Pharmaunternehmen

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Als Pharmaunternehmen bezeichnet man Unternehmen, die Arzneimittel herstellen oder vermarkten. Viele Pharmaunternehmen betreiben darüber hinaus eine eigene Forschung und Entwicklung für neue Wirkstoffe, andere stellen nur Generika her.

Produkte[Bearbeiten]

Zum Produktsortiment der Pharmaunternehmen gehören verschiedenste Arzneimittel sowohl für die Human- wie auch die Tiermedizin: etwa Fertigarzneimittel, Blutzubereitungen, Sera, Impfstoffe, In-vivo-Diagnostika, Allergenzubereitungen und Arzneimittel für neuartige Therapien (beispielsweise Gentherapeutika, somatische Zelltherapeutika, biotechnologisch bearbeitete Gewebeprodukte).

Nicht zu den Arzneimitteln zählen Medizinprodukte wie z. B. Verbandmittel, Katheter, In-vitro-Diagnostika oder künstliche Gelenke, auch wenn diese teilweise von pharmazeutischen Unternehmen hergestellt werden.

Arzneimittel werden entweder selbst durch das pharmazeutische Unternehmen hergestellt, können jedoch auch durch Vertragshersteller (engl. Contract Manufacturing Organization) produziert werden.

Rechtliches[Bearbeiten]

Das deutsche Arzneimittelgesetz definiert pharmazeutischer Unternehmer als einen Unternehmer, der bei zulassungs- oder registrierungspflichtigen Arzneimitteln Inhaber der Zulassung oder Registrierung ist oder Arzneimittel unter seinem Namen in den Verkehr bringt.[1] Für die Herstellung von Arzneimitteln oder Arzneistoffen bedürfen pharmazeutische Unternehmen einer behördlichen Erlaubnis (Herstellungserlaubnis).[2]

Gemäß dem österreichischen Arzneimittelgesetz ist ein pharmazeutischer Unternehmer ein in einer Vertragspartei des EWR-Abkommens ansässiger Unternehmer, der dazu berechtigt ist, Arzneimittel unter seinem Namen in Verkehr zu bringen, herzustellen oder damit Großhandel zu treiben.[3]

Pharmazeutische Unternehmen unterliegen speziellen arzneimittelrechtlichen Verpflichtungen (Implementierung eines Pharmakovigilanzsystems, Qualitätsmanagementsystem gemäß der Good Manufacturing Practice, präklinische und klinische Prüfungen), um die Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit ihrer Produkte sicherzustellen.

Große Pharmaunternehmen[Bearbeiten]

Sortiert man die weltweit operierenden und durchweg globalisierten Pharmaunternehmen nach ihrem Umsatz im Jahr 2012 und fügt die entsprechenden Ausgaben für Forschung und Entwicklung hinzu, ergibt sich folgendes Bild:[4]

Rang Unternehmen Sitz Jahresumsatz

in Milliarden Dollar

Ausgaben für F&E

in Milliarden Dollar

1 Pfizer USA, New York 47,4 7,0
2 Novartis Schweiz, Basel 45,4 8,8
3 Merck & Co., Inc. USA, New Jersey 41,1 7,9
4 Sanofi-Aventis Frankreich, Paris 38,4 6,1
5 Hoffmann-La Roche Schweiz, Basel 37,5 8,0
6 GlaxoSmithKline Großbritannien, London 33,1 5,3
7 AstraZeneca Großbritannien, London 27,0 4,5
8 Johnson & Johnson USA, New Jersey 23,5 5,4
9 Abbott Laboratories USA, Illinois 23,1 2,9
10 Eli Lilly and Company USA, Indianapolis 18,5 5,0

Auf Rang 14 folgt das erste deutsche Pharmaunternehmen Bayer HealthCare Pharmaceuticals mit einem Jahresumsatz von 14,7 Milliarden Dollar. Boehringer Ingelheim mit einem Jahresumsatz von 13,7 Milliarden Dollar belegt Platz 15, gefolgt von Merck KGaA (Darmstadt) auf Platz 23 mit 7,7 Milliarden Dollar.

