Peter Hagendorf

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Peter Hagendorf (* 1601 oder 1602 im Fürstentum Anhalt-Zerbst[1]; beerdigt wahrscheinlich am 4. Februarjul./ 14. Februar 1679greg. in Görzke[2]) war ein Söldner im Dreißigjährigen Krieg. Er hinterließ ein umfangreiches Tagebuch, das als einziges Zeugnis des Söldnerlebens im Dreißigjährigen Krieg gilt.

Peter Hagendorf, ein Soldat (farbig unterlegt) im Kirchenbuch von Görzke vom 9. Novemberjul./ 19. November 1649greg.

Inhalt des Tagebuchs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Seite aus dem Tagebuch Hagendorfs

Das Tagebuch beginnt Anfang der 1620er Jahre, die erste konkrete Jahreszahl ist 1625. Es schildert, wie Hagendorf mit seinem besten Freund Christian Kresse aus Halle am Bodensee entlang, durch die Schweiz nach Italien marschiert, um dort am Veltliner Krieg teilzunehmen. Sie klettern in den Alpen und dabei stürzt Kresse vermutlich im Nebel ab.[3]

Hagendorf wandert wieder zurück nach Deutschland und lässt sich aus Geldmangel 1627 in Ulm erneut als Söldner anwerben. Nach der Ankunft am Musterplatz heiratet Hagendorf seine erste Frau Anna Stadler aus Traunstein, die ab diesem Zeitpunkt mitmarschiert. Sie bekommt vier Kinder, von denen keines länger als zwei Jahre lebt. Als Anna aufgrund der Folgen der letzten Geburt in einem Münchner Krankenhaus stirbt, trifft Hagendorf das hart.[4]

Zwei Jahre lang alleinstehend, schildert er u. A. zwei Begegnungen mit Frauen.

„Alhir sindt wir 8 tage stilgelehgen, vnd de stadt ausgeplundert, Alhir habe ich fur meine beute, ein huebsches medelein bekommn vnd 12 tall am gelde kleider, vnd weiszeug gnug wie wir sindt auffbrochen habe Ich sie wieder nach lanshut geschiegket.“[5]

„Alhir habe Ich auch [in Pforzheim] ein Iunges medges (?) herausgefuhret, Aber // Ich habe sie lassen wieder hinein gehen, den sie hatt mir must, weiszeug herraus tragen, welches mir offt Ist leit gewessen, den ich hate auff dies mal kein Weieb,...“[6]

Jan Peters interpretiert das sowohl als mögliche Entführung als auch als Begegnung mit sog. Trosshuren.[7][8] 1635 heiratet Hagendorf in Pforzheim seine zweite Frau, Anna Maria Buchler, die Tochter von Martin Buchler, der zusammen mit seiner Frau mitmarschiert, laut Peters vermutlich ebenfalls ein Landsknecht. Mit ihr bekommt Hagendorf während des Krieges noch sechs weitere Kinder.[9]

Hagendorf ist an der Erstürmung von Magdeburg beteiligt, wo er schwer verwundet wird.[10] Er kämpft hauptsächlich im Regiment Pappenheim, wird zwischenzeitlich jedoch auch von den Schweden zwangsrekrutiert – eine im Dreißigjährigen Krieg übliche Praxis.[11] Seinen Sohn Melchior Christoph (Melchert Christoff) gibt er, als dieser aus dem Kleinkindalter herauswächst, zu einem evangelischen Pfarrer in Pflege.[12] Melchior Christoph und eine nachgeborene Tochter Anna Maria sind bis zum Schluss der Aufzeichnungen Hagendorfs am Leben.

Den Westfälischen Frieden erlebt Hagendorf in Memmingen und sieht ihn zwiespältig, da ihm dadurch seine Lebensgrundlage genommen wird und er sich nun mit Hilfsarbeit wie der eines Nachtwächters herumschlagen muss. Er beschreibt, wie sich seine Alkoholsucht nach Ende des Krieges wieder verstärkt Bahn bricht und sich seltsame Unfälle häufen, die laut Peters auf ein Unvermögen hinweisen, mit dem Frieden zurechtzukommen. Im Mai 1649 holt er seinen Sohn – ohne eine weitere Erläuterung im Tagebuch – vom Pfarrer im 260 km weit entfernten Altheim ab. Am 26. September 1649, nur einen Tag nach der Abdankung von seinem Regiment, an dem er 39 Gulden (drei Monatsgehälter) Abfindung erhalten hatte, fährt er mit Sohn, Tochter und Frau los. Er reist in hohem Tempo Richtung Nordosten, durchquert am 26. September Babenhausen, am 27. Günzburg, am 28. Gundelfingen, am 29. Nördlingen, am 30. Öttingen. Einen letzten Städtenamen interpretiert Jan Peters als einen Ort namens Straßburg. Danach reißen die Aufzeichnungen ab. Wohin seine Reise mit der Familie geht, bleibt offen.[13]

