Petruslied

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Petruslied ist das älteste bekannte deutsche und althochdeutsche geistliche Lied aus Ende des 9. bis Anfang des 10. Jahrhunderts. Es ist ein Bittgesang für Notzeiten, Wallfahrten und Prozessionen in altbairischer Sprache. Das Lied ist anonym und einzig in einer Handschrift aus Freising (BSB München, Clm 6260, fol. 158v) überliefert. Es wurde auf der letzten Seite der Handschrift, die um 870 erstellt wurde und eine Abschrift des Genesiskommentars von Hrabanus Maurus enthält, als Nachtrag eingetragen.

Text und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schlussseite der Hss. Clm 6260, 158v mit dem Petruslied am unteren Ende

Das Lied umfasst drei Strophen, die sich aus zwei binnengereimten Langzeilen zusammensetzen. Die Strophen sind abgesetzt und die Verse durch Punkte getrennt, zudem sind die Strophen mit dem Notationssystem der Neumen versehen. Den Strophen folgt als ein Refrain das „Kyrie eleison“.

Das Petruslied steht der lateinischen Petrushymnik nahe. Es zeigt deutliche Übereinstimmungen mit dem für den Zweck des als Prozessionsgesang dienenden „Aurea luce et decore roseo“. In diese Gattung als Wallfahrtslied ist das Petruslied zuzurechnen, des Weiteren ist es durch die Phrase des „Kyrie eleison“ den Leisen zuzuordnen.

Vorlage für das Petruslied ist eine Szene aus dem Matthäusevangelium (Mt 16,18 LUT) und rezeptiert die durch Jesus Christus an dem Apostel Petrus verliehene Amtsgewalt über die „Schlüssel des Himmelreiches“ zu verfügen und somit nach der mittelalterlichen Theologie über den Eingang in dieses zu verfügen. In dieser Motivik liegt der Grund der stofflichen Behandlung für den kirchlichen Bittgesang, dass zu dessen Ende in der dritten Strophe in eine Fürbitte an Petrus den Höhepunkt und Abschluss findet, das Petrus sich der in Sünde befindlichen Menschheit erbarmen möge. Der Vers in der dritten Strophe „daz er uns firtanen, giuuerdo ginaden“ findet sich auch in Otfrid von Weißenburgs Evangelienharmonie (Liber evangeliorum 1, 7, 28) in der Form „thaz er uns firdanen giwerdo ginadon“. Die Frage, ob der anonyme Schreiber oder Otfrid den jeweils anderen zitiert hat, ist ungeklärt, eine mögliche gemeinsame Vorlage, beziehungsweise dass beide auf eine tradierte Weise zurückgegriffen haben, ist ebenfalls unklar.

Unsar trohtin hat farsalt, sancte petre giuualt,
daz er mac ginerian, ze imo dingenten man.
kyrie, eleyson! christe, eleyson!
Er hapet ouh mit uuortoun, himilriches portun,
dar in mach er skerian, den er uuili nerian.
kyrie, eleyson! christe, eleyson!
Pittemes den gotes trut, alla samant upar lut,
daz er uns firtanen, giuuerdo ginaden!
kyrie, eleyson! christe, eleyson!
Unser Herr hat übertragen St. Peter die Gewalt,
dass er retten kann die ihm anvertrauten (gedingten) Menschen (Männer)
Kyrie eleyson, Christe eleyson!
Er hat auch die Verantwortung über die Pforte des Himmelreichs,
dass er hinein lassen kann, den er will retten.
Kyrie eleyson, Christe eleyson!
Bitten wir den Vertrauten Gottes, alle zusammen überlaut,
dass er uns Verlorenen (Vertanen) gewähre Gnade!
Kyrie eleyson, Christe eleyson!

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Faksimile

Forschungsliteratur

  • Wilhelm Braune: Althochdeutsches Lesebuch. 17. Auflage bearbeitet durch Ernst Albrecht Ebbinghaus, Niemeyer, Tübingen 1994, ISBN 3-484-10708-1, S. 131,177. (Google-Buchsuche Abrufe nach 16. Auflage bearbeitet durch E. A. Ebbinghaus)
  • Gustav Ehrismann: Die Althochdeutsche Literatur. Unveränderter Nachdruck der 2., durchgearbeiteten Auflage 1932, München, C. H. Beck 1962, S. 203–207. (Geschichte der Deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters; Bd. 1)
  • Bruno Jahn: Petruslied. In: Wolfgang Achnitz (Hrsg.): Deutsches Literatur-Lexikon: Das Mittelalter. Band I. Das geistliche Schrifttum von den Anfängen bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts. de Gruyter, Berlin/New York 2011, ISBN 978-3-598-24991-4, Sp. 135–139.
  • Elias von Steinmeyer: Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1916, S. 103–104.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]