscher und war Direktor des Nordic Cochrane Centers am Rigshospitalet in Kopenhagen, Dänemark. Gøtzsche wurde 2010 an der Universität Kopenhagen zum Professor für klinisches Forschungsdesign und Analyse ernannt. Er war 1993 Mitbegründer der Cochrane Collaboration und hat als solcher zahlreiche Bewertungen verfasst.

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund seiner Forschungen folgerte Gøtzsche, dass Placebos im Vergleich zu gar keiner Behandlung nur einen geringen Effekt haben.[1][2][3] Weiterhin folgerte er, dass viele Meta-Analysen unter Datenextraktions-Fehlern leiden würden. Bei der Auswertung der Daten bemerkte die dänische Forschergruppe um Gøtzsche, dass in den Protokollen nachweislich vorhandene Daten in den Veröffentlichungen der Studien in erheblichem Maß nicht wiedergegeben worden seien.[4][5][6][7]

Er und seine Mitautoren haben die Forschungsmethoden und Interpretationen anderer Wissenschaftler scharf kritisiert, z. B. in Meta-Analysen bzgl. Placebos.[8][9] Gøtzsche hat auch die Meta-Analysen selbst[10] die redaktionelle Unabhängigkeit medizinischer Fachzeitschriften[11] und das medizinische Ghostwriting kommentiert.[12] Auch im Zusammenhang mit seiner Kritik des Mammographie-Screenings veröffentlichte Götzsche diesbezüglich 2013 sein Buch Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare (deutsche Übersetzung: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert, 2014).

Kritik des Mammographie-Screenings[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gøtzsche kritisierte Mammographie-Screenings zur Erkennung von Brustkrebs, indem er argumentierte, dass dieses nicht gerechtfertigt werden könne; seine Kritik hat einen Meinungsstreit ausgelöst.[13] Seine Kritik stammt von einer Meta-Analyse, die er hinsichtlich von Mammographie-Screeningstudien durchführte und unter dem Titel Is screening for breast cancer with mammography justifiable? (zu deutsch: „Ist Brustkrebs-Screening mittels einer Mammographie vertretbar?“) im Jahr 2000 im Fachmagazin The Lancet veröffentlichte.[14] Darin verwarf er sechs von acht Studien und argumentierte, dass deren Randomisierung (vgl. Randomisierte kontrollierte Studie, ein Qualitätskriterium von Studien) ungenügend war. 2006 wurde ein Papier Gøtzsches bzgl. Mammographie-Screenings im European Journal of Cancer elektronisch publiziert, noch vor dem Druck.[15] Das Fachmagazin entfernte das Dokument später komplett von seiner Webseite, ohne irgendeine formelle Rücknahme, wie sonst üblich.[16] Das Papier war später im Danish Medical Bulletin publiziert, mit einer kurzen Mitteilung vom Herausgeber,[17] und Gøtzsche und seine Mitautoren kommentierten bzgl. der einseitigen Rücknahme im European Journal of Cancer, dass die Autoren darin nicht involviert waren.[18]

2012 veröffentlichte Gøtzsche Mammography Screening: Truth, Lies and Controversy (zu deutsch: „Mammographie-Screening: Wahrheit, Lügen und Meinungsstreit“).

Kritik an SSRI-Antidepressiva[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gøtzsche kritisierte 2014 im Guardian den ausgedehnten Gebrauch von SSRI-Antidepressiva.[19]

Kritik an Reviews zur HPV-Impfung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 2015 gab EMA bekannt, dass sie HPV-Impfstoffe in einem Review untersucht habe, bei dem geprüft wurde, ob zwei selten im Zusammenhang mit der Impfung berichtete unerwünschte Wirkungen, das komplexe regionale Schmerzsyndrom (Complex Regional Pain Syndrome, CRPS) und das posturale orthostatische Tachykardiesyndrom (POTS), bei geimpften Frauen häufiger auftreten als bei ungeimpften. Die Auswertung ergab, dass die im zeitlichen Zusammenhang mit HPV-Impfungen beobachteten Melderaten dieser Erkrankungen der erwarteten Häufigkeit des Auftretens in der untersuchten Altersgruppe (weibliche Jugendliche im Alter von 10 bis 17 Jahren) entspreche und sich somit kein Hinweis auf einen Zusammenhang ergebe.[20][21]
Im Dezember 2015 publizierte die dänische Wissenschaftlerin Louise Brinth eine Kritik an diesem Review.[22] Gøtzsche reichte daraufhin im Mai 2016 eine formelle Beschwerde zu dem offiziellen Beurteilungsbericht der EMA ein.[23]
2018 hat ein Cochrane-Review die Impfung als wirksam und sicher beurteilt.[24] Dieses Review wurde von Gøtzsche und seinen Kollegen ebenfalls kritisiert.[25]