Entstehung und Analyse des Tagebuchs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1648, nachdem Hagendorf etwa 22.500 km durch Italien, das Heilige Römische Reich, die Spanischen Niederlande und das Königreich Frankreich gezogen war, erwarb er von seinem Sold 12 Bögen feines Papier, das er mit derben Fäden zusammenband, um darauf seine Kriegserlebnisse aufzuschreiben.

Sehr sicher war es die Reinschrift von vielen Zetteln. Der Historiker Marco von Müller stellte in seiner Magisterarbeit fest, dass nachweisbar Zettel durcheinandergeworfen wurden oder verloren gingen; so sind an einigen Stellen Textteile nicht ganz schlüssig und klingen, als ob sie aus der Erinnerung rekonstruiert wurden. Die Inhalte waren auf (ehemals) 192 Seiten mit meistens zwölf geraden Zeilen niedergeschrieben.

Die Sprache ist für damalige Verhältnisse ungewöhnlich kühl, mit stellenweise aufblitzender Ironie und sarkastischen Einwürfen.

Gefühle zeigt er bei Dingen, die ihn augenscheinlich begeistern, wie Natur, Mühlen und Architektur. So beschreibt er zwischen den Kampfphasen wortreich, detailliert und mit großer Anschaulichkeit Natur und Landschaften, zeigt lebhaftes Interesse an den jeweiligen Einwohnern und ihren kulinarischen Eigenheiten. Er verherrlicht den Krieg nicht. Distanziert beschreibt Hagendorf die Gräuel, die er mitansehen muss, aber auch selbst verursacht. Er spart auch nicht mit selbstkritischer Beleuchtung seiner eigenen Person. So wird sein Hang zum Alkoholismus beschrieben, den er zwar meistens gut im Griff hat, der ihn aber, wenn er mal durchkommt, in Schwierigkeiten bringt, meist finanzieller Natur. Seine Frauen liebt er aufrichtig. Seine Kinder beschreibt er reserviert, solange sie noch Säuglinge sind. Erst als das erste, der Sohn Melchior Christoph, das Kleinkindalter erreicht, wird auch seine Beschreibung wärmer und gefühlvoller. Als das Kind anfängt die Dinge um sich bewusst wahrzunehmen, bringt er es fürsorgend bis zum Ende des Krieges bei einem Pfarrer und Lehrer unter.

Seine für die damalige Zeit und Umstände ungewöhnlich gehobene Bildung ermöglichte Hagendorf, höhere Posten und Positionen einzunehmen als andere Rekruten. So wurde er aufgrund seiner Lese- und Schreibkenntnisse vorzugsweise in bürokratischen Bereichen und als militärrechtlicher Richter eingesetzt. Er hatte auch Kenntnisse in Latein, war aber kein Intellektueller. Das Tagebuch ist, trotz der ausführlichen Schilderungen, überraschend unpolitisch. Er nimmt über all die Jahre keinerlei Position für eine Partei oder Religion ein. Sein gesamter Fokus ist auf das tägliche Überleben seiner Familie und seiner selbst ausgerichtet[14]

Fundgeschichte des Tagebuchs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorbesitzer des Buches war der evangelische Berliner Pfarrer und Bücherexperte Gottlieb Ernst Schmid (1727–1814), der der Staatsbibliothek zu Berlin 1803 seine bedeutende Büchersammlung vermachte. Der erhaltene Teil des Tagebuchs umfasst einen Zeitraum von 24 Jahren zwischen 1625 und 1649. Die ersten 13 und die letzten drei Seiten fehlen.

