Peter Finkelgruen

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Peter Finkelgrün, 2020

Peter Finkelgruen (* 9. März 1942 in Shanghai) ist Rundfunkredakteur, Korrespondent und Autor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peter Finkelgruen wurde in Shanghai geboren, wohin seine Eltern Ernestine, geb. Bartl, und Hans Finkelgrün aufgrund der NS-Verfolgung emigriert waren.

1943 wurde der Shanghaier Stadtteil Hongkew auf Druck der deutschen Regierung von den japanischen Besatzern zum Ghetto für sogenannte staatenlose Flüchtlinge erklärt (Shanghaier Ghetto), Peter Finkelgruens Vater verstarb noch im selben Jahr.

1946, nach der Befreiung Shanghais durch amerikanische Truppen kehrte Peter Finkelgruens Mutter zusammen mit ihrem Sohn nach Prag zurück, wo ihre Mutter, Anna Bartl, lebte. Anna Bartl hatte Martin Finkelgruen (1876–1942), Peter Finkelgruens Großvater, für einige Zeit in der gemeinsamen Wohnung versteckt und sein Geschäft weitergeführt. Sie wurde denunziert und deportiert. Im Gegensatz zu Martin Finkelgruen, der in der kleinen Festung Theresienstadt von dem SS-Wachmann Anton Malloth zu Tode geprügelt wurde, überlebte Anna Bartl die Konzentrationslager Ravensbrück, Auschwitz und Majdanek.

Peter Finkelgruen besuchte die Grundschule in Prag bis 1951 und wanderte nach dem Tod seiner Mutter zusammen mit seiner Großmutter nach Israel aus, wo er acht Jahre später an der von der Church of Scotland geführten Tabeetha School, Jaffa das Abitur ablegte.

Im gleichen Jahr übersiedelten Peter Finkelgruen und seine Großmutter in die Bundesrepublik Deutschland, wo Finkelgruen zunächst in Freiburg im Breisgau, später in Köln und Bonn politische Wissenschaft, Soziologie und Geschichte studierte.

Ab 1963 arbeitete er als Rundfunkredakteur und Sprecher bei der Deutschen Welle und war ab 1964 zwei Jahre lang Leiter des Bonner Büros der Zeitschrift Jewish Observer and Middle East Review. 1966 kehrte er als Redakteur zur Deutschen Welle zurück.

1981 wurde Finkelgruen als Auslandskorrespondent der Deutschen Welle nach Israel entsandt und leitete von 1982 bis 1988 das Jerusalembüro der Friedrich-Naumann-Stiftung. In dieser Zeit schrieb er Beiträge für verschiedene Zeitschriften, wie Das Parlament, liberal und veröffentlichte Texte in Anthologien, z. B. Fremd im eigenen Land.

Nach seiner Rückkehr aus Israel wurde Peter Finkelgruen von einer Mitgefangenen und späteren Freundin seiner Großmutter über die näheren Umstände des Mordes an seinem Großvater Martin Finkelgruen aufgeklärt. In den darauffolgenden zehn Jahren ließ Finkelgruen nichts unversucht, eine Anklage des Anton Malloth durch einen deutschen Staatsanwalt zu erreichen. Die damit verbundenen Erfahrungen dokumentierte Peter Finkelgruen in den beiden autobiographischen Büchern Haus Deutschland. Die Geschichte eines ungesühnten Mordes und Erlkönigs Reich. Die Geschichte einer Täuschung.

Diese Geschichte wurde zudem von dem israelischen Schriftsteller und Dramatiker Joshua Sobol unter dem Titel Schöner Toni in einem Theaterstück aufgegriffen, das 1994 in der Bearbeitung und Inszenierung von Bruno Klimek am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde. 1998 drehte der Dokumentarfilmer Dietrich Schubert einen Film über Peter Finkelgruen mit dem Titel Unterwegs als sicherer Ort.

Im Dezember 2010 nahm Finkelgruen öffentlich kritisch zu der sogenannten „Kölner Klagemauer“ Stellung, die er, gemeinsam mit anderen Autoren, als antisemitisch bezeichnete.[1]

Peter Finkelgruen betätigte sich 1989 als Mitinitiator des Artikel 19-Verlages und ist als Mitherausgeber in der deutschen Erstausgabe der Satanischen Verse verzeichnet.