Pharmaunternehmen in Deutschland[Bearbeiten]

Die größten Pharmaunternehmen sind (nach dem Umsatz mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln auf dem deutschen Markt, absteigend sortiert): Hexal, Novartis, Sanofi-Aventis, Ratiopharm, AstraZeneca, Roche (inkl. Roche Diagnostics), GlaxoSmithKline, Pfizer, Bayer (inkl. Schering und Jenapharm), Stada (inkl. Aliud Pharma), Novo Nordisk, Wyeth, Boehringer Ingelheim, MSD, Abbott, Janssen-Cilag, Merck (inkl. Serono), Sanofi Pasteur MSD, Lilly, Essex (inkl. Organon), UCB (inkl. Schwarz Pharma), Baxter, Berlin-Chemie, Nycomed (inkl. Altana), Betapharm, Takeda, BMS, Biogen Idec, Mundipharma und Astellas.

Pharmaverbände[Bearbeiten]

International[Bearbeiten]

Der wichtigste weltweit agierende Dachverband ist die International Federation of Pharmaceutical Manufacturers & Associations (IFPMA). In ihr sind einige der weltweit größten Pharmakonzerne organisiert. In den USA ist Pharmaceutical Research and Manufacturers of America (PhRMA) der einflussreichste Verband, in dem nicht nur große Konzerne, sondern auch Biotechnologieunternehmen organisiert sind. In Europa ist die European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations (EFPIA) ein Dachverband nationaler Pharmaverbände. PhRMA und EFPIA sind auch Gründungsmitglieder der International Conference on Harmonisation of Technical Requirements for Registration of Pharmaceuticals for Human Use, in der zusammen mit den zuständigen Arzneimittelbehörden wesentliche Aspekte der Arzneimittelzulassung zwischen der Europäischen Union, den USA und Japan harmonisiert wurden. Der Europäische Parallelhandel wird spezifisch durch den EAEPC (European Association of Euro-Pharmaceutical Companies) vertreten. Ein weiterer Europäischer Dachverband für Pharmaunternehmen ist die European Confederation of Pharmaceutical Entrepreneurs (EUCOPE). Die Interessen der Hersteller von OTC-Arzneimitteln werden auf europäischer Ebene von der Association of the European Self-Medication Industry (AESGP) und auf internationaler Ebene von der World Self-Medication Industry (WSMI) vertreten.

In Deutschland[Bearbeiten]

Die Pharmaunternehmen in Deutschland sind in einer ganzen Reihe von Verbänden organisiert. Dem mitgliedstärksten Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) gehören viele mittelständische Unternehmen an. Unter dem Dach des Verbandes der Chemischen Industrie sind die Hersteller verschreibungspflichtiger Arzneimittel im Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) sowie im Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) organisiert. Der VFA vertritt auch die deutschen Unternehmen im europäischen Dachverband EFPIA. Generika-Hersteller sind im Verband Pro Generika organisiert. Verschiedene Unternehmen und Verbände sind Mitglied im Verein Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie und unterliegen dessen Verhaltenskodizes zur Kontrolle der Zusammenarbeit mit Fachkreisen und Patientenorganisationen.

In der Schweiz[Bearbeiten]

Interpharma ist die Interessenvertretung der forschenden Pharmaunternehmen der Schweiz.

Beschäftigte[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

In der pharmazeutischen Industrie sind in Deutschland ca. 117.000 Beschäftigte (Stand 2006) angestellt. Ihnen stehen 2006 125.000 Beschäftigte der Dienstleister und Zulieferer der pharmazeutischen Industrie gegenüber.

Entwicklung:

  • 1995: ca. 122.900 Beschäftigte
  • 1996: 120.776 Beschäftigte (-1,7 %)
  • 1997: 115.298 Beschäftigte (-4,5 %)
  • 1998: 113.914 Beschäftigte (-1,2 %)
  • 1999: 113.029 Beschäftigte (-0,8 %)
  • 2000: 113.950 Beschäftigte (+0,8 %)
  • 2001: 114.267 Beschäftigte (+0,3 %)
  • 2002: 114.990 Beschäftigte (+0,6 %)
  • 2003: 118.720 Beschäftigte (+3,2 %)
  • 2004: 113.989 Beschäftigte (-4,0 %)
  • 2005: 113.002 Beschäftigte (-0,9 %)