Erste Recherchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jan Peters fand die Aufzeichnungen 1988 im Westberliner Handschriftenverzeichnis bei einem Besuch der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin. Das Buch war zum Fundzeitpunkt 1988 in einem mitgenommenen Zustand, Wasserflecken und Rauchgeruch hatten Schrift und Papier zugesetzt. Peters übersetzte es ins zeitgenössische Deutsch und nach der Wende 1993 publizierte er es erstmals, allerdings war der Name des Autors Peter Hagendorf damals nur eine Vermutung. Der Historiker suchte noch in Chroniken nach Hinweisen für den Namen des Verfassers, wo dessen Kinder geboren und getauft worden waren, und woher seine Frauen stammten.

Im Tagebuch spricht der Anonymus von seiner Tochter Magreta, die am 3. November 1645 in Pappenheim zur Welt gekommen war. Im Kirchenbuch des lutherischen Pfarramtes findet sich der Name des Kindes als Anna Marget wieder, auch der Name der Mutter Anna Maria stimmt überein, und als Vater wird Peter Hagendorf genannt. Andere Quellen stützen diese Zuordnung.[15] Die Nachweise zur Identifizierung des Autors wurden von Marco von Müller erbracht, der seine Magisterarbeit 2004 an der FU Berlin bei Arthur Imhof und Jan Peters anfertigte.[16]

Name und Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peter Hagendorfs Herkunft und das Taufdatum einer anderen Tochter konnten so ebenfalls ermittelt werden. Im ersten Kirchenbuch (1629–1635) von Engelrod (heute Ortsteil von Lautertal im Vogelsberg) findet sich folgender Taufeintrag:

Eichelhain, Anno 1629, August 17., Elisabeth, Peter Hagendorffs, eines Soldaten von Zerbst Döchterlein…“[17]

Indirekte Hinweise im Buch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Herkunftsbezeichnung „Zerbst“ ist unklar, ob die Stadt Zerbst/Anhalt gemeint ist oder das Fürstentum Anhalt-Zerbst. Zerbst Stadt und Land liegen im sogenannten Fläming. Peters stellte selbst in Zerbst Nachforschungen an und fand heraus, dass mehrere Hagendorfs „zeitgleich“ wie Peter Hagendorf in Zerbst auftauchten, (obgleich er nicht näher angibt, wie er „zeitgleich“ definiert). Einem Jacob Hagendorf, dessen Kinder im selben Alter wie die von Peter getauft werden, weist er eine mögliche Verwandtschaft als Bruder zu. Jan Peters fällt auch die Herkunft der Zerbster Hagendorfs auf: Buckau bei Ziesar, Litzow bei Glindow, ferner Brandenburg, Magdeburg, Wittenberg und andere Ortschaften in relativer Nähe.[18]

Filme und Dokumentationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Dreißigjährige Krieg (Teil 1) – Von Feldherren, Söldnern und Karrieristen. Dokumentarfilm, Bayerischer Rundfunk (BR), Deutschland 2011. Mit Matthias Klösel als Peter Hagendorf.[19][20]
  • Glauben, Leben, Sterben. Dokumentarfilm, ARD (BR, MDR, SWR) und ORF, Deutschland 2018. Ein Film von von Stefan Ludwig mit Robert Zimmermann als Peter Hagendorf.[21]
  • Terra X: Der Dreißigjährige Krieg (Teil 1) – Tagebücher des Überlebens. Dokumentarfilm, ZDF, Deutschland 2018. Ein Film von Ingo Helm und Volker Schmidt-Sondermann mit Philip Hagmann als Peter Hagendorf.[22]
  • Die eiserne Zeit – Leben und Lieben im Dreißigjährigen Krieg. Sechsteiliges Doku-Drama, ARD/Arte, Deutschland 2018. Produzent: Gunnar Dedio, Drehbuch: Yury Winterberg, mit Jan Hasenfuss als Peter Hagendorf.[23][24]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(chronologisch geordnet)