Finkelgruen war bis 2011 Vorstandsmitglied im P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland.[2]

Im Juli 2013 wurde Peter Finkelgruen als stellvertretendes Mitglied in den Rundfunkrat des WDR entsandt.[3]

Im März 2012 wurde in der Nähe seiner Wohnung von der Bezirksvertretung Köln-Sülz sowie von Freunden ein Gedenkstein anlässlich seines 70. Geburtstages sowie zur Erinnerung an seinen ermordeten Großvater Martin Finkelgruen eingeweiht. Ende Juni 2016 wurde der Gedenkstein durch einen antisemitischen Farbanschlag geschändet.[4]

Im Februar 2017 hielt er in Peking auf gemeinsame Einladung der dortigen Botschaften Tschechiens, Israels und Deutschlands eine Shoah-Gedenkrede.[5]

2020 erschien sein 1981 abgeschlossenes Buch Soweit er Jude war… Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln zuerst auf haGalil.com sowie anschließend als Buch.

Verleihung des Rheinlandtalers des LVR an Peter Finkelgruen. Links Laudator Jürgen Wilhelm, vor ihm seine Frau Gertrud Seehaus, 2020

Der Landschaftsverband Rheinland zeichnete ihn im Oktober 2020 mit dem Rheinlandtaler in der Kategorie „Kultur“ aus.[6]

Zurzeit lebt und arbeitet Peter Finkelgruen, der mit der Schriftstellerin Gertrud Seehaus verheiratet ist, in Köln.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Haus Deutschland. Die Geschichte eines ungesühnten Mordes. Reinbek bei Hamburg 1998, ISBN 978-3-499-19610-2 (Erstveröffentlichung Berlin 1992)
  • Erlkönigs Reich. Die Geschichte einer Täuschung. Rowohlt Verlag, Berlin 1997.
  • Opa und Oma hatten kein Fahrrad, zusammen mit Gertrud Seehaus. Books on Demand, Norderstedt 2007.
  • "Soweit er Jude war..." Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln. Herausgeber: Roland Kaufhold, Andrea Livnat und Nadine Engelhart. Books on Demand. Norderstedt 2020.

Als Herausgeber

  • Salman Rushdie: Die Satanischen Verse. Artikel 19 Verlag, 1989.
  • Jubeljung begeisterungsfähig – Zum 90. Geburtstag von Ralph Giordano. Books on Demand, Norderstedt 2013, ISBN 978-3-7322-3214-7.

Literatur und Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joshua Sobol: Schöner Toni. Theaterstück, Uraufführung im Düsseldorfer Schauspielhaus, 1994.
  • Dietrich Schubert: Unterwegs als sicherer Ort. Dokumentarfilm, Deutschland, 1997.
  • Oliver Schröm, Andrea Röpke: Stille Hilfe für braune Kameraden. Christoph Links Verlag, Berlin, 2002.
  • Roland Kaufhold (2012): Keine Heimat. Nirgends. Von Shanghai über Prag und Israel nach Köln – Peter Finkelgruen wird 70, haGalil
  • Roland Kaufhold (2016): Das Flüchtlingskind und der Ochsenfrosch. Peter Finkelgruen – Von Shanghai über Prag und Israel nach Köln. Lebensstationen eines Journalisten und Schriftstellers, haGalil
  • Roland Kaufhold: Beinahe wäre er Peruaner geworden. Der Weltbürger Peter Finkelgruen. In: Neuland 2 (2020), S. 14 f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peter Finkelgruens zum Antisemitismus der Kölner „Klagemauer“ und ein befremdliches Gerichtsurteil hierzu hagalili.com, 19. Dezember 2010
  2. Peter Finkelgruen auf den Seiten des „P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland“. Abgerufen 6. Oktober 2016
  3. Pressemitteilung der Piratenfraktion im Landtag NRW (Memento des Originals vom 18. September 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.piratenfraktion-nrw.de, abgerufen am 19. Juli 2013.
  4. Antisemitische Handschrift, haGalil.com, 2. Juli 2016
  5. Roland Kaufhold: Peter Finkelgruens Gedenkrede in Peking. Eine chinesisch-tschechisch-deutsche Erinnerungsveranstaltung zur Shoah. 23. Februar 2017, abgerufen am 24. März 2017.
  6. Robert Laubach: Preisverleihung in Köln-Deutz: Peter Finkelgruen erhält den Rheinlandtaler des LVR. Kölner Stadt-Anzeiger, 3. Oktober 2020, abgerufen am 4. Oktober 2020 (deutsch).