Schweiz[Bearbeiten]

Im Jahr 2006 beschäftigte die Schweizer Pharmaindustrie 34.000 Personen. Dies entspricht 0,8 % aller Beschäftigten. Die indirekt Beschäftigten (z. B. Zulieferer) werden auf 84.000 geschätzt. 1990 belief sich der Personalbestand in der Schweiz auf 20.000 Personen.[5]

Kritik[Bearbeiten]

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Der Einfluss der Pharmaunternehmen auf die Medizin, die akademische Pharmaforschung und öffentliche Meinung – und daraus folgend auch der Erwartungshaltung gegenüber einer Anwendung oder Verschreibung von Medikamenten – wird von zahlreichen Kritikern als hoch problematisch angesehen und deren Einfluss von medizinischen wie Branchen-Insidern – so beispielsweise Kriminalhauptkommissar Uwe Dolata, Peter C. Gøtzsche, Peter Sawicki oder John Virapen – nicht selten als „allumfassend“ oder „organisiert kriminell“ beschrieben.[6][7][8][9][10][11][12]

Methodik und Zielgruppen der Beeinflussung durch Pharmaunternehmen[Bearbeiten]

Die für investigativen Journalismus prämierte Frontal21DokumentationDas Pharmakartell“ von Christian Esser und Astrid Randerath (ZDF, 2008)[13] kritisiert anhand zahlreicher Interviews mit kritischen Insidern wie beispielsweise Bruno Müller-Oerlinghausen; Uwe Dolata; Peter Schönhöfer; Leonhard Hansen[14]; John Virapen und Wolf-Dieter Ludwig[15] zahlreiche kriminelle Methoden. Dazu gehört das bis zu jahrzehntelange Verschweigen schwerer und tödlicher Nebenwirkungen, das Verschwinden oder die Nichtveröffentlichung von nicht genehmen Studiendaten, oder Erpressungen von Mitwissern.

Weiterhin gebe es neben Bestechungsversuchen auch Androhungen von Gewalt gegenüber Entscheidern (etwa innerhalb der KV, wie z.B. Leonhard Hansen[16] berichtet, oder im Institut IQWiG) sowie die Korrumpierung von Politikern, Ärzten und Heilberufen und teilweise selbst Selbsthilfegruppen. Mietmäuler, so Prof. Peter Schönhöfer vom Arzneitelegramm, würden Medikamente samt Nebenwirkungen „blumenreich verkaufen“. Gekaufte medizinische Koryphäen, insbesondere Professoren, werden im Bereich des deutschen Autoritätshörigen „Eminenzbelt“ – so der „Pharmajargon“ lt. dem Autoren Gunter Frank – gezielt von der Pharmaindustrie zu o.g. Zweck eingesetzt.[17] Auch patientennahe Fachzeitungen wie z.B. die Apothekenumschau würden lt. den Recherchen der Autoren des Pharmakartell korrumpiert und würden demnach schöngefärbte Darstellungen der Medikamente nach Vorgabe der Industrie ungeprüft als „fachlichen Rat“ veröffentlichen, worin solche „Experten“ teilweise gezielt „untergebracht“ würden.

Umsatz, Gewinn und Entwicklung am Pharmamarkt[Bearbeiten]

In der Öffentlichkeit betonen Vertreter der Pharmakonzerne einerseits häufig ihre Funktion als „Forschende Arzneimittelhersteller“, woraus beispielsweise hohe Kosten resultieren würden, so auch weiterhin durch Wirkstoffe, die man einkaufen müsse. Die Realität - auf Basis selbst veröffentlichter Zahlen der Konzerne - erscheint in anderem Licht. Demnach betragen die Ausgaben für Forschung etwa 15 Prozent des Umsatzes, das Marketing dagegen 50 - 55 Prozent, d.h. „mehr als das Dreifache“, so der Medizinjournalist und Autor Hans Weiss auf Deutschlandradio Kultur. Dementsprechend würden die Preise „in keiner Relation zum Forschungsaufwand“ stehen. Beim Krebsmittel Taxol der Firma Bristol-Myers Squibb würde beispielsweise „eine Packung einer Infusion 676,70 Euro“ kosten, wobei der Anteil der Wirkstoffkosten beim externen Wirkstoffhersteller lt. seiner Recherchen „lediglich einen Euro“ betrage. Insgesamt gebe es - trotz höchster Marketing-Ausgaben - „keine Branche“, die „so hohe Gewinne macht wie die“. 20 bis 30 Prozent des Umsatzes seien „reiner Gewinn“.[18] Mit Impfstoffen wurden im Jahr 2001 weltweit 6.9 Milliarden $ umgesetzt. 2009 waren es rund 25 Milliarden $ und für 2015 wird der weltweite Umsatz in der Impfstoffherstellung auf 56–64 Milliarden $ geschätzt, womit sich der Umsatz etwa verzehnfacht hat.[19]