Ausschluss aus der Cochrane Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 26. September 2018 wurde Gøtzsche aus der Cochrane Organisation ausgeschlossen und seine Mitarbeit im Führungsgremium, in das er 2017 gewählt worden war, beendet.[26][27] Vier gewählte Führungsmitglieder verließen darauf auch das Gremium unter Protest und zwei ernannte Mitglieder wurden entlassen aus Paritätsgründen.[28] Als Grund seiner Entlassung wurde primär „fortgesetztes schlechtes Benehmen, welches nicht mit den Prinzipien und der Steuerung von Cochrane vereinbar sei …“ angegeben.[27] Gøtzsche beklagt hingegen, dass Cochranes „wachsende top-down autoritäre Kultur und ein mehr und mehr kommerzielles Geschäftsmodell … die wissenschaftliche, moralische und soziale Ziele der Organisation bedrohen“.[29] Gerd Antes von Cochrane Deutschland sieht die Situation als eine „Governance-Krise“, die nach Transparenz ruft und gemeistert werden kann mit „strikte(r) Orientierung an den Zielen und Grundprinzipien von Cochrane.“[30]

Buchveröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Henrik R. Wulff: Rational Diagnosis and Treatment: Evidence-Based Clinical Decision-Making. 4. Auflage. Wiley, Chichester 2007, ISBN 978-0-470-51503-7. (Auflage 1+2 nur von Wulff; 1.–3. Auflage. Blackwell, Oxford 2000.)
  • Mammography Screening: Truth, Lies and Controversy. Radcliffe, London 2012, ISBN 978-1-84619-585-3.
  • Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma Has Corrupted Healthcare. Radcliffe, London 2013, ISBN 978-1-84619-884-7.
    • deutsch: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert. Riva, München 2014, ISBN 978-3-86883-438-3.
  • Deadly Psychiatry and Organised Denial. People's Press. London 2015. ISBN 978-87-7159-623-6.
    • deutsch: Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen: Wie Ärzte und Pharmaindustrie die Gesundheit der Patienten vorsätzlich aufs Spiel setzen. Riva, München 2016, ISBN 978-3-86883-756-8.
  • Gute Medizin, schlechte Medizin: Wie Sie sinnvolle Therapien von unnötigen und schädlichen unterscheiden lernen. Riva, München, 2018, ISBN 978-3-7423-0440-7