  • Jan Peters (Hrsg.): Ein Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg. Eine Quelle zur Sozialgeschichte. (= Selbstzeugnisse der Neuzeit. Quellen und Darstellungen zur Sozial- und Erfahrungsgeschichte, Band 1). Akademie Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-05-001008-8.
  • Peter Burschel: Himmelreich und Hölle. Ein Söldner, sein Tagebuch und die Ordnungen des Krieges. In: Benigna von Krusenstjern, Hans Medick (Hrsg.): Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe. (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 148). 2. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-35463-0, S. 181–194.
  • Luise Wagner-Roos, Reinhard Bar: Zwischen Himmel und Hölle – Erinnerungen an ein Söldnerleben. In: Hans-Christian Huf (Hrsg.): Mit Gottes Segen in die Hölle – Der Dreißigjährige Krieg. Ullstein-Verlag, Berlin 2001, ISBN 978-3-548-60500-5, S. 104–127.
  • Marco von Müller: Das Leben eines Söldners im Dreißigjährigen Krieg. Magisterarbeit am Friedrich-Meinecke-Institut, 2005 (PDF; 5,6 MB).
  • Jan Peters (Hrsg.): Peter Hagendorf – Tagebuch eines Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg. (= Herrschaft und soziale Systeme in der Frühen Neuzeit, Band 14). V & R Unipress, Göttingen 2012, ISBN 978-3-89971-993-2.
  • Christian Pantle: Der Dreißigjährige Krieg. Als Deutschland in Flammen stand. Vom Rauben, Morden und Plündern und der Menschlichkeit im Krieg. Propyläen Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017, ISBN 978-3-549-07443-5.
  • Hans Medick: Der Dreißigjährige Krieg – Zeugnisse vom Leben mit Gewalt, Wallstein-Verlag, Göttingen 2018, ISBN 978-3-8353-3248-5 (Kapitel „Die Täterperspektive eines Söldners“, S. 113–115; „Die Rückkehr des Peter Hagendorf“, S. 115–122; „Überleben eines Söldners und seiner Familie im Krieg“, S. 134–141; „Belagerungen“, S. 197–198; „Massaker“, S. 219–222).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. In den div. Kirchenbucheinträgen steht „Soldat aus Zerbst“. Es ist nicht weiter ausgeführt, ob damit die Stadt Zerbst/Anhalt oder die Region Fürstentum Anhalt-Zerbst gemeint ist. Da sich die Stadt im gleichnamigen Territorium befindet und sich weitere Angaben auf einen anderen Ort als das zitierte „Zerbst“ beziehen, wird hier als Geburtsort die Region angegeben.
  2. Marco von Müller: Peter Hagendorf kehrt heim
  3. Tagebuch S. 2–14.
  4. Tagebuch S. 14–38.
  5. Tagebuch S. 44.
  6. Tagebuch S. 50.
  7. Jan Peters: Peter Hagendorf – Tagebuch eines Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg. 2012, Kapitel: Lebensweise und Soldatenkultur, S. 169.
  8. Tagebuch S. 38–50.
  9. Tagebuch S. 53 ff.
  10. Tagebuch S. 23–27.
  11. Tagebuch S. 39–48.
  12. Tagebuch S. 167.
  13. Tagebuch S. 173–176.
  14. Magisterarbeit M. v. Müller ff.
  15. Friedrich J. Ortwein (Hrsg.): Die Kirchenbücher Engelrod 1629–1698. Hannover und Köln 1993/2006, S. 4ff.
  16. Michael Kaiser: Rezension von: Jan Peters (Hg.): Peter Hagendorf - Tagebuch eines Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg, Göttingen: V&R unipress 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 4 [15.04.2013]
  17. Ortwein, Kirchenbücher Engelrod, S. 179.
  18. Jan Peters: Peter Hagendorf – Tagebuch eines Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg. 2012, Kapitel: Forschungsstand und Themen des Tagebuchs, S. 199ff
  19. Der Dreißigjährige Kriege (Teil 1) – Von Feldherren, Söldnern und Karrieristen. In: Fernsehserien.de. Abgerufen am 30. Mai 2018.
  20. Toppler-Darsteller Klösel spielt Hauptrolle in BR-Film. In: Nordbayern.de. 7. Januar 2011, abgerufen am 30. Mai 2018.
  21. Glauben, Leben, Sterben. In: DasErste.de. Abgerufen am 30. Mai 2018.
  22. Terra X: Der Dreißigjährige Krieg (1/2) – Tagebücher des Überlebens. In: ZDF.de. Abgerufen am 26. September 2018.
  23. Die eiserne Zeit – Leben und Lieben im Dreißigjährigen Krieg. In: NICCC.de. Abgerufen am 4. September 2018.
  24. Die eiserne Zeit – Leben und Lieben im Dreißigjährigen Krieg. In: Fernsehserien.de. Abgerufen am 26. September 2018.