Obige Zahlen sind noch steigerungsfähig, so komme der Konzern Pfizer im Jahr 2014 lt. GlobalData auf eine Gewinnmarge von 43 Prozent.[20] Das bestätigen auch die Zahlen des Ärzteblatts, wobei allerdings in 2012 von einem Gewinneinbruch die Rede ist. Demnach mussten „die zehn größten Pharmaunternehmen der Welt“ im Jahr 2012 einen „Umsatzrückgang um zwei Prozent auf 359 Milliarden Euro“ hinnehmen. Der Gewinn sei „um ein Prozent auf 95 Milliarden Euro“ - dies entspricht knapp einem Drittel des Umsatzes (vgl. obige Zahlen) - ebenfalls zurückgegangen. Unter anderem sei „stagnierende Nachfrage in den angestammten Märkten“ und „die zunehmende Konkurrenz durch billige Nachahmerprodukte“ die Ursache. Gemäß Gerd Stürz, Leiter des Bereichs Lebenswissenschaften bei Ernst & Young, würde Prognosen zufolge das durchschnittliche jährliche Pharma-Marktwachstum in den entwickelten Ländern bis 2016 „lediglich zwischen ein und vier Prozent“ liegen. Die Branche müsse daher „Antworten auf die Frage finden, wo in Zukunft noch Wachstum herkommen soll“, sagte Stürz.[21] Eine solche „Antwort“ waren 2014 verstärkte Fusionen, um Synergieeffekte nutzbar zu machen und Konkurrenzdruck zu minimieren.[22]

Korrumpierung und Beeinflussung von Kontrollbehörden[Bearbeiten]

Kritiker bemängeln nicht nur o.g. Relationen, sondern angesichts solch hoher Zahlen eine - auch aus Gewinnerhaltungs- und stetigem Steigerungsbestreben - umso mehr unseriöse bis kriminelle Haltung und Praxis, auch hoch riskante Produkte auf den Markt zu drücken oder dort zu halten, woraus einerseits hohe Todesfallzahlen und Schwerstschäden sowie gleichzeitig häufige Rücknahmen nach Zulassung und Markteinführung resultieren würden. Dies sei möglich durch finanzielle Beeinflussung und Befangenheit von Entscheider-Behörden hinsichtlich der Einstufung von Infektionskrankheiten als z.B. Epidemien oder Pandemien oder andererseits Arzneimittelbehörden bei der Zulassung ihrer Präparate. So mahnt Transparency International Deutschland an, dass ebenso nationale wie internationale Kontrollbehörden für Pandemien mittlerweile unter dem Einfluss der Pharmaindustrie stehen würden.

„Mannigfaltige Verflechtungen zwischen den WHO-Pandemie-Experten und den Medikamenten- und Impfstoffherstellern“ seien die Ursache für die unerklärbare und nahezu deckungsgleiche Nachlässigkeit zahlreicher europaweiter Zulassungs- und Kontrollbehörden, die sich mit „unvollständigen Studiendaten“ seitens der Konzerne begnügt hätten. Tatsächlich sei die behauptete antivirale Wirksamkeit der an zahlreiche Regierungen verkauften Präparate „in den vollständigen Studiendaten nicht nachweisbar“. Ebenfalls seien die behaupteten Pandemien tatsächlich keine gewesen, - wie dies „von unabhängigen Wissenschaftlern“ auch vorhergesagt worden sei. Im Resultat sei - abgesehen vom Risiko durch Unerwünschte Arzneimittelwirkungen - „die Einlagerung unnötiger und nicht geeigneter antiviraler Medikamente anlässlich der Pandemiefehlalarme 2005 und 2009“ erfolgt, was Deutschland „Haushaltsmittel im dreistelligen Millionenbereich“ gekostet hätte (Pandemie-Pläne durch Bund und Bundesländer mit Oseltamivir (Tamiflu®) und Zanamivir (Relenza®), Kosten von 330 Mio. Euro). „Für den Fall eines erneuten Pandemiealarms“ fordere Transparency International daher unter anderem eine „neutrale wissenschaftliche Bewertung“.[23]

Transparency International Deutschland beruft sich dabei u.a. auf die Cochrane Collaboration und das British Medical Journal, welches dazu detaillierte Informationen liefert und seinen kompletten Schriftverkehr mit der Firma Roche im Rahmen einer „Open Data Campaign“ online stellte.[24][25][25][26] Auch die Süddeutsche Zeitung[27] und der Tages-Anzeiger hatten unter anderem ausführlich darüber berichtet. Lt. Tagesanzeiger gehe aus „detaillierten Dokumentation“ hervor, wie die „Gesundheitsbehörden rund um den Globus“ sich „mit unvollständigen Unterlagen des Pharmakonzerns begnügt“ hätten, als sie „für Milliarden Steuergelder“ Tamiflu auf Vorrat einkauften.[28](s. auch die Kritik zu Oseltamivir und die Liste von Pharmazie-Skandalen).

Befangenheit und Einflussnahme auf medizinische Forschung und Hochschulen[Bearbeiten]

Interessenskonflikte (Befangenheit) sind auch in der medizinischen Forschung keine Seltenheit und können die Integrität der Forschung in Frage stellen.[29][30] Auch deutsche Hochschulen seien von der Einflussnahme betroffen: Aus der gewerblichen Wirtschaft – mit dabei Pharmakonzerne – fließen mehr als 1,3 Milliarden Euro jedes Jahr an deutsche Hochschulen – doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Die TAZ, die Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland und die bundesweite StudierendenvertretungFreier Zusammenschluss von StudentInnenschaften“ (FZS) fordern eine Veröffentlichungspflicht aller Kooperationsverträge zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sowie regelmäßige Sponsoring-Berichte aller Hochschulen.[31][32][33][34]

Beeinflussung öffentlicher und ärztlicher Meinung und Erwartung[Bearbeiten]

Kritiker verweisen auf die Beeinflussung von Ärzten wie Laien, dies geschehe auch hinsichtlich ihrer Meinung und Erwartungshaltung bis hin zu moralischer Verachtung (angenommene Gesundheitsgefährdung von sich oder anderen) oder z.B. juristischer oder behördlicher Bedrohung wegen eines befürchteten Schadens bei Nicht-Anwendung eines Medikaments – ohne dass dessen Nutzen-Risiko-Abwägung überhaupt anhand von Studien durchgeführt und ein positiver Nutzen im Verhältnis zum Risiko entsprechend nachgewiesen wäre.[35] Ergänzend sei auch Angstmarketing (s. in der englischen Wikipedia „fear mongering“) Teil der psychologisch versierten Marketing-Strategie der Konzerne. „Fear Mongering“ beinhaltet den - als Angstwerbung verbotenen - gezielten Gebrauch von Angst, um die Meinungen und Handlungen anderer zu beeinflussen, d.h. es wird Angst erzeugt, um Personen dazu zu bringen, Entscheidungen zu treffen, die sie bei überlegter, rational basierter Handlung so nicht getroffen hätten.

Der Autor Gunter Frank erklärt dies beispielhaft an einer FSME-Impfung, von der er hinsichtlich des Nutzen-Risiko-Verhältnisses klar abrate und auch so gut wie keinen solchen Erkrankungsfall tatsächlich kenne, aber dennoch „Praxen im Frühjahr regelmäßig voll mit Menschen“ seien, die dennoch eine Impfung wollten. Das sei der Fall, „weil man ihnen vorher genügend Angst gemacht“ habe. Die „ständige Konfrontation mit den Warnungen“ wie «Zecken auf dem Vormarsch» (ZDF heute journal) oder «FSME - Eine Impfung bietet Schutz!» (FAZ) bis hin zu «Zecken-Alarm!» (BILD-Zeitung) blende die eigene Bewertung aus und vermittle das Gefühl einer „allgegenwärtigen Bedrohung“, anstatt durch „seriöse Darstellung der tatsächlichen Risikolage“ das Gegenteil zu erzeugen. Letztlich sei Selbstinfiltration[36] das Resultat, was in Kombination mit Angst eine „ziemlich erfolgreiche Strategie“ darstelle.[37][38]

Der Autor und Mitbegründer der Cochrane Collaboration, Peter C. Gøtzsche, schreibt in seinem Buch „Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität – Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert“ unter anderem, die Pharmaindustrie beschäftige „ganze Armeen von bezahlten Bloggern, die als Meinung getarnte Werbung im Internet verbreiten”, die meisten Massenmedien besäßen ebenfalls Verbindungen zur Pharmaindustrie, außerdem versuche man „Wikipedia-Artikel in ihrem Sinne zu ändern“.[39]

Weitere Kritikpunkte[Bearbeiten]

  • Eine kanadische Studie aus dem Jahr 2007 ergab, dass US-Pharmaunternehmen mehr Geld für Werbung ausgeben als für Forschung – im Jahr 2004 wurden 39,3 Mrd. € in Werbemaßnahmen, 21,5 Mrd. € in Forschung und Entwicklung investiert. Als Quellen führen sie Marktforschungsinstitute sowie die amerikanische National Science Foundation an.[40]
  • Dass Pharmakonzerne bezüglich ihres Vertriebes nicht immer sauber arbeiten, zeigen hohe Strafzahlungen, insbesondere in den USA. Nach Angaben des Handelsblattes kündigte der Pharmakonzern GlaxoSmithKline zusätzliche Belastungen von 400 Millionen US-Dollar (312 Millionen Euro) infolge von Ermittlungen wegen unerlaubter Vertriebsmethoden an. Die großen Pharmaunternehmen Pfizer und Eli Lilly hatten bereits zuvor hohe Rückstellungen angekündigt. Pfizer hat einem Vergleich zugestimmt, in dessen Rahmen eine Rekordbuße von 2,3 Mrd. $ bezahlt werden muss. Gegen Eli Lilly wurde im Januar 2009 eine Buße von 1,4 Mrd. $ verhängt.[41]
  • 2008 leitete die EU-Kommission eine Untersuchung zu den möglicherweise wettbewerbsverzerrenden Bedingungen im Arzneimittelsektor ein.[42] Ziel sollte sein, Gründe zu finden weshalb zu jener Zeit weniger neue Medikamente auf den europäischen Markt kamen (1995–1999 im Durchschnitt 40 neue molekulare Entitäten pro Jahr; 2000–2004 hingegen nur 24) und wieso sich die Einführung preiswerterer Generika in die Länge zog. Die Untersuchung wurde auf Grundlage des europäischen Wettbewerbsrechts eingeleitet. Im Abschlussbericht 2009 kam man unter anderem zu dem Schluss, dass Unternehmen, die die Patentrechte innehaben, verschiedenste Strategien und Maßnahmen einsetzen um Einzahlungsströme durch den Arzneimittelhandel beizubehalten. Diese Praktiken können dazu führen die Einführung von Generika zu verzögern, wodurch Konsumenten mehr bezahlen müssen. Die Instrumente umfassten: Strategisches Patentieren, Anklagen auf Patentsverletzungen gegenüber Generika Produzenten, aber auch Abmachungen mit Generikaproduzenten, sowie Manipulation nationaler Behörden und langfristige Planung zur Marktherrschaft durch Einführung von Nachfolgermedikamenten.[43] Diese Vorgehensweise hat den Krankenkassen in den Jahren 2000 bis 2007 allein in der untersuchten Stichprobe rund 3 Milliarden Euro gekostet.[44] Es läuft ein Monitoringprogramm bezüglich Abmachungen bei Patentstreitigkeiten.[45]

Siehe auch: Liste von Pharmazie-Skandalen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dagmar Fischer, Jörg Breitenbach: Die Pharmaindustrie: Einblick – Durchblick – Perspektiven. 4. Auflage. Springer Spectrum, Berlin/ Heidelberg 2013, ISBN 978-3-8274-2923-0.
  • Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Christoph Friedrich: Geschichte der Arzneimitteltherapie. Stuttgart 1996

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Pharmaunternehmen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gesetz über den Verkehr mit Arzneimitteln, § 4, (18)
  2. Gesetz über den Verkehr mit Arzneimitteln, § 13
  3. Bundesgesetz über die Herstellung und das Inverkehrbringen von Arzneimitteln (Arzneimittelgesetz), § 2 (13a)
  4. PharmExec-pharma50, PharmExec, 1. Mai 2013
  5. Gerhard Kocher In: Gesundheitswesen Schweiz 2010–2012. Verlag Hans Huber, 2010, ISBN 978-3-456-84803-7; Plaut Economics, Basel.
  6. Gunter Frank: Schlechte Medizin. Ein Wutbuch. 3. Auflage. Knaus-Verlag, 2012, ISBN 978-3-8135-0473-6, S. 70–79 sowie insgesamt.
  7. Klaus Hartmann: Impfen bis der Arzt kommt. Wenn Pharmakonzernen Profit über Gesundheit geht. 1. Auflage. Herbig, 2012, ISBN 978-3-7766-2694-0.
  8. Hans Weiss: Korrupte Medizin. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008.
  9. Sawicki kritisiert Pharmalobby. In: Deutsches Ärzteblatt. 26. Januar 2010, ärzteblatt.de über den ehemaligen Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Peter Sawicki
  10. Peter C. Gøtzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert. Riva, München 2014, ISBN 978-3-86883-438-3.
  11.  G. A. Jelinek, S. L. Neate: The influence of the pharmaceutical industry in medicine. In: Journal of Law and Medicine. 17, Nr. 2, Oktober 2009, S. 216–23, PMID 19998591.
  12. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatThe influence of the pharmaceutical industry. House of Commons Health Committee, Fourth Report of Session 2004–2005, Volume I, 22. März 2005, abgerufen am 20. März 2010.
  13. ZDF.de: Das Pharmakartell – ZDF Frontal21 Teil 1 – youtube.com
  14. Leonhard Hansen auf Arztwiki.de
  15. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft – Wissenschaftlicher Fachausschuss der Bundesärztekammer, Kurzbiografie: Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig, abgerufen am 17. Februar 2015
  16. Leonhard Hansen auf Arztwiki.de
  17. Dr. med. Gunter Frank: Schlechte Medizin – Ein Wutbuch, Knaus, 3. Aufl., 2012
  18. „Es gibt keine Branche, die so hohe Gewinne macht - Medizinjournalist Weiss über die Pharmaindustrie und die Medikamentenpreise“. Hans Weiss im Gespräch mit Joachim Scholl, 12. März 2010, Deutschlandradio Kultur, abgerufen am 27. Februar 2015.
  19. Research and Markets: The Future of Global Vaccines - Market Forecasts to 2016, Stockpile Analysis, Competitive Benchmarking and Pipeline Analysis. Auf: www.businesswire.com Business Wire, 15. Januar 2010, abgerufen am 5. Oktober 2013.
  20. Satte Gewinne: Pharmakonzerne geben mehr für Werbung aus als für Forschung, Focus online, 13. Februar 2015, abgerufen am 27. Februar 2015
  21. Pharmaunternehmen verzeichnen Umsatz- und Gewinnrückgänge, Ärzteblatt.de, 13. März 2013, abgerufen am 27. Februar 2015.
  22. Fusionswelle schüttelt Pharmabranche durch, Welt.de, 22. Mai 2014, abgerufen am 27. Februar 2015
  23. Die Einlagerung unnötiger und nicht geeigneter antiviraler Medikamente anlässlich der Pandemiefehlalarme 2005 und 2009 kostete Deutschland Haushaltsmittel im dreistelligen Millionenbereich, Pressemitteilung vom 13. Februar 2015, abgerufen am 17. Februar 2015
  24. Tamiflu: the battle for secret drug data In: British Medical Journal. 2012, Bd. 345, e7303, doi:10.1136/bmj.e7303.
  25. a b F. Godlee, M. Clarke: Why don't we have all the evidence on oseltamivir?. In: BMJ. Bd. 339, 2009, S. b5351–b5351, doi:10.1136/bmj.b5351.
  26. Tamiflu correspondence with Roche
    Tamiflu correspondence with the World Health Organization
    Tamiflu correspondence with the Centers for Disease Control and Prevention
    Correspondence with the European Medicines Agency
  27. Der Tamiflu-Skandal – Blindes Vertrauen in der zweifelhaftes Grippemittel, Überseite zum Thema auf Süddeutsche.de, abgerufen am 17. Februar 2015
  28. Zweifel an Tamiflu – Der Druck auf Roche nimmt zu. In: Tages-Anzeiger, 26. Januar 2013 (Online gesichtet am 28. Januar 2013).
  29.  Bernard Lo: Serving two masters – conflicts of interest in academic medicine. In: New England Journal of Medicine. 362, Nr. 8, Februar 2010, S. 669–71, doi:10.1056/NEJMp1000213, PMID 20181969.
  30.  S. N. Young: Bias in the research literature and conflict of interest: an issue for publishers, editors, reviewers and authors, and it is not just about the money. In: J Psychiatry Neurosci. 34, Nr. 6, November 2009, S. 412–7, PMID 19949717, PMC 2783432 (freier Volltext).
  31. „PRESSEMITTEILUNG: Hochschulen erhalten immer mehr Drittmittel aus der Wirtschaft – Das Internetportal Hochschulwatch.de zieht Bilanz“, Transparency International Deutschland e.V., 17. Februar 2015, abgerufen am 17. Februar 2015
  32. Hochschulwatch – Macht, Wirtschaft, Uni, hochschulwatch.de, eine Initiative von Transparency International Deutschland; Freier Zusammenschluss von StudentInnenschaften (FZS) und „die Tageszeitung“ (TAZ), abgerufen am 17. Februar 2015
  33. Neues Internetportal hochschulwatch.de sammelt Beispiele fragwürdiger Verbindungen von Wirtschaft und Wissenschaft. 24. Januar 2013: die tageszeitung, die Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland e.V. und der fzs (freier zusammenschluss von studentInnenschaften) haben heute das Projekt „Hochschulwatch. MachtWirtschaftUni“ gestartet., fzs.de, abgerufen am 17. Februar 2015
  34. Aktuell: Hochschulwatch Relaunch – Macht, Wirtschaft, Uni, fzs.de, abgerufen am 17. Februar 2015
  35. Dr. med. Gunter Frank: „Gebrauchsanweisung für ihren Arzt“, Knaus, 1. Aufl. 2014, S. 25 ff. und insgesamt
  36. Selbstinfiltration, Dorsch - Lexikon der Psychologie, abgerufen am 27. Februar 2015
  37. Dr. med. Gunter Frank: Gebrauchsanweisung für ihren Arzt, Knaus, 1. Aufl. 2014, S. 86+97 ff.
  38. Dr. med. Gunter Frank: Schlechte Medizin – Ein Wutbuch, Knaus, 3. Auflage, 2012
  39. Peter C. Gøtzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert. Riva, München 2014, ISBN 978-3-86883-438-3., S. 158
  40. Spiegel Online: Mehr Geld für Werbung als für Forschung, 3. Januar 2008.
  41. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatRekordbusse für den Pharmakonzern Pfizer. In: Neue Zürcher Zeitung. 3. September 2009, abgerufen am 20. März 2010.
  42. Offizielle Website der EU: FAQ zu der vorläufigen Untersuchung zu den möglicherweise wettbewerbsverzerrenden Bedingungen im Arzneimittelsektor vom 28. November 2008.
  43. Offizielle Website der EU: FAQ zu der vorläufigen Untersuchung zu den möglicherweise wettbewerbsverzerrenden Bedingungen im Arzneimittelsektor vom 16. Januar 2008.
  44. Offizielle Website der EU: Fact Sheet zum vorläufigen Bericht zu den möglicherweise wettbewerbsverzerrenden Bedingungen im Arzneimittelsektor (PDF; 29 kB)
  45. Offizielle Website der EU: Übersichtsinternetseite zur Untersuchung zu den möglicherweise wettbewerbsverzerrenden Bedingungen im Arzneimittelsektor