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Asbjørn Hrobjartsson, Peter C. Gøtzsche: Hvad er effekten af placebobehandling? En systematisk oversigt over randomiserede kliniske forsøg med placebobehandlede og ubehandlede patienter [Was ist die Wirkung von Placebo-Interventionen? Eine systematische Überprüfung der randomisierten Studien mit Placebobehandelten und unbehandelten Patienten]. In: Ugeskrift for Læger. Band 164, Nr. 3, Januar 2002, S. 329–333, PMID 11816328.
  2. Asbjørn Hrobjartsson, Peter C. Gøtzsche: Placebo treatment versus no treatment. In: Cochrane Database of Systematic Reviews. Nr. 1, 2003, S. CD003974, doi:10.1002/14651858.CD003974, PMID 12535498.
  3. A. Hrobjartsson, P. C. Gotzsche: Is the placebo powerless? Update of a systematic review with 52 new randomized trials comparing placebo with no treatment. In: Journal of Internal Medicine. Band 256, Nr. 2, August 2004, S. 91–90, doi:10.1111/j.1365-2796.2004.01355.x, PMID 15257721.
  4. Peter C. Gøtzsche, Asbjørn Hróbjartsson, Katja Maric, Britta Tendal: Data Extraction Errors in Meta-analyses That Use Standardized Mean Differences. In: JAMA. Band 298, Nr. 4, Juli 2007, S. 430–437, doi:10.1001/jama.298.4.430, PMID 17652297. There is a error in the article. Comments:
  5. Hugh McGuire, Melissa Edmonds,Jonathan Price: Data Discrepancies in Meta-analyses That Use Standarized Mean Differences—Reply. In: JAMA. Band 298, Nr. 19, 2007, S. 2261–2262; Autorenerwiderung Nr. 2262–2263, doi:10.1001/jama.298.19.2261-b, PMID 18029827.
  6. Peter C. Gøtzsche, Britta Tendal: Data Discrepancies in Meta-analyses That Use Standarized Mean Differences—Reply. In: JAMA. Band 298, Nr. 19, November 2007, S. 2262, doi:10.1001/jama.298.19.2262.
  7. Gunter Frank: Schlechte Medizin. Ein Wutbuch. 3. Auflage. Knaus-Verlag, 2012, ISBN 978-3-8135-0473-6, S. 77–78 sowie insgesamt S. 70–79.
  8. Asbjørn Hróbjartssona, Peter C. Gøtzsche: Unsubstantiated claims of large effects of placebo on pain: serious errors in meta-analysis of placebo analgesia mechanism studies. In: Journal of Clinical Epidemiology. Band 59, Nr. 4, April 2006, S. 336, doi:10.1016/j.jclinepi.2005.05.011, PMID 16549252.
  9. Asbjørn Hróbjartsson, Peter C. Gøtzsche: Powerful spin in the conclusion of wampold et al.'s re-analysis of placebo versus no-treatment trials despite similar results as in original review. In: Journal of Clinical Psychology. Band 63, Nr. 4, 2007, S. 373–377, doi:10.1002/jclp.20357, PMID 17279532.
  10. Peter C. Gøtzsche: Why we need a broad perspective on meta-analysis. In: British Medical Journal. Band 321, Nr. 7261, September 2000, S. 585–586, doi:10.1136/bmj.321.7261.585.
  11. Peter C. Gøtzsche: Ytringsfrihed og redaktionel uafhængighed: Fire fyringer og en kafkask proces. In: Ugeskrift for Læger. Band 170, Nr. 18, 2008, S. 1537.
  12. Peter C. Gøtzsche, Jerome P. Kassirer, Karen L. Woolley, Elizabeth Wager, Adam Jacobs, Art Gertel, Cindy Hamilton: What Should Be Done To Tackle Ghostwriting in the Medical Literature? In: PLoS Medicine. Band 6, Nr. 2, 2009, S. e1000023, doi:10.1371/journal.pmed.1000023, PMID 19192943, PMC 2634793 (freier Volltext).
  13. Donald G. McNeil, Jr.: Confronting cancer: Scientist at work – Peter Gotzsche; A Career That Bristles With Against-the-Grain Conclusions. In: New York Times. 9. April 2002, abgerufen am 30. Mai 2014.
  14. Peter C. Gøtzsche, Ole Olsen: Is screening for breast cancer with mammography justifiable? In: The Lancet. Band 355, Januar 2000, S. 129+, doi:10.1016/S0140-6736(99)06065-1.
  15. P. H. Zahl, P. C. Gøtzsche, J. M. Andersen, J. Mæhlen: Withdrawn: Results of the Two-County trial of mammography screening are not compatible with contemporaneous official Swedish breast cancer statistics. In: European Journal of Cancer. März 2006, doi:10.1016/j.ejca.2005.12.016, PMID 16530407.
  16. Kerry Grens: Mammography article withdrawal sparks dispute. In: The Scientist. Dezember 2006.
  17. Per-Henrik Zahl, Peter C. Gøtzsche, Jannike Mørch Andersen, Jan Mæhlen: Results of the Two-County trial of mammography screening are not compatible with contemporaneous official Swedish breast cancer statistics (Memento vom 24. April 2014 im Internet Archive). In: Danish Medical Bulletin. Band 53, November 2006, S. 438–440.
  18. Peter C. Gøtzsche, Jan Mæhlen, Per-Henrik Zahl: What is a publication? In: The Lancet. Band 368, Nr. 9550 (November–Dezember), 2006, S. 1854–1856, doi:10.1016/S0140-6736(06)69756-0.
  19. Peter Gøtzsche: Psychiatric drugs are doing us more harm than good. In: The Guardian. 30. April 2014 (online).
  20. HPV vaccines: EMA confirms evidence does not support that they cause CRPS or POTS. 5. November 2015.
  21. HPV vaccines: EMA confirms evidence does not support that they cause CRPS or POTS. (PDF; 94 kB). 20. November 2015.
  22. Louise Brinth: Responsum to Assessment Report on HPV-vaccines released by EMA November 26th 2015. online (PDF; 1,3 MB)
  23. Nordic Cochrane Center: Complaint to the European Medicines Agency (EMA) over maladministration at the EMA. (PDF). 26. Mai 2016.
  24. M. Arbyn, L. Xu, C. Simoens, P. P. L. Martin-Hirsch: Prophylactic vaccination against human papillomaviruses to prevent cervical cancer and its precursors. In: Cochrane Database of Systematic Reviews. Issue 5, 2018, Art. No.: CD009069. doi:10.1002/14651858.CD009069.pub3.
  25. L. Jørgensen, P. C. Gøtzsche, T. Jefferson: The Cochrane HPV vaccine review was incomplete and ignored important evidence of bias. In: BMJ Evidence-Based Medicine. 23, 2018, S. 165–168, doi:10.1136/bmjebm-2018-111012
  26. Statement from Cochrane's Governing Board
  27. a b Statement from Cochrane’s Governing Board – 26th September 2018
  28. Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin: Aktuelle Diskussion um Cochrane. Deutsches Netzwerk EbM, 1. Oktober 2018, abgerufen am 10. November 2018.
  29. Peter Gøtzsche: Cochrane in Moral Downfall. Gøtzsche Homepage, 2018, abgerufen am 10. November 2018.
  30. Gerd Antes: Cochrane in den Medien: Erläuterung der Widersprüche und Konflikte. Cochrane Deutschland, 25. September 2018, abgerufen am 10. November 